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Von der Straße an die Uni

VON THORSTEN SCHRÖDER

Private US-Colleges haben Bildung zum Geschäftsmodell erklärt. An ihren mitunter obdachlosen Studenten verdienen sie gut

Von der Straße an die Uni© Jonathan McIntosh - Wikimedia CommonsEin Großteil der College-Einnahmen besteht aus Darlehen, die der Staat mittellosen Studenten zur Verfügung stellt
Die Wände sind krankenhausgelb gestrichen, die Gänge kahl: kein Ort, an dem man lange bleiben möchte. In die Goodwill Rescue Mission kommt nur, wer sonst keinen Platz mehr hat. Viele bleiben nur für eine Nacht, wenn es draußen zu kalt ist oder zu einsam. Dann schlafen sie in der großen Kapelle des Obdachlosenheims im New Yorker Vorort Newark. Nur wenige Hundert Meter entfernt stehen die Studenten vor dem Gebäude des Drake Colleges. Hier, zwischen Ladengeschäften und Spielhalle, besuchen sie Ausbildungskurse für Zahnarztassistenten oder Krankenschwestern. Der Ton ist rau, die Studenten kommen aus den Problembezirken der Stadt. Und aus dem Obdachlosenheim. »Es ist allgemein bekannt in der Gegend: Wenn du obdachlos bist und Geld brauchst, geh ans Drake College«, sagt Carmelle Hutson, Sozialarbeiterin im Newarker Obdachlosenheim. 300 Dollar pro Woche stellt das College in Aussicht, wenn sich die Bewohner einschreiben. Dass es zum Großteil Studienkredite sind, die sie zurückzahlen müssen, ist den wenigsten klar. In den vergangenen zwei Jahren waren rund zwanzig von Hutsons Klienten als Collegestudenten eingeschrieben.

Das College äußert sich zu den Vorwürfen trotz mehrfacher Anfrage nicht. Fest steht: Überall im Land haben Hochschulen wie das Drake College die Quote an Studenten mit niedrigem Einkommen erhöht. Der Grund dafür ist so schlicht wie schockierend: Rund 87 Prozent der Gelder, die zum Beispiel das Drake College einnimmt, sind Darlehen, die der Staat mittellosen Studenten zur Verfügung stellt. 26,5 Milliarden Dollar an Steuergeldern haben sogenannte for-profit schools allein 2009 erhalten - im Jahr 2000 waren es noch 4,6 Milliarden. Die Kredite, so scheint es, werden allzu leicht vergeben, und lange kümmerte es kaum einen, dass viele sie nicht zurückzahlen können.

Der Erfolg der gewinnorientierten Hochschulen ist das Ergebnis einer Versorgungslücke in der amerikanischen Bildungslandschaft: Private Hochschulen verlangen Zehntausende Dollar Studiengebühren pro Jahr. Oft sparen Eltern jahrzehntelang, damit sich ihre Kinder für ihr Studium nicht auf Jahrzehnte hinaus verschulden müssen. Um die Kosten niedrig zu halten, besuchen jedoch 80 Prozent aller Highschool-Absolventen ohnehin die preiswerteren öffentlichen Colleges. Doch die platzen aus allen Nähten. Und so kamen die for-profit schools ins Spiel. Wer in den USA Friseur oder Krankenpfleger werden will, lernt in der Regel hier. Doch inzwischen kann man an vielen der Einrichtungen auch seinen Bachelor oder Master erwerben. Der Begriff »Universität« ist in den USA nicht geschützt. Die Bedingungen für eine Akkreditierung sind von Staat zu Staat unterschiedlich. Manche Colleges, berichtet der Immatrikulationsexperte Barmak Nassirian von der American Association of Collegiate Registrars & Admissions Officers, verlegten notfalls sogar ihren Hauptsitz, um die nötige Zulassung zu bekommen. Gerade Soldaten haben oft keine andere Möglichkeit, als sich an einem for-profit college einzuschreiben. Der 39-jährige Sean Barrett studiert seit 1999 Militärgeschichte an der American Military University (AMU). Wie viele Amerikaner ging auch er zum Militär, um seine Ausbildung finanzieren zu können. Denn das Verteidigungsministerium übernimmt einen Großteil der Studiengebühren. Bevor er an die AMU kam, besuchte Barrett verschiedene Colleges in den USA. Doch die ständigen Standortwechsel machten es schwierig, die Kurse zu besuchen und im Studium vorwärtszukommen. Wie viele Schulen er genau besucht hat, weiß Barrett nicht mehr. »Vier oder fünf waren es mindestens«, sagt der Flugzeugtechniker. Während viele der klassischen Unis erst anfangen, Onlinekurse anzubieten, haben sich die AMU und andere schon vor Jahren darauf spezialisiert.
Seit die ersten Colleges Anfang der Neunziger an die Börse gegangen sind, ist der Kampf um Studenten noch härter geworden. Rekrutierer telefonieren täglich Listen mit Hunderten Namen ab und besuchen Obdachlosenheime und Militärstandorte, um ihre Quote zu erfüllen. »Das primäre Ziel dieser Einrichtungen ist nicht die Ausbildung ihrer Studenten«, meint James Pappas, Vizepräsident an der University of Oklahoma, einer öffentlichen Hochschule, die massiv Studenten an die AMU verloren hat. »Vor allem geht es ihnen darum, möglichst viel Geld zu machen.« Die Ausgaben für Werbung können mit denen multinationaler Konzerne mithalten, 20 bis 25 Prozent des Etats fließen in TV- und Radio-Spots. Um die Gewinne weiter nach oben zu schrauben, werden die Kosten niedrig gehalten: »Statt 50 000 Dollar pro Jahr für einen Hochschullehrer zu zahlen, stellen sie Dozenten für 1500 Dollar pro Kurs ein«, so Pappas. Natürlich gebe es aber auch Einrichtungen, die viel Gutes täten, ergänzt er.

Dass jedoch viele der gewinnorientierten Hochschulen zu drastischen Methoden greifen, weiß auch die Regierung - und hat die Hochschulen inzwischen ins Visier genommen. Verdeckte Ermittler hatten sich bei 15 Schulen als Interessenten vorgestellt. Das Ergebnis: Die Mitarbeiter nötigten die Studenten, in den Anträgen für Darlehen zu lügen, machten falsche Angaben über Studiendauer, Einstiegsgehalt der Absolventen und die Qualität der Ausbildung. »Während die Schulen von Regierungsgeldern profitieren und mithilfe der Steuerzahler Gewinne machen, bleiben ihre Studenten auf der Strecke«, erklärt Bildungsminister Arne Duncan. Geht es nach den Plänen der Obama- Regierung, müssen die Colleges von Juli 2011 an strenge Auflagen erfüllen, wenn sie Gelder vom Staat bekommen wollen. Fünf Prozent der Einrichtungen, so die Schätzungen, erhalten dann keine Steuergelder mehr - jedes zweite College muss zumindest nachbessern. Denn auch Arbeitgeber sind gegenüber den Abschlüssen oft skeptisch. Entsprechend liegt der Anteil der Absolventen von for-profit schools an den nicht zurückgezahlten Krediten bei 46 Prozent - ihr Anteil an den Studierenden beträgt dagegen zehn Prozent.

Die Schulen weisen die Kritik zurück. »Bei uns können sich nur Studenten einschreiben, bei denen wir davon ausgehen, dass sie unser straffes Programm auch abschließen können«, versichert Chad Christian, Sprecher der University of Phoenix. Die gewinnorientierte Hochschule ist mit rund 500 000 eingeschriebenen Studenten eine der größten Unis weltweit. Der Anteil an Studenten aus schwierigen Verhältnissen, gibt Christian zu, sei hoch. Deshalb bemühten sich die Mitarbeiter, den Studenten zu helfen - etwa über eine dreiwöchige kostenlose Orientierungsphase. Doch das Problem sei vor allem die Orientierung nach dem Studium, sagt Carmelle Hutson von der Goodwill Rescue Mission. »Die Studenten bekommen nach dem Abschluss keine Hilfe bei der Jobsuche.« Die Folge: »Wenige Monate nach ihrem Abschluss sind sie oft wieder bei uns.«

Aus DIE ZEIT :: 23.09.2010

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