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Waltraud Wende: Die Streitbare

VON FRIEDERIKE LÜBKE

Keine andere Bildungsministerin ist so umtriebig und zugleich so umstritten wie Waltraud Wende in Schleswig-Holstein. Was bewegt diese Frau?

Die Streitbare© Ministerium für Bildung und Wissenschaft des Landes Schleswig-HolsteinMit ihren Reformansätzen macht sich Wende nicht überall beliebt
Um Viertel vor fünf wird es plötzlich laut vor dem Bildungsministerium in Kiel. Auf der Straße ist wildes Autohupen zu hören. Waltraud Wende steht von dem Konferenztisch auf, an dem sie sich gerade mit dem Präsidenten der Universität Lübeck unterhält, läuft zum Fenster und blickt aus dem achten Stock hinunter: »Sind das Lehrer, die gegen mich demonstrieren?« Sie grinst. Es ist lediglich ein Witz. Aber es hätte auch wahr sein können. In den vergangenen zwei Monaten sind nicht nur Lehrer, sondern auch Schüler und Studenten wegen Wende auf die Straße gegangen. Für die regionalen Medien ist die schleswig-holsteinische Ministerin für Bildung und Wissenschaft ein Dauerthema. Für die Opposition ist sie eine Zumutung. Schon mehrfach hat sie Wende zum Rücktritt aufgefordert. Aber die denkt gar nicht daran. Warum auch? Sie habe doch viele wichtige Dinge angestoßen, findet sie. Keine andere Bildungsministerin in Deutschland ist derzeit so umtriebig - und so umstritten.

Waltraud Wende, die sich am liebsten »Wara« nennen lässt, arbeitet nach dem Prinzip: Wenn etwas gut ist, sollte man es auch umsetzen. Frauen in der Wissenschaft sollten Karriere machen, Lehramtsstudenten sollten nicht erst als Referendare ein Klassenzimmer betreten, Fachhochschulen sollten auch promovieren dürfen. Schulnoten sind nicht objektiv, deshalb sollte man sie abschaffen. Das sind alles keine anstößigen Forderungen. Problematisch ist nur, dass Wende sie alle gleichzeitig umsetzen will. Und zwar schnell. Die Lehrerbildung hat sie gerade reformiert. Und dafür etwas getan, was sich in dieser Form noch niemand getraut hat: Sie hat sich mit den Gymnasien angelegt. In Schleswig-Holstein wird es in Zukunft nur noch ein Lehramtsstudium für die weiterführenden Schulen geben. Die so ausgebildeten Lehrer können also sowohl an Gemeinschaftsschulen als auch an Gymnasien unterrichten.

Sie sollen nicht nur gute Fachlehrer sein, sondern auch gute Pädagogen. Ein Semester Praktikum im Masterstudium ist Pflicht. Für die Reform müssen die Universitäten Kiel und Flensburg ihre Studienangebote umbauen. Das wird mehrere Millionen Euro kosten. Waltraud Wende sagt, die Studenten würden nun besser auf die Realität an den Schulen vorbereitet. Ihre Kritiker werfen ihr vor, sie wolle den »Einheitslehrer«. Und damit das Gymnasium abschaffen. Wenn man alle Lehrer gleich ausbilde und vielleicht sogar gleich bezahle, wo liege dann noch der Unterschied? Diese Reform, sagt Waltraud Wende, sei ihr wichtigstes Projekt. Aber längst nicht ihr letztes.

Derselbe Tag, einige Stunden früher. Waltraud Wende besucht das Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie in Itzehoe. Sie steigt vom Rücksitz ihres Dienstwagens, auf dem Vordersitz liegt ihr Terrier Wolpi. Wende plaudert mit ihrem Pressesprecher darüber, dass sie einen neuen Hundekorb braucht, dann mit den Forschern über das Konzert von Elton John in Kiel. Sie ist eine aufmerksame Zuhörerin. Sie lacht viel. Nickt zustimmend. Hakt sofort ein, wenn sie eine Frage hat, selbst wenn es nur um ein Detail geht. Häufig beginnt sie eine Nachfrage mit den Worten »Was ich nicht verstanden habe ...«. In der Präsentation im Institut stimmt eine Zahl nicht. Wende weist den Redner darauf hin. Am Ende des Besuchs fasst sie zusammen, was sie mitnimmt und was sie verspricht. Sie klingt wie die Professorin, die sie jahrelang war.

Waltraud Wende

Professorin
Wende hat Allgemeine Literaturwissenschaft, Geschichte, Pädagogik und Soziologie studiert. Von 2000 bis 2010 war sie Professorin an der niederländischen Uni Groningen, dann Präsidentin der Uni Flensburg. Seit 2012 ist sie Ministerin für Bildung und Wissenschaft in Schleswig-Holstein.

Reformerin
Zwei wichtige Projekte hat Wende bereits umgesetzt: Im neuen Schulgesetz hat sie das zweigliedrige System aus Gymnasien und Gemeinschaftsschulen und das Elternwahlrecht fixiert. Mit dem Lehrkräftebildungsgesetz gibt es nun nur noch ein einziges Studium für alle Lehrer an Sekundarschulen. Für die Hochschulen hat Wende erreicht, dass die Finanzierung zusätzlicher Studienplätze vom Land mit 30 Millionen Euro dauerhaft unterstützt wird.
In der Politik ist Waltraud Wende, 56, eine Seiteneinsteigerin. Sie hat Deutsch und Geschichte auf Lehramt studiert, dann eine Karriere als Literaturwissenschaftlerin eingeschlagen. Zehn Jahre lang lehrte sie als Professorin an der Uni Groningen. 2010 wurde sie zur Präsidentin der Uni Flensburg gewählt. »Unkonventionell« sei sie, heißt es von ehemaligen Kollegen in Flensburg, »energisch, durchsetzungsstark, konfrontativ«. Was vielen dort von ihr hängen geblieben ist: Sie hat das Studium für Grundschullehrer reformiert. Kurz darauf bekam sie die Chance, die Bildung im ganzen Land zu reformieren.

Im Wahlkampf vor zwei Jahren hatte Waltraud Wende zum ersten Mal Torsten Albig getroffen. Er kandidierte für das Amt des Ministerpräsidenten. Das Treffen war auf 45 Minuten angesetzt. Sie redeten doppelt so lange. Kurze Zeit später fragte er sie, ob sie seine Ministerin werden wolle. Wende war die Einzige, auf die er sich vor der Wahl öffentlich festlegte. Obwohl sie noch vier Jahre Amtszeit als Uni-Präsidentin vor sich gehabt hätte, sagte sie zu. Allerdings ließ sie sich als Professorin eine Rückkehroption zusichern, für den Fall, dass es sie in der Politik nicht lange hält. Im Land sorgte diese Option für große Empörung. »Ich bin sicherlich relativ naiv in die Politik gegangen«, sagt sie, »aber es hat mich gereizt, Dinge gestalten zu können.« Parteilos und politisch unerfahren, wurde Waltraud Wende 2012 Bildungsministerin in Albigs Landesregierung aus SPD, Grünen und Südschleswigschem Wählerverband.

Bildung ist Ländersache. Und im Ländervergleich hat Schleswig-Holstein die niedrigsten Gesamtausgaben für Bildung. In den vergangenen zehn Jahren waren sechs verschiedene Minister für Wissenschaft und Bildung verantwortlich, unter anderem weil der Zuschnitt des Ministeriums mehrfach geändert wurde. Schleswig-Holstein hat nur drei Universitäten: Lübeck, Kiel und Flensburg. Wende ist nun Chefin ihrer ehemaligen Kollegen und ihres Nachfolgers. Sicher ist, dass die Erwartungen gerade dort an sie, die Professorin und ehemalige Uni-Präsidentin, besonders hoch sind. Und dass sie diese Erwartungen enttäuscht hat. Ganz besonders, als sie kürzlich ankündigte, dass sie die 36 Millionen Euro, die das Land einspart, weil der Bund das Bafög vom kommenden Jahr an komplett finanziert, nicht an die Hochschulen geben wird, sondern an die Schulen. Die Professoren an den Unis hatte sie ohnehin schon verprellt, als sie ein Promotionsrecht für Fachhochschulen forderte.

Bei einer Frau wie ihr, fast immer in Schwarz, fast immer mit Hund, Vegetarierin in einem landwirtschaftlich geprägten Land, die nicht verrät, ob sie einen Partner hat, aber freimütig persönliche Anekdoten erzählt, die sich Wara nennt, obwohl sie Waltraud heißt - bei so einer Frau kippen die politischen Scharmützel schnell ins Persönliche.

Wende hat jetzt Macht. Und Feinde. Wenn sie sagt, man müsse einmal über dieses und jenes nachdenken, hören alle »die Ministerin will«. Wenn sie den Dialog sucht, legt man ihr das als Führungsschwäche aus. Wenn sie es nicht tut, wirft man ihr vor, sie bestimme zu sehr. Rückhalt hat Wende durch den Ministerpräsidenten. Torsten Albig hat sie in das Amt gehoben und hält sie auch dort. Egal, woran sich die Kritik entzündet, der »MP«, wie Wende ihn nennt, steht hinter ihr. Manchmal sogar buchstäblich, wie im Juni, als Demonstranten vor den Landtag zogen. Die Opposition vermutet, weil Albig sie unbedingt als Ministerin wollte, müsse er sie jetzt um jeden Preis halten. Andersherum gilt aber auch: Wer sie trifft, trifft ihn. Der Ministerpräsident regiert mit nur einer Stimme Mehrheit. Abweichler kann er sich nicht leisten. Öffentliche Kritik muss ihn dagegen wenig kümmern; bis zur nächsten Wahl sind es noch drei Jahre.

Die Idee, die Lehrerbildung zu reformieren, sei ursprünglich von Albig gekommen, sagt Wende. Und seinetwegen musste sie auch in der Kultusministerkonferenz den bereits festgezurrten Kompromiss zur Sommerferienregelung noch einmal neu verhandeln. Von außen sieht es so aus, als müsse sie für ihn die schwierigen Felder beackern. Aus ihrer Sicht ist es ein Austausch.

Mittags ist Waltraud Wende zurück in ihrem Büro in Kiel. Die Fenster hinter ihrem Schreibtisch öffnen den Blick auf den Hafen. Gegenüber sieht sie über die Dächer der Stadt bis zur Universität. Ihr Terrier hat sich neben dem Schreibtisch zusammengerollt und schnauft. Wende unterschreibt schnell einige Papiere, dann muss sie mit ihren Mitarbeitern sprechen. Die Reform der Lehrerbildung wurde vor zwei Wochen verabschiedet, nun geht es darum, wie man sie umsetzt - und was als Nächstes kommt. Die Gespräche sind ein Gedanken-Pingpong. Man kann zuhören, wie sich die Ministerin eine Meinung bildet. Sie fügt neue Informationen hinzu, erklärt, ermutigt zum Widerspruch oder macht deutlich, wo man eine andere Meinung einholen sollte. Auch ihre eigenen Ansichten stehen zur Diskussion: »Das ist jetzt die wilde These der Geisteswissenschaftlerin.« Wenn sie allerdings ein Urteil fällt, ist es scharf.

Und noch ein Muster fällt auf: Wende hat Ideen - ihre Mitarbeiter haben Bedenken. Es ist kein Geld da. Es ist nicht zu schaffen. Es geht nicht. Als man ihr sagt, dass ein Bericht zuerst zu einem Büroleiter müsse, bevor sie ihn selbst lesen könne, verzieht sie enttäuscht das Gesicht. Ehemalige und aktuelle Kollegen zeichnen unabhängig voneinander ein recht einheitliches Bild von ihr. Zielorientiert und an der Sache ausgerichtet, so war sie als Professorin, als Uni-Präsidentin, und so ist sie jetzt als Bildungsministerin.

Für den Weg zum Ziel bringt sie dagegen kaum Geduld auf. Sie ist so lange offen für den Dialog, bis sie eine Entscheidung getroffen hat. Andere zu überzeugen ist weniger ihre Sache. In der Politik, in der man Menschen umwerben, Mehrheiten gewinnen und sich ständig erklären muss, ist das ein Problem. Eine Professorin regt zum Denken an, wenn sie Thesen aufstellt und eine Haltung hat. Eine Ministerin mit derselben Art stößt andere vor den Kopf. Die Germanistin Wende tut sich schwer mit der politischen Kommunikation. »Ministerin der Fettnäpfchen« ist sie schon genannt worden. »Sie weiß genau, was sie möchte und welche Ziele sie verfolgt. Das ist ihre Stärke. Eine ihrer Schwächen ist es, diese Ziele richtig zu kommunizieren«, fasst es Sophia Schiebe zusammen, die Vorsitzende der Studierendenvertretung der Uni Kiel. Wende weiß das. »Das ist Politik«, sagt sie. »Eine Ministerin wird das Spiel nicht ändern.« Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, diese Haltung habe sie von ihrem Vater übernommen.

Inzwischen sei sie sich nicht mehr so sicher, ob es stimmt. Waltraud Wende sagt, sie habe gelernt, dass sie nicht alles umsetzen könne, was sie gut finde. Dass sie nicht alle Missverständnisse richtigstellen müsse. »Ich darf nicht mehr laut denken«, sagt sie. Und dann lacht sie, weil sie selbst weiß, dass sie sich nicht daran halten wird.

Aus DIE ZEIT :: 31.07.2014

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