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Von Hoch zu Höher - die Studienanfängerzahlen der kommenden Jahre

Von Dieter Dohmen

Der Ansturm auf die Hochschulen hält an und die Kernfrage lautet, mit wievielen Studierenden die Hochschulen in den nächsten Jahren rechnen müssen. Bei der Prognose sind regionale Unterschiede, aber auch die Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes zu berücksichtigen. Exemplarisch wird zudem untersucht, wie sich die Zahl der Studienanfänger in den MINT-Fächern entwickeln könnte.

Von Hoch zu Höher - die Studienanfängerzahlen der kommenden Jahre© AllzweckJack - Photocase.comWird der Ansturm auf die Unis unterschätzt?
Prognosen sind mal kurzlebig und fast schon überholt, weil sich die Rahmenbedingungen kurz nach Veröffentlichung geändert haben; mal haben sie ein "Comeback" nach Jahren. Letzteres gilt derzeit für die Prognose der Kultusministerkonferenz aus dem Jahre 2005, die derzeit treffgenauer ist als die meisten ihrer Nachfolger. Da sie allerdings das Tief Mitte des Jahrzehnts nicht vorhersagte - und möglicherweise auch nicht vorhersagen konnte - wurde die KMK zwischenzeitlich sehr gescholten. Die Prognose der KMK hatte jedoch eine wichtige Funktion, da sie die Grundlage für den Hochschulpakt war, der 2006 zwischen Bund und Ländern geschlossen wurde, weil für die kommenden Jahre mit einer deutlichen Zunahme der Studierendenzahlen gerechnet wurde; vielfach wurde auch von einem "Studentenberg" gesprochen. Ohne den Hochschulpakt wären die neuen Höchststände, die seit 2008 jährlich erreicht wurden, vermutlich nicht möglich, da die Hochschulen einen Anreiz haben, mehr Studienanfänger aufzunehmen.

Die nachfolgenden Ausführungen werden zeigen, dass auch in den kommenden Jahren mit hohen Studienanfängerzahlen zu rechnen ist. Hintergrund sind einerseits die doppelten Abiturjahrgänge, die in den kommenden drei Jahren insbesondere in den großen Bundesländern zu erwarten sind. Anderseits verändern sich aber auch weitere Parameter, die zum Teil zu einer "künstlichen" Erhöhung der Erstsemesterzahlen führen. So sind die Berufsakademien etwa in Baden-Württemberg als "Duale Hochschulen" in den Kreis der Hochschulen überführt worden, wodurch pro Jahr über 8.500 Studienanfänger hinzukommen, die auf den Hochschulpakt angerechnet werden. Ferner sind die Übergangsquoten an die Hochschulen insbesondere in den ersten Jahren nach dem Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung derzeit deutlich höher als in den Vorjahren. Des Weiteren haben die Privathochschulen ihre jährliche Aufnahmekapazität in vier Jahren von 13.500 auf
25.500 annähernd verdoppelt, was z.B. in Hamburg zu einem überproportionalen Aufwuchs der Studienanfängerzahlen geführt hat. Dies geht im Übrigen weitgehend einher mit einem Anstieg der berufsbegleitend Studierenden.

Zu guter Letzt hat sich innerhalb von zwei Jahren die Zahl der Studienanfänger, die ihre Studienberechtigung im Ausland erworben haben, allein im jeweiligen Wintersemester von
40.500 (2008/09) auf 46.200 (2009/10) erhöht. Im Ergebnis führen diese Entwicklungen im Zusammenspiel dazu, dass alle bisherigen Prognosen die Zahl der Studienanfänger deutlich unterschätzt haben, wobei die FiBS-Prognose den Ergebnissen in den letzten Jahren jeweils noch am nächsten kam. Geht man von den Ergebnissen der länderdifferenzierten Prognose aus, dann wird die Zahl der Studienanfänger in den kommenden Jahren von derzeit 442.600 (vorläufige Zahlen) - ohne Berücksichtigung der Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes - auf über 460.000 im kommenden Jahr bis auf 470.000 (2013) ansteigen, um anschließend wieder nach und nach auf 415.000 im Jahre 2020 abzusinken. Zu beachten sind bei der Entwicklung bis 2020 beträchtliche regionale Unterschiede. So ist der Anstieg in den süd- und westdeutschen Ländern stärker als in den nord- und ostdeutschen. Und die Stadtstaaten profitieren vergleichsweise stark durch Zuwanderung und - insbesondere Hamburg und Berlin - private Hochschulen. Der aus demografischen Gründen zu erwartende Rückgang in den ostdeutschen Ländern wird durch eine erkennbar verstärkte Zuwanderung aus westdeutschen Ländern abgeschwächt, was dazu führt, dass der Rückgang schwächer ausfällt als von uns bisher prognostiziert. Insofern dürfte der Rückgang überzeichnet sein. Zudem dürften die ostdeutschen Hochschulen überproportional von der Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes profitieren.

Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes

Bei den bisherigen Betrachtungen ist die nach den Ankündigungen der Bundesregierung im kommenden Jahr zu erwartende Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes noch nicht berücksichtigt. Nach uns vorliegenden Daten ist - auf gleicher Basis wie in den vergangenen Jahren - von etwa 60.000 studienberechtigten Wehr- und Zivildienstleistenden auszugehen, die wahrscheinlich nicht mehr eingezogen werden. Die Abschätzung der daraus resultierenden zusätzlichen Nachfrage nach Studienplätzen ist nicht ganz einfach, da nicht bekannt ist, in welchem Umfang diese Gruppe an einem Studium interessiert ist und wie schnell sie ein Studium aufnehmen wird. Dementsprechend groß ist die Spannbreite der bisher vorliegenden Schätzungen. Vorsichtig kalkuliert laufen eigene Schätzungen auf 30.000 bis 35.000 zusätzliche Studienanfänger in 2011 und 15.000 bis 20.000 in 2012 hinaus. Dies würde für das Jahr 2011 bedeuten, dass knapp 500.000 Studienanfänger zu erwarten wären. Da die Zahl im Jahr 2012 mit bis zu 485.000 niedriger wäre, könnte 2011 ein für längere Zeit gültiges "Allzeit-Hoch" erreicht werden.

Eine Million Studienanfänger bis 2020

Die hier zusammenfassend dargestellte Prognose geht - unter Berücksichtigung der Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes - davon aus, dass die Zahl der Studienanfänger im kommenden Jahr noch einmal deutlich um über zehn Prozent gegenüber dem diesjährigen Wert ansteigen könnte. Auch wenn in den nachfolgenden Jahren jeweils mit einem leichten Rückgang gegenüber diesem vermutlichen "Allzeit-Hoch" zu rechnen ist, kommen unsere Berechnungen zu dem Ergebnis, dass für den Zeitraum 2011 bis 2015 rund 500.000 zusätzliche Studienplätze erforderlich sind als im Hochschulpakt als Ausgangszahl zugrunde gelegt wurden. D.h. gegenüber den bisher "verabredeten" 275.000 zusätzlichen Erstsemestern müssten danach annähernd doppelt so viele Studienanfänger über den Hochschulpakt finanziert werden, als bisher vorgesehen. Auch nach der "Weichenstellung" der GWK für eine Aufstockung des Hochschulpakts um bis zu 59.000 Studienplätze im Zuge der Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes bleibt noch eine beträchtliche Lücke von rund 165.000. Auch der Hochschulpakt I (2007-2010), auf insgesamt 91 370 Studienplätze ausgelegt, war deutlich zu gering angelegt, weil rund 180.000 Studienanfänger in den vergangenen Jahren ein Studium über die vereinbarte Basiszahl hinaus aufgenommen haben. Nach unseren Berechnungen ist für den Zeitraum 2011 bis 2020 von insgesamt rund einer Million Studienanfängern auszugehen, die über den Hochschulpakt zusätzlich zu finanzieren wären.

Exkurs: Studienanfänger- und Hochschulabsolventenzahlen im MINT-Bereich

Exemplarisch soll abschließend untersucht werden, wie sich die Zahl der Studienanfänger in den MINT-Fächern entwickeln könnte. Nachdem sich die Zahl der Studienanfänger als auch die der Hochschulabsolventen in diesem Fächerbereich bereits in den vergangenen Jahren deutlich positiv entwickelt haben, ist auch für die kommenden Jahre davon auszugehen, dass die Studienanfängerzahl in den MINT-Fächern weiter ansteigen wird und das Maximum im Jahr 2013 mit 145.000 bzw. 168.000 erreichen wird. Anschließend sinkt die Zahl wieder auf 125.000 bis 145.000 ab, was ungefähr der Spannbreite der Erstsemesterzahlen in den drei letzten Jahren entspricht. Der weitere Anstieg der Studienanfängerzahlen wird sich mit der entsprechenden Verzögerung auch in einem weiteren Anstieg der Zahl der Hochschulabsolventen, die bereits in den letzten Jahren deutlich von 55.000 auf 92.000 (ohne Promotionen) angestiegen ist, widerspiegeln. Trotz der sich durch die Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge verkürzenden durchschnittlichen Studiendauer werden die Höchstwerte erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts erreicht.

Entsprechend der Spannbreite bei der Prognose der Studienanfängerzahlen bewegen sich die Absolventenzahlen zwischen 95.000 und 118.000. Dies dürfte dazu führen, dass die in den letzten Jahren diskutierte Fachkräftelücke im MINT-Bereich zumindest deutlich kleiner ausfallen wird als bisher prognostiziert, vorausgesetzt die Zahl der Studienanfänger in den MINT-Fächern wächst entsprechend des Anstiegs der Studienanfängerzahlen insgesamt mit. Schlüsselt man den Anstieg der Absolventenzahlen nach Geschlecht auf, dann zeigt sich, dass ein überproportionaler Anteil des Anstiegs auf Frauen zurückzuführen ist, die mittlerweile fast ein Drittel der Absolventen in den MINT-Fächern stellen, während es 1997 noch ein Fünftel war. Diese Entwicklung ist von besonderer Bedeutung, weil der Frauenanteil an den Studienanfängern seit Anfang des Jahrzehnts bei rund 30 Prozent liegt (+/- 1 Prozent). Damit bestätigen sich die Befunde anderer Studien auch in den MINT-Fächern: Frauen schließen ihr Studium häufiger erfolgreich ab als Männer. Für die kommenden Jahre ist daher mit einem weiteren Anstieg des Frauenanteils an den MINT-Absolventen zu rechnen.

Zusammenfassung der Studie "FiBS-Studienanfängerprognose 2010 bis 2020: Bundesländer und Hochschulpakt im Fokus" (FiBS-Forum Nr. 48»).


Über den Autor
Dr. Dieter Dohmen ist Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Berlin.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2011

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