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W wie weniger: Über schlecht bezahlte Professoren

von BURKHARD MÜLLER

Es ist nach der Meinung vieler Wissenschaftler deutlich unattraktiv geworden, eine wissenschaftliche Karriere an der Universität einzuschlagen. Der lange Qualifikationsweg und das zu erwartende Gehalt stehen nicht in angemessenem Verhältnis. Warum entscheiden sich immer noch so viele dafür? Ein Verstehensversuch.

W wie weniger© ollo - iStockphoto.comSinken die Einkünfte der Professoren weiter, wird es schwer, die Besten für die Universität zu gewinnen
Es ist noch nicht lange her, da sorgte die Verfassungsklage einiger deutscher Professoren für Aufsehen: Sie wandten sich dagegen, dass sie, trotz ihrer erheblich höheren Qualifikation, in manchen Fällen nicht besser bezahlt würden als ein gleichaltriger Lehrer im Gymnasialdienst. Und sie bekamen recht, teilweise wenigstens.

Geschehen ist seither noch nicht viel, aber das Problem hat unzweifelhaft Sichtbarkeit erlangt. Es geht zwar (wie immer) ums Geld; doch darüber hinaus um die gesellschaftliche Position der Professoren, und da der Professor nach wie vor die zentrale Figur der deutschen Universität darstellt, letzten Endes um deren Stand und Zukunft.

Da kommt eine neue Dissertation gerade recht, die den Titel führt "Der ordentliche Professor und sein Gehalt" (Bonn University Press, 2013). Der Verfasser Christian Maus hat darin die rechtliche und finanzielle Lage der deutschen Professoren zwischen 1810 und 1945 am Beispiel der juristischen Fakultäten der Universitäten Berlin und Bonn untersucht - ein Ausschnitt, der zunächst recht eng gewählt scheint, aber in hohem Grad verallgemeinernde Rückschlüsse erlaubt. Aus dem mit großem Fleiß zusammengetragenen und analysierten Einzeldaten schält sich ein klarer Befund heraus, der auch für die gegenwärtige Diskussion interessant ist: Denn es handelt sich nicht um eine aktuelle Krise, sondern um den einstweiligen Schlusspunkt eines Prozesses, der seit mehr als hundert Jahren andauert und den Christian Maus unmissverständlich als eine katastrophale Fehlentwicklung kennzeichnet.

Die deutsche Universität des Mittelalters und der Frühen Neuzeit hatte eine lange Tradition; eine lange und recht ruhmlose, wie man sagen muss. Wer sich darüber informieren will, wie verschnarcht und anti-innovativ es dort noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zuging, dem sei Mephistos Studienberatung im "Faust I" zur Neulektüre empfohlen. Die Lage änderte sich, nach einigen Vorarbeiten an Orten wie Halle oder Göttingen, durch das Konzept Wilhelm von Humboldts und die von ihm betreute Gründung der Universität Berlin 1810. Damals wurden die deutsche Universität und der deutsche Professor eigentlich erfunden. Von nun an wurden Professuren ausgeschrieben und durch Berufung besetzt.

Es galt, für die Bedürfnisse des modernen Staates den jeweils besten Mann zu gewinnen (von Professorinnen war noch lange nicht die Rede), und dabei spielte ganz klar das Gehalt eine entscheidende Rolle. Entsprechend hoch lagen die professoralen Bezüge; eine einheitliche Besoldungsordnung gab es nicht, man suchte einander die Spitzenleute durch individuelle Angebote abzujagen. So stiegen die Einkünfte der Professoren das ganze 19. Jahrhundert kontinuierlich an und erreichten im frühen Kaiserreich (von 1871 an) Höchstwerte.

Die Professoren durften sich auch in ihrer materiellen Ausstattung als Teil einer nationalen Elite fühlen, sie bewohnten herrschaftliche Villen, und ihnen wurde, wie Christian Maus herausgefunden hat, auf Reisen sogar die Mitnahme eines Dieners vergütet. Ihr Durchschnittsverdienst lag um das Achtfache über dem eines Volksschullehrers, ein Spitzenordinarius verdiente hundertmal so viel wie ein "Kartoffelmädchen", das an derselben Universität arbeitete. Es war die goldene Zeit, als die deutsche Universität vorbildgebend auf die ganze Welt wirkte; und dass sie es tat, verdankte sie den Professoren.

