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Von der Wagenremise zur prosperierenden Fabrik

von Wladimir Reschetilowski

Ab Oktober ist in Radebeul die ehemalige Salicylsäurefabrik und spätere Chemische Fabrik Dr. F. von Heyden "Historische Stätte der Chemie". Die GDCh würdigt damit das Wirken von bedeutenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Wirtschaft: Friedrich von Heyden, Hermann Kolbe und Rudolf Schmitt hatten dort mit der Salicylsäureproduktion begonnen, später erfand Richard Seifert die Rezeptur für Odol. In den 1940er Jahren entwickelte Richard Müller in der Fabrik das Verfahren zur Silikonherstellung.

Von der Wagenremise zur prosperierenden Fabrik© Jbergner - commons.wikimedia.orgDie ehemalige Salicylsäure-Fabrik Dr. F. v. Heyden in Radebeul ist "Historische Stätte der Chemie 2012"
Das von Hermann Kolbe (1818 - 1884), Professor für Chemie an den Universitäten Marburg und Leipzig, entdeckte Herstellungsverfahren der Salicylsäure aus Kohlendioxid und Natriumphenolat verdrängte alsbald deren Gewinnung aus Weidenrinde. Damit avancierte die Salicylsäure zum weltweit ersten synthetischen Arzneimittel, das aufgrund seiner "wundervollen Eigenschaften"1) einer schnellen industriellen Einführung entgegensah.

Da Kolbe weder Zeit noch technische Voraussetzungen dafür hatte, bat er seinen früheren Assistenten aus der Marburger Zeit Rudolf Schmitt (1830 - 1898), der inzwischen Professor am Dresdner Polytechnikum geworden war, ihm einen zuverlässigen Mitarbeiter zu empfehlen, der seine Entdeckung in der Praxis realisieren könnte. Schmitt schlug seinen Schüler Friedrich von Heyden (1838 - 1926) vor, der soeben seine Promotion beendet hatte.

Von Heyden übernahm dann die Aufgabe, die laborsynthetische Darstellung von Salicylsäure in eine technische Fabrikation zu übertragen. Er schrieb später in seinen "Lebenserinnerungen": "Etwa ein Jahr lang dauerten die Versuche in meiner Wohnung und meiner zur chemischen Werkstatt umgewandelten Wagenremise mit einem braven Gehilfen und da wir das ganze Verfahren zum Patent angemeldet hatten, dessen Erteilung keinem Zweifel unterlag, so konnten jetzt Anstalten getroffen werden, die Sache ins Große zu übersetzen." Zu diesem Zweck gründete er die "Salicylsäurefabrik Dr. F. von Heyden", deren älteste Eintragungen im Geschäftsbuch vom 2. Januar 1874 stammen.2)

Da der Platz in der Wagenremise bald nicht mehr ausreichte, um die anhaltende Nachfrage nach Salicylsäure zu bedienen, erwarb von Heyden "auf Radebeuler Flur im elenden Kiefernwald unbebautes, gänzlich ödes Land"1) nahe Dresden und ließ dort eine chemische Fabrik errichten, die 1875 in Betrieb ging. Zehn Jahre später legte von Heyden die Firmenleitung nieder und verkaufte die gut florierende Fabrik, die in der Folge den Namen "Dr. von Heyden Nachfolger" erhielt.

Mit Odol und Acylin an die Spitze

Zur gleichen Zeit wurde der promovierte Chemiker Richard Seifert (1861 - 1919), ein Schüler von Rudolf Schmitt, als wissenschaftlicher Chemiker in der Firma eingestellt. Bald darauf stellte er den Salicylsäurephenylester her, der als Arzneimittel "Salol" zur Behandlung innerer Organe eingesetzt wurde.

Ein Derivat des Salols unter dem Decknamen "Salicylogen" wurde zum wesentlichen Wirkstoff des Mundwassers Odol, dessen Rezeptur Seifert im Jahr 1892 für Karl August Lingner (1861 - 1916) zur Vermarktung als Antiseptikum anbot [Nachr. Chem. 2007, 55, 135]. Als wichtiger Wirkstoff erwies sich die Acetylsalicylsäure, mit dem die Farbenfabriken vorm. Bayer unter dem Namen Aspirin 1899 auf den Markt kamen. Daraufhin begann auch die Chemische Fabrik von Heyden mit der Produktion. Sie gab Acetylsalicylsäure erst unter ihrem wissenschaftlichen Namen, dann unter der Marke Acetylin in den Handel.

Eine sich ständig erweiternde Produktpalette und steigende Absatzmengen machten das Unternehmen von einer reinen Salicylsäurefabrik zu einem großen chemischen Werk. Um Kapital für notwendige Erweiterungen zu beschaffen, wurde die von Heydensche Fabrik im Jahr 1896 in eine GmbH und drei Jahre später in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Das Grundkapital betrug anfangs fünf Millionen Mark, wurde aber in den Jahren 1909 und 1912 mit jeweils einer, 1917 dann um drei Millionen Mark aufgestockt. Im Jahr 1920 betrug es 28 Millionen Mark. Die guten Geschäftsabschlüsse der Jahre 1929 bis 1934 legten die Grundlage für umfangreiche Modernisierungen der Produktionsanlagen und -gebäude, für die Rekonstruktion des Hauptlabors und den Neubau des Chemikalienlagers sowie für die Einrichtung großer und heller Arbeitssäle im Verpackungsbereich. Der Gesamtumsatz der Chemischen Fabrik von Heyden AG stieg stetig und erreichte im Jahr 1944 mehr als 37 Millionen Reichsmark.

Auf dem Weg zum VEB

Im Mai 1945 lief die Produktion bis zum letzten Kriegstag, die Firma hatte keinerlei Schäden durch Luftangriffe oder Kampfhandlungen zu Lande erlitten und war mit Rohstoffen für mindestens sechs Monate bevorratet. Am 5. Mai rückte die Rote Armee in Radebeul ein. Die Werkleitung erhielt von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) den Befehl, weiterzuarbeiten. Doch schon am 26. Juni wurde die Direktion und der neu gebildete Betriebsrat davon unterrichtet, dass das Werk als beschlagnahmt gelte, bis zum 30. Juli demontiert werde und die Anlagen in die Sowjetunion abtransportiert würden. Zur gleichen Zeit äußerte die SMAD den Wunsch, ein chemisch-pharmazeutisches Labor einzurichten, in dem deutsche und sowjetische Chemiker gemeinsam beschäftigt werden sollten. In einem Bericht an das Amt für Neuordnung der Betriebe vom Juli 1946 werden erstmals die spektakulären Forschungsergebnisse mit Silikonprodukten von Richard Müller (1903 - 1999), seit 1932 in der Chemischen Fabrik von Heyden tätig, vorgestellt. Am 1. Juli 1948 wurde die Chemische Fabrik von Heyden gemäß SMAD-Befehl Nr. 64 enteignet und damit volkseigener Betrieb "VEB Chemische Fabrik von Heyden". Die Gesellschafterversammlung der AG beschloss daraufhin die Verlegung des Firmensitzes nach München.

Im Jahr 1951 wurde die Silikon- und Fluorforschungsabteilung unter Leitung von Richard Müller ausgegliedert. Sie war nun als selbstständiger "VEB Silikon-Chemie" für die angelaufene Silikonproduktion nach dem Müller-Rochow-Verfahren im Werk Weißig/Nünchritz verantwortlich. Bereits Ende 1952 konnte man auf eine stattliche Anzahl von neu entwickelten Silikonerzeugnissen zurückblicken.

Auf Druck eines Münchener Rechtsanwaltes im Auftrag der Chemischen Fabrik von Heyden AG musste im Jahr 1958 der "VEB Chemische Fabrik von Heyden" seinen Namen in "VEB Chemische Werke Radebeul" (CWR) ändern. Am 1. Januar 1961 fusionierte CWR mit dem "VEB Arzneimittelwerk Dresden" (AWD), der aus der Vereinigung der Betriebe Gehe & Co., Dr. Madaus & Co. und Wecusta 1958 hervorging, zum größten pharmazeutischen Betrieb der DDR. Mit 3000 Beschäftigten in sechs Betriebsteilen und mit einem Produktionsvolumen von 100 Mio. Mark wurde er 1970 in den Stand eines Kombinats erhoben. Im Jahr 1979 schließlich avancierte der Verbund zum Stammbetrieb des neu gegründeten "VEB Pharmazeutisches Kombinat Germed", dem fast alle Arzneimittelhersteller der DDR angehörten.

Epilog

Am 1. Juni 1990 wurde das AWD aus dem Kombinatsverbund herausgelöst und in die AWD GmbH umgewandelt, die alsbald in das Eigentum der Treuhandanstalt in Berlin überging. Salicylsäure produzierte die Fabrik zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.3) Im Zuge der Privatisierung erhielt die Asta Medica AG, eine Tochter der Degussa, Ende 1991 den Zuschlag zum Erwerb des AWD und signierte den Kaufvertrag rückwirkend zum 1. Januar 1991. In den Folgejahren konnte der Synthesestandort Radebeul erhalten und modernisiert werden. Doch mit der Fusion der Degussa-Hüls im Jahr 1999 und ihrer Konzentration auf Spezialchemie folgte die Trennung von Asta Medica und AWD. Im Januar 2000 kaufte Degussa-Hüls die Wirkstoffsynthese des AWD in Radebeul; zum 1. Juli 2004 ging sie auf Hexal als eigenständiges Tochterunternehmen Hexal Syntech über. Kurz darauf übernahm die Sandoz-Gruppe Hexal. 2007 erwarb dann die Santo-Holding der Gebrüder Strüngmann die Anlage und die modernen Laboratorien. Der Synthesestandort Radebeul, die Hexal Syntech, blieb eigenständig und firmiert seit September 2007 als Arevipharma.

Die restliche AWD in Dresden (ehemals Gehe) wurde 2001 umfirmiert in AWD.pharma; im gleichen Jahr übernahm sie der kroatische Pharmakonzern Pliva. 2006 kaufte die italienische Menarini-Gruppe die Arzneimittelproduktion der AWD.pharma, die für ihr Werk in Dresden den historischen Namen von Heyden wieder nutzte. Pliva wiederum wurde von dem US-amerikanischen Pharmaunternehmen Barr Pharmaceuticals erworben. Es entstand so das weltweit drittgrößte Produktionsunternehmen von Generika; dieses übernahm im Dezember 2008 der israelische Pharma-Konzern Teva. Somit wechselte auch die AWD.pharma in Radebeul den Besitzer. 2010 erwarb Teva die Ratiopharm, eines der führenden Generikaunternehmen im deutschen Markt, und gliederte diesem das AWD ein. Am Jahresende 2011 wurde dann das AWD geschlossen, ein kleiner Teil der Beschäftigten von der Ratiopharm übernommen, der größere Teil entlassen.


Über den Autor
Wladimir Reschetilowski ist Professor für technische Chemie an der TU Dresden. Die umfangreiche Festbroschüre "Historische Stätten der Chemie - Ehemalige Salicylsäurefabrik und spätere Chemische Fabrik Dr. F. von Heyden Radebeul" entstand unter seiner Federführung und unter Mitwirkung von Horst Remane und Andreas Schuhmann. Sie ist erhältlich unter r.kiessling@gdch.de und 069-7917-580.

Literatur
1) F. von Heyden: Meine Lebenserinnerungen und Selbstbekenntnisse, vollendet 1921 (Für die Abschrift des Tagebuchs, das sich im Besitz von Franz Drescher-Kaden und Stephan Drescher-Kaden, von Heydens Nachkommen, befindet, sei Rainer Brüggemann herzlich gedankt)

2) W. Reschetilowski, H. Remane, A. Schuhmann: Festbroschüre "Historische Stätten der Chemie - Ehemalige Salicylsäurefabrik und spätere Chemische Fabrik Dr. F. von Heyden Radebeul", Radebeul, 1. Oktober 2012.

3) A. Kleemann, H. Offermanns, Meilenstein Salicylsäuresynthese, Chem. unserer Zeit 2012, 46, 40-47.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Oktober 2012

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