Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Vor dem nächsten Sprung

VON ANGELA KÖCKRITZ

So kennen wir China noch nicht: Als teures Land voller Superdesigner und genialer Ingenieure.

Vor dem nächsten Sprung© Jack - Fotolia.comChina im Wandel: Eigene Entwicklung statt billiger Produktion
Mitten in Shanghai, nicht weit von den Fabriken des Südens, wo Wanderarbeiter die Turnschuhe und iPhones dieser Welt zusammenschrauben, billig und schnell, liegt ein Geschäft namens Shangxia. Nicht weit? Fast scheint es, als lägen Lichtjahre zwischen den Orten.

»Ach«, sagt Shangxias Pressefrau Chen Shushu und gießt mit aufreizender Langsamkeit eine weitere Tasse Tee ein, »wir können unsere Handwerker einfach nicht drängen. Sie müssen ganz im Zen sein. Wie sagte mir letztens einer? Alles, was er sich wünsche, sei, morgens mit einem leichten Herzen aufzustehen.« Eine weitere Tasse Tee, und Chen stellt die Stücke im Laden vor, ganz so, als präsentiere sie die Mitglieder einer weitverzweigten Familie. Da ist die Porzellanschale, so fein gebrannt, dass sie schwingt wie eine buddhistische Klangschale, wenn man sie anschlägt. Der Schaukelstuhl aus rotem Sandelholz, einer Baumart, die vor hundert Jahren ausstarb und nur noch in wenigen Lagern zu finden ist. Früher war sie Adeligen vorbehalten und adelig ist auch der Preis: 880 000 Yuan, mehr als 110 000 Euro. Wem das zu teuer ist, der kann das günstigste Stück im Laden erstehen, einen Kamm. Er kostet umgerechnet 150 Euro. Wurde er doch aus edlem Holz und von Hand geschnitzt.

Die Handwerker, die für Shangxia arbeiten, sind oft uralt, und sie brauchen sehr viel Zeit. Der Bambusflechter etwa benötigt für den fein geflochtenen Bambusrock, der später eine Teetasse zieren wird, eine Woche. Das macht denen bei Shangxia aber nicht viel, denn sie rechnen in ziemlich großen Zeitdimensionen. Umsatz, Profit? »Vielleicht in zehn, zwölf Jahren.« Viel wichtiger sei es doch, die ehrwürdige chinesische Handwerkskunst zu retten. »30 Jahre lang haben die Menschen wie verrückt billige Dinge produziert«, sagt Chen. »Die alten Techniken, das alte Kunsthandwerk ist fast am Aussterben. Es gab einfach keine Nachfrage, kein Wissen darüber.« Deshalb fahren sie über Land, um alte Handwerksmeister zu finden. Um dann alte Handwerkskunst und zeitgenössisches Design zu verbinden, chinesische Lebensart, beeinflusst von jahrtausendealter Teekultur.

Die Preise steigen: Peking ist schon auf Platz 20 der weltweit teuersten Städte

»Wir sind kein gewöhnliches finanzielles, wir sind ein kulturelles Investitionsprojekt. Eines für die nächsten 200, 300 Jahre.« Vielleicht stört sich auch deshalb keiner daran, dass in zwei Stunden gerade mal eine Handvoll Kunden durch das Geschäft schleicht. Denn der Kunde von Shangxia, so glaubt man hier, der ist gerade erst im Entstehen.

Noch immer ist China die Werkstatt der Welt, noch immer wird hier ein Fünftel aller Waren gefertigt. Doch es kommt Bewegung in dieses Land, und diese Bewegung verheißt: Billig war gestern. Pfennigware billig zu produzieren ist kein Vorbild mehr, kein Schlüssel für nachhaltigen Unternehmenserfolg. Denn wirklich billig sind heute andere Arbeiter in anderen Ländern. Kurz gesagt: China steht vor seiner nächsten Umwälzung.

Jörg Wuttke, ein seit langer Zeit in China lebender Industrieller, schätzt, dass die Lohnkosten sich bis 2020 verdoppeln oder verdreifachen könnten. Die Regierung will die ausbleibende Nachfrage aus dem Ausland durch Konsum im eigenen Land ersetzen, aber dafür müssen die Arbeiter erst mehr verdienen. Nicht wenige Unternehmen, chinesische wie ausländische, ziehen bereits ins chinesische Landesinnere oder in Nachbarländer um. Tatsächlich sagt der philippinische Handelssekretär Gregory Domingo, sein Land erhalte mehr Besuch als je zuvor von Firmen, die überlegten, ihren Standort in die Philippinen zu verlegen. Einer der Gründe seien die gestiegenen Lohnkosten in China. Die Löhne steigen aber nicht nur infolge politischer Vorgaben, sondern auch, weil der endlos scheinende Strom günstiger chinesischer Arbeiter langsam versiegt. Aufgrund der Ein-Kind-Politik wird Chinas arbeitende Bevölkerung ab dem nächsten Jahr schrumpfen. Bereits ab 2030, so zitiert das britische Wirtschaftsmagazin Economist die Zeitarbeitsfirma Manpower, könnte China Arbeiter importieren.

