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Wachstum mit Natur

Von Christiane Grefe

Im indischen Delhi kämpft Sunita Narain für mehr ökologische Klugheit in der Welt. Die Publizistin und Institutschefin lernt dabei auch vom Wissen der Landbevölkerung, was für Indien ein verträglicher Weg in die Zukunft wäre.

Wachstum mit Natur: Sunita Narain CSESunita Narain
Als der Vorstand des Großkonzerns Tata in Neu-Delhi den »indischen Volkswagen« Nano präsentierte, gab er auch seiner schärfsten Kritikerin Zucker. »Frau Sunita Narain wird nachts weiterhin ruhig schlafen können«, sagte Ratan Tata mit mildem Spott. Das neue Billigauto verbrauche wenig Sprit und sei daher kaum klimaschädlich.

Eigentlich ein gutes Omen für die Zukunft des Planeten, wenn der mächtige Automanager eines Schwellenlandes mit potenziell einer Milliarde Kunden heute den Energieeinsatz seiner Produkte rechtfertigt; schon dieser öffentliche Druck ist ein Verdienst der adressierten Ökoaktivistin. Überzeugt hat Herr Tata Frau Narain allerdings nicht. »Und wie ich schlecht schlafe!«, gab die Direktorin des Centre for Science and Environment (CSE) zurück, »auch wegen der anderen Autos.« In ihrem winzigen Büro in Delhis Habitat Centre listet »Indiens Umweltgewissen« die Albträume noch einmal auf: Megastaus in den Metropolen, noch mehr Luftverschmutzung, Asthma bei Kindern und Alten; das alles zusätzlich zur Verschärfung der Erderwärmung, deretwegen Dürren und Fluten schon jetzt besonders die Armen heimsuchen. Überdies, sagt sie, könne sich die Mehrheit ihrer Landsleute selbst diesen Kleinwagen gar nicht leisten. Ratan Tata werde also erst dann »ein Held«, wenn er »einen Nano-Bus entwickelt«.

Zierlich wie eine Prinzessin, fast mädchenhaft wirkt die 47-Jährige im türkisfarbenen Sari, mit bravem Mittelscheitel, lautem Lachen und aufmerksamem Blick. Aber ihre Argumente reiht sie - »machen wir uns nichts vor« - knallhart, staatsfraulich und nachdrücklich aneinander. Und passioniert: Die Kontroversen, in die sie sich stürzt, treffen für sie stets ins Mark eines Konfliktes, »der mir gerade am meisten am Herzen liegt«. Jetzt also: Auto oder Bus. Bei dieser Entscheidung verbinde sich, sagt Narain, »das ganz große Ding«, der Kampf gegen Ressourcenverschwendung und Klimawandel, mit der Verantwortung, »hier, direkt hier vor unserer Haustür« die Sache anzupacken.

Genau daher rührt der Erfolg der streitbaren Ökologin: dass sie Welt und Wohnort, Denken und Handeln stets zusammenbringt. Als Publizistin und Aktivistin spürt Sunita Narain die neuralgischen Punkte komplexer globaler Probleme auf, zettelt mit wissenschaftlichen Daten öffentliche Debatten darüber an und wirkt auch noch an den Lösungen mit. Dafür zählt die Zeitschrift Foreign Policy sie zu den 100 wichtigsten Intellektuellen der Welt, und das US-Magazin Time nennt sie eine von Indiens einflussreichsten Persönlichkeiten. Auch den indischen »Bundesverdienstorden« Padma Shri hat sie erhalten und den Stockholmer Wasserpreis. Das große Ding: Schon vor bald 20 Jahren weckte ihr Institut pionierhaft das Bewusstsein dafür, dass Umweltschutz auch in Entwicklungsländern kein Luxus ist.

Gerade die Armen, sagt Narain, »sind davon abhängig, dass Wald, Wasser, Boden, Luft und biologische Vielfalt intakt bleiben«. Zudem erhoben sie und ihre Mitstreiter den Anspruch der Entwicklungsländer auf globale Ressourcen- und Klimagerechtigkeit. »Ihr Reichen müsst Konsum und Emissionen drastischer als bisher herunterfahren«, fordert Narain bis heute auf allen Podien, »damit wir Entwicklung nachholen können.« Ein Menschenrecht jedes Inders, Chinesen oder Nigerianers auf einen eigenen fahrbaren Untersatz hat sie dabei aber, anders als viele Landsleute, nie im Sinn gehabt. Die Fehler der westlichen Konsumgesellschaften zu vermeiden und nicht Autos für alle zu gewährleisten, sondern Mobilität, und das von vorneherein kohlenstoffarm: Bei dieser Anstrengung für einen technologischen Weitsprung (»Leap Frogging«) sieht Narain auch die Entwicklungsländer in der Pflicht. »Die arme Welt muss es besser machen. Auch wir können und müssen den Weg zum Wachstum neu erfinden.«

Zum Beispiel direkt vor der Haustür, mit Schnellbussen, für deren Einsatz Sunita Narain mit ersten Erfolgen kämpft: Die Regierung diskutiert, wie sie Steuern und Subventionen zugunsten des Massentransportmittels verändern kann. Seit einem Jahr sind überdies in Delhi die ersten Busspur-Kilometer in Betrieb, und wer je durch das Verkehrschaos indischer Metropolen gerollt ist, das Konkurrenzgetümmel aus Zwei-, Drei- und Vierrädern und manchmal auch noch Vierbeinern wie Kühen und Elefanten erlebt hat, der ahnt, dass sich Sunita Narain mit dieser Kampagne nicht nur Freunde gemacht hat.

Die Mittelklasse schimpft im Stau, links ziehen Motorroller und Fahrräder und rechts »unsere wunderschönen grünen Schnellbusse« vorbei. Vieles habe, gibt Narain zu, organisatorisch noch nicht geklappt. Im medialen Gewitter rechnete sie aber nüchtern vor: Zwei Drittel der Hauptstadtbewohner seien auf Bus oder Metro angewiesen, während nur acht Prozent Auto fahrer mehr als zwei Drittel des Straßenraums in Anspruch nehmen. Um Verteilungsgerechtigkeit geht es ihr global - aber genauso im eigenen Land.

Zukunftsdenken: Für Sunita Narain ist das auch bei anderen Ressourcenfragen zugleich wissenschaftliche Herausforderung wie politisch bodenständig. Down To Earth eben - so lautet der Name des Magazins, das das CSE herausgibt. Alle 14 Tage eröffnet Narain es mit ihren Editorials, faktenreich und pointiert, ob sie über die Strategien der Regierung zur Bekämpfung des Hungers schreibt oder über die Arroganz, mit der große Konzerne Ureinwohnern oft entschädigungslos ihre Existenzgrundlagen streitig machen wollen. Narains Lust an zugespitzten Formulierungen macht auch auf das neugierig, was viele nicht gern lesen wollen. Nach der Klimakonferenz in Bali etwa polemisierte sie, empört über ein wachsweiches Ergebnis, gegen die »Strandparty der reichen Verschmutzer«.

Down To Earth ist in Umweltfragen Indiens Leitmedium, die Recherchen von über 100 Wissenschaftlern und Journalisten im Institut werden von Rajasthan bis Kerala aufgegriffen. Und manchmal auch weltweit, wie bei der »Pesticola-Affäre«: Gleich zweimal wiesen CSE-Laboranten der globalen Getränkeindustrie Pestizide in ihren Limonaden nach; für deren Image kein Spaß. Dabei habe sie nichts gegen die großen Konzerne, betont Narain. Sie wolle die Regierung in die Pflicht nehmen und Standards durchsetzen, »ganz einfach!«.

Am Abend schaut Narain auf ein Stündchen bei einer Jubiläumsparty vorbei. Nach 30 Jahren treffen sich die Mitglieder jener kleinen Umweltgruppe wieder, in der die Ökologin ihr Engagement als Schülerin begonnen hat. Man erinnert sich an gemeinsame Reisen zur Chipko- Bewegung im Himalaya; von diesen Bäuerinnen, die ihre Bäume gegen Holzeinschlagfirmen verteidigten, waren damals alle inspiriert. 1981 kam Sunita Narain zum CSE und recherchierte bald gemeinsam mit dessen Gründer Anil Agarwal den »Bürgerbericht zur Lage der Umwelt in Indien«. Die erschreckende Bilanz erregte weltweit Aufsehen, so etwas kam zum ersten Mal aus einem Entwicklungsland.

»Schleichender Mord« - mit solchen Provokationen stritten die beiden Aktivisten Mitte der neunziger Jahre auch gegen den Smog in Delhi und setzten durch, dass öffentliche Verkehrsmittel auf Erdgas umstellen mussten. Ähnlich folgenreich deckten Narain und Agarwal bei ausgiebigen Reisen bis in die abgelegensten Dörfer auf, dass von Indiens Wasserpolitik vor allem die Reichen, subventionierte Großbauern und Städter profitierten. Als Gegenkonzept trugen die CSE-Experten die teils vergessene Vielfalt der Traditionen zusammen, wie Dorfbewohner die hinwegrauschenden Monsunniederschläge auffangen und speichern können. »Von den lokalen Gemeinschaften können wir eine Menge über einen ökologisch verträglichen Entwicklungspfad lernen«, sagt Narain. Angepasste Technologie sei wichtig, aber ebenso wichtig sei, dass die Leute im Dorf die Entscheidungsmacht behielten.

Mit dem Kampf für Dezentralisierung und Regenwasserernte beflügelte das CSE eine ganze Basisbewegung. Heute fördern auch Regierungen in Indien und anderen Entwicklungsländern solche Systeme. Anil Agarwal, das charismatische Vorbild, war über Jahre Narains Mentor. 2002 starb er nach jahrelangem Krebsleiden mit nur 54 Jahren. Fragt man seine Nachfolgerin im CSE nach ihrem persönlichen Leben, dann lacht sie nur: »Ich bin total langweilig, ich arbeite die ganze Zeit.« Der Tag beginnt mit Schwimmen oder Joggen, »jedenfalls versuch ich's«. Dann pendelt sie zwischen ihrem Büro im Habitat Centre und der CSE-Zentrale im Süden Delhis, wo von der biologischen Kläranlage bis zur Selbstversorgung mit Solarenergie die Lösungsvorschläge des Ökoinstituts auch praktisch vorgemacht werden. Am Wochenende immerhin fährt sie oft ins Haus der Familie aufs Land.
Der Vater, ein Unternehmer, starb früh, die Mutter übernahm das Geschäft und zog vier Mädchen allein groß. Auch ihr verdankt es die Tochter, dass sie sich als Frau selbstbewusst in die Stürme der Debatten wagt. Und dabei hat sie auch durchaus widersprüchliche Kritik auszuhalten: Werfen die einen ihr Populismus vor, finden andere, sie sei schon zu nah am Establishment; vor allem seit der Premierminister sie in die »Tiger-Task- Force« berief und in eine Kommission für die nationale Klimaschutzstrategie. Sie sei aber keiner Partei verbunden, winkt Narain ab. Man müsse alle Kanäle nutzen.

Wieder andere Kritiker nähren Zweifel an der CSEChefin, weil sie selbst nie studiert hat. Wie könne man dann ein umweltwissenschaftliches Institut leiten? Anfangs habe diese Frage sie verunsichert, gesteht Narain. Aber: »Falsch zu liegen, können wir uns gar nicht leisten.« Außerdem seien die Grenzen zwischen Wissenschaft und Journalismus fließend: »Ich habe nie keine Fragen.« Immer wieder kritisiert Narain ihrerseits die vermeintliche Neutralität der Wissenschaft. Von sozialen Werten sei sie nicht zu trennen, sagt sie und frotzelt: »Es ist gut, wenn Indien in den Weltraum fliegen kann, wichtiger wäre eine überzeugende technologische Alternative zur Toilettenspülung.« Auch das Spezialistentum sei zu weit gegangen. Ihre Aufgabe sieht Narain daher darin, Zusammenhänge herzustellen. Den Klimawandel etwa analysiert sie als »Summe aller Fehler« einer verschwenderischen Wirtschaftsweise.

In dieser Sache ist sie, sonst keine Polit-Globetrotterin, derzeit öfter auf Reisen; der Countdown vor der entscheidenden Klimakonferenz in Kopenhagen läuft, und in der Wirtschaftskrise gelte es, sagt Narain, die Rettungspakete wirkungsvoll mit den CO2-Einsparzielen zu verbinden. Auch auf einem Podium der Allianz- Kulturstiftung in Berlin liest die Aktivistin dem Westen die Leviten: Statt harte staatliche Rahmenbedingungen für einen »Green New Deal« und die angemessenen Emissionsminderungen zu schaffen; statt endlich »erfinderisch zu werden«, würden bisher »nur Pflaster aufs Althergebrachte geklebt«. Auch der Bundesregierung müsse zum Klimaschutz noch mehr einfallen. Narain, die eine rhetorisch gewandte Performerin ist, schaut gespielt erstaunt ins Berliner Publikum: »Eine Abwrackprämie? Wow!«

Aus DIE ZEIT :: 02.04.2009

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