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Vom Passiv zum Aktiv? Ich-Tabu oder Selbstdarstellung in wissenschaftlichen Texten

VON GÜNTER KRAMPEN

Ob in wissenschaftlichen Texten und Präsentationen eher passive oder aktive Formulierungen verwendet werden, kann ein Indikator für ein verändertes Wissenschaftler-Selbstverständnis sein und auch auf ein gewandeltes Verständnis von Wissenschaft hinweisen. Über die Bedeutung einer linguistischen Verschiebung.

Vom Passiv zum Aktiv?© suze - photocase.deIn den Wissenschaften dominiert die Darstellungsfunktion der Sprache
Einige Zeit kontrovers diskutiert, für die Natur- und Sozialwissenschaften nicht nur in den deutschsprachigen Ländern inzwischen recht konsensuell zugunsten des Anglo-Amerikanischen entschieden ist der "Sprachenstreit". Im Trend deutet sich dies inzwischen auch für die Geisteswissenschaften, gerade auch die Philosophie an, da europäische philosophische Traditionen besonders stark in den USA beforscht werden und die europäischen Vertreter dabei nur dann sichtbar werden, wenn sie (auch) englischsprachig publizieren (was selbstverständlich auch den oftmals begrenzten Fremdsprachenkenntnissen anglo-amerikanischer Kollegen geschuldet ist).

Weniger Beachtung als diese Verschiebung in der dominanten Wissenschaftssprache (historische Verschiebungen: Altgriechisch => [Latein] => Arabisch => Latein => europäische Nationalsprachen [Deutsch, Englisch, Französisch] => Angloamerikanisch) finden dagegen linguistische Merkmale der Wissenschaftssprache, die partiell unabhängig von der verwendeten Sprache, zum Teil aber auch mit dieser verbunden sind. Neben anderen, vor allem stilistischen Merkmalen, gehört der Genus Verbi, also die Frage, ob in wissenschaftlichen Texten und Präsentationen eher die passive oder die aktive Formulierung verwendet und ggf. dafür empfohlen wird, zu diesen linguistischen Merkmalen. Da bei wissenschaftlichen Vorträgen der Rhetorik und Ausstrahlung zusätzlich erhebliche Bedeutung zukommt, steht hier (zunächst) der wissenschaftliche Text im Vordergrund.

Für und Wider

Die passive Formulierung dient in wissenschaftlichen Texten der Betonung der Neutralität und Objektivität der Darstellung, also der persönlichen Distanzierung, um Idiosynkrasien zugunsten des Suchens, Reflektierens und ggf. auch der Darstellung allgemeiner Einsichten und/oder empirischer Befunde wenn nicht zu vermeiden, dann doch zumindest zu reduzieren. Dies kann mit einem "Ich-Tabu" und der Vermeidung von Personalpronomen verbunden sein, da - nach Wikipedia: Aktiv und Passiv im Deutschen - "durch das Passiv (...) das Agens (...) nicht genannt (wird). Eine Aussage kann dadurch objektiver, neutraler oder bedeutender erscheinen. Das Passiv lässt den Autor in den Hintergrund treten und begünstigt - kritisch betrachtet - die Entpersönlichung und Anonymisierung. Passivsätze sind vor allem in der Amtssprache, aber auch in der Wissenschaftssprache häufig." Zusätzlich wird durch das Passiv (1) betont, was in der Forschung (und nicht von wem) getan wurde, und (2) die Kontrolle der Satzstruktur unterstützt, da durch den Austausch von Subjekt und Objekt die richtige zurückverweisende Information am Anfang des Satzes steht. Dementgegen wird der Verwendung passiver Formulierungen in der Wissenschaftssprache (und z.T. darüber hinaus) vorgeworfen, dass

- das Passiv umständlicher sei und Texte schwerfällig mache

- die Satzlänge zunehme

- Nominalisierungen gefördert werden

- es "indirekter" und weniger eindeutig sei

- durch die Gefahr hängender Attribute die wissenschaftliche Genauigkeit leiden könne

- es zu pompösen, künstlichen Formulierungen verleite

- es schwieriger sei und nicht jeder es richtig beherrsche (was ja - außer unter Inklusions-Gesichtspunkten - kein Gegenargument sein kann). Durch den Gebrauch des aktiven Genus Verbi in wissenschaftlichen Texten werde all dies vermieden bzw. werden entsprechende Gefahren minimiert und außerdem

- werden durch das Aktiv Präpositionen eliminiert

- werde Wissenschaft angemessener beschrieben, da sie aktiv von Personen gemacht werde

- werde der persönliche Beitrag gewürdigt, denn, so wird etwa unter www.guthmann-peterson.de/wissenschaftlich-schreiben/3-teil-einpaar-tipps-zu-stil-worten-und-satzbau nahezu autoritär-unterwerfend etwas umständlich ausgeführt: "An manchen Instituten ist die passive Form in wissenschaftlichen Arbeiten üblich, um die AutorInnen nicht unbescheiden wirken zu lassen". Obwohl diese Debatte um die Verwendung des passiven oder des aktiven Genus Verbi oder - nach bestimmten Regeln - beider Genera Verbi in den Wissenschaften mindestens seit 1957 auch in hochrangigen Wissenschaftszeitschriften (wie Science, Nature, Physics in Technology) ausgetragen wird, scheint sie durch die Realität obsolet geworden zu sein: "Journals prefer active voice." schreibt Nathan Sheffield, wobei er einschränkt, dass dies auf jeden Fall für naturwissenschaftliche Journals gelte. Die aktive Sprachform findet sich aber ebenfalls zunehmend in den Sozial- und Geisteswissenschaften und wird auch dort an einigen Stellen entsprechend propagiert: So etwa nicht nur im Chicago Manual of Style Online (2010), in der Duke Graduate School Scientific Writing Resource (2013), und dem Publication Manual of the American Psychological Association (2010), sondern auch etwa in den fächerübergreifenden "Richtlinien für wissenschaftliches Arbeiten" der Universität Leipzig und den Vorgaben in "Das Handwerk des philosophischen Schreibens" der Universität Erfurt von Philipp Hübel.

Linguistische Verschiebung

Ebenso wie die Umgangs- und Hochsprache unterliegt auch die Fachsprache in den Wissenschaften und die Sprache von Wissenschaftlern dem Wandel, und die linguistische Verschiebung vom passiven zum aktiven Genus Verbi in der Wissenschaftssprache findet - grob geschätzt - deutlicher und verstärkt seit dem Millennium statt. Das zeigt sich nicht nur in Texten, sondern auch in anderen Bereichen: man wurde diplomiert promoviert, habilitiert, emeritiert, berufen etc. - heute mache ich den Bachelor oder Master, ich promoviere, habilitiere, emeritiere, ich bin der "Rufinhaber"; die Teilnahme an einer Lehrveranstaltung wurde bescheinigt - heute habe ich ECTS-Punkte (ggf. sogar ohne Anwesenheit) erworben; ein Wissenschaftspreis wurde (mir) verliehen - ich nahm den Preis in Empfang.

Hier deutet sich eine linguistische Verschiebung innerhalb der Sprache (sei sie Deutsch oder Englisch) von Wissenschaft und Wissenschaftlern an, die zwar (noch) Varianz zwischen unterschiedlichen Fachdisziplinen aufweist, zugleich aber Indikator eines veränderten Selbstverständnisses von Wissenschaftlern und ggf. auch Verständnisses von Wissenschaft sein könnte. Abgerückt wird vom (hehren?) Ideal der Wissenschaft als dem zeit- und kulturbezogenen Gesamt von systematischen Erfahrungen und Erkenntnissen, die auf einen Phänomen-Bereich bezogen in einen Begründungszusammenhang gebracht werden, und von dem (ebenfalls hehren?) Ideal des Wissenschaftlers, der dem Erkenntnisgewinn und ggf. noch der Allgemeinheit selbstlos verpflichtet allein um der Sache Willen, primär intrinsisch motiviert, ggf. zumindest hin und wieder "flow" erlebend sowie die Freiheit von Forschung und Lehre nutzend den Phänomenen und Begründungszusammenhängen auf der Spur ist.

Die linguistische Verschiebung zugunsten aktiver und zulasten passiver Formulierungen in der Wissenschaftssprache steht in Einklang mit dem Menschenbild des aktiven, selbstregulierten, selbstverantwortlichen, auf die eigene Person kausal attribuierenden Individuums, das seit wenigen Jahrzehnten nicht nur in Ratgebern, sondern auch in Teilbereichen der Wissenschaften (vor allem in Bereichen der Medizin und Psychologie) sowie der Gesellschafts- und Gesundheitspolitik normativ vertreten wird. Anschlussfähig ist dies zu psychologisierenden Aufforderungen in Beratungs- und Therapiekontexten, Selbsterfahrungskontexten sowie Alltagsgesprächen, unpersönliche Sprachkonstruktionen dann zu vermeiden, wenn es um die eigene Person geht, und stattdessen - am besten im aktiven Genus Verbi - Ich-Aussagen zu machen. Psychologisch und psychotherapeutisch kann dies nützlich sein (da die Selbstwahrnehmung und -reflexion dadurch differenziert werden können), dies allerdings nur dann, wenn es um Gefühle, Meinungen, Glauben oder selbst- und umweltbezogene Kognitionen geht.

Um das alles handelt es sich in den Wissenschaften, in denen man sich um objektive Beschreibungen und Erklärungen von Gegenstandsbereichen bemüht, nicht. Anstelle des Glaubens tritt in den Wissenschaften der Begründungszusammenhang (die Theorie, das Gesetz), anstelle der Vermutung die prüfbare Hypothese. Bereits Karl Bühler, mit dessen Berufung 1922 die Gründung des Psychologischen Instituts an der Universität Wien verbunden war, wies in seinem 1934 vorgelegten Organon-Modell (Werkzeug-Modell) der Sprache anhand der Binnenverhältnisse von Sprachzeichen, Sender, Empfänger und Gegenstand/ Sachverhalten auf die Bedeutung der Unterscheidung von Ausdrucksfunktion (Beziehung Sender-Zeichen; Symptom), Appellfunktion (Zeichen-Empfänger; Signal) und Darstellungsfunktion (Zeichen-Gegenstand/Sachverhalt; Symbol) der Sprache hin. In den Wissenschaften dominiert die Darstellungsfunktion der Sprache; in angewandter Medizin, Psychologie, Psychotherapie, häufig auch in Alltagsgesprächen dominieren dagegen die Ausdrucks- und Appellfunktionen.

Gefahren der "aktiven" Selbstdarstellung von Wissenschaftlern

Die Selbstdarstellung kann und darf auch Wissenschaftlern nicht untersagt werden, wie weit sie gehen kann und darf, bleibt abzuwägen. Wissenschaftliche Texte, Vorträge und andere Leistungen sind mit Namen, Jahr und Quellenangaben zu zitieren, ansonsten liegt wissenschaftliches Fehlverhalten vor. Reicht das? Für die "Darstellungsfunktion" der Wissenschaftssprache und den wissenschaftlichen Fortschritt reicht das, für die Karriere eventuell nicht (mehr), da sich der Wettbewerb zwischen Wissenschaftlern um Posten, Drittmittel, Personal, Sachausstattung, mediale Aufmerksamkeit, Stipendien, sabbaticals, Wissenschaftspreise etc. verschärft hat. In diesem Wettbewerb sollte es nach den eigentlichen Kriterien der Wissenschaft primär, idealiter ausschließlich um den Beitrag zum qualitativen wissenschaftlichen Fortschritt gehen. Dies wird einerseits durch die Zunahme der "Wettbewerber" und die damit verbundene Informationsfülle, andererseits durch die "modernen", zumeist im Bereich quantitativer, da vermeintlich leichter zu erfassender Kriterien verhaftet bleibenden Evaluierungen wissenschaftlicher Leistungen behindert.

Vergessen wird im Wissenschaftsbetrieb allzu leicht, dass - wie es der ehemalige Mannheimer Ordinarius für Psychologie Theo Herrmann 1996 ausgedrückt hat - Wissenschaft kein "Gemüsehandel" auf einem Marktplatz ist, bei dem der Händler mit den schönsten, besten und vergleichsweise günstigsten Früchten den höchsten (finanziellen) Gewinn macht, sondern dass es in der Wissenschaft zwar auch um Wettbewerb, aber nicht (oder zumindest entscheidend weniger) um ökonomische Kriterien, sondern vielmehr um den Wettbewerb im Erkenntnisgewinn geht. Theo Herrmann sprach sich daher konsequent gegen jede "Merkantilisierung" der Wissenschaft aus.

Selbstdarstellung kann - auch bei Wissenschaftlern - zudem allzu schnell in Hybris ausschlagen, der Narzissmus unterliegen kann. Ein Zuviel an Eigenwerbung, womöglich Hochstapelei (etwa durch Übertreibungen und/oder Vereinfachungen in medialen Präsentationen) können nicht nur dem Wissenschaftler selbst schaden. Schlimmer, sie schaden durch Glaubwürdigkeitsverlust der Wissenschaft allgemein im "public (non-)understanding of science". Dafür gab und gibt es in den letzten Jahrzehnten allzu viele Beispiele.

Hybris und der ggf. durch Medien, konkurrierende Kollegen, Wettbewerbe um Ressourcen etc. erzeugte, dann auch erlebte Zwang dazu, immer schneller immer mehr an "Wissenschaft zu produzieren", kann zudem zu wissenschaftlichem Fehlverhalten verleiten, das von falschen (beschönigenden) Angaben in Schriftenverzeichnis, Drittmittelanträgen und im Curriculum vitae über Plagiate bis zu Datenfälschungen reichen kann. Nur passiver Genus Verbi wird ebenso schlecht sein wie nur aktiver; die richtige Dosis an den korrekten Stellen sollte beim Schreiben wissenschaftlicher Texte beständig gesucht, abgewogen und gefunden werden. Dies ist besser, als sich in und auf die aktive Form zu stürzen, deren Umsetzung seit einigen Jahren durch die auf teilweise weit über 100 angestiegenen Ko-Autorenschaften gerade in den Naturwissenschaften konterkariert wird, da damit wiederum die für passive Formulierungen beklagte "Entpersönlichung" und Quasi-Anonymisierung der Autorenschaft Einzelner verstärkt wird.


Über den Autor
Thomas Krüger Günter Krampen ist Professor für Psychologie an der Universität Trier und seit 2004 Direktor des Leibniz-Zentrums für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID).

Aus Forschung & Lehre :: März 2016

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