Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Vom Säulentempel zum vernetzten System - Die Sicht der Max-Planck-Gesellschaft

von LUDWIG KRONTHALER

"Vorfahrt für die Universitäten"- diese immer wieder gehörte Forderung ist auf den ersten Blick verständlich, wenn man die Entwicklung der Grundfinanzierung deutscher Universitäten betrachtet. Sie greift allerdings zu kurz. Das Ziel muss sein, das deutsche Wissenschaftssystem insgesamt leistungsfähiger zu machen. Das gelingt nur, wenn alle Partner gestärkt und vorhandene Schwachstellen beseitigt werden.

Vom Säulentempel zum vernetzten System© ATImage - iStockphoto.comDer Säulentempel der Wissenschaftslandschaft verfügt nun zwar über ein Dach, dessen Weiterentwicklung darf dennoch nicht vergessen werden
Während die deutsche Wissenschaftslandschaft noch vor einigen Jahren von Kritikern als Säulentempel ohne gemeinsames Dach bezeichnet wurde, haben wir heute ein System, in dem die einzelnen Teile - Hochschulen, außeruniversitäre Forschungsorganisationen und industrielle Forschung - mit ihren spezifischen Profilen nahezu perfekt ineinandergreifen. Unterstützt durch die Exzellenzinitiative und den Pakt für Forschung und Innovation sind durch die Kooperation von Hochschulen, außeruniversitären Einrichtungen und Wirtschaft in vielen Regionen exzellente Forschungsbereiche entstanden. Um diese weiter zu stärken und zu international sichtbaren Leuchttürmen auszubauen, müssen wir den erfolgreich eingeschlagenen Weg weiter gemeinsam beschreiten und dabei auch die noch vorhandenen Schwachstellen im System angehen.

Die Hochschulen sind ein konstitutives Element des deutschen Wissenschaftssystems. An den Universitäten hat sich in den letzten Jahren im Hinblick auf die Profilbildung und Differenzierung, aber auch beim Aufbau effizienter Governance-Strukturen vieles entwickelt. Es liegt im Interesse aller Akteure im System, dass die Hochschulen ihre vorhandenen Stärken weiter ausbauen. Dafür brauchen sie zweifelsohne eine angemessene finanzielle Ausstattung. Mehr Geld allein bewirkt allerdings noch nichts; die Hochschulen müssen es auch verantwortungsbewusst und effektiv einsetzen. Deshalb wäre ein Anreizsystem sinnvoll, das diejenigen Hochschulen zusätzlich belohnt, die ihre Autonomie- und Strategiefähigkeit erfolgreich weiterentwickeln und verantwortlichen Umgang mit zusätzlichen Ressourcen unter Beweis stellen.

Da die Zuständigkeit für die Hochschulen bei den Ländern liegt, sind diese zuallererst gefordert, deren Finanzierung zu sichern. Aufgrund der Schuldenbremse und der angespannten Lage ihrer Haushalte ist der Spielraum gering. Deshalb muss über Wege nachgedacht werden, wie die Hochschulfinanzierung zusätzlich gestärkt werden kann. Eine Möglichkeit wäre, den Bund zielgerichtet bei der Förderung exzellenter Forschung an Hochschulen zu beteiligen.

Die von der Bundesregierung vorgeschlagene Änderung des Artikels 91b GG würde die notwendigen Voraussetzungen dafür schaffen. Eine zweite Möglichkeit wäre die Entlastung der Länder bei der gemeinsamen Forschungsfinanzierung. Für die Max-Planck-Gesellschaft ließe sich eine stärkere Beteiligung des Bundes durch die Änderung des Schlüssels auf 70:30 aus ihrer internationalen Ausrichtung und ihrer regionenübergreifenden Rolle im Innovationssystem ableiten. Die dadurch eingesparten Mittel könnten die Länder in die Grundfinanzierung ihrer Universitäten investieren.

Bei allen Überlegungen zur Stärkung der Hochschulfinanzierung darf nicht aus dem Blick geraten, dass dies nicht zu Lasten der außeruniversitären Forschung gehen darf. Denn ein starkes Gesamtsystem beruht auf starken Partnern. Auch die außeruniversitären Forschungsorganisationen brauchen kontinuierliche Etatsteigerungen, um neue Forschungsbereiche zu erschließen, die Vernetzung mit den Hochschulen und die Nachwuchsförderung weiter auszubauen. Für alle Partner im System gilt, dass Etatsteigerungen, die einen jährlich zu veranschlagenden Tarif- und Preisausgleich von rund drei Prozent sowie einen Sophistication-Factor von knapp ein Prozent unterschreiten, zwangsläufig zu einem Abbau von Kapazitäten führen.

Deshalb müssen alle Akteure gemeinsam dafür eintreten, dass Bildung und Forschung weiterhin oberste Priorität bei Bund und Ländern haben und sich diese in konkreten Haushaltszahlen niederschlägt. Die aktuellen Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung sind der beste Beleg dafür, wie sich Investitionen in Bildung und Forschung für die gesamte Gesellschaft auszahlen: Während viele Staaten immer noch mit den Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise kämpfen, können Bund und Länder Steuereinnahmen auf Rekordniveau verbuchen, die Beschäftigungsrate ist auf konstant hohem Niveau und die Exportzahlen sind weiter gestiegen. Damit dies auch weiter so bleibt, dürfen wir in unseren Anstrengungen nicht nachlassen, sondern müssen uns an Staaten wie der Schweiz, Südkorea oder Finnland messen, die bereits heute einen deutlich höheren Anteil ihres Bruttoinlandsprodukts als Deutschland in Bildung und Forschung investieren.

Um die Leistungsfähigkeit und Effizienz des Gesamtsystems zu erhöhen, sehe ich Handlungsbedarf auch auf der technisch-administrativen Ebene: Kooperationen sollen für die beteiligten Partner die Chance eröffnen, effektiv und wirtschaftlich Forschung betreiben zu können. Die bürokratischen Hürden sollten deshalb möglichst gering sein. Hochschulen und außeruniversitäre Einrichtungen verfügen über eine speziell auf ihre jeweiligen Forschungsschwerpunkte zugeschnittene Infrastruktur. Sich diese nach Wunsch und Bedarf gegenseitig zur Verfügung zu stellen, sollte innerhalb der "Familie" der öffentlich finanzierten und gemeinnützigen oder öffentlich verfassten Wissenschaftsorganisationen ohne bürokratischen Aufwand, ohne die Verrechnung von Vollkosten und ohne zusätzliche steuerliche Belastung möglich sein. Die dafür notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen und bei Bund, Ländern und EU für eine Änderung der haushalts- und steuerrechtlichen Regelungen zu werben ist Aufgabe aller Akteure im System.

Neben der effizienten Nutzung muss auch die Schaffung und Erneuerung von Infrastrukturen auf der Agenda stehen. Eine an die jeweiligen technologischen Erfordernisse angepasste baulichtechnische Ausstattung ist notwendige Voraussetzung dafür, dass Hochschulen und außeruniversitäre Forschungsorganisationen Spitzenleistungen in Forschung und Lehre bringen können. Darüber hinaus wird sie im internationalen Wettbewerb zu einem zunehmend wichtigen Standortfaktor. Angesichts vieler sanierungsbedürftiger Gebäude, übrigens nicht nur an den Universitäten, sondern auch bei vielen Außeruniversitären, mangelnder räumlicher Kapazitäten und unzureichender technisch-apparativer Ausstattung besteht hier dringender Handlungsbedarf. Eine Möglichkeit wäre, die Zweckbindung der Kompensationsmittel für den Hochschulbau nach 2013 beizubehalten und den Bund über eine dauerhafte Erhöhung und Weiterführung der bisherigen Kompensationsmittel dauerhaft am Hochschulbau zu beteiligen. Ergänzend dazu könnten Bund und Länder ein überwiegend bundesfinanziertes Infrastrukturprogramm für kostenintensive Großgeräte und Bauvorhaben auflegen, von dem Hochschulen und außeruniversitäre Einrichtungen profitieren.

Fazit: Kein neues System muss erfunden werden - aber die Weiterentwicklung des gut funktionierenden deutschen Wissenschaftssystems mit Augenmaß sowie seine nachhaltige Weiterfinanzierung stehen auf der Tagesordnung.


Über den Autor
Dr. Ludwig Kronthaler ist Generalsekretär der Max-Planck-Gesellschaft.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2013

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote