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Von einer fixen Idee zum Forschungsprojekt: Pferdemist als Energiequelle

Von Birk Grüling

Saskia Oldenburg entwickelt mit ihrem Team an der Technischen Universität Hamburg-Harburg eine Anlage zur Aufbereitung von Pferdemist für Biogasanlagen. Ein Prototyp für Laborversuche wird bereits gebaut, komplett finanziert über einen Spendenaufruf auf der Crowdfunding-Plattform sciencestarter.de

Von einer fixen Idee zum Forschungsprojekt: Pferdemist als Energiequelle© Saskia OldenburgAls begeisterte Reiterin kam Saskia Oldenburg die Idee, Pferdemist für Biosgasanlagen aufzubereiten
Die Idee, Pferdemist als Substrat für Biogasanlagen zu nutzen, zieht inzwischen weite Kreise. "Die Resonanz ist groß. Ich werde zu Konferenzen und Vorträgen eingeladen und bekomme unzählige Anfragen von Reitstellen und Landwirten. Auch Journalisten rufen wöchentlich an", erzählt Saskia Oldenburg nicht ohne Stolz. Eigentlich promoviert die junge Ingenieurin für Energie- und Umwelttechnik über organische Abfälle wie Rasenschnitt und ihr Potenzial für Biogasanlagen. Auf eine ähnliche Verwendung für den Pferdemist kam sie durch ihre Leidenschaft. Als begeisterte Reiterin verbringt sie fast täglich Zeit im Stall. "Ich habe einer Freundin von meiner Forschung erzählt und beim Misten kamen wir auf die mögliche Nutzbarkeit des Pferdemists", erinnert sie sich. Die fixe Idee ließ die 28-Jährige nicht mehr los, spätestens nach einer vorläufigen Potenzialanalyse war die Doktorandin von ihrem heutigen Vorzeigeprojekt vollends überzeugt.

Sogar so überzeugt, dass sie sich gegen den obligatorischen Drittmittelantrag entschied und lieber die Netzgemeinde um Geld für den Bau eines Prototypen bat. Auf dem Crowdfunding-Portal www.sciencestarter.de stellte sie ihr Projekt ein und bat um Spenden in freiwählbarer Höhe. "Ich war von Anfang an überzeugt, dass das Vorhaben nachhaltig und greifbar genug ist, um die Menschen von einer Spende zu überzeugen", sagt sie. Eine richtige Einschätzung, wie sich schnell zeigte. Bereits zwei Tage vor Ende des Aufrufs kamen die angestrebten 10.000 Euro zusammen, am Schluss waren es sogar über 14.000 Euro. "Ich habe viel Zeit investiert, war auf Science Slams, habe in den sozialen Netzwerken die Werbetrommel gerührt und mit Medien gesprochen. Aber ich glaube, dass sich die Mühe gelohnt hat. Das zeigt auch das anhaltende Interesse an dem Thema."

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Die Nachfrage ist vorhanden

Die Nutzung von Tierexkrementen als Energiequelle in Biogasanlagen ist übrigens heute schon alltäglich, so macht die Gülle von Schweinen und Rinder einen großen Anteil der eingespeisten Substrate in den 7.200 Anlagen in Deutschland aus. Bei der Verwendung von Pferdemist gibt es dagegen bisher eine große Hürde. Als Pferdemist bezeichnet man nämlich den gesamten Inhalt einer Box, also Futterreste, Stroh, Sand und Fäkalien. Langes Stroh und Sand sind Störstoffe, die die Technik beschädigen können. Um den Pferdemist trotzdem für Biogasanlagen nutzbar zu machen, braucht es einen Trennungsadapter. "Durch Wasserzirkulation und eine dem Sandfang ähnliche Technik trennen wir die Fäkalien von den Störfaktoren. Das herausgefilterte Stroh wird extern zerkleinert und ebenfalls in die Biogasanlage gegeben", erklärt Oldenburg die Funktionsweise.

Mit diesem Prinzip könnte jede Art von Tiermist gefiltert werden. Gerade für Tierparks und Zoos ergeben sich hier spannende Energiequellen, die bisher meistens ungenutzt bleiben. Auf Pferdemist spezialisierte Biogasanlagen gibt es nur zwei in Deutschland, Mist dagegen mehr als genug. In Deutschland gibt es rund 900.000 Pferde, die im Jahr bis zu 14,5 Millionen Tonnen Mist produzieren. Diese Mengen sind für Reitställe durchaus ein Problem. Die monatlichen Kosten zur Entsorgung liegen bei fünf bis zehn Euro pro Tier, denn nur ein kleiner Anteil des Mists kann in der Landwirtschaft genutzt werden. So bleibt oft nur die Lagerung auf dem Hof. Diese Probleme könnte ihr Projekt an der TU Harburg lösen, ist sich Oldenburg sicher. "Der Mist würde schnell und kostenlos abgeholt werden. Die Besitzer von größeren Reitställen könnten sogar eigene Biogasanlagen bauen und damit zusätzlich Kosten für Strom und Wärme sparen."

Von einer fixen Idee zum Forschungsprojekt: Pferdemist als Energiequelle Ein Trennfilter muss den Pferdemist von Störfaktoren, wie Stroh und Sand, befreien

Pferdemist ersetzt Mais

Auch die Betreiber von Biogasanlagen können von der Investition in eine Filteranlage profitieren. Eine erste Kostenanalyse geht schon von einer Amortisation nach zwei Jahren aus. "Jedes neue Substrat ist gut für die Betreiber und macht sie unabhängiger von den Preisen für Energiepflanzen wie Mais. Außerdem wird die Entsorgung von Pferdemist durch die EEG-Umlage mehrfach vergütet", erklärt die 28-Jährige. Die Reduzierung des Maisanteils hätte wiederum positive Auswirkungen auf die Umwelt. Der Maisanbau in Deutschland hat sich durch EU-Subventionen in den letzten Jahren so erhöht, dass Kritiker sogar von "Maiswüsten" sprechen. Diese Monokulturen verhindern den Anbau von Nahrungsmitteln und schaden gleichzeitig dem Ökosystem. Eine konsequente Nutzung von Pferdemist könnte den Anbau um bis zu 25 Prozent senken. Außerdem werden durch die schnellere Mistentsorgung auch Treibhausgase reduziert.

Das Biogas selbst kann auf verschiedene Weisen genutzt werden. Neben der Strom- und Wärmeproduktion wird es auch in das Gasnetz eingespeist. Insgesamt liefern die Anlagen in Deutschland derzeit rund drei bis fünf Prozent des Stroms. Im Zuge der Energiewende soll dieser Anteil weiter steigen, vielleicht auch dank des Pferdemist-Filters. "Ich glaube, meine Idee ist ein kleiner, aber durchaus wichtiger Beitrag zur Energiewende", sagt sie. Der Prototyp soll bis Ende des Sommers fertig sein und nach einer ausführlichen Testreihe im Labor hofft die Forscherin für 2014 auf den endgültigen Praxistest in einer großen Biogasanlage.

academics :: Juni 2013


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