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Vom Machtraum zum Wahrheitsraum - die Mitschuld der Wissenschaft an der Bologna-Universität

Von Peter Finke

Die Reformen, die seit zehn Jahren die Hochschulen unter dem Namen "Bologna" in Atem halten, werden von Wissenschaftlern meist unter der Perspektive der Hochschulpolitik oder der der persönlichen Betroffenheit kritisiert. Liegt aber die Ursache für die missratene Reform vielleicht tiefer? Welche Bedeutung hat das auch in der Politik verbreitete Wissenschaftsverständnis für die Reform? Ein Vorschlag, noch einmal neu nachzudenken.

Vom Machtraum zum Wahrheitsraum - die Mitschuld der Wissenschaft an der Bologna-Universität© pip - Photocase.deWer reformiert die Reform?

Bologna war zunächst ein politischer Fehler

Es war nicht die Idee der Wissenschaftler, dass die Länder Europas ihre Universitätssysteme vollständig umkrempeln und stattdessen einheitlich das angelsächsische Bachelor- und Master- System einführen sollten. Der "Bologna- Prozess", wie diese Umgestaltung genannt wurde, war politisch gewollt und deshalb muss jetzt auch sein Scheitern in erster Linie politisch verantwortet werden. Aber viel zu wenige Wissenschaftler nehmen wahr, dass auch die Wissenschaft eine sehr erhebliche Mitschuld an der Misere trägt, die sie schließlich auch selbst beschädigt.

Die Fehler der Politik verdecken die der Wissenschaft

Entgegen ihrem traditionellen Selbstverständnis lassen es auch Wissenschaftler gern an der Analysetiefe mangeln, wenn sie für ein Dilemma, in dem sie selbst eine Rolle spielen, einen Dritten als Bösewicht ausmachen. Hier ist dies so. Die tatsächliche Schuld der Politik scheint die Wissenschaftler zu entlasten. Wenn die Politik sie nun anklagt, sie hätten ihre Vorgaben schlampig umgesetzt, ist der richtige Gegenhinweis auf eine seit langem schlampig behandelte Bildungspolitik der permanenten Mittelkürzungen zwar naheliegend und notwendig, enthebt aber die Wissenschaft nicht der Pflicht, eigene Versäumnisse anzuerkennen, die nicht in den Folgen der Bologna-Reform liegen, sondern zu deren Ursachen gehören. Auch hierbei ist es nur eine oberflächliche Selbst-Ruhigstellung, wenn man zerknirscht einräumt, die alte Universität zu lange trotz massiv sich ändernder Rahmenbedingungen gleichsam halbblind weiterbetrieben zu haben, als sei am Status quo nichts Wesentliches zu ändern. Was diese Oberflächlichkeit so bequem macht, das ist die Begrenzung der Selbstkritik auf die Institution Hochschule und deren beizeiten versäumte Anpassung an die neuen Verhältnisse des Massenstudiums und der Explosion der Wissenschaften in Quantität und Bedeutung für die heutige und zukünftige Welt. Indem nämlich nur die fremden und eigenen Fehler der zu rechten Zeit versäumten gründlichen Hochschul- und Studienreformen anerkannt werden, wird eine der wichtigsten Quellen der von der Wissenschaft hausgemachten Ursachen der heutigen Misere zur Gänze übersehen und vermeintlich geschont: die Wissenschaft selbst. Vor jeder Hochschulreform und damit vor jeder Studienreform liegt ein reformbedürftiges wissenschaftliches Selbstverständnis, das den Keim zu den Fehlern bereits enthielt und enthält, welche die heutigen Studierenden und der heutige akademische Nachwuchs ausbaden müssen. Und über sie letztlich die gesamte Gesellschaft, wir alle.

Es ist mir bewusst, dass dies eine starke Behauptung ist: die Institution Wissenschaft selbst, nicht nur ihre Organisation in Forschung und vor allem Lehre an einer Institution wie der Universität, habe Fehler gemacht, die maßgeblich zu der Bildungsmisere beigetragen haben, welche jetzt in den Protesten gegen Bologna ihren Ausdruck finden. Wenn wir aber bei der Ursachenanalyse keine Tabus zulassen wollen, können wir dieser Erkenntnis nicht ausweichen. Wir haben es uns mit einem Wissenschaftsverständnis bequem gemacht, das letztlich unsere von Volkes Stimme abhängigen Politiker fast zwangsläufig auf den Irrweg führen musste, den sie beschritten haben.


Die tiefer liegende Ursache: Das Denken in Paradigmen

Welches ist dieses Verständnis ihrer Zunft, mit dem viele Wissenschaftler nun schon seit langem in scheinbarer Harmonie so gut leben, dass sie an ihm keinen Fehl und Tadel entdecken und insofern letztlich auch keine Mitschuld am Dilemma der aktuellen Bildungspolitik? Es ist ein Verständnis, das auf einem fragwürdigen wissenschaftstheoretischen Konzept fußt, mit dem sich die meisten seit Jahrzehnten häuslich eingerichtet haben: dem Konzept eines Paradigmas. Damit wird meine Argumentation, die bislang die populäre Politikerschelte vertieft und die weniger populäre Wissenschaftlerschelte anscheinend nur sekundär hinzugefügt hat, vorübergehend fachlich, nämlich wissenschaftstheoretisch. Der Paradigmabegriff ist, in dieser Bedeutung, vor einem halben Jahrhundert durch den amerikanischen Physikhistoriker Thomas S. Kuhn in seinem epochemachenden Buch "Die Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen" eingeführt worden und hat schnell eine - für einen wissenschaftstheoretischen Begriff - geradezu atemberaubende Popularität gewonnen. Wissenschaftler, so sagt Kuhn (und ich vereinfache hier), folgen Musterbeispielen aus ihrer Disziplin, die ihnen einleuchten. Wenn ein bestimmter Fachbeitrag, eine Forschungsleistung, so überzeugend ist, dass er die wesentlichen Probleme gelöst zu haben scheint, verstummen die Vertreter anderer Ansätze weitgehend für oft lange Zeit und die betreffende scientific community folgt dem, was sie fortan für richtig hält. Wenn später dann doch irgendwann Zweifel aufkommen, werden diese zunächst durch irgendwelche Erklärungen abgebügelt. Sollte dies freilich vornehmlich den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht überzeugen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein unabhängig gebliebener Kopf eine neue Idee hervorbringt, die als Konkurrentin der bisherigen Erklärung auftritt. Und dann kann es passieren, dass sie alsbald die nachgewachsenen Wissenschaftler mehr überzeugt als die alte Idee; es tritt ein Paradigmawechsel ein, ab sofort herrscht ein neues Musterbeispiel. Der Ablauf dieses Schemas beginnt von vorn.

Ich denke, dass Kuhn die Faktenlage beim Großteil der normalen Wissenschaft sehr zutreffend beschrieben hat. Insbesondere bei weitreichenden, sehr grundsätzlichen Theorien kann nicht jeder Wissenschaftler alle Konsequenzen selbst überprüfen. Sie müssen vieles schlicht glauben, wenn sie keine ernsthafte Alternative sehen. Und so kommt es, dass Paradigmen "befolgt werden", dass sie "herrschen", nämlich zeitweise das Denken und Handeln in ganzen Disziplinen beherrschen. Der im jetzigen Kontext wesentliche Punkt ist der, dass es kein Zufall ist, wenn die Gültigkeit eines Paradigmas nicht mit Vokabeln der Wahrheit, sondern nur mit solchen des Glaubens, der Herrschaft und Macht zu beschreiben ist. Wenn Carl- Friedrich von Weizsäcker unsere heutige Wissenschaft als "machtförmig" bezeichnet hat, dann meinte er ebendies.

Machtförmigkeit gegen Wahrheitssuche

Wissenssoziologische Untersuchungen zeigen, dass sehr viele, vielleicht die meisten Wissenschaftler der Überzeugung sind, dass Wissenschaft nur so funktionieren kann: als Glaubensgemeinschaft auf Zeit. Zwar haben sie alle einmal gelernt, dass es die Wahrheit ist, die es zu suchen gilt, aber im Laufe ihrer Sozialisation als Forscher und Lehrer lernen sie schnell, dass der richtige Weg für diese Suche vermeintlich nur das stop-and-go-Verfahren des Suchens nach einem Paradigma, des zeitweiligen Glaubens an dieses und - wenn es denn sein muss - des Abfalls von diesem Glauben und der Hinwendung zu einem neuen ist; der letztgenannte Schritt ist dann oft nur der nachfolgenden Generation möglich. Die stets ungewisse Wahrheit wird faktisch durch periodische Paradigmaherrschaft ersetzt; man nimmt sie als Indiz für jene und verdrängt die Tatsache, dass sie eigentlich so nicht interpretiert werden darf. Die Tatsache, dass eine beständige Suche nach der Wahrheit zwar anstrengend, aber durchaus möglich und jener Glaube nur ein Glaube an Hypothesenzusammenhänge ist und keineswegs ein hinreichendes Wahrheitsindiz, wird durch die beruhigende Geborgenheit in der Gemeinde, die Überzeugung, wahrscheinlich der richtigen Glaubensgemeinschaft anzugehören und deren Schüler fördern zu dürfen, ersetzt, übertönt, fast unmerklich relativiert.


Glaubensgemeinschaften - und es ist nebensächlich, ob auf Zeit oder auf Dauer - sind immer Machtkartelle. Den meisten Wissenschaftlern ist dies durchaus bewusst. Was sie aber verdrängen, ist die hierdurch besorgte Beschädigung ihrer Wahrheitsverpflichtung. Zwar glauben sie an die vermutete Wahrheit ihrer Überzeugungen, aber de facto exekutieren sie die Süße der Bedeutung, welche mit einflussreichen Lehrstühlen, hohen Mitarbeiterzahlen, der Institutsdirektion, einem häufigen Zitiertwerden und anderen Insignien der paradigmatischen Macht verbunden sind. Studierende und Nachwuchskräfte, die durch die Knappheit von Mitteln und Zeit, durch überbordende Reglementierungen und die Versagung hinreichender geistiger Freiräume für eigenes kritisches Nachdenken kurz gehalten werden, sind dann nur die Kehrseite dieses Systems. All dies hat mit der eigentlichen Idee von Wissenschaft nichts zu tun. Es ist aber Ausdruck ihrer heutigen Organisationsform.

In Paradigmen zu denken und zu handeln ist keineswegs zwangsläufig oder notwendig. Es ist aber bequem und verhängnisvoll, weil es so gut zu den ökonomischen und bürokratischen Wertvorstellungen passt, die unser modernes Leben zunehmend global durchdringen. Es ist auf diese Weise auch das prägende Charakteristikum des bisher herrschenden Wissenschaftsverständnisses geworden, das weithin auch die Organisation der Institutionen der Wissenschaft beeinflusst hat und weiter bestimmt. Es passt aber genau zu den freiheitsbeschneidenden und zeitmangelgesteuerten Universitäten des Bologna-Typs, die Wirtschafts- und Arbeitsmarktnähe suchen müssen und Absolventen ohne Überblick abliefern, deren natürliche Kreativität nicht gefördert wurde, weil dies angeblich für die vorgesehenen drei Studienjahre nicht notwendig ist. Aber all dies war leider auch bereits ein Kennzeichen der alten Universität, und diese war auch deshalb tatsächlich ablösungsreif. Allerdings stellt sie ihre Ablösung durch die Bologna- Universität vom Regen in die Traufe.

Die Bedeutung des Wissens von Zusammenhängen

Die Verteidiger der Bologna-Universität sehen sie in erster Linie als eine Ausbildungsinstitution im Zeitalter der Massenuniversität. Sie beklagen die massiven Lehr- und Ausbildungsmängel des alten Systems und behaupten, es gebe gar keine echte Alternative zur Bologna- Reform. Sie übersehen die gesamte Dimension der Bildung, die in unserer komplexen Zeit und Gesellschaft kein Privileg weniger, vom Schicksal begünstigter Personen sein darf, sondern ein Anspruch, den alle, die hierzu fähig sind oder Lust haben, stellen dürfen. Günstigenfalls gehen Bildung und Ausbildung zusammen. Die Bologna-Reform aber ist bildungsfeindlich, ja ich behaupte: Sie soll es sein.

