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Vom Molekularbiologen zum Unternehmensgründer

VON ILKA KREUTZTRÄGER

Andreas Schmidt wurde vom Molekularbiologen zum Mitbegründer des Biotech-Unternehmens Ayoxxa in Singapur. Er weiß, warum es deutschen Wissenschaftlern so schwer fällt, ihre Ideen zu kommerzialisieren und hat eine Idee, wie man das ändern kann.

Vom Molekularbiologen zum Unternehmensgründer© Andreas SchmidtAndreas Schmidt über seine Erfahrungen vom Molekularbiologen zum Unternehmensgründer
academics: Herr Schmidt, wenn Sie ein branchenfremder Freund beim gemeinsamen Abendessen fragt was sie beruflich tun, was sagen Sie ihm?

Andreas Schmidt: Als Biomarker-Mess-Unternehmen messen wir viele Proteine gleichzeitig in einem winzigen Blutstropfen, das ist wichtig für alles von Krebsdiagnostik bis Infektionskrankheiten. Wir stellen Chips her, in denen Vertiefungen sind, in die etwa drei Mikroliter Flüssigkeit hineinpassen und wenn man ganz nahe heranzoomt, sieht man, dass da 30.000 kleine Beads drauf sind. Das sieht aus wie Murmeln auf einem Brettspiel.

academics: Was ist neu daran?

Schmidt: In den vergangenen zehn Jahren sind ein paar Biotech-Unternehmen damit erfolgreich geworden, aus einem Tropfen biologischer Flüssigkeit tausende, teilweise zehntausende DNA-Sequenzen genau bestimmen zu können. Eines der Beispiele, die mich in meiner Zeit in den USA nicht losgelassen haben, ist Illumina aus Boston - die haben 2012 ein Kauf-Angebot von Roche bekommen - für immerhin 6.8 Milliarden USD. Wir gehen in eine ähnliche Richtung - nur mit Proteinen.

academics: Wieso Proteine?

Schmidt: Proteine sind noch einen Tick schwieriger, weil die Biologie dahinter noch ein bisschen komplizierter ist. Aber die Aussagen aus den Protein-Daten über Krankheiten sind für Forscher noch relevanter. Wir sind im Moment aber noch in der Evaluierungs- und Produktentwicklungsphase.

academics: Wie sind Sie vom Molekularbiologen zum Unternehmensgründer geworden?

Schmidt: Ich habe schon zu Studienzeiten in Köln bei einem Biotech-Unternehmen gearbeitet. Und seitdem hat mich das Gründen aus der Wissenschaft heraus fasziniert, auch wenn ich noch nicht so genau wusste, wie es denn in diese Richtung gehen könnte. Dann habe ich in Berkeley promoviert - mit dem Silicon Valley direkt vor der Haustür.

academics: Und da wird man dann quasi automatisch zum Gründer?

Schmidt: Ich habe einfach wahnsinnig viele Leute und Unternehmen kennengelernt, die erfolgreich in der IT- oder Biotech-Sparte unterwegs waren. Nach der Doktorarbeit hatte ich aber nichts Konkretes in der Hand, um eine Firma zu gründen. Aber ich dachte, vielleicht macht es Spaß, in einer frühen Phase bei einem Startup dabei zu sein und kam bald mit Dieter Trau ins Gespräch...

academics: ...mit dem Sie dann 2010 Ayoxxa gegründet haben.

Schmidt: Genau, er kommt wie ich aus Köln, war lange in Asien und suchte einen Wissenschaftler für ein zu gründendes Startup. Am Anfang haben wir noch über DNA-Chips gesprochen, doch schon bald war mir klar, es muss ich Richtung Protein-Chips gehen. Und es war auch relativ schnell klar, dass ich nicht der Wissenschaftler werde, sondern der Mitgründer.

academics: Wieso war das so schnell klar?

Schmidt: Ich hatte ein ganz gutes Gespür dafür, in welche Richtung sich diese Idee entwickeln muss, damit sie auch kommerziell erfolgreich wird. Und während meiner Zeit im Silicon Valley habe ich gelernt, dass die Business-Welt eine Menge Know-how erfordert. Dieses Aha-Erlebnis fehlt vielen deutschen Wissenschaftlern. Ich erlebe wirklich viele Postdocs, die sagen, ach das ist doch alles bloß Kommerzialisierung und keine echte Wissenschaft, das mache ich nicht mit.

academics: Das klingt ja fast, als sei es für deutsche Wissenschaftler fast schon unanständig, in die kommerzielle Richtung zu denken?

Schmidt: So wird das von vielen Wissenschaftlern gerade in Deutschland empfunden. Und das ist so ein Thema, das ich oft auf der Gain-Tagung angehe.

academics: Also auf der Tagung vom German Academic International Network?