Auf diese Entwicklung macht sich der französische Fotograf Benoit Cezard seinen ganz eigenen Reim. Kürzlich hat er seine Arbeit China 2050 veröffentlicht, die im chinesischen Internet leidenschaftlich diskutiert wird. In den Arbeiten sind Westler zu sehen, die in China die typischen Jobs der Wanderarbeiter verrichten. Das Augenzwinkern ist unübersehbar, die Botschaft dahinter aber auch: China wird reich, und die Zeiten gehen zu Ende, in denen die Ausländer überbezahlte Jobs hatten und sich über die billigen Lebenshaltungskosten in China freuen konnten. Dazu passend, titelten Pekinger Zeitungen: Was ist teurer? Peking oder New York? Die US-Marktforschungsfirma Mercer gibt darauf eine Antwort: Ihren Studien zufolge steht Peking mittlerweile in der Liste der teuersten Städte der Welt auf Platz 20 und ist damit zumindest für expats teurer als New York oder Paris.

Wenn aber nicht nur in Peking, sondern überall in China die Preise steigen, dann ist die große ökonomische Frage: Wie reagiert die Wirtschaft darauf? Wie will China in Zukunft wachsen? Und die Antwort lautet: mit Hightech, Innovation, Design. Auftritt Jiang Qiong Er, Chefdesignerin von Shangxia. Die Luxusmarke ist ganz ihr Baby. In Shanghai ist sie eine Celebrity, Anfang 30, ein klares, schönes Gesicht und jene flirrende Ambivalenz, die eine interessante Frau ausmacht. »Wir machen keine Werbung. Keine Marktforschung«, sagt sie. »Wenn du den Markt erforschst, dann weißt du, was Leute wollen. Wir bieten einfach nur an. Denn die Menschen wissen doch noch gar nicht, was sie von chinesischem Lifestyle wollen.« Der Kunde von Shangxia hat die Schränke meist schon voller Hermès- und Louis-Vuitton-Taschen. Angeben muss er nicht mehr, und wenn, dann tut er es auf elegantere Weise. Die Welt hat er gesehen, jetzt besinnt er sich auf sein kulturelles Erbe. »Die Neureichen können nichts mit uns anfangen«, sagt Jiang. »Die Chinesen, die hierherkommen, wollen kein Logo. Denn das hier ist nicht Bling-Bling.«

Was sei der größte Luxus der Welt, fragt sie. »Zeit und Gefühl.« Tatsächlich erzählt sie die Geschichte ihres Geschäfts wie die einer großen Liebe. Wie sie Schaufenster für Hermès in Shanghai dekorierte und darüber die Hermès-Familie kennenlernte. »Es war ein sehr starkes Gefühl zwischen uns, wir haben die gleichen Werte. Es ist wie zwischen Mann und Frau, du brauchst keine zehn Jahre, um zu wissen, dass du zusammengehörst.« Bei einem gemeinsamen Urlaub in Versailles nahm die Idee konkrete Form an, und so ist Shangxia heute in einer Situation, wie sie auch für eine Luxusmarke kaum großzügiger sein könnte. Das Mutterhaus gibt viel Geld und lässt viel Zeit, weil Hermès à la chinoise noch existieren soll, »wenn wir nicht mehr sind«, sagt Jiang. Und dabei muss Shangxia Hermès noch nicht mal im Namen tragen. »Am Anfang könnten wir damit sicher besser verkaufen. Doch irgendwie wäre es, als wenn du ein Mädchen immer als Tochter des Präsidenten vorstellst«, sagt Jiang. »Auf Dauer kann das nicht gut sein.« Schon bald werden Filialen in Peking und Paris eröffnen, denn Shangxia will eine internationale Marke werden. »China brauchte 30 Jahre, um die Welt wirtschaftlich zu erobern«, sagt Jiang. »Es wird noch mal 30 bis 50 Jahre dauern, bis es die Welt kulturell erobern kann. Erst dann wird es ein wirklich entwickeltes Land sein.«

Das Geld dafür ist längst vorhanden. In keinem Land (ausgenommen die USA) leben so viele Reiche wie in China, und sie geben es für Luxusgüter aller Art aus. »Chinesische Käufer wurden in der Auktions- und Kunstwelt als wichtigstes neues Geschäftsfeld erkannt«, sagt auch Lawrence Chu, ein Sammler aus Hongkong. Man kennt die chinesischen Reichen in den Luxuskaufhäusern von Paris und Tokio und im Luxusimmobilienmarkt von London: Die Hälfte der superteuren Wohnungen und Häuser geht mittlerweile an asiatische Käufer, vor allem an Chinesen. Doch nicht nur die Zahl der Reichen wächst - auch die Mittelklasse. Laut Helen Wang, der chinesisch-amerikanischen Autorin von The Chinese Dream. The Rise of the World's Largest Middle Class and What It Means to You zählt die chinesische Mittelklasse bereits 300 Millionen Menschen - das sind mehr als die USA Einwohner haben. Wang schätzt, dass sie in einigen Jahren auf 700 bis 800 Millionen wachsen könnte. Das wären 50 bis 60 Prozent der chinesischen Bevölkerung.

Auch das langsamere Wachstum ist ein Indiz für den Wandel. In dieser Woche verkündete der Wissenschaftler eines Regierungsinstituts, die Wachstumsrate habe im ersten Halbjahr nur bei etwa 7,5 Prozent gelegen, das ist so wenig wie seit vielen Jahren nicht mehr. Auslöser ist aber nicht nur die ausbleibende Nachfrage aus dem kriselnden Europa. In dem Moment, in dem viele Menschen einer Volkswirtschaft ein mittleres Einkommen erlangen, beginnt sich das Wachstum eines Schwellenlandes generell zu verlangsamen. Das ist nun in China so, so war es aber auch in Südkorea und Taiwan, so ist es in Russland und Brasilien.

Man sollte sich keinen Illusionen hingeben: Noch immer leben in China sehr viele sehr arme Menschen. China ist ein großes, in seiner Gegensätzlichkeit verwirrendes Land, die Schere zwischen Reich und Arm ist in den vergangenen Jahren so weit aufgegangen, dass die Regierung den Gini-Faktor, der die Ungleichheit eines Landes anzeigt, gar nicht mehr veröffentlichen will. Und doch verdienen selbst die chinesischen Niedriglöhner, die Wanderarbeiter, viel mehr als früher. Von 2002 bis 2009 stiegen beispielsweise die Löhne in der Provinz Guandong jährlich um 12 Prozent, in Shanghai sogar um 14 Prozent. Und der Trend soll anhalten: Laut dem derzeitigen Fünfjahresplan sollen die Löhne in den Fabriken um 13 Prozent steigen. Diese neue Mittelklasse braucht wegen der steigenden Lebenshaltungskosten künftig viele Millionen guter Jobs, sehr viel mehr und besser bezahlte Jobs, als sie das chinesische Wirtschaftsmodell bisher hergab.

Deshalb hat die Regierung als nächstes großes Ziel ausgegeben, Hightech-Arbeitsplätze zu schaffen. Chinesische Unternehmen sollen weltweit gefragte Produkte (wie das iPhone) nicht mehr nur zusammensetzen, sondern selbst entwickeln. Die Firma Amec liegt in einem Industriegebiet, so gesichtslos, dass schwer zu sagen ist, ob man sich gerade in Ismaning befindet oder tatsächlich in einem Shanghaier Vorort. Wer durch das Werkstor geht, muss in blaue Plastikschuhüberzieher schlüpfen. Dann schlurft man geräuschlos durch die Gänge. Über einen Bildschirm in der Lobby gleiten die aktuellen Uhrzeiten von Shanghai, Tokio, Seoul, Hsinchun, Dresden, San José: Dort sitzen die Kunden. Amec rühmt sich, ein Pionier auf dem Gebiet der Maschinen für die Herstellung ultradünner Mikrochips zu sein. Was genau diese Maschinen leisten, erklärt der freundlich lächelnde Manager Cao anhand zahlreicher handgezeichneter Bilder. Um den japanischen und deutschen Konkurrenten Paroli zu bieten, hat Amec ein Forschungsteam mit 120 Mitarbeitern zusammengestellt, das ist fast ein Drittel der Belegschaft. »250 Patente haben wir angemeldet, 120 wurden autorisiert.« Das sei noch nichts, sagt Cao. Große Firmen würden Tausende anmelden. »Patente sind ein verrücktes Feld. Jeder hat einen riesigen Anreiz, welche anzumelden.« Cao lacht. »Ganz gleich, ob das nun Sinn macht oder nicht.« Im Jahr 2004 habe eine amerikanische Firma Amec vor einem taiwanesischen Gericht verklagt, sie bezichtigte sie, geistiges Eigentum gestohlen zu haben. Cao lächelt besonders breit. »Doch leider haben sie nicht recht bekommen.« Amec habe nie kopiert, niemals geistiges Eigentum gestohlen, versichert Cao. Und doch: »So was passiert einfach in Ländern, die sich spät entwickeln, und es wird auch weiterhin passieren. Für manche Firmen ist das eine Abkürzung, wenn sie versuchen, die entwickelten Länder einzuholen.« Sobald ein Land aber eine gewisse Entwicklungsstufe erreicht habe, »schmerzt es beide Seiten, denn wir haben ja auch Patente, die wir schützen wollen. Ich glaube, China ist an diesem Punkt angekommen«, sagt Manager Cao.

