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Von der C-Besoldung zur W-Besoldung: das neue Besoldungssystem und seine Auswirkungen


Von Gerd Grözinger

Was den Studierenden bei der Bologna-Reform vollmundig versprochen wurde, übernahm bei den Professoren die W-Besoldung: Das neue Besoldungssystem trat an mit dem Anspruch, die Mobilität der Professoren zu verbessern. Wie wirkte sich der Übergang von der C- zur W-Besoldung tatsächlich aus? Eine Untersuchung der Jahre 2004 und 2005 gibt Aufschluss.*

Von der C-Besoldung zur W-Besoldung: Das neue Besoldungssystem und seine Auswirkungen© Kutaytanir - iStockphoto.com
Ein Ziel des Übergangs zur W-Besoldung war die Verstärkung der Mobilität. Für Professoren sollte es künftig attraktiver werden, sich auch an anderen Hochschulen zu bewerben, wo sie vielleicht bessere Bedingungen für sich und ihre Arbeit sahen. Kritiker dagegen sahen durch die Umstellung die Kräfte der Ortsbindung sogar noch weiter gestärkt. So rechnete etwa Bernhard Kempen in F&L (7/06) vor, dass es wegen der Absenkungen im Grundgehalt und der Verschlechterung in der Pensionsregelung für die Gruppe der bereits mit C 4 besoldeten Hochschullehrer weitgehend sinnlos sei, sich um einen zusätzlichen Ruf zu bewerben. Aber auch Jüngere, die je nach Konditionen durch einen individuellen Wechsel von C auf W gewinnen könnten, würden mehrheitlich von faktisch unattraktiven Angeboten berichten.

Bisher war zum Umfang und zur Verteilung von zusätzlichen Rufen für Professoren in Deutschland wenig Empirisches bekannt. Es gab nur vor etwa zwei Dekaden eine eher explorativ angelegte Arbeit im Rahmen eines Gutachtens für das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, bei dem 'Kürschners Deutscher Gelehrtenkalender' für einige ausgewählte Jahre daraufhin ausgezählt wurde. Dabei ergab sich: In den letztausgewerteten Jahren 1983 und 1987 verblieben etwa zwei Drittel auf ihrer ersten Professur. Diese Zahl war sogar noch etwas höher als bei den dort mit angeführten Vergleichsdaten von 1925 und 1954.

Von der C- zur W-Besoldung

Ich habe deshalb in zwei aufeinanderfolgenden Jahren eine Umfrage bei allen Hochschulen unternommen, um einige prinzipielle Angaben für die Jahre 2004 und 2005 zu erheben. Gefragt war dabei nach mindestens einem erhaltenen Zweitruf, wobei eventuell mehrere Rufe für die gleiche Person in einem Jahr nur ein Mal gezählt wurden. Der hier durchgängig verwandte Begriff 'Zweitruf' steht deshalb im Folgenden auch für Mehrfachrufe in diesem Zeitabschnitt. Von den Hochschulverwaltungen sollten dazu als Basis noch alle besetzten regulären Professuren mitgeteilt werden. Nicht gefragt war nach Informationen zum tatsächlichen Weggang oder zu erfolgreich verlaufenden Bleibeverhandlungen, da dies das Feld der Umfrage zu sehr ausgedehnt und die Antwortbereitschaft vermutlich negativ beeinflusst hätte.

Die Wahl der Bezugsjahre ergab sich daraus, dass 2004 das letzte unter der alten C-Besoldungsregelung darstellt, und 2005 entsprechend den Übergang zur W-Besoldung markiert. Eine der Forschungsfragen war, ob dieser Wechsel zu einer Veränderung bei der Anzahl an Zweitrufen führen würde. Eine zweite Interessensdimension bezog sich darauf, ob es bei Zweitrufen unterschiedliche Fachkulturen gibt und wie sich das dann erklären ließe. Drittens schließlich sollte die eventuelle Bedeutung eines Reputations-Effektes der Herkunftseinrichtung geklärt werden.

Der Fragbogen wurde mit einem persönlichen Anschreiben an die Rektoren und Präsidenten aller deutschen Hochschulen im jeweiligen Frühjahr verschickt. Die Fächergruppen-Aufteilung ist der einstelligen Gliederung der amtlichen Statistik entnommen. Es war eine recht zufriedenstellende Rücklaufquote zu verzeichnen. Von 333 angeschriebenen Hochschulen haben für das Jahr 2004 183 mit aussagefähigen Werten geantwortet, und 2005 gab es Antworten von 179 Einrichtungen, also eine Gesamtrücklaufquote von ca. 54 Prozent. Da in vielen, besonders bei den größeren, Hochschulen solche Angaben bisher nicht systematisch gesammelt wurden oder leicht abrufbares implizites Wissen darstellte, sondern von der Zentraladministration oft erst durch aufwendiges Nachfragen bei den Dekanaten erhoben wurden, wird dies als guter Erfolg gewertet. Auch ist bei zahlreichen Universitäten die Medizin mittlerweile organisatorisch ausgegliedert. Das hat die Rücklaufquote etwas gemindert, weil nun mehrere Stellen mit der Beantwortung beschäftigt werden mussten, und dies nicht immer erfolgreich war.

Das analysierbare Sample kann als weitgehend repräsentativ gelten. So haben vor allem die drei Hochschularten Universitäten (einschließlich der Pädagogischen Hochschulen), Fachhochschulen und Kunst-/Musikhochschulen in fast identischen Größenordnungen geantwortet (für 2004 zu 55/54/58 Prozent, für 2005 zu 52/54/53 Prozent).

Zusätzlich wurde auf der Grundlage der Studierendenstatistik der HRK die Zahl der Einschreibungen ermittelt. Damit konnte getestet werden, ob wegen des höheren administrativen Aufwands eventuell größere Einrichtungen seltener antworteten oder umgekehrt etwa kleinere aufgrund der vermutlich geringen Zahl der Vorfälle an der Erstellung einer solchen Statistik ein geringeres Interesse zeigten. Bei einer Aufteilung in etwa drei nach der Zahl der Hochschulen gleich starke Gruppen kam es zu dem Ergebnis, dass 2005/2005 von den kleineren Hochschulen (Studierende unter 1.000) 53/54 Prozent geantwortet hatten, von den mittelgroßen (Studierende von 1.000 bis unter 5.000) 60/57 Prozent, und von den großen (Studierende über 5.000) waren es 53/49 Prozent.

Die oben genannte hohe Zahl kleinerer Einrichtungen mit einer sehr geringen Studierendenzahl mag erstaunen. Hier handelt es sich häufig um eigenständige Theologische oder Musikalische Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft. Diese Sonderposition macht sich auch in der Struktur der Lehrenden bemerkbar (und ergab deshalb eine niedrigere Beteiligung an der Umfrage, wie seitens einiger dieser Einrichtungen zusätzlich mitgeteilt wurde). Vielfach sind hier die Professoren und Professorinnen nebenamtlich tätig, so dass die Berufssituation eine andere als etwa an einer größeren staatlichen Universität ist und auch eine Wegberufung deshalb einen eher seltenen Fall darstellt. Ähnlich ist nach einigen Rückmeldungen auch die Situation bei manchen Kunstund Musikhochschulen in staatlicher Trägerschaft zu sehen.

Nach der ebenfalls erhobenen Trägerschaft liegen die staatlichen Einrichtungen mit einer Rücklaufquote von 61 Prozent weit vorne. Es folgen die kirchlichen mit 49 Prozent und die privaten mit 35 Prozent. Da die staatlichen Einrichtungen den weit überwiegenden Teil der deutschen Hochschullandschaft darstellen, ist diese hohe Beteiligung öffentlicher Universitäten und Fachhochschulen als sehr positiv anzusehen.

Schließlich ergab noch eine Aufteilung nach Regionen wenig relevante Differenz. Der Norden (definiert als Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein) erbrachte in 2004/2005 eine Rücklaufquote von 55/49 Prozent, der Westen (nur Nordrhein- Westfalen) mit 46/56 Prozent, der Osten (Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) mit 55/63 Prozent, der Süden (Baden-Württemberg, Bayern, Hessen Rheinland-Pfalz, Saarland) mit 59/49 Prozent.

Wieviel Wegberufungen gab es?

Über alle Einrichtungen hinweg wurden im Jahr 2004 pro besetzter Professur 2,4 Prozent Zweitrufe verzeichnet. Anders ausgedrückt: Bei einer völligen Gleichverteilung - die real selbstverständlich nicht zu erwarten ist - hatte schon unter den Bedingungen der C-Besoldung in Deutschland eine Situation vorgeherrscht, in der ein Professor nur innerhalb einer Periode von mehr als 40 Dienstjahren eine Wegberufung zu erwarten gehabt hätte. Nicht unerwartet war dabei die (kleine) Gruppe privater Hochschulen in der Zweitrufintensität führend. Da solche Einrichtungen am Bildungsmarkt auch scheitern können, ist die Motivation der hier Beschäftigten sehr stark, sich weiter an staatlichen Einrichtungen zu bewerben.

Institutionell gibt es eine klare Mobilitätshierarchie. In jedem Jahr und bei jeder der vergleichbaren Fächergruppen (Sprach- und Kulturwissenschaften, Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften, Mathematik und Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Kunst) liegen die Zweitrufrelationen für Fachhochschulen erheblich unter denen der Universitäten, und die Kunstund Musikhochschulen sind dazwischen platziert. So hatten in 2004 die Universitäten insgesamt 3,7 Prozent Zweitrufe aufzuweisen, während die Fachhochschulen bei unter einem Prozent lagen.
Wie wirkte der Übergang zur W-Besoldung? Eindeutig negativ. In 2005 sank die Prozentangabe der Zweitrufe bei allen Einrichtungen zusammen auf 1,6 Prozent, und bei den Universitäten auf 2,5 Prozent. Das bedeutet jeweils einen Rückgang um etwa ein Drittel.

Bei solch gering dimensionierten Angaben könnte das eventuell auch noch eine zufällige Bewegung darstellen. Aber wenn es das Ergebnis der Besoldungsänderung ist, dann müsste dieser Rückgang nicht nur im Allgemeinen, sondern in sehr vielen der Unterkategorien zu sehen sein. Deshalb sind in der Tabelle die Einzelwerte der Fächergruppen nach beiden Jahren für die Universitäten dargestellt, wobei das Bild bei den Fachhochschulen sowie Kunst- u. Musikhochschulen ganz ähnlich ist.

Bessere Karriereoptionen durch Wechsel?

Tatsächlich bestätigt die Fächergruppen- Entwicklung die These: Unter zehn Fällen ist von 2004 auf 2005 sieben Mal ein Rückgang und nur drei Mal ein Ansteigen der Zweitrufhäufigkeit zu beobachten. Dazu betreffen die beiden Abweichungen sehr kleine Disziplinen mit immer nur einer Handvoll (drei bis vier in dem Sample) Zweitrufen pro Jahr, was sich deshalb als Zufallsschwankung in einem Datensatz mit nicht völlig identischen Hochschulen interpretieren lässt. Fazit: Der Übergang zur W-Besoldung hat die bereits geringe Mobilität von Professoren in Deutschland noch einmal erheblich vermindert. Ob und wann sich das in Zukunft wieder ändert, weil sich nun im Prinzip Zweitrufe stärker auf Gehaltsverhandlungen auswirken könnten, ist im Moment nicht abschätzbar.

Die Tabelle erlaubt auch einen interessanten Einblick in die Spannbreite von Zweitrufen nach Fächergruppen. Die größte Mobilität ist bei den Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften zu finden, was sich so auch bereits in der erwähnten älteren Arbeit fand. Eine sichere Erklärung dafür kann leider nicht gegeben werden. Ein Versuch, das Fächerbild mit eventuell wirkenden Dimensionen wie Größe der Fachgruppe, Zahl der Habilitationen, Verhältnis von C 4 zu C 3-Stellen sowie Durchschnittsalter der Professoren in Übereinstimmung zu bringen, erbrachte keine sicheren Ergebnisse. Aus aktuellen amerikanischen Arbeiten, die Zugang zu Individualdaten von Professoren haben, lässt sich entnehmen, dass dort Fächergruppen dermaßen unterschiedliche Charakteristika in Bezug auf Einkommenschancen in und außerhalb von Akademia, in wahrgenommenen Arbeitsbedingungen, in der Motivlage der Lehrenden etc. aufweisen, dass eine einheitliche Erklärung auch nicht sehr wahrscheinlich ist.

Besser war es dagegen mit einem Test bestellt, ob auch die Qualität der Heimatuniversität einen Einfluss hat. Besonderes Interesse an einem Zweitruf kann einmal bei denen vermutet werden, die mit ihren aktuellen, als schlecht empfundenen Arbeitsbedingungen anderswo bessere Chancen für sich sehen, und/oder die das Reputationskapital eines bestehenden Arbeitsverhältnisses an einer angesehenen Einrichtung nutzen wollen. Dazu wurden die hier erhobenen Daten mit der Drittmittelstatistik der DFG verknüpft, und es wurden in der Tat positive Zusammenhänge deutlich.

Mobilität sollte an Hochschulen einen hohen Stellenwert haben. Schwerpunkte von Forschung und Lehre entwickeln sich dynamisch, was eben manche örtliche Veränderung für Personen sinnvoll macht. Darüber hinaus müssen Karriereoptionen durch Wechsel der Einrichtung auch deshalb gewahrt werden, um die Motivation hoch- und der Konkurrenz außerhochschulischer Beschäftigungsoptionen standzuhalten. Aber wie schon beim Bologna-Prozess, bei dem sich das Motiv der Stärkung der Mobilität von Studierenden realiter als eine Schwächung heraus gestellt hat, ist auch die W-Besoldung zumindest in dieser Dimension erst einmal als gescheitert anzusehen.

Über den Autor
Gerd Grözinger ist Professor am Fachbereich Wirtschaft und Gesellschaft, Universität Flensburg, und Sprecher des Promovierendenkollegs "Verantwortliche Hochschule".

Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2008
* Eine Langfassung des Beitrags ist in "die hochschule" 1/2008 erschienen.

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