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Von der "Generation Bologna" zur "Generation Praktikum"

Von Christian Scholz

Im Jahr 2004 verkündeten 15 Unternehmen ihre "Bachelor Welcome" Erklärung, die inzwischen erweitert und von rund 200 Unternehmen bekräftigt wurde. Grund genug, sich ein Bild von der tatsächlichen Bachelor-Akzeptanz zu machen. Haben sich die deutschen Unternehmen auf Bologna eingestellt? Eine Studie nährt Zweifel.

Von der "Generation Bologna" zur "Generation Praktikum"
In der Studie "Chancen für Bachelor: Eine Momentaufnahme" des Instituts für Managementkompetenz (imk) an der Universität des Saarlandes wurden die Stellenanzeigen auf den Internetseiten der 15 Unternehmen analysiert, die 2004 als erste die Erklärung "Bachelor Welcome" unterschrieben hatten. Es fanden sich 743 Angebote, die sich an Bachelor-Absolventen ohne Berufserfahrung richten. Davon sind 86 Prozent Praktika, 9 Prozent Trainee-Positionen und nur 5 Prozent Direkteinstiege. Diese Zahl von absolut 39 Direkteinstiegen ist nicht nur gering: Hier müssen Bachelor-Absolventen auch mit Master- und mit Diplomabschlüssen konkurrieren.

Es fällt aber noch etwas Anderes auf: Was es in großem Umfang gibt, sind Angebote für duale Studiengänge, die sich unmittelbar an Abiturienten richten. Die Unternehmen wollen also ihre eigenen Bachelors ausbilden und an das Unternehmen binden. Dieser Befund bestätigt sich, wenn man über die 15 Unternehmen hinausgehend über alle angebotenen Stellenanzeigen auf der Jobbörse monster.de einen Suchlauf mit dem Kriterium "Bachelor" über alle angebotenen Stellenanzeigen startet: Der Anteil an Angeboten für den Direkteinstieg (Stichtag 26. Juli 2010) liegt hier bei sechs Prozent, wobei auch hier kein einziges Angebot ausschließlich für Bachelor-Absolventen gilt. Dafür gibt es wieder viele Praktika und duale Studiengänge.

Hintergrund

Interessant ist an dieser Stelle ein Zitat des Telekom-Vorstandes Thomas Sattelberger aus dem Handelsblatt (Handelsblatt, Juli 2009): "Bei der Telekom machen wir eigene, berufsbegleitende Studiengänge. Die Wirtschaft muss zum Co-Produzenten von Bildung werden, nicht Konsument. Die Deutsche Professorenschaft will Bildung einmalig kompakt, komplett und teuer und dann nie mehr. Sie versündigen sich an den lebenslangen Lernbedürfnissen, nicht nur der jungen Menschen. Das bestürzt mich zutiefst."

Spätestens daraus wird klar: Unternehmen wollen - vor dem Hintergrund eines grotesk verzerrten Professorenbildes - im Bachelor-Segment offenbar primär Abiturienten, die sie durch ihr eigenes Bachelorprogramm unternehmensspezifisch ausbilden können. "Fertigen" Bachelors wird offenbar die Berufsqualifizierung abgesprochen und lediglich der Umweg (die Sackgasse?) von Praktika angeboten. Mit der Verkürzung der Ausbildungszeit hat das nichts mehr zu tun. Trotzdem ist die Aussage "Bachelor Welcome" nicht falsch - zur Deutung kommt es jedoch auf die Semantik an.

Neue Welt

In der "alten" Welt gingen Studierende - von Ausnahmen in Berufsakademien abgesehen - erst zur Hochschule, machten in diesem Rahmen vielleicht ein Praktikum und erreichten danach die Festanstellung. Sie kehrten dann für MBA-Programme oder spezielle Aufbaustudiengänge an die Hochschulen zurück. Die Rolle der Unternehmen beschränkte sich auf die eines Abnehmers oder Kunden ohne weitergehende Definitionshoheit über Bildung.

In der neuen Welt koppeln Unternehmen Bachelor- und Master-Studiengänge enger an sich. Das fällt zunehmend leicht, weil die Unternehmen sich in der Governance-Struktur der Hochschulen massive Einfluss- und Steuerungsmöglichkeiten geschaffen haben. In gleichem Maße, wie die Unternehmen ihre (engen?) Bildungskonzeptionen durchsetzen, leidet die Hochschulautonomie.

Zwei Optionen

Für Studierende bleiben, wollen sie als Bachelor nicht sofort den Wechsel aus der "Generation Bologna" zur "Generation Praktikum" vollziehen, zwei Optionen: Entweder sie steigen mit 18 Jahren in ein duales Ausbildungsprogramm oder ein firmenspezifisch-berufsbegleitendes Programm ein, oder sie entschließen sich gleich von vorneherein dazu, an ihr Bachelorstudium das konsekutive Masterstudium anzuhängen.

Nachdem einzelne Unternehmensvertreter lautstark, medienwirksam und oft polemisch massive Forderungen vor allem an Universitäten gerichtet und in fast gönnerhafter Weise festgestellt haben, dass sich in der Hochschulpolitik nun doch etwas bewegt, ist es jetzt an der Zeit zumindest für diese Unternehmen den Spieß umzudrehen: Es gilt (1) klare Bologna-Forderungen an die Unternehmen zu stellen, (2) ihr tatsächliches Verhalten zu evaluieren und (3) ihre erbrachte Umsetzungsleistung an die Studierenden zu kommunizieren. Gleichzeitig gilt es natürlich generell, weiterhin und in enger Verbindung mit reformfreudigen Unternehmen an der Weiterentwicklung von Bologna zu arbeiten.

Denn: Ist es vor dem Hintergrund des "Wettbewerbsstandorts Deutschland" zulässig, das Wort "berufsqualifizierend" so stark mit dualen und berufsbegleitenden Ausbildungswegen in Verbindung zu bringen, wie es Unternehmen offensichtlich tun? Können wir uns eine "Generation Bologna" mit allen ihren Problemen leisten, wenn für fertige Bachelor-Absolventen ohne Berufserfahrung lediglich eine Flut von Praktika angeboten wird?

War es nicht eigentlich die Idee der Mehrstufigkeit der Hochschulausbildung, Jugendlichen einen raschen und richtigen Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen? Sollte nicht jenseits des plumpen Satzes "egal ob Bachelor, Master oder Diplom" der neue Bachelor als konkrete und klar definierte Alternative zu anderen Abschlüssen stehen? Insgesamt also Grund genug, einmal mehr an allen Fronten über die deutschlandspezifische Umsetzung der Bologna-Vision nachzudenken!

Die Studie: Christian Scholz/Stephan Buchheit: Chancen für Bachelor - Eine Momentaufnahme». Diskussionsbeitrag Nr. 94 des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation, Personal- und Informationsmanagement an der Universität des Saarlandes, Saarbrücken August 2010.


Über den Autor
Christian Scholz ist Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbes. Organisation, Personal- und Informationsmanagement an der Universität des Saarlandes.


Aus Forschung und Lehre :: November 2010

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