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Warum Chemikerinnen gründen

Von Brigitte Osterath

Existenzgründungen sind in der Chemie seltener als in anderen Branchen. Trotzdem haben sich viele Chemiker zu diesem Schritt entschlossen - auch Frauen. Und sie sind ganz schön erfolgreich.

Warum Chemikerinnen gründen© moshimochi - iStockphoto.comNur rund 4 Prozent aller Chemiker und Chemikerinnen sind selbstständig, die anderen sind Angestellte oder Beamte
Die Chemikerinnen Nicole Paschke und Sabine Brylak-Niemann fühlen sich oft wie Exoten. Denn sie haben etwas Ungewöhnliches getan: "Als Chemiker macht man sich nicht selbstständig", berichten sie von der Verwunderung, die ihnen andere oft entgegenbringen. Das verstehen sie gar nicht. Denn ihre Internetagentur Kovalenz, die sie zusammen gegründet haben, läuft sehr erfolgreich. Sich selbstständig zu machen, haben sie nie bereut. Existenzgründungen von Chemikerinnen hat das Projekt Exichem des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) untersucht (siehe Kasten). Die Forscher haben unter die Lupe genommen, unter welchen Rahmenbedingungen und mit welchen Motiven Frauen gründen und auf welche Hindernisse sie stoßen.

Das Projekt Existenzgründerinnen in der Chemie

Wie entstehen in der Chemie Unternehmensgründungen von Frauen? Welche Hindernisse gibt es dabei? Das hat das Projekt Exichem in einer Studie genauer untersucht. Beteiligt waren das Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung an der Universität Duisburg-Essen (Risp) und das Institut für Gründungsund Innovationsforschung (Igif) der Bergischen Universität Wuppertal. Im Oktober 2010 präsentierten die Forscher die Ergebnisse auf ihrer Abschlusstagung in Mülheim an der Ruhr. Das Projekt war Teil des Programms "Power für Gründerinnen" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.
www.exichem.de»

Angst vor der Selbstständigkeit

Tatsächlich ist die Chemiebranche nicht sehr gründungsoffen. Nur 4,5 Prozent aller Chemiker und 3,5 Prozent aller Chemikerinnen sind selbstständig, die anderen sind Angestellte oder Beamte.1) Von den GDCh-Mitgliedern sind 114 Mitglied in der Fachgruppe der freiberuflichen Chemiker, das ist ein Anteil von unter 0,4 Prozent. Schon ein Großteil der Chemiestudenten schließt eine spätere Selbstständigkeit für sich aus, hat eine Befragung der Exichem-Forscher unter Studenten ergeben: 38 Prozent der Frauen und 32 Prozent der Männer sagen, eine Unternehmensgründung komme für sie nicht in Frage, 53 Prozent der Frauen und 48 Prozent der Männer geben an, sie bevorzugten in jedem Fall eine Festanstellung. Gründungshemmnisse sind der Umfrage nach zu wenig kaufmännisches Wissen und unzureichende Marktkenntnisse, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Außerdem geben über die Hälfte der Befragten an, das Risiko sei ihnen zu hoch. Bei Frauen sind weitere starke Hemmnisse der Familienwunsch und die Angst vor zu hoher Arbeitsbelastung. Vor allem aber geben zwei Drittel aller Befragten an, nicht genug Eigenkapital zu besitzen. Eine Existenzgründung in der Chemiebranche ist meist sehr kapitalintensiv, und Risikokapital eignet sich für viele Chemiegründungen nicht, da es bis zur Markteinführung neuer Produkte meist sehr lange dauert.

Jürgen Stebani, Vorstand seines Unternehmens Polymaterials in Kaufbeuren, erläutert: "Nehmen wir ein Unternehmen, das neue Materialien für Brennstoffzellen entwickelt. Natürlich ist der Bedarf da - aber Forschung und Entwicklung sind enorm aufwendig, dauern lange, und der Umsatzanteil nur für das Material, also den chemischen Bestandteil, ist am Ende gering." Für ein neu zu gründendes Unternehmen lohne sich der Umsatz aus Materialverkäufen erst ab 100 000 verkaufter Autos pro Jahr - und bis dahin vergehen sicher noch viele Jahre. So langfristige Ziele finanziert kein Risikokapitalgeber. Stebani rät daher: Weg von der reinen Produktorientierung, hin zu Auftragsentwicklung und Dienstleistungen. Vorbilder sind für ihn die Ingenieurbüros, Dienstleistungsunternehmen, die auf Planung, Beratung oder Projektmanagement in Technik und Ingenieurwissenschaften spezialisiert sind. Auch Nicole Paschke und Sabine Brylak-Niemann haben sich damals für die Internetagentur entschieden, da die Investitionskosten dafür relativ gering sind.

Besser als der Ruf

Dass Familie und Beruf als Selbstständige nur schwer zu vereinbaren sind, sieht Christine Batzl-Hartmann nicht so - im Gegenteil. Sie hat vor zehn Jahren das Forschungsdienstleistungsunternehmen Pharmacelsus in Saarbrücken gegründet, gerade, weil ihre Anstellung als Laborleiterin bei einem Baseler Pharmakonzern ihr Privatleben zu stark in Mitleidenschaft gezogen hatte. Ihr Mann arbeitete in Saarbrücken, dort fand sie aber keine Anstellung. "Wir hatten viele Jahre eine Wochenendbeziehung. Selbst als mein Sohn geboren war, bin ich jeden Montag nach Basel gefahren und mittwochs zurückgekommen", berichtet die Pharmazeutin. "Mein Sohn hat irgendwann gemerkt, dass es bei uns anders lief als in anderen Familien und fing an zu fragen." Jetzt als Unternehmerin könne sie Beruf und Familie sehr viel einfacher vereinbaren: "Ich habe einen Teil meines Privatlebens mit in den Beruf gebracht. Und mein Sohn ist quasi mit meiner Firma groß geworden", erzählt sie.

Viele haben Angst vor einer sehr hohen Arbeitsbelastung als Selbstständige. Christine Batzl-Hartmann winkt ab: "Ich habe mir damals vorgenommen, nicht mehr als 40 Stunden die Woche zu arbeiten. Und ja: Es geht!" Sie würde den Schritt jederzeit wieder gehen: "Ich führe sowohl beruflich als auch privat ein sehr selbstbestimmtes Leben. Und das ist für mich das größte Glück!" Von einem rät Batzl-Hartmann jedoch ab: "Ich bin kein Fan von Gründungen unmittelbar nach dem Studium." Tatsächlich sind die meisten Chemiker, die gründen, vor ihrer Selbstständigkeit in der chemischen Industrie angestellt, meist in einem Großkonzern, wie die Studie gezeigt hat. Aus der Arbeitslosigkeit heraus - also als Plan B - gründen nur relativ wenige: Arbeitslosigkeit ist nur für 14 Prozent der Befragten ein Grund zu gründen. Bei den Frauen ist die Umsetzung eigener Ideen der Hauptgrund, bei den Männern ist es, selbst entscheiden zu können. Mit ihrem derzeitigen Arbeitsverhältnis unzufrieden zu sein, geben ein Viertel der Frauen und über ein Drittel der Männer als Motiv an.

Anlaufstellen und Informationen für Gründer

Das BMWi hat alle Finanzierungshilfen und Förderprogramme der Länder, des Bundes und der EU in einer Online-Datenbank gebündelt. Dort lässt sich auch speziell nach Fördermöglichkeiten für Existenzgründer suchen.
www.foerderdatenbank.de»

Das BMWi-Förderprogramm Exist will die Zahl von Unternehmensgründungen in Wissenschaft und Technik erhöhen. Das Exist-Gründerstipendium unterstützt Gründer aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die ihre Gründungsidee in einen Businessplan umsetzen.
www.exist.de/existgruenderstipendium/ index.php»

Der Businessplanwettbewerb Science4Life unterstützt Gründungen in den Lebenswissenschaften und der Chemie. www.science4life.de Wer aus der Arbeitslosigkeit heraus gründet und noch mindestens 90 Tage Anspruch auf Arbeitslosengeld I hat, kann den Gründungszuschuss der Agentur für Arbeit beantragen. Er unterstützt den Gründer mindestens neun Monate lang finanziell mit dem Arbeitslosengeld plus 300 Euro für die soziale Grundsicherung.
www.arbeitsagentur.de»
Viele Frauen sehen die Unternehmensgründung als berufliche Alternative, um als Angestellte nicht mit Männern um die Führungspositionen kämpfen zu müssen. Birgit Beisheim war zunächst angestellt und leitet jetzt ihre eigene Firma für Analysen, die Amco united samplers and assayers in Duisburg. Sie berichtet: "Ich wollte mich nicht mehr in der Männerwelt unterordnen, außerdem wollte ich schon immer gerne eine Führungsposition haben. Da war die Selbstständigkeit ein ganz natürlicher Schritt." Selbstverständlich lässt sich bei einer Unternehmensgründung das Risiko nie ganz ausschließen, sagt Claudia Arnold, beratende Wissenschaftlerin und Vorsitzende der GDCh-Fachgruppe der freiberuflichen Chemiker. Viele Frauen zögern lange, bevor sie sich zu dem Schritt entscheiden. "In meiner Familie hatten alle ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis", erzählt Claudia Arnold. "Ich bin mit dem Lebenskonzept aufgewachsen, bloß kein finanzielles Risiko einzugehen." Ähnliches berichtet auch Christine Batzl-Hartmann. Sie hat die Idee der Gründung ein ganzes Jahr mit sich herumgetragen, bevor sie ins kalte Wasser gesprungen ist. "Das Risiko soll natürlich überschaubar sein, aber es ist immer da", sagt sie. Da helfe nur, an sich und seine Idee zu glauben. "Ein Berater hat mich gefragt, wer denn an meine Idee glauben solle, wenn nicht ich selbst", erzählt Christine Batzl-Hartmann. Wer sich vor der Gründung zu sehr scheut, dem hilft es womöglich, sich einen Partner zu suchen. Viele Gründerinnen berichten auf der Exichem- Tagung, dass es ihnen sehr geholfen hat, zu zweit zu gründen. Einige von ihnen hätten den Schritt alleine nicht gewagt, sagen sie.

Problem Akquise

Für die meisten Existenzgründerinnen in der Chemie läuft die erste Phase der Gründung sehr gut - bis es daran geht, Kunden zu werben. Sabine Brylak-Niemann berichtet: "Wir sind anfangs wie Tiger ums Telefon rumgeschlichen." Sie hätten sich gegenseitig gefragt: "Machst Du jetzt den nächsten Anruf oder ich?" Denn wenn Chemiker plötzlich eine Dienstleistung verkaufen sollen, stoßen sie auf ein Problem: "Es geht plötzlich nicht mehr nur darum, fachlich zu glänzen." Christine Batzl-Hartmann stimmt zu: "Man kommt mit Daten und Standardabweichungen daher, aber stattdessen wollen die Kunden Argumente hören - beispielsweise, was sie sparen können." Das sei anfangs eine Katastrophe gewesen, berichtet Batzl- Hartmann. Sie hat dann den Verkauf an ein Unternehmen ausgelagert, das darauf spezialisiert ist. "Das war zwar teuer, aber eine gute Entscheidung", erinnert sie sich. Inzwischen hat ihr Unternehmen Pharmacelsus eine eigene Verkaufsabteilung. Christine Batzl-Hartmann selbst kümmert sich um die Geschäftsführung.

Unterscheiden sich Gründer und Gründerinnen?

Frauen gründen in der Chemie gar nicht so anders als Männer, lautet ein Ergebnis des Exichem-Projekts. Viele vermuten vielleicht, dass Frauen häufig in Teilzeit gründen, um nebenbei Zeit für ihre Familie zu haben. Doch dem ist nicht so, das hat die Studie gezeigt: Chemiker gründen zu etwa drei Vierteln in Vollzeit, seien es Männer oder Frauen. Frauen machen es sich selbst aber bei Verhandlungsgesprächen mit der Bank schwerer, berichtet Christa Spengler-Rast vom Beratungsunternehmen gwo-Experten: "Frauen glänzen zwar mit Detailwissen, stellen bei Verhandlungen aber weniger den roten Faden ihrer Geschäftsidee heraus." Das komme eher negativ an. Außerdem lenkten sie zu schnell ein: "Wenn der Bankmitarbeiter sie fragt, ob sie nicht auch mit weniger Geld auskommen, bejahen Frauen das meist." Männer hingegen sagten: "Nein, dafür hab ich ja einen Businessplan erstellt. Und der zeigt: Ich komme nicht mit weniger aus", erzählt Spengler-Rast. Das Ergebnis liegt auf der Hand: Mann bekommt eher einen Kredit als Frau.

Gründungen fördern

Das BMBF-Aktionsprogramm Power für Gründerinnen will Frauen zur Unternehmensgründung motivieren und ihre Voraussetzungen verbessern (siehe Kasten S. 95). Das BMBF fördert gemeinsam mit der europäischen Kommission den Aufbau eines Netzwerks von Botschafterinnen für die unternehmerische Selbstständigkeit von Frauen. Denn Frauen brauchen Vorbilder. Alexandra Blanke vom BMBF sagt: "Wir wollen vor allem Vorbilder zeigen, die realistisch sind - und keine Superfrauen." Wichtig sei es auch, Frauen im Zeitraum vor der Entscheidung zu unterstützen. "Ist die Entscheidung zu gründen erstmal gefallen, braucht es keine geschlechtsspezifischen Beratungsangebote mehr", sagt Blanke.

Anlaufstellen und Informationen für Gründer

Das Aktionsprogramm Power für Gründerinnen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) fördert 40 Projekte zur Selbstständigkeit von Frauen. Darunter fallen Projekte zur Unternehmensgründung von Migrantinnen oder zu Erfolgsfaktoren technologieorientierter Unternehmensgründungen von Frauen.
www.gruenderinnenagentur. de/bga/Power-fuer- Gruenderinnen/index.php»

Die Gründerinnenagentur bga ist die bundesweite zentrale Plattform zur unternehmerischen Selbstständigkeit von Frauen. Der Besucher der Webseite kann Publikationen herunterladen, sich über Veranstaltungen informieren und in einer Online-Datenbank nach Beratungsangeboten suchen. www.gruenderinnenagentur.de Die Förderinitiative Go-Bio des BMBF unterstützt Existenzgründungen in der Biotechnologie.
www.go-bio.de»

Das Existenzgründungsportal des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) bietet Informationen und Adressen rund um die Selbstständigkeit. www.existenzgruender.de Das Online-Lernprogramm eTraining für Gründerinnen des BMWi ermittelt Gründungsvoraussetzungen und Qualifikationen, vermittelt, wie sich Geschäftsideen präzisieren lassen, und zeigt, wie Frauen einen Businessplan und die Finanzierung entwickeln können.
www.existenzgruender.de/ etraining/gruenderinnen/ etraining.html»
In Deutschland herrscht nach Ergebnissen von Exichem folgendes Bild vor: Der typische Unternehmer ist zwischen 18 und 54 Jahre alt, männlich, deutsch, hat Esprit, arbeitet 40 bis 50 Stunden in der Woche und verdient viel. Diese Vorstellung setzt viele potenzielle Gründer unter Druck. Deutschland brauche daher ein neues Unternehmer- und vor allem Unternehmerinnenbild. Dabei solle auch die GDCh mitwirken, fordern die Projektforscher von Exichem. Universitäten sollten ihr Angebot erweitern und auch die Möglichkeit einer Existenzgründung in den Horizont der Studenten bringen. "In der Uni gibt's fast nur Angebote und Exkursionen zu Großunternehmen", berichtete eine Chemiestudentin bei der Umfrage. "Mehr haben wir nicht kennen gelernt. Das ist der klassische Weg in der Chemie."

Nur Mut!

Als Existenzgründerin sei man von allerhand Leuten umgeben, die es besser wissen wollen und einem widersprüchliche oder unzutreffende Ratschläge geben, sagt Claudia Arnold: "In dem Fall ist es das Wichtigste, sich selber zu vertrauen." Sie empfiehlt, dann auch einfach darauf zu hören, "was das Bauchgefühl sagt." Birgit Beisheim wiederum rät, "nicht immer so viel nachzudenken, was man alles nicht kann." Oft sei es besser, einfach mal anzufangen und zu schauen, was dabei herauskommt.

Über die Autorin
Auch die promovierte Chemikerin Brigitte Osterath ist Existenzgründerin: Sie arbeitet als freiberufliche Wissenschaftsjournalistin in Bonn. www.writingscience.de»


Literatur
1) B. Könekamp: "Chancengleichheit in akademischen Berufen", VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2007.


Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Januar 2011

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