Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Vor dem Sturm - so viele Erstsemester wie nie zuvor!

Von JAN-MARTIN WIARDA

Eine halbe Million Erstsemester drängen diesen Herbst in die Hörsäle. Es sind so hohe Studienanfängerzahlen wie nie zuvor. Die Unis werden mit den vielen Erstsemestern fertig.

Vor dem Sturm© bigway - Photocase.comDie Studienanfängerzahlen werden immer höher
Die Zahlen sind je nach Lesart sensationell bis beängstigend. Die Universität Hamburg meldet 20 Prozent mehr Bewerber auf einen Studienplatz als vor einem Jahr. Die Technische Universität Berlin zehn Prozent. Die Leuphana Universität Lüneburg 35 Prozent. Und die Hochschule Bremen: unglaubliche 250 Prozent, also zweieinhalbmal so viele Bewerber wie 2010. Die Liste ließe sich fortsetzen - der seit Jahren prognostizierte »Studentenberg«, eine Explosion der Studienanfängerzahlen, ist vor den Hörsälen angelangt.

Es sind nicht nur die Kinder der Babyboomer, die jetzt an die Hochschulen drängen. Hinzu kommt, dass die einwohnerstarken Länder Bayern und Niedersachsen im Sommer gleich zwei Abiturjahrgänge auf einmal entlassen haben. Und als ob das noch nicht genug wäre, starten ausgerechnet dieses Jahr wegen Abschaffung der Wehrpflicht noch mal rund 50 000 junge Leute vorzeitig ins Studentenleben. »2011 dürfte das absolute Rekordjahr werden und bleiben«, sagt Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS). Die Studienanfängerzahlen werden immer höher: Eine halbe Million Erstsemester erwarten die Forscher mittlerweile - 155 000 mehr als 2006. Und schon damals ächzten die Universitäten vor Überfüllung. Droht jetzt also das ganz große Chaos, vor dem Experten seit Langem warnen? Wahrscheinlich wäre es so - hätte sich seit 2006 nicht etwas Grundsätzliches geändert an deutschen Hoch schulen. Nach Jahren der Unkerei und der Daten-Kaffeesatzleserei liegen jetzt erstmals belastbare Ergebnisse zum Erfolg der Studienre form vor, und sie lassen nur einen Schluss zu: Bologna sorgt dafür, dass die Bildungskatastrophe 2011 ausfallen wird.

Ausgerechnet die oft gescholtene Studienreform, deren Synonyme Bachelor und Master in den Ohren vieler Traditionalisten wie Schimpfwörter klingen, ausgerechnet dieses vermeintliche Monstrum staatlicher Bildungsbürokratie schickt sich an, zur Rettung der Universitäten zu werden. Und mehr noch: zur Rettung Zehntausender Abiturienten, die sonst womöglich ohne Studienplatz nach Hause geschickt worden wären. Um zu begreifen, wie weitreichend die Effekte der Reform sind, genügen ein paar Zahlen: Laut jüngsten Erhebungen des Statistischen Bundesamtes verstreichen vom Studienstart bis zum Masterabschluss im Schnitt 10,5 Semester - anderthalb Semester beziehungsweise ein Achtel weniger Zeit als beim Erwerb des alten Diploms. Im Klartext heißt das: Die Studenten sind schneller wieder weg, ihre Plätze können die Hochschulen schneller wieder an Anfänger vergeben. Doch das ist noch nicht alles: Während den Studenten in den alten Studiengängen nichts anderes übrig blieb, als bis zum Ende durchzustudieren, können sie jetzt nach dem Bachelor je nach Arbeitsmarktlage erst mal eine Pause einlegen und arbeiten gehen. Überraschend viele tun das offenbar: an den Unis laut Hochschul-Informations-System (HIS) rund ein Viertel, an Fachhochschulen sogar knapp die Hälfte der Bachelorabsolventen.

Die neue Flexibilität der Studienprogramme hat einen doppelt positiven Effekt: Während zum Beispiel im Dotcom-Boom um die Jahrtausendwende Tausende Informatiker und Naturwissenschaftler durch hoch dotierte Jobangebote kurz vor ihrem Diplom zum Studienabbruch verleitet wurden, haben sie jetzt schon nach drei Jahren einen ersten Abschluss in der Tasche - mit dem sie in der nächsten Rezession an die Universität zurückkehren können. Und in der Zwischenzeit ist es den Hochschulen möglich, die Zahl der Masterplätze vorübergehend zugunsten der Bachelorplätze zu verringern. Alles zusammengerechnet - die kürzere Gesamtstudiendauer und der Bachelor als vorzeitiges Sprungbrett in den Arbeitsmarkt -, ergibt sich ein Zuwachs an Studienanfängerplätzen von etwa 30 Prozent - bei gleichen Kosten und offiziell gleichen Kapazitäten. Genau die Luft zum Atmen, die die Hochschulen angesichts des Studentenansturms gebraucht haben.

Natürlich: Über die akademische Qualität der neuen Abschlüsse sagen solche Kalkulationen nichts aus. Gerade sie ist es ja, die von den protestierenden Studenten wäh rend der Bildungsstreiks infrage gestellt wurde. Wahr ist allerdings auch: Jene Bewerber, die dieses Jahr unter den Bedingungen der alten Studiengänge leer ausgegangen wären, hätten ganz andere Fragen bewegt als die, ob ein Bachelor sie intellektuell unterfordert oder umgekehrt mit unnötigen Fleißaufgaben gepiesackt hätte. Erste Hinweise darauf, dass eine bemerkenswerte Entwicklung im Gange ist, haben Statistiker schon länger: Jedes Jahr seit 2007 übertrafen die tatsächlichen Studienanfängerzahlen ihre kühnsten Prognosen, doch jedes Mal waren die Hochschulen überraschenderweise in der Lage, sich der immensen Nachfrage nach Studienplätzen anzupassen. »Wir haben alle unterschätzt, dass nicht nur die Zahl der Abiturienten immer weiter steigt, sondern dass auch unter den Studienberechtigten immer mehr studieren wollen«, sagt Bildungsforscher Dieter Dohmen.

91 000 Studienanfänger zusätzlich im Vergleich zu ihrem Normalgeschäft sollten die Hochschulen als Teil des sogenannten Hochschulpaktes I zwischen 2007 und 2010 aufnehmen, tatsächlich gestemmt haben sie 182 000: Wer wie die deutschen Professoren seit Jahren damit beschäftigt ist, neue Studiengänge zu konzipieren, um sich dann mit den Protesten über deren mangelnde Studierbarkeit auseinanderzusetzen und unermüdlich nachzujustieren, bis die Programme am Ende doch funktionieren, der hat offenbar nicht nur gelernt, beweglich zu sein, sondern auch, schnell zu reagieren.

Ein kluger Schachzug der Politik hat ihnen dabei geholfen: Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und ihre Kollegen in den Ländern haben den Hochschulen von Anfang an signalisiert, dass die 91 000 angestrebten Stu dien plät ze nicht das letzte Wort sein müssten. Wer darüber hinaus Plätze schaffe, werde dafür das volle Geld bekommen - nämlich 22 000 Euro pro Studienplatz. Entsprechend großzügig winkten die Rektoren die Studienbewerber durch. Jetzt aber muss der Blick nach vorn gehen, und da wird schnell klar: Gegen das, was da auf die Hochschulen zukommt, waren die bislang zusätzlich geschaffenen 182 000 Studienplätze ein Klacks. Bis zu einer Million Studienanfänger zusätzlich erwartet der Bildungsforscher Dohmen mittlerweile bis Ende des Jahrzehnts, und Christian Berthold vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) warnt: »Schon die erwartete Zahl von 500 000 Studienanfängern für dieses Jahr könnte sich als falsch erweisen, wenn die Hochschulen aus Verantwortung nicht erneut mehr aufnehmen, als geplant war.« Der vorübergehende Studentenberg, ergänzt Dieter Dohmen, sei im Grunde schon längst keiner mehr: »Wir sind auf einem Hochplateau angekommen, und da bleiben wir auch.«

Er schätzt, dass der Anteil der Abiturienten, die sich für ein Studium entscheiden, in den vergangenen Jahren um satte zehn Prozent gestiegen sei. Studieren, so scheint es, ist attraktiv wie nie: Möglicherweise ist ja auch dies eine Folge des Bachelors, der einen schnellen Abschluss und Berufseinstieg verheißt - in dem Fall allerdings eine, die den Druck auf die Hochschulen noch verschärft. Immerhin: Die Politik hat erneut reagiert und will in der Fortsetzung des Hochschulpakts bis 2015 noch einmal 325 000 zusätzliche Studienplätze finanzieren. 8,5 Milliarden Euro kostet das Bund und Länder. Doch selbst diese gigantische Menge Geld dürfte nicht ausreichen, wenn die Forscher recht behalten. Zusätzlich Sorgen bereitet den Experten, dass Bund und Länder diesmal auffallend zurückhaltend sind, was die Zusage weiterer Hilfen im Falle der erneuten Übererfüllung durch die Hochschulen angeht.

Vielleicht waren sie beim ersten Hochschulpakt ja tatsächlich davon ausgegangen, dass die Unis das ohnehin nie schaffen würden - diesmal aber wissen Schavan und Co. es besser und belassen es lieber bei dem vagen Versprechen, man werde sich zu gegebener Zeit wieder zusammensetzen und dann schauen, was zu tun sei. Von dem »atmenden System«, als das Ministerin Schavan den ersten Teil des Hochschulpakts rühmt, ist man derzeit bei Teil zwei weit entfernt. Doch auch so geben sich die Hochschulen, berauscht von ihrem Erfolg der vergangenen Jahre, für dieses Wintersemester zuversichtlich. »Wenn Bund und Länder ihre Zusagen einhalten, werden die Hochschulen das hinbekommen«, sagt Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. »Es wird sicher eng, aber wir machen keine Kompromisse bei der Qualität der Lehre.« Die Maßnahmen reichten von der Verpflichtung zusätzlicher Dozenten über den Bau neuer Seminarräume bis zur Verlegung von Vorlesungen in die Abendstunden. Die Hochschulen, so Wintermantel, hätten es verstanden, das ihnen zugestandene Mehr an Unabhängigkeit in Flexibilität umzumünzen. »Wären wir noch so stark am Gängelband der Ministerien wie früher, hätte das nicht geklappt.« Starke Worte, doch die Fakten sprechen für Wintermantel: Die Prognosen der Kultusminister über die Zahl der Studienanfänger waren regelmäßig die schlechtesten.

Geht also dank Bachelor, Hochschulpakt und flexibler Hochschulen am Ende doch alles gut aus im Jahr des Studentenberggipfels? Nun ja, sagen die Verantwortlichen, ganz so dann doch nicht. Was in den Vorjahren ein Ärgernis war, hat sich zu einem echten Skandal ausgewachsen: das Fehlen eines zentralen Studienplatzvergabesystems. Längst schon sollte die eigens dafür gegründete Stiftung für Hochschulzulassung ein solches betreiben, doch trotz einer millionenschweren Anschubfinanzierung durch den Bund haben die beauftragten Unternehmen die technische Entwicklung bislang nicht in den Griff bekommen.

Die Folge: Ein weiteres Jahr werden die Hochschulen wochenlang mit einer aberwitzigen Zahl an Bewerbungen lahmgelegt, weil sich die Abiturienten, um sicherzugehen, mitunter bei einem Dutzend Hochschulen melden und nicht absagen, wenn sie anderswo einen Platz bekommen. 2010 blieben durch das Chaos schätzungsweise 20 000 Studienplätze unbesetzt. Womöglich nur ein Vorgeschmack auf das, was im Rekordjahr 2011 droht: Allein die Uni Hamburg hat 54 000 Bewerbungen zu verarbeiten. Für gerade einmal 8500 Plätze. Da kann dann auch keine Studienreform mehr helfen.

Aus DIE ZEIT :: 04.08.2011

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote