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Das Vorbild von nebenan

von JO RITZEN

Bei der Reform des Hochschulgesetzes in Nordrhein-Westfalen sollte man sich an den Niederlanden orientieren, sagt der Bildungsexperte.

Das Vorbild von nebenan© samott - Fotolia.comEin Beispiel an der Hochschulpolitik der Niederlanden nehmen, bedeutet mehr Freiheit für die Universitäten in Nordrhein-Westfalen
Nordrhein-Westfalen soll ein neues Hochschulgesetz bekommen. Und das ist schlecht. Das geplante Gesetz basiert zu sehr auf Lenkung statt auf Verantwortung und Selbstbestimmung.

Doch genau dies, nämlich empowerment, wäre notwendig, damit die Professoren gute Lehre und Forschung betreiben können. Empowerment würde auch heißen, dass es innerhalb der Hochschule deutliche Entscheidungswege gibt, sodass alle verantwortlich sind für ihr Handeln. Der Regierungsentwurf für ein neues Hochschulgesetz, den die zuständige Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) am 10. April in den Landtag eingebracht hat, geht jedoch genau in die falsche Richtung. Damit werden die Hochschulen in NRW nicht leistungsfähiger.

Möglicherweise ist es hilfreich, in der Debatte einen Blick in Richtung Nachbarland zu werfen: Die Niederlande sind vergleichbar groß, stehen mit ihren Universitäten aber international deutlich besser da. Als niederländischer Bildungsminister hatte ich Mitte der neunziger Jahre die Aufgabe, das dortige Hochschulgesetz auf empowerment auszurichten. In Deutschland wird das vielfach als Liberalisierung gesehen, die Sozialdemokraten in der niederländischen Regierung aber waren seinerzeit überzeugt, dass auf diese Weise ihre gesellschaftlichen Ziele am besten erreicht werden könnten, nämlich mehr junge Leute zu einem Studienabschluss zu bringen und mit den Fachkräften die Wirtschaft zu stärken.

Einige Jahre später habe ich dann als Präsident der Universität Maastricht erlebt, welche positiven Kräfte dadurch freigesetzt werden können. Es lässt sich gut belegen, dass sich die niederländischen Hochschulen in den vergangenen zehn Jahren in vielerlei Hinsicht sehr gut entwickelt haben: In internationalen Rankings gehören alle 13 Forschungsuniversitäten des Landes zu den 100 besten Unis weltweit. Die Universität Maastricht ist auf Platz 6 des internationalen Times Higher Education Rankings für Hochschulen, die vor weniger als 50 Jahren gegründet wurden. Die besten Studenten aus dem Ausland kommen zum Studieren zu uns, darunter viele Deutsche. Die Reputation der Absolventen bei Arbeitgebern ist sehr gut, auch bei deutschen Unternehmen. Die Zahl der Absolventen ist um ein Drittel gestiegen, die Zahl der Abbrecher gesunken. Und die Uni hat ihre Drittmittel von 2003 bis 2012 verdoppelt.

Wie war das möglich? Nach dem bis heute geltenden niederländischen Gesetz gibt der Staat den Hochschulen Ziele vor und überprüft nach einem vereinbarten Zeitraum, ob sie erfüllt wurden. Ziele sind etwa, die Zahl der Studienabbrecher zu senken oder mehr Frauen zu fördern. Es geht dem Staat nicht darum, den Unis zu sagen, wie sie etwas machen sollen, sondern was sie erreichen sollen. Jede Hochschule hat darüber hinaus einen Aufsichtsrat, der über ihr Wirken wacht und etwa auch den Rektor ernennt; in dem Gremium sind keine Politiker vertreten.

Die Unis nehmen ihre Verantwortung selbst wahr. Die Mitbestimmung durch den Senat und die Studenten folgt mehr oder weniger den Regeln, wie sie auch in der freien Wirtschaft gelten. Wobei die Studenten eine wichtige beratende Funktion haben bei der Qualitätssicherung der Studiengänge. Wenn eine Hochschule die Ziele verfehlt, wird ihr Budget gekürzt.

Die Hochschulen tragen die Verantwortung für jeden einzelnen Studenten, sie sollen ihn zu einem erfolgreichen Abschluss bringen. Es gibt keine Anwesenheitspflicht, aber Studenten, die im ersten Jahr nicht genügend Fortschritte machen, können von der Uni exmatrikuliert werden. Für manche Bachelor- und alle Masterstudiengänge dürfen sich die Unis ihre Studenten selbst auswählen.

Das alles bedeutet: Das Ministerium muss bereit sein, Verantwortung abzugeben - und die Unis müssen bereit sein, Leistungen zu erbringen. Und wenn sie bestimmte Vereinbarungen nicht einhalten, müssen sie die Konsequenzen tragen. Qualität ist das Einzige, was zählt. Und überprüft wird sie durch eine unabhängige Organisation.

All dies wäre auch gut für Nordrhein-Westfalen! Die Hochschulen in NRW haben sich im vergangenen Jahrzehnt beachtlich entwickelt, ihre internationale Position hat sich verbessert. Im Times-Ranking sind unter den 200 besten Unis der Welt nun auch die RWTH Aachen und die Uni Bonn zu finden. Beide waren 2008 noch nicht dabei. Die Uni Köln wird sicher in den nächsten Jahren ebenfalls dazustoßen. Unter den jungen Hochschulen, die nicht älter als 50 Jahre sind, rangieren unter den Top 100 zwei aus NRW, die Unis Bielefeld und Duisburg-Essen. Rankings sagen vielleicht nicht alles, aber doch vieles. Sie sind zum Beispiel sehr wichtig, um weltweit die besten Köpfen anzuziehen.

Die Gesetzgebung ist, zusammen mit der Finanzierung, für Hochschulen ein wesentlicher Faktor, um erfolgreich zu sein. Die Frage ist: Wie kann man sie - durch ein Gesetz - so unterstützen, dass sie sich zum Wohle des Landes entwickeln, dass sie sehr gute Leistungen für die Gesellschaft und die Wirtschaft erbringen? Nicht nur die Niederlande haben ein Gesetz geschaffen, das den Hochschulen mehr Freiheit gibt. Auch Dänemark und Finnland haben ihren Unis mehr Autonomie gegeben. Auch das nordrhein-westfälische Hochschulfreiheitsgesetz von 2006 hat dazu beigetragen, dass sich die dortigen Hochschulen positiv entwickeln.

Warum muss die Politik das Gesetz nun ändern? Im jetzt vorgelegten Gesetzentwurf steht vieles, was richtig und wichtig ist: Es sollen weniger Studenten ihr Studium abbrechen, die Unis sollen stärker darauf achten, wo ihre Absolventen bleiben, und deren Erfahrungen einbeziehen in die Verbesserung von Studiengängen, Frauen sollen ebenso gefördert werden wie die Diversität der Studenten. Doch in dem geplanten Gesetz steht nirgendwo, welchen Beitrag die Hochschulen konkret zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung leisten sollen.

Es ist auch keine Rede davon, dass die Unis sich in Rankings verbessern sollen. Man sollte sich ganz grundsätzlich einmal fragen, ob es vernünftig ist, alle fünf Jahre ein neues Gesetz zu machen. Eine Uni ist wie ein Tanker, der viel Zeit braucht, um zu wenden. Eine Gesetzgebung aber sollte nachhaltig sein. Es braucht Zeit, bis sie Wirkung zeigt und man ihre Vorteile erkennen kann. Mit dem neuen Hochschulgesetz jedoch wird das nicht mehr möglich sein.


Über den Autor
Jo Ritzen, 68, war von 1989 bis 1998 niederländischer Bildungsminister und von 2003 bis 2011 Präsident der Universität Maastricht.

Aus DIE ZEIT :: 30.04.2014