Doch nicht allein die absolute Höhe der Bezüge entschied über die Qualität von Lehre und Forschung, sondern auch ihre Zusammensetzung. Zum Grundgehalt traten die Kolleg- oder Hörgelder, die einen erheblichen Teil der Einkünfte ausmachten. Sie wurden von den Studenten unmittelbar an die Professoren entrichtet, deren Veranstaltungen sie besuchten (die Universität war höchstens bei der Eintreibung behilflich); beliebte und gute Professoren verdienten so wesentlich mehr als die unbeliebteren Kollegen. Auf diese Weise fand eine unmittelbare "Evaluation" durch diejenigen statt, die es betraf, die Studenten, ohne dass sich eine Verwaltung dazwischenschob - ein Ranking mit den Füßen.

Der Niedergang des deutschen Professors setzte, wie Christian Maus es sieht, mit der gesetzlichen Neuregelung von 1897 ein, die die Kolleggelder "deckelte", das heißt die Professoren zwang, einen immer wachsenden Anteil daran der Universität beziehungsweise der Staatskasse zu überlassen, sodass diese Einkünfte bald keine große Rolle mehr spielten. Zur selben Zeit stieg allgemein die Zahl der Studenten stark an, ohne dass aber im selben Umfang neue Dozentenstellen geschaffen wurden. Damit aber ging die Qualität der Lehre in einen langsamen Sinkflug über; immer mehr Hörer drängten sich zu immer weniger Lehrenden, die immer weniger finanziellen Anreiz hatten, gute Seminare und Vorlesungen abzuhalten.

Die exorbitanten Professorengehälter verschwanden spätestens in der Weimarer Republik, zugleich verringerte sich das gesellschaftliche Prestige des ganzen Standes - eine Tendenz, die sich in der Nazizeit noch verstärkte. Denn in diesem Punkt setzten die Nazis doch ihre Vorstellungen von der gleichberechtigten Volksgemeinschaft um, dass sie die Einkünfte der Professoren zu vereinheitlichen strebten, selbstverständlich nach unten. Daran knüpfte das Hochschulwesen der jungen Bundesrepublik an, das nicht nur vielerorts die personelle Kontinuität über den Zusammenbruch von 1945 hinweg pflegte, sondern auch die Grundsätze der Entlohnung beibehielt. Parallel dazu, dass der Beruf des Lehrers aufgewertet wurde, welcher von nun an als Vollakademiker betrachtet und bezahlt wurde, vollzog sich die schleichende Abwertung des Professors, ungeachtet der Tatsache, dass diese vielen neuen Akademiker ja doch von ebendiesen Professoren ausgebildet werden mussten; die Lehrer bekamen vergleichsweise immer mehr und die Professoren immer weniger Geld. Dass amerikanische Universitäten heute die deutschen an Prestige so sehr überragen, liegt nicht zuletzt daran, dass sie das alte deutsche Vergütungssystem für Professoren just in dem Augenblick übernommen haben, als es in Deutschland selbst aufgegeben wurde.

Die damals neuen professoralen Besoldungsgruppen, von C 1 bis C 4 gestaffelt, sahen nur wenig leistungsbezogene Einkommensanteile vor. Das ist zwar bei Staatsdienern ganz allgemein so; aber gerade den Professoren ließ sich daraus ein Strick drehen. Zur Zeit der Schröder-Regierung begann die Kampagne gegen die angeblich faulen Professoren, die sich nicht um ihre Studenten kümmerten, schlechte Vorlesungen hielten und so weiter. Es klang einleuchtend: Wenn man die Gehälter nicht mehr bedingungslos zahlte, sondern einen Teil leistungsabhängig gestaltete, würden die Professoren sich nicht endlich wieder ihren Kernpflichten zuwenden?

So kam im Jahr 2005, durchgesetzt von der damaligen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (einer Lehrerin), ein neues Besoldungssystem zustande, mit dem Kennbuchstaben "W", für Wissenschaft. Die Betroffenen indes deuteten dieses W als "weniger", denn darauf läuft es hinaus, wenn man sich durch die komplizierten Rechenexempel gekämpft hat. Spricht man mit Professoren darüber, trifft man auf viel Erbitterung. Es verärgert sie zum einen die System gewordene Unterstellung der Faulheit - als würden die meisten Professoren ihren Lehrstuhl nur als Sprungbrett betrachten, um sich in den Bezirk weit lukrativerer Nebenbeschäftigungen zu katapultieren. Zum anderen empfinden sie die angebliche Leistungsbezogenheit als Heuchelei. Denn nicht nur reichen diese Zuschläge so gut wie nie, um die Differenz zu den alten C-Einkünften auszugleichen, sodass für die meisten der neu ernannten Professoren eine faktische Minderbesoldung im Vergleich zu den älteren Kollegen der C-Klasse herausgekommen ist. Sondern vor allem gibt es keine anerkannten Kriterien dafür, welche "Leistung" wie zu vergüten wäre. Das entscheiden die Verwaltungen und haben damit die Freiheit, die professoralen Einkünfte unberechenbar nach unten zu korrigieren, besonders in jenen Fächern, bei denen die hoch geschätzte "Drittmitteleinwerbung" von Haus aus nicht so reichlich ausfallen kann. Einen guten und engagierten Hochschullehrer erkennen seine Hörer sofort; doch auf bürokratisch standardisiertem Weg lassen sich diese Eigenschaften nur äußerst schwer messen. Ungerechtigkeit und Willkür sind die Folge.

Wäre die Wiedereinführung von Kolleggeldern, wie Christian Maus es vorschlägt, da nicht die bessere, sozusagen natürliche Methode, um echte Leistung zu honorieren? Die Einrichtung gehört der Epoche an, als das Studium noch ein teures Privileg war, denn zahlen mussten selbstverständlich die Studenten. Aber man könnte ja vielleicht eine Art Voucher einführen, die die Studierenden am Beginn eines neuen Semesters ihrem Lieblingsprof aushändigen und die der wiederum bei der Uni-Kasse einlöst.

Doch das würde heute an den Bachelor- und Master-Studiengängen scheitern. Die Studenten haben nur noch eingeschränkte Wahlmöglichkeiten, wenn sie ihre Veranstaltungen belegen. Damit kriegen sie weitgehend auch die Dozenten alternativlos vor die Nase gesetzt wie noch kurz zuvor am Gymnasium. Eine Abstimmung mit den Füßen scheidet weitgehend aus. Die Uni ist zur Schule geworden. Eine gewisse Konsequenz lässt sich also den Dienstherren nicht absprechen, wenn sie die Professoren nur noch wie Lehrer bezahlen.

Äußerst unfair ist es trotzdem. Denn ein Lehrer muss weder promovieren noch sich habilitieren, er bekommt schon in vergleichsweise jungen Jahren eine meist unbefristete Stelle, während der typische Professor sich bis zum vierzigsten Lebensjahr in prekären Umständen befunden hat, mit kurzgetakteten Arbeitsverträgen (wenn überhaupt), und dazu steht er unter dem enormen Druck, seine Qualifikationsschriften anzufertigen, von anderen Publikationen zu schweigen. Dabei hat er sich auf ein hohes berufliches Risiko eingelassen, denn nur ein Teil derjenigen, die Leiden und Entbehrungen einer Habilitation auf sich genommen haben, erhält dann auch eine Professur; der beträchtliche Rest findet sich, inzwischen zu alt und zu überqualifiziert für die meisten einträglichen Jobs, in einer beruflichen Sackgasse wieder. Es ist eindeutig unattraktiv geworden, eine wissenschaftliche Laufbahn an der Hochschule einzuschlagen.

Warum entscheiden sich trotzdem immer noch so viele, und so viele der Besten, für diesen harten und riskanten Weg? Es muss damit zu tun haben, dass der Titel und die Arbeit eines Professors immer noch einiges zählt, die Universität und was dazugehört noch etwas gilt in Deutschland, auch unabhängig davon, wie viel es einbringt. Die Professoren hatten die gerichtliche Klage unter anderem damit begründet, dass ihre gegenwärtige Vergütung nicht der Bedeutung und dem Ansehen ihres Amts in den Augen der Gesellschaft entspreche. Dieses Ansehen gibt es noch. Aber es ist ein geistiges und symbolisches Kapital, das derzeit verschleudert wird und demnächst erschöpft sein könnte. Es wäre verfehlt, dies für das Spezialproblem eines Berufsstands zu halten; in dessen Misere drückt sich die Misere der ganzen Universität aus. Der kann es unmöglich besser gehen als ihren Professoren.

Unveränderter Nachdruck aus der Süddeutschen Zeitung vom 6. Februar 2013. Mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung.


Über den Autor
Burkhard Müller ist Dozent für Latein an der Technischen Universität Chemnitz, freier Literaturkritiker und Autor. Er schreibt regelmäßig für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung

Aus Forschung & Lehre :: März 2013

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