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Warum fällt der Berufswechsel so schwer?

Das Gespräch führte FRANZISKA LANGHAMMER

Was treibt ausgerechnet Einsteiger dazu, ihren Beruf zu wechseln?

Warum fällt der Berufswechsel so schwer?© alphaspirit - Fotolia.comHäufig gibt ein äußerer Anlass den Anstoß, die Berufswahl in Frage zu stellen
DIE ZEIT: Junge Menschen arbeiten jahrelang auf einen Job hin - und steigen dann kurz nach Berufsbeginn wieder aus. Ist das nicht paradox?

Ute-Christine Klehe: Nein. Diese Lebensphase ist sogar besonders prädestiniert für eine Neuentscheidung. Generell gilt: Je mehr jemand in seine Karriere investiert und umso mehr er erreicht hat, desto größer wird der Rechtfertigungszwang, den er sich selbst und anderen gegenüber verspürt, wenn er noch einmal von vorne anfängt. Bei Berufsanfängern ist diese Investition überschaubar.

ZEIT: Tatsächlich? Viele junge Erwachsene haben heute doch schon ihr gesamtes Studium hindurch an ihrem Lebenslauf gefeilt.

Klehe: Das ist wahr, aber was sie motiviert, ist oft schlicht das Wissen darum, dass es keine Sicherheit im Job gibt. Dem versuchen sie mit einer optimalen Ausbildung zu begegnen. Dass sie dabei ihr Berufsziel zu wenig hinterfragen, ist keine Seltenheit.

ZEIT: Sind bestimmte Typen schneller unzufrieden als andere?

Klehe: Natürlich spielen soziale und genetische Faktoren dabei eine Rolle. Ausschlaggebend ist aber auch, wie viel Freude einem die täglichen Tätigkeiten und Rahmenbedingungen eines Jobs tatsächlich machen. Hier wird jemand, dessen Berufswahl von extrinsischen Motiven wie Geld, Status und Prestige getrieben ist, eher unzufrieden mit dem Job sein. Das gilt sogar, wenn er in diesem erfolgreich ist. Das Perfide daran: Wir überschätzen, wie sehr uns bestimmte Dinge glücklich machen können - und so kommen extrinsisch motivierte Menschen oft zunächst nicht auf die Idee, dass sie etwas Fundamentales ändern müssen, sondern denken, sie brauchten zum Glücklichsein einfach mehr von allem - mehr Geld, mehr Status, mehr Prestige.

ZEIT: Nach welchem Muster läuft eine berufliche Umorientierung ab?

Klehe: Wenn die Unzufriedenheit unerträglich geworden ist, kann man erst einmal versuchen, den Job seinen Wünschen anzupassen. Man kann etwa störende Arbeitsbedingungen ändern oder sich Aufgaben suchen, die einem mehr Spaß machen könnten. Wenn das alles nicht greift, wartet eine unglaublich schwere Entscheidung: Anzuerkennen, dass der Job nicht zu mir passt.

ZEIT: Warum fällt sie so schwer?

Klehe: Die meisten Menschen haben eine Beziehung zu ihrer Karriere wie zu einem Ehepartner: Sie sehen sie als Verbindung fürs Leben. Die Trennung von einem Beruf ist damit auch die Trennung von einer Idee von sich selbst, und das bedeutet ein großes Stück Identitätsarbeit. Dazu gehören Ängste, Traurigkeit, Selbstzweifel. In einer solchen Phase ist es sehr wichtig, nicht allein zu sein, ein soziales Netzwerk zu haben oder einen Partner, der signalisiert: Du bist richtig, auch wenn du jetzt vieles in deinem Leben änderst.

ZEIT: Deswegen schafft diesen Schritt wahrscheinlich auch nicht jeder?

Klehe: Genau. Ein festgelegter Karriereweg gibt viel Sicherheit, und nicht alle halten das Chaos aus, das auf sie wartet, wenn sie ihn verlassen. Die meisten Menschen reagieren auf berufliche Unsicherheit nervös, und Angst macht es noch schwieriger, sich in einer solchen Situation konstruktiv zu fragen: Was kann ich? Was will ich? Wie komme ich dorthin? Viele brauchen einen Anlass von außen, der zum Bruch mit dem bisherigen Job führt, etwa eine Änderung der persönlichen Lebensumstände durch eine neue Beziehung oder eine Krankheit. Im Nachhinein kann ein solches Erlebnis als Auslöser dienen, der einen aus dem Arbeitstrott herausreißt, weil er einen dazu zwingt, sein Leben und damit auch seinen Beruf infrage zu stellen.

ZEIT: Hat die Bereitschaft, sich neu zu orientieren, generell zugenommen?

Klehe: Die Bindung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist heute schwächer als noch vor dreißig Jahren. Einmal Siemens, immer Siemens - das gibt es nicht mehr. Und es ist heute einfacher, sich unverbindlich über neue Arbeitsfelder zu informieren: Musste man sich früher noch über das Arbeitsamt schlaumachen, reichen heute wenige Klicks im Netz. Das trägt dazu bei, dass die Menschen viel flexibler in der Ausrichtung ihrer Karriere sind.

Aus DIE ZEIT :: 28.08.2014

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