Vermittelt das Bachelor-Studium Fähigkeiten zum Erwerb von Zusammenhangswissen? Es vermittelt das genaue Gegenteil: die Kenntnis von Ausschnitten, Lehrbuch- und Halbwissen. Zusammenhangswissen ist oft gefährlich, denn es erzeugt die Wissbegier nach dem Blick hinter die Kulissen. Ökonomisch gesehen ist es ineffizient, jedenfalls als Bildungsangebot für viele. Mit Wissenschaft hat eine solche Ausbildung dann nicht mehr viel zu tun, denn es fehlen die Merkmale der offenen Wahrheitssuche, der Allgegenwart von rationaler Kritik und der Entwicklung der kreativen Kräfte einer Persönlichkeit. Eine als Lehr-Lern-System konzipierte Hochschule schiebt bezeichnenderweise die Forschung, zumindest anspruchsvolle Forschung, ab in spezifische elitäre Universitäten und spezielle Institute, in denen zeitweise die Paradigmen auch infrage gestellt werden dürfen. Für die breite Studentenmasse bleiben die Lehrbücher, das Pauken und das Lernziel, es so zu machen wie das Musterbeispiel es vorgibt und nicht etwa anders.


Wissenschaftsreform notwendig

Natürlich sind die Universitäts- und die Studienreform wichtig, sie dulden angesichts der nachdrängenden Studierenden keinen Aufschub. Aber es ist bedrückend, das tief unten bei den Ursachen für die Fehler, die hier zu beklagen sind, auch ein fragwürdiges Wissenschaftsverständnis zu finden ist. Wie geht man mit einer solchen Situation um, die alles ja nur noch schwieriger macht? Aus der hier beschriebenen Perspektive erscheinen die meisten Diskussionen, die heute zu den Problemen geführt werden, als in unterschiedlichem Grade oberflächlich. Die oberflächlichsten von ihnen führen - wie könnte es anders sein - die Politiker, die zugleich die konservativsten, armseligsten Lösungsstrategien anbieten: etwas Geld, ein bisschen mehr zugestandene Freiheit, besonders wenig Reue. Auch in den Äußerungen der mit der Politik unheilvoll verbandelten Wirtschaft sind kaum tiefergehende Analysen zu erkennen - kein Wunder, denn ihr Ruf nach kreativen Köpfen betrifft nur wenige Spitzenpositionen, während die meisten Absolventen als leicht kündbare Arbeitskräfte gebraucht werden. Wissenschaftstheoretische Argumente wirken in beiden Fällen eher esoterisch. Wirklich beklagenswert aber ist, dass auch viele Wissenschaftler für sie nicht aufgeschlossen sind. Sie sind Gefangene des fast ubiquitär gewordenen Denkens in Paradigmen und genießen die Vorteile, die es für das Handeln derer bieten kann, denen die erreichte Wahrheitshaltestelle gefällt. Dennoch muss die Wissenschaft versuchen, diese Form von Normalität und mit ihr die Kategorien der Macht hinter sich zu lassen. Jeder einzelne Wissenschaftler kann statt der diskontinuierlichen die kontinuierliche, ständige Suche nach der Wahrheit und ein bleibendes Bewusstsein der Hypothesenabhängigkeit seiner Überzeugungen in seinem Handeln praktizieren, auch wenn dies mühsam sein kann und gegebenenfalls Mut verlangt: leider eine wissenschaftstheoretische Kategorie, deren Besitz nicht verbreitet ist. Letztlich aber erreicht mutiges Handeln immer auch die Studierenden.

Wissenschaftler, die sich deren Protest jetzt anschließen, werden glaubwürdiger darin, wenn sie auch vor der eigenen Türe zu kehren bereit sind. Das Wissenschaftsproblem vertieft und erschwert eine gute Lösung des Studienproblems, aber es macht sie nicht unmöglich. Im Gegenteil: Wenn wir uns der Tatsache bewusst werden, dass es zuvörderst gilt, unser verkorkstes Wissenschaftsverständnis wieder aus dem Machtraum in den Wahrheitsraum zu stellen, alles daran zu setzen, die Wissenschaft wieder aus der "Machenschaft" (Hans-Peter Dürr) herauszupräparieren, die wir aus ihr gemacht haben, dann bereiten wir eine tragfähigere Basis für die darauf fußende Bildung und Ausbildung vor.


Über den Autor
Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Finke (geb. 1942) lehrte seit 1982 Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld und war 1996/97 Gregory-Bateson-Professor für Kulturökologie an der Privatuniversität Witten-Herdecke. Er ist 2006 aus Protest gegen die unzumutbaren Folgen der Bologna-Reform freiwillig vor der Pensionsgrenze aus dem regulären Dienst ausgeschieden.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2010

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