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Vor- und Nachteile dualer Studiengänge


Von Karin Wagner, Andreas Melchert und Sandra Braun-Grüneberg

Immer mehr Unternehmen setzen auf duale Studienprogramme, bei denen neben dem Studium viel Praxis geboten wird. Was sind die Vor- und Nachteile dieser Studienform? Wie gestalten sich die Auswahl der Hochschulen und die Bewerbungsverfahren? Ergebnisse einer Umfrage.

Vor- und Nachteile dualer Studiengänge© kutay tanir - iStockphoto.com

Hochschulausbildung für anspruchsvolle Berufe

Die zunehmende Komplexität vieler Berufe erfordert eine anspruchsvollere Ausbildung, doch durch die Bologna-Reform verkürzten sich die Studiengänge und führten zu einer geringeren Anzahl von Spezialisierungskursen. Daher setzen immer mehr Unternehmen auf den Ausbau dualer Studienprogramme, bei denen eine zum Studium parallele Vertiefung technologischer Kenntnisse in der Praxis erfolgt. Über die letzten drei Jahre bis 2009 stieg die Teilnehmerzahl an dualen Studiengängen bei den befragten Unternehmen um 39 Prozent an. Was sind die Vor- und Nachteile dieser Studienform insbesondere für Hochschulen und Studenten? Wie gestalten sich die Auswahl der Hochschulen und die Bewerbungsverfahren? Dazu haben wir 2009 und 2010 Interviews persönlich und telefonisch mit Führungskräften aus 33 Unternehmen geführt, die 38 Programme mit 62 Studiengängen anboten. Des Weiteren wurden neun Hochschulvertreter interviewt, die in diesen Programmen mit den Unternehmen kooperierten. Zwei Drittel der Unternehmen kamen aus den Branchen Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und Fahrzeugbau. Im Jahr 2009 haben in den befragten Unternehmen 1 050 Studierende ein duales Studium begonnen.

Gründe für die Auswahl der Bildungspartner

Bei der Wahl der Bildungspartner dominierten Fachhochschulen und Berufsakademien. Die 33 Unternehmen kooperierten mit insgesamt 27 Hochschulen, die sich aus 18 Fachhochschulen, sechs Berufsakademien und drei Universitäten zusammensetzen. Für die Entscheidung zu Gunsten von Fachhochschulen und Berufsakademien wurden am häufigsten ein 'höherer Praxisbezug der Ausbildung' und 'kleinere Seminargruppen' genannt. Als weitere Vorteile fielen das 'Eingehen auf unternehmensspezifische Anforderungen' und eine Bekanntheit aus 'sonstigen Kooperationen' auf. Die Universitäten wurden aufgrund einer 'hoch spezialisierten Ausbildung' sowie einer 'höheren Wertigkeit des Abschlusses' gewählt. Des Weiteren wurde bei Fachhochschulen hinsichtlich der Studieninhalte eine 'Anpassung an Unternehmensanforderungen' häufiger genannt als bei Berufsakademien. Dieses Ergebnis ergibt sich aus der Vielzahl von Kooperationsunternehmen bei den Berufsakademien, während Fachhochschulen teilweise eigene Studienzüge speziell für ein Unternehmen einrichten.

Organisation des Studiums

Insgesamt sind zwei Drittel der Programme auf ein sechssemestriges Studium ausgelegt, wobei die Berufsakademien ausschließlich sechssemestrige Programme anbieten. Bei den Fachhochschulen variiert die Studiendauer zwischen sechs und acht Semestern, während die Universitäten ausschließlich sieben bzw. achtsemestrige duale Studiengänge offerieren. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Praxis und akademischer Lehre ergab sich in den dualen Studienmodellen durch Dozenten und/oder Laborkräfte aus den Unternehmen (18 Nennungen), Bereitstellung von Drittmitteln (9 Nennungen) und von Laborkapazitäten (3 Nennungen). Eine Beteiligung an der Gremienarbeit fand in neun Fällen statt.

Ein Fünftel der Unternehmen entsandte so viele duale Studierende in eine Bildungseinrichtung, dass eigene, unternehmensspezifische Studienzüge eingerichtet wurden. Bei einem weiteren Fünftel der interviewten Unternehmen wurden die dualen Studenten in die Hochschulklassen der Vollzeit-Studierenden integriert. Die verbleibenden drei Fünftel wurden zusammen mit Studierenden vieler anderer Unternehmen in rein dualen "Klassen" unterrichtet. Bei rund der Hälfte der Unternehmen (45 Prozent) besteht die Möglichkeit, im Unternehmen neben dem Bachelorabschluss einen Facharbeiterbrief zu erwerben. Während die einen Unternehmen dies als Nachweis für die Praxiskenntnisse sahen, nannte ein Unternehmensvertreter als Argument gegen eine parallele Berufsausbildung, dass die Studenten sich nach ihrem Abschluss immer mit ihrem akademischen Abschluss bewerben würden. Keiner von ihnen wolle mehr eine Tätigkeit ausüben, die diesen akademischen Abschluss nicht verlangt. Tatsächlich gab ein Unternehmen sogar seine betriebliche Ausbildung für Abiturienten auf und ersetzte sie durch das duale Studium.

Auswahl der Studenten

Die Auswahl der Studenten delegieren die meisten Hochschulen an die Unternehmen. In 90 Prozent der Fälle übernehmen die Unternehmen die Auswahl der Studierenden, da sie damit auch ihre zukünftigen potentiellen Mitarbeiter aussuchen. Selbstverständlich müssen sie dabei auf die Erfüllung der Immatrikulationsbedingungen der kooperierenden Hochschule(n) achten. Bei den restlichen 10 Prozent wählen die Unternehmen gemeinsam mit den Hochschulen die Studenten aus. Die Vorgehensweise ist unterschiedlich. In jedem Fall durchlaufen die Bewerber einen umfangreichen Auswahlprozess. Dabei hat ein Fünftel aller Unternehmen vollkommen auf ein Onlinebewerbungsverfahren umgestellt und akzeptiert keine schriftlichen Bewerbungen mehr. Bei den Onlineverfahren sind teilweise schon Tests integriert, die zur Vorauswahl dienen. Unabhängig davon bleibt der Zensurendurchschnitt bei allen Unternehmen ein wichtiges Auswahlkriterium. Bei einem Drittel der Unternehmen finden gesonderte Tests zu Mathematik, Deutsch und Englisch statt. Anschließende Einzelinterviews führen dann zur Entscheidung für oder gegen einen Kandidaten. Nur in einem Fall immatrikulieren sich die Studierenden zuerst an der Hochschule und bewerben sich anschließend für das "Praxispaket" bei einem Unternehmen.

Leistungsvergleich

Der umfangreiche Auswahlprozess schlägt sich in einem guten Leistungsprofil nieder. Für einen Vergleich der Leistungen in dualen und in nicht-dualen Studiengängen wurden die Hochschulvertreter befragt. Bei sieben der neun Hochschulen wurde das Leistungsniveau der dualen Studierenden durchweg als besser eingeschätzt. Bei fünf Hochschulen betrug der Unterschied knapp eine Note, bei den verbleibenden zwei sogar 1,0 bis 1,9 Noten. Zwei Hochschulen bilden ausschließlich duale Studierende aus, so dass ihnen ein entsprechender Vergleich nicht möglich war.

Angebot eines Masterprogramms

Mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Unternehmen bietet ihren Absolventen eine Weiterbildungsmöglichkeit in Masterprogrammen an oder besitzt ein Budget für entsprechende Einzellösungen. Ein weiteres gutes Viertel (27 Prozent) plant kurz- bis mittelfristig die Einführung eines Masterstudiengangs. Nur 18 Prozent der Unternehmen sehen keinen Bedarf an der Weiterqualifikation zum Master. Offensichtlich treffen sich bei vier von fünf Unternehmen einerseits die Nachfrage der Unternehmen nach höherer Qualifikation der Beschäftigten und andererseits die Nachfrage der Studierenden nach einem höheren Abschluss. Einige Unternehmensvertreter merkten zudem an, dass ein Angebot von Masterstudiengängen dazu beiträgt, die besonders guten Absolventen im Unternehmen zu halten.

Vorteile des dualen Studiums für Studenten

Für die Studenten ergeben sich durch die frühen praktischen Erfahrungen deutliche Vorteile, da sie einerseits in der Praxis Gelerntes einsetzen und ausprobieren können, andererseits neuen Unterrichtsstoff leichter verstehen und schließlich differenziertere Fragen zum verbesserten Verständnis im Studium stellen können. Die regelmäßige Vergütung während der Ausbildung bietet einen weiteren wichtigen Vorteil, da die Studierenden sich voll auf die Ausbildung konzentrieren können. Dazu kommt eine oft vertraglich vorab zugesicherte Übernahme durch rund 90 Prozent der befragten Unternehmen, die für die Studenten eine große Sicherheit darstellt. Einige Unternehmensvertreter weisen darauf hin, dass duale Studierende wegen der Doppelbelastung ein sehr gutes Image inner- und außerhalb des eigenen Unternehmens haben. Durch die Verbindung von Arbeit und Studium werden ihnen eine hohe Belastbarkeit und eine hohe Selbstorganisation abverlangt. Bei einer eventuellen Umorientierung auf einen anderen Arbeitgeber verbessern sich dadurch die Einstiegschancen.

Nachteile des dualen Studiums für Studierende

Von Seiten der Unternehmen wurde eine mögliche "Betriebsblindheit" genannt, die aus der frühzeitigen Einbindung eines Studierenden in einem einzigen Unternehmen entstehen könnte. Unbestritten entfallen für duale Studenten die Einblicke, die andere Studenten durch Nebentätigkeiten, Werksstudententätigkeiten, Praxissemester und Abschlussarbeitssemester in verschiedene Unternehmen im Idealfall erwerben können. Diese Praxiserfahrungen in unterschiedlichen Unternehmen versprechen wertvolle, breit gefächerte Kenntnisse. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass viele Studenten außerhalb des dualen Systems aus finanziellen oder zeitlichen Gründen gezwungen sind, Teilzeitjobs wie zum Beispiel Kassierer oder Zeitungsverteiler zu übernehmen. Diese beziehen sich meistens auf repetitive Tätigkeiten und gewähren nur selten Einblicke in Praxisbereiche, die für das Studium relevant wären.

Positives Image

Die Organisation des dualen Studiums ist durch die Absprachen über Studien- und Praxiszeiten und einen Kooperationsvertrag für Hochschulen aufwendiger als die Durchführung eines normalen Studienbetriebs. Aber meistens ist die Kooperationsverhandlung eine einmalige Angelegenheit und andere Kooperationsmöglichkeiten wie die Unterstützung durch praxiserfahrene Dozenten oder Laborkapazitäten vereinfachen die Administration. Dagegen brauchen sich die Hochschulen kaum um die Auswahl der Studierenden zu kümmern und rekrutieren trotzdem motivierte und leistungsstarke Bewerber, die zudem von den Unternehmen noch kontinuierlich angeleitet und auch kontrolliert werden. Für die Bewertung der Hochschulen, die sich häufig auf Erfolgsquoten, Schnelligkeit des Abschlusses und Vermittlungsfähigkeit der Absolventen bezieht, ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Die Studenten haben eine finanzielle Absicherung, die Aussicht auf einen festen Arbeitsplatz und ein positives Image, weil sie nicht zuletzt der dualen Belastung stand gehalten haben.


Karin Wagner ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin.
Andreas Melchert studierte Logistik an der Technischen Hochschule Wildau. Er arbeitet derzeit als Forschungsassistent an der Hochschule für Technik und Wirtschaft, Schwerpunkt Krankenhauslogistik.
Sandra Braun-Grüneberg ist Diplomkauffrau (FH). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Bildungs- und Gesundheitsforschung.


Aus Forschung und Lehre :: April 2011

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