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Wachstum auf Pump

VON MALTE BUHSE

Die privaten Business Schools bilden die Wirtschaftselite von morgen aus - können aber oft selbst nicht mit Geld umgehen.

Wachstum auf Pump© sinuswelle - Fotolia.comFür ihre Konkurrenzfähigkeit investieren Business Schools unmengen Geld und gehen dabei ein finanzielles Risiko ein
Ihre Studenten lernen in jedem Seminar, in jeder Vorlesung, wie man mit Geld gut umgeht und wie man es zum Wohle eines Unternehmens vermehrt. Sie lernen Finanzmanagement, Buchhaltung, Controlling, nachhaltige Unternehmensentwicklung. Doch viele Business Schools scheinen all diese Lektionen selbst nicht zu befolgen. Jahr für Jahr häufen sie teilweise riesige Verluste an.

Die European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel hat ausweislich des letzten veröffentlichten Jahresberichts im Jahr 2011 sieben Millionen Euro Verlust gemacht. Die Handelshochschule Leipzig (HHL) schreibt seit Jahren rote Zahlen. Und die Gisma Business School in Hannover musste im vergangenen Jahr sogar Insolvenz anmelden. Gerettet hat die Hochschule am Ende die Übernahme durch ein niederländisches Bildungsunternehmen.

Warum schaffen es die Hochschulen, die den Nachwuchs für die deutsche Wirtschaft ausbilden, nicht, Geld zu verdienen? Und das, obwohl sie für die Studiengänge, die sie anbieten, üppige Studiengebühren verlangen. 38.000 Euro kostet ein Vollzeit-MBA-Studium an der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin, die in den vergangenen Jahren zu einer der renommiertesten deutschen Business Schools aufgestiegen ist. An der Otto Beisheim School of Management (WHU) in Vallendar sind es 36.000 Euro und an der European Business School (EBS) 32.500 Euro. Bei solchen Preisen sollte doch einiges zusammenkommen, möchte man meinen. Allein mit den Einnahmen aus Studiengebühren kann sich aber keine Wirtschaftshochschule finanzieren. »Bei uns decken die Gebühren etwa 60 Prozent des Gesamtbudgets«, sagt Jörg Rocholl, Präsident der ESMT. Der Grund: Manager auszubilden ist teuer.

Um in den wichtigen Rankings nach oben zu klettern und damit auch für internationale Studenten attraktiv zu werden, müssen Business Schools eine gewisse Größe und ein vielfältiges Studienangebot haben. Dafür müssen sie kräftig investieren, zum Beispiel in Professoren. »Bei den Rankings wird sehr auf die Forschungsleistung einer Hochschule geschaut«, sagt Rocholl. Für den Weg an die Spitze braucht man daher Forscher, die Studien in renommierten Fachzeitschriften publizieren, die internationale Erfahrung haben und Kontakte zur Wirtschaft. Die lassen sich nur dann von anderen Universitäten abwerben, wenn man ihnen viel bietet: ein gutes Gehalt, Zeit für Forschung, Mitarbeiter, Promotions- und Habilitationsrecht. Die Gisma aus Hannover wollte dieses Problem mit einem Rundum-sorglos-Paket lösen: Sämtliche Professoren und Lehrinhalte kaufte sie zum Festpreis von rund 1,4 Millionen Euro im Jahr bei der US-amerikanischen Purdue-Universität ein. Die Professoren wurden für Vorlesungen eingeflogen. Doch die Kalkulation ging nicht auf. Als sich 2012 nur noch 24 Teilnehmer für den Vollzeit-MBA anmeldeten, konnte die Hochschule den Paketpreis nicht mehr bezahlen und meldete Insolvenz an.

Business Schools versuchen sich aber nicht nur bei Professoren zu überbieten, sie haben sich in den vergangenen Jahren auch in einen teuren Wachstumswahn hineingesteigert. Alle wollen gern größer sein, als sie sind, um international sichtbarer und attraktiver zu werden. Nur so, glauben sie, ließen sich mehr ausländische Studenten an eine deutsche Business School locken. »Size matters«, die Größe zählt, ist ein Mantra in der Branche, seit Jahren. Doch wachsen kostet Geld - Geld, das die meisten Wirtschaftshochschulen hierzulande nicht haben.

Überlebenswichtig: Die finanzielle Unterstützung durch Unternehmen

Die EBS wollte vor fünf Jahren unbedingt den Status einer Universität erlangen und gründete dafür, mit millionenschwerer Unterstützung des Landes Hessen, eine Jura-Fakultät. Und weil die Stadt Wiesbaden unbedingt eine Uni haben wollte, sollte die Hochschule das Gebäude des ehemaligen Landgerichts in Wiesbaden sanieren und umbauen. Rund 30 Millionen Euro hätte das vermutlich gekostet. Der neue EBS-Präsident Rolf Wolff stoppte jetzt das Projekt. »Wir können dieses finanzielle Risiko momentan einfach nicht eingehen«, sagt er. Schon jetzt hat die EBS Probleme, die Miete für die von der Law School bislang genutzten Räume in der Nähe des Wiesbadener Bahnhofs zu bezahlen. Auch die ESMT legt Wert auf einen repräsentablen Lehrbetrieb, sie ließ für rund 35 Millionen Euro das ehemalige Staatsratsgebäude auf dem Schlossplatz umbauen. Die WHU mietete sich 2011 in den exklusiven Schwanenhöfen in Düsseldorf ein; der Platz am Stammsitz in Vallendar reichte nicht mehr aus. Weil die hohen Ausgaben für Gebäude, modernste Ausstattung, Professoren und Mitarbeiter sich nicht allein aus Studiengebühren finanzieren lassen, müssen Business Schools sich weitere Geldquellen erschließen. Besonders beliebt sind Stiftungsprofessuren. Dabei übernehmen Unternehmen die Ausgaben für einen Lehrstuhl. Die Deutsche Post sponsert zum Beispiel sowohl einen Marketinglehrstuhl an der HHL als auch einen Logistiklehrstuhl an der ESMT und einen Lehrstuhl für Regulierungsökonomik an der WHU. An der EBS gibt es Lehrstühle, gefördert von der Aareal Bank und dem Lebensmittelkonzern Danone. Für viele Business Schools sind solche Kooperationen mit Unternehmen überlebenswichtig.

Ein weiterer Baustein in der Bilanz sind Drittmittel oder staatliche Fördergelder. Die EBS etwa bekommt für einen Teil ihrer Studienplätze Zuschüsse des Landes Hessen. Und für den Aufbau der juristischen Fakultät flossen zusätzlich noch mal fast 25 Millionen Euro Steuergeld in die private Uni. Davon musste die EBS 2011 eine Million Euro zurückzahlen; das Geld war zweckentfremdet worden. Der ehemalige EBS-Präsident Christopher Jahns wurde im Zuge des Streits entlassen, inzwischen läuft vor dem Landgericht Wiesbaden ein Prozess gegen ihn, weil er Geld veruntreut haben soll, was Jahns bestreitet. Der Skandal hinterließ tiefe Spuren in der Kasse der EBS: Aufgrund ihres ramponierten Rufs bekam sie weniger Drittmittel und Spenden. So rutschte die Business School trotz der immer noch großzügigen Landesunterstützung tief in die roten Zahlen. Auch 2013 hat die Business School laut Präsident Rolf Wolff wieder Verlust gemacht. Mit 1,7 Millionen Euro soll er allerdings diesmal deutlich geringer ausgefallen sein. Hauptsächlich weil sich die Hochschule ein strenges Sparprogramm verordnet hat.

Große Hoffnungen setzen viele klamme Business Schools momentan auf die Weiterbildung. Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter für Kurse vorbeischicken, können die privaten Hochschulen höhere Gebühren verlangen als für die klassischen Studiengänge und MBA-Programme. Nahezu alle Business Schools versuchen daher momentan, das Geschäft mit der Weiterbildung auszubauen.

Auch die eigenen Absolventen sind für die Wirtschaftshochschulen eine wichtige Geldquelle. Die EBS etwa erhielt kürzlich ein Darlehen ihrer Alumni in Höhe von 1,1 Millionen Euro. Die HHL startete im September eine Crowdfunding-Aktion auf der Internetplattform Fundsters, um Geld für die Ausstattung neuer Seminarräume zu sammeln. Fast 200.000 Euro kamen am Ende zusammen, doppelt so viel wie geplant. Gespendet hatten hauptsächlich Absolventen der Hochschule, darunter ein anonymer Großspender, der 50.000 Euro überwies. Oft reichen aber selbst Stiftungsprofessuren, Weiterbildungskurse und spendable Absolventen nicht aus, um eine Business School in die schwarzen Zahlen zu bringen. Viele Hochschulmanager blicken daher sehnsüchtig auf die großen Konkurrenten in den USA und versuchen deren Erfolgsrezepte zu kopieren. Das ist aber nur bedingt möglich. Private US-Eliteuniversitäten wie Harvard, Stanford und Wharton können beispielsweise deutlich höhere Studiengebühren verlangen, weil ihre Absolventen später sehr gut verdienen und sich das Geld für die Gebühren so schnell wieder auszahlt. In Deutschland sind die Gehaltssprünge, die man durch einen MBA machen kann, deutlich kleiner. Vor allem aber haben Harvard, Stanford und Wharton finanzkräftige Stiftungen im Rücken, die mit ihren Erträgen den Hochschulhaushalt füllen.

Ehemaligen-Netzwerke funktionieren in Deutschland noch nicht gut genug

Die ESMT hat das amerikanische Konzept bereits übernommen. Rund 128 Millionen Euro liegen in einem Stiftungsfonds, den 25 Unternehmen und Institutionen bei der Gründung der Hochschule gefüllt haben. Das Geld wird angelegt, mit den erwirtschafteten Gewinnen kann die ESMT Lücken im Budget füllen. Seit 2010 schreibt sie in jedem Jahr eine schwarze Null. Auch die WHU finanziert sich zum Teil aus den Erträgen der Stiftung des Metro-Gründers Otto Beisheim.

Andere Business Schools würden gern nachziehen und Stiftungsvermögen aufbauen. »Dass es manchen US-Universitäten finanziell besser geht, liegt auch daran, dass sie seit mehr als hundert Jahren Alumni-Netzwerke aufbauen und Kapital ansammeln konnten«, sagt Andreas Pinkwart, ehemaliger Wissenschaftsminister in Nordrhein-Westfalen und Rektor der HHL. Anders als in den USA, wo die Elite-Unis zum Teil bereits im 19. Jahrhundert gegründet wurden, sind Business Schools in Deutschland ein relativ junges Phänomen. Die HHL wurde zwar bereits 1898 gegründet, in der DDR aber mit der Universität Leipzig zusammengelegt und erst 1992 wieder als vollständig eigenständige Hochschule neu belebt. Ihre Konkurrenten sind meist noch deutlich jünger. Die EBS wurde 1971 gegründet, die WHU 1984 und die ESMT sogar erst 2002. »Man muss den deutschen Business Schools auch Zeit geben, damit ihre Netzwerke und ihre Kapitalbasis so stark werden wie die der Besten in der Welt«, sagt Andreas Pinkwart. Ob allerdings alle Business Schools so viel Zeit haben und lange genug überleben, ist fraglich. In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, wer es schafft, in der ersten Liga europa- oder sogar weltweit mitzuspielen. Platz für alle ist dort oben nicht. Und für den Weg dorthin braucht man tiefe Taschen.

Aus DIE ZEIT :: 23.01.2014