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Vom Veränderer zum Schöpfer

Von Armin Grunwald

Mit dem Aufkommen neuer Forschungsgebiete stellen sich immer wieder Fragen der Ethik und Verantwortung. Dies gilt in eminentem Sinne für die Synthetische Biologie, die lebende Organismen neu konstruieren will. Die möglichen Folgen gehen über die Synthetische Biologie hinaus und müssen interdisziplinär erörtert werden.

Vom Veränderer zum Schöpfer - Synthetische Biologie: Chancen, Risiken und Verantwortungsfragen© Zmeel Photography - iStockphoto.comDie Synthetische Biologie birgt Chancen aber auch Risiken

Chancen und Risiken der Synthetischen Biologie

Auch wenn die Synthetische Biologie sich eindeutig im Stadium der Grundlagenforschung befindet, werden Überlegungen zu gesellschaftlichen Chancen und Risiken angestellt, vor allem in den Bereichen Umwelt und Gesundheit. Wirtschaftliche Potentiale sind sicher zu erwarten, lassen sich aber bislang in keiner Weise beziffern. Anwendungsmöglichkeiten sind die Nutzung der Selbstorganisation molekularer Einheiten, um bestimmte Funktionen zu realisieren (z.B. Biomineralisation), die Herstellung von gewünschten Chemikalien durch gezielt hergestellte oder modifizierte Bakterien (de Vriend) oder die technische Nutzung funktioneller Biomoleküle in technischen Systemen. Damit können z.B. Biosensoren und Biomembranen in der Umwelttechnik eingesetzt werden oder es kann durch die Nutzung lichtenergetischer Prozesse die Photovoltaik biologisch unterstützt werden.

Die Diskussion der Risikopotentiale der Synthetischen Biologie knüpft an die Gentechnik an. Die hauptsächlichen Risikobefürchtungen betreffen mögliche negative Folgen für Gesundheit und Umwelt durch ungewollte Freisetzung synthetischer Organismen ('biosafety') sowie die intendierte Nutzung für neuartige biologische Waffen ('biosecurity'). Die technische Nutzung und Gestaltung von Lebensvorgängen führt hier auf ein tiefgreifendes inhärentes Risiko: lebende Systeme könnten aufgrund von Selbstorganisation und Vermehrung in ganz anderer Weise außer Kontrolle geraten als klassische technische Systeme. Es ist aber auch an die Möglichkeit der absichtlichen Konstruktion neuartiger biologischer Waffen auf der Basis neu konstruierter oder veränderter Zellen zu denken (de Vriend, 2006, 54). Sowohl in Rüstungsprogrammen als auch durch Terroristen könnten Produkte oder Verfahren der Synthetischen Biologie für militärische bzw. terroristische Zwecke missbraucht werden. Der Phantasie sind hierbei keine Grenzen gesetzt, und angesichts des geringen Wissens über militärische Programme besteht die Gefahr, verschwörungstheoretischen Mutmaßungen hinterherzulaufen. Gleichwohl muss auch dieser Typ möglicher Risiken sorgfältig untersucht werden.

Ein weiteres Feld der Diskussion setzt an dem Ziel der Synthetischen Biologie an, künstliches Leben zu schaffen. Dadurch wird der Mensch vom Veränderer des Vorhandenen zum Schöpfer von Neuem: "In fact, if synthetic biology as an activity of creation differs from genetic engineering as a manipulative approach, the Baconian homo faber will turn into a creator" (Boldt/Müller 2008, S. 388). Das traditionelle, naturwissenschaftlich geprägte Selbstverständnis der Biologie, das auf ein Verstehen der Lebensvorgänge zielt, wird in der Synthetischen Biologie transformiert zur Biologie als einer technischen Wissenschaft (de Vriend 2006). Die Grenze zwischen technisch verändernden Eingriffen in Lebewesen und ihrer technischen Erzeugung wird fließend. Vor kurzem hat Craig Venter behauptet, das erste künstliche Lebewesen geschaffen zu haben, jedenfalls das erste Lebewesen mit einem künstlichen Erbgut.

In der Öffentlichkeit wird oft behauptet, dass Menschen auf diese Weise "Gott spielen" und dass Hybris drohe oder bereits eingekehrt sei, die Illusion einer wissenschaftlich informierten und technisch aufgerüsteten Allmacht des Menschen. Gelegentlich werden auch Befürchtungen dieser Art als "ethische Argumente" bezeichnet. Dies ist jedoch zurückzuweisen. Denn Hybris-Befürchtungen und Warnungen, dass der Mensch nicht "Gott spielen" dürfe, sind für sich keine Argumente. Wo sollten belastbare Kriterien herkommen, was Hybris ist und was nicht? Was heißt "Gott spielen" angesichts der technischen Erfolgsgeschichte der letzten 200 Jahre? Es ist nicht anzunehmen, dass es gelingen könnte, operable Kriterien für "Hybris" und "Playing God" zu bestimmen und zu rechtfertigen. Hybris-Warnungen drücken Intuitionen, Befindlichkeiten und Sorgen aus. Sorgen und Ängste sind als solche ernst zu nehmen und sorgfältig zu prüfen, sie ersetzen jedoch nicht belastbare Argumente.


Ein weiteres Feld der Diskussion ist die Frage, ob Synthetische Biologie Anlass gebe, den Lebensbegriff neu zu fassen, da mit 'Leben' spätestens seit Aristoteles das Gewordene und nicht das Gemachte assoziiert wird: Additionally, synthetic biology forces us to redefine 'life'. Is life in fact a cascade of biochemical events, regulated by the heritable code that is in (and around) the DNA and enabled by a biological machinery? Is the cell a bag of biological components that can be redesigned in a rational sense? Or is life a holistic entity that has metaphysical dimensions, rendering it more than a piece of rational machinery? (de Vriend). Selbst wenn dies angesagt wäre, ist es eine durchaus interessante begriffliche, aber keine ethische Frage.

Chancen und Risiken der Synthetischen Biologie hängen nicht davon ab, wie ihre Produkte begrifflich gefasst werden. Dies leitet über zu der beliebten Grundsatzfrage, ob "der Mensch" überhaupt künstliches Leben schaffen dürfe. In den Fragen des Typs, was "der Mensch" im und mit dem wissenschaftlich- technischen Fortschritt tun dürfe und was nicht, schwingen oft Hoffnungen mit, dass es quasi-objektive Grenzen gebe. Gelegentlich wird von der Ethik erwartet, diese zu benennen. Derartige Erwartungen sind jedoch Ausdruck eines vormodernen Gesellschaftsverständnisses. Im Selbstverständnis der modernen Gesellschaft muss alle Normativität aus ihr selbst heraus erzeugt werden. Es gibt keine Position außerhalb der Gesellschaft, die über ein "Dürfen" oder "Sollen" befinden könnte. Stattdessen gilt: wir dürfen, was wir dürfen - und das ist das, was sich in der demokratischen Selbstverständigung oder auch im Streit herauskristallisiert hat. Ethik trägt einen Teil dazu bei, dieses herauszufinden, indem sie "konditional- normative" Beratungsleistungen erbringt. Die Entscheidungen selbst, was unter das "Dürfen" oder das "Sollen" fällt, ist von der Gesellschaft in den dafür legitimierten Institutionen und Verfahren zu bestimmen. Das gilt auch für die Synthetische Biologie.

Zur Verantwortung der Wissenschaften

Der wissenschaftlich-technische Fortschritt erweitert die Handlungsmöglichkeiten des Menschen und vermindert die Angewiesenheit auf das von Natur oder Kultur Vorgegebene. Dadurch werden häufig faktische Grenzen des Handelns aufgelöst oder durchlässig und es entstehen einerseits neue Entscheidungsfreiräume und Handlungsoptionen, andererseits aber auch Orientierungsnotwendigkeiten und gelegentlich auch Orientierungsprobleme. In diesen Hinsichten liegt die Synthetische Biologie ganz auf der Linie des wissenschaftlich-technischen Fortschritts seit der Aufklärung. Es müssen neue Orientierungen zum Handeln und Entscheiden bestimmt werden, z.B. als ethisch gerechtfertigte Grenzen oder Rahmenbedingungen in Bezug auf den technischen Umgang mit 'natürlichem' oder die Erzeugung von 'künstlichem' Leben. Die Neuheit des Wissens und Könnens bringt unvermeidbar Nichtwissen, Unsicherheiten und mögliche Risiken mit sich. Die Herausforderung besteht nicht darin, diese zu vermeiden, sondern einen verantwortungsvollen Umgang mit ihnen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu erreichen.

Auf der zweiten weltweiten Konferenz der Synthetischen Biologie (2006) wurde der Vergleich mit der bekannten Konferenz von Asilomar bemüht, auf der es um die Verantwortung der Gentechniker ging. Die Erklärung zur Verantwortung der Biologen bezieht sich auf den möglichen Missbrauch, vor allem durch Terroristen, und den militärischen Einsatz Synthetischer Biologie und stellt für diesbezügliche Möglichkeiten eine Reihe von Selbstverpflichtungen auf, vor allem zur Sicherstellung der Vertrauenswürdigkeit der Weitergabe von Wissen und biotischen Materialien. Hierzu haben 35 Nichtregierungsorganisationen einen gemeinsamen Brief verfasst, in dem sie Misstrauen gegenüber wissenschaftlicher Selbststeuerung und Selbstverpflichtungen äußern, eine breitere Debatte der gesellschaftlichen Folgen der Synthetischen Biologie fordern statt einer Beschränkung auf Missbrauchsszenarien und einen zivilgesellschaftlichen Mitgestaltungsanspruch erheben. Hier wird ein Konflikt über Verantwortungsverteilung und Mitsprache sichtbar.


Freiwillige Selbstverpflichtungen und Ethik-Kodizes haben in den letzten Jahren auf vielen Ebenen an Bedeutung gewonnen. Es wird bereits von einer 'Ethisierung der Wissenschaften' (z.B. Siune) gesprochen. Jedoch ist vor einer Übersteuerung in Richtung Selbstverantwortung zu warnen. Denn demokratietheoretische Ideale (z.B. Habermas) erfordern die Mitwirkung von legitimierten demokratischen Institutionen an wesentlichen gesellschaftlichen Weichenstellungen. Angesichts der vermutlich kaum strittigen These, dass Wissenschaft, hier die Synthetische Biologie, einen großen Einfluss auf zukünftige Realitäten hat, können demokratische Mitgestaltungsansprüche z.B. hinsichtlich des Eingehens von Risiken oder in Bezug auf Forschungsförderung nicht ignoriert werden. So gesehen erscheinen die in dem erwähnten Brief geäußerten Sorgen als zumindest teilweise berechtigt.

Weder individuelle Wissenschaftler noch Wissenschaften wie die Synthetische Biologie oder die Philosophie können allein Fragen der Verantwortung und der Verantwortungsverteilung Erfolg versprechend bearbeiten. Synthetische Biologen sind Experten für Synthetische Biologie, nicht für mögliche gesellschaftliche Folgen ihres Handelns und auch nicht für die Frage der Akzeptabilität unklarer Risiken und den verantwortungsvollen Umgang mit ihnen. Verantwortung für die und in der Synthetischen Biologie kann daher nur arbeitsteilig getragen werden. Die Synthetische Biologie hat in einem "Konzert" der Verantwortungsträger zwar einen besonderen Platz, weil ihr spezifisches Fachwissen durch andere Beteiligte nicht ersetzt werden kann. Sie spielt jedoch nur ein Instrument unter vielen. Andere Beteiligte sind zum einen weitere Wissenschaften wie Ethik, Risikoforschung und Technikfolgenabschätzung, Governance- und Wissenschaftsforschung und, sobald die Entwicklung soweit fortgeschritten ist, auch die Innovationsforschung. Das Konzert der Verantwortungsträger ist damit ein interdisziplinäres Konzert.

Die involvierte demokratische Dimension (s.o.) führt dazu, dass dieses Konzert darüber hinaus auch transdisziplinär sein muss. Beteiligungsansprüche von Bürgern und Initiativen von Verbänden und Nichtregierungsorganisationen regen die gesellschaftliche Deliberation an, provozieren sie teils. Medien transportieren diese Debatten in eine größere Öffentlichkeit. Wissenschaftliche Politikberatung demokratischer Institutionen ist erforderlich, um wissenschaftlich-technisches Expertenwissen mit der politischen Meinungsbildung "zu vermitteln" (Habermas). Eine zentrale Verantwortung der Synthetischen Biologie liegt darin, zu diesen Debatten eigenes Fachwissen beizutragen und sie so zu bereichern.


Über den Autor
Professor Armin Grunwald leitet das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).


Aus Forschung und Lehre :: August 2010

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