Schmidt: Genau, Gain ist vor etwa 13 Jahren aus der Braindrain-Debatte entstanden, aus dem Abwandern von gut ausgebildeten jungen Leuten ins Ausland. Und bei meinem Engagement für Gain ist mit aufgefallen, dass gerade für die deutschen Studenten, auch die an den tollen Unis wie Harvard, Stanford und Co, nur eine Karriere als Professur infrage kommt. Aber natürlich wird nur eine richtig kleine Prozentzahl wirklich Professor oder bleibt in der Grundlagenforschung. Ich will auf diesen Netzwerk-Treffen vermitteln, dass die Wirtschaft auch eine spannende Alternative sein kann.

academics: Wie lange hat es denn bei Ihnen von der Idee bis zur Firmengründung 2010 gedauert?

Schmidt: Bevor ich je von diesem Projekt gehört habe, gab es schon eine erste Patentanmeldung und ein paar Ideen dazu. Im August 2009 war es für mich dann soweit, die Koffer zu packen, um von San Francisco nach Singapur umzuziehen. Da musste ich natürlich auch meine Frau überzeugen, denn sie hatte einen gut bezahlten Job.

academics: Wie haben Sie es ihr schmackhaft gemacht?

Schmidt: Meine Frau kommt ursprünglich aus Taiwan, auch wenn ihre gesamte Ausbildung, sie ist Psychologin, in den USA stattfand. Darum war es für sie schon auch spannend, eine Weile in Asien zu leben. Wir haben uns ein paar Monate Zeit gegeben, um zu schauen, ob es gehen kann oder nicht - und dann wären wir wieder in die USA gegangen.

academics: Das heißt, so richtig sicher waren Sie nicht, dass es auch klappt?

Schmidt: Mir war mir schon sehr bewusst, wie hoch das Risiko ist. Aber irgendwann muss man sich entscheiden.

academics: Muss man?

Schmidt: Ich glaube, es wäre schlimmer gewesen, ich hätte mich nicht entschieden und dann später das Gefühl gehabt, etwas verpasst zu haben. Und da ich eine ganze Weile in Kalifornien verbracht habe, war das letztlich doch eine einfache Entscheidung. In Deutschland ist es schwierig zu vermitteln, dass es auch schief gehen könnte, dass eine andere Firma ein besseres Produkt auf den Markt bringt oder einem das Geld ausgeht. In den USA gehen mehr Leute ein Risiko ein und wissen, dass es kein Weltuntergang ist, wenn etwas nicht funktioniert, man noch mal umziehen und sich einen neuen Job suchen muss.

academics: Wie wichtig ist es, mit einem oder mehreren Partnern gemeinsam zu gründen?

Schmidt: Anders geht es nicht, denn es müssen sehr viele unterschiedliche Fähigkeiten und Menschentypen in einem Team vereint sein. Es gibt aber oft den Reflex, Leute einzustellen, die so sind wie man selbst. Dann ist es zwar einfach, zusammen zu arbeiten, aber auf der anderen Seite sitzen dann fünf Mal die gleichen Kompetenzen um einen Tisch herum - und das hilft überhaupt nichts. Wissenschaft ist aber bei einem Startup nur eine Komponente. Man braucht ein Team, das auch über Marketing reden kann, über Sales und Produkte - Themen also, die einen Wissenschaftler erst mal gar nichts angehen.

academics: Was waren denn bei Ihrer Gründung die größten Stolpersteine?

Schmidt: Oh, es gab Phasen, in denen wir dachten, es geht überhaupt nicht weiter. Jedes Mal, wenn es um die nächste Finanzierung ging, haben mein Partner und ich die Gehälter unserer Angestellten selbst bezahlt. Und das kostet ganz schön Nerven und dazu kam noch, in einem anderen Land zu sein, in dem es keine soziale Absicherung wie in Deutschland gibt.

academics: Trotz sozialer Absicherung werden in Deutschland immer noch recht wenig Biotechnologie-Unternehmen gegründet. Warum ist das so?

Schmidt: Es gibt in Deutschland gute Ideen für Startups. Aber es fehlt an faszinierenden Gründer-Beispielen aus dem Labor nebenan. Dazu kommt, dass der Venture-Capital-Markt in Deutschland nahezu vollständig eingebrochen ist. Es gibt kaum ein Land, in dem es schwieriger ist, für wissenschaftliche Startups Geld aufzutreiben.

academics: Woran liegt das?

Schmidt: Es gibt hier zwar eine ganze Menge Wohlstand, aber eben nicht die Kultur, das Geld in junge Unternehmen zu stecken. Lange Zeit wurde das Venture-Capital mit Private Equity in Verbindung gebracht - was Blödsinn ist. Und haben noch ein paar politische Entscheidungen in Folge der Heuschrecken-Debatte auch Forschungs- und Unternehmensförderung betroffen.

academics: Das hört sich an, als hätten Sie nicht gegründet, wenn Sie in Deutschland geblieben wären.

Schmidt: Wenn ich einen klassischen akademischen Weg hier in Deutschland eingeschlagen hätte, wahrscheinlich nicht, das stimmt.

academics: Werden Sie reich mit Ihrer Idee?

Schmidt: Wenn so eine Idee klappt und das Gründer-Team nicht reich wird, ist irgendwas falsch gelaufen. Aber wenn es mir darum ginge, reich zu werden, hätte ich Investmentbanker werden können.

academics :: Mai 2013

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