Beim Rausgehen hätte man allzu gern noch die Maschine besichtigt, sich das Entwicklungsteam angeschaut. Ob das denn möglich sei? Für einen Moment verschwindet das Lächeln aus Caos Gesicht. »Auf gar keinen Fall. Sie wissen ja, wie die Halbleiterindustrie ist.« Die Kataloge, die er ausgegeben hat, fordert er galant wieder zurück. »Das ist nur für die Kunden.« Bei Amec hat man offensichtlich selbst größte Angst vor geistigem Diebstahl. Amec ist keine Ausnahme mehr. Seit dem vergangenen Jahr meldet China mehr Patente an als jedes andere Land der Welt, wie das Marktforschungsunternehmen Thomson Reuters berichtet.

Auf dem Campus der Shanghai-Universität steht ein Stein, in den steht gemeißelt: »Suche Wahrheit und die Kreativität«. Einige Meter entfernt sitzt Yuan Zhenfu, Professor für Patentrecht, in seinem Büro. »Chinesische Patente haben sich in den vergangenen Jahren geradezu explosionsartig entwickelt«, sagt er. Zum einen sei das Regierungspolitik. Denn die Regierung wolle Innovation fördern, zum Beispiel, indem sie die Gebühr für Patentanmeldungen übernehme, »400 000 bis 500 000 Yuan«. Das sind zwischen 50 000 und etwas mehr als 62 000 Euro. »Es gibt hier ein Sprichwort«, sagt der Professor. »Wenn ein chinesisches Unternehmen auf den internationalen Markt will, dann muss es in einen internationalen Patentrechtsstreit verwickelt werden. Nur dann bist du als internationale Firma anerkannt. Sonst hätte ein internationaler Industrie-Tycoon ja gar kein Interesse daran, einen Rechtsstreit auszufechten.«

Patentanmeldungen häufen sich. Aber macht Masse auch Klasse?

In den allermeisten Fällen würden ausländische Firmen Verfahren gegen chinesische Unternehmen anstrengen. Manchmal liefe es aber auch andersrum. Und in zwei prominenten Fällen hatte eine chinesische Firma damit Erfolg. Im Jahr 2004 initiierte der Elektronikhersteller Zhengtai ein Verfahren gegen Sony, es ging um ein Patent, das USB-Sticks betraf. Zhengtai bekam recht, noch heute überweist Sony jedes Jahr mehrere Millionen Yuan.

Und im Jahr 2009 verklagte wieder Zhengtai das französische Unternehmen Schneider. In der ersten Instanz wurden Zhengtai 330 Millionen Yuan zugesprochen, nach heutigem Wechselkurs 52,6 Millionen US-Dollar. Die höchste Kompensationssumme, heißt es, die jemals in China veranschlagt wurde. In zweiter Instanz wurde diese allerdings auf 20 Millionen Dollar reduziert. »Tatsächlich aber machen die Verfahren, an denen ausländische Firmen beteiligt sind, nur einen sehr kleinen Teil der Verfahren aus, bei denen es um geistiges Eigentum geht«, sagt Yuan. »Gerade mal ein Prozent aller chinesischen Verfahren.« In den übrigen Fällen streiten Chinesen mit Chinesen um geistiges Eigentum. Für das Jahr 2015 rechnet Thomson Reuters damit, dass in China 500 000 Patente im Jahr angemeldet werden. Aber wie viel davon ist Masse und wie viel hat Klasse? »Es ist leicht, Patente anzumelden«, sagte Tony Chen, ein Patentanwalt für Jones Day in Shanghai, dem britischen Wirtschaftsmagazin Economist, »doch es ist schwer, die Juwelen in einem Haufen Schutt zu finden.« Und vielleicht ist es bezeichnend, dass Professor Yuan auf Anhieb einfach keine große Erfindung einfallen will, die in den vergangenen Jahren aus China gekommen wäre. Aber er sagt: »China entwickelt sich viel später als die westlichen Industrieländer.« Es gehe weiter.

Aus DIE ZEIT :: 05.07.2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote