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Warum Professoren so selten Intellektuelle sind

Von SANDRA RICHTER

Vor zwei Wochen kritisierte der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen: Das Wissenschaftssystem marginalisiert die Intellektuellen. Sandra Richter, Mitglied des Wissenschaftsrats, antwortet: Unsere Gesellschaft bekommt die Professoren, die sie verdient.

Warum Professoren so selten Intellektuelle sind© blumart - Fotolia.comProfessoren sollten sich, wie Intellektuelle, in Politik und Öffentlichkeit Gehör verschaffen
Wenn Bernhard Pörksen vom großen öffentlichen Intellektuellen schwärmt, dann hängt er einer lang geträumten Wunschvorstellung an. Er zeichnet ein melancholisches Szenario des Verfalls intellektueller Tugenden - mit reichlich Bürokratiekritik: Das Publizieren in englischsprachigen Journalen, der Netzwerk-Imperativ und die quantifizierende Wissenschaftspolitik trügen die Schuld daran, dass geistes- und sozialwissenschaftliche Professoren nicht mehr als öffentliche Intellektuelle und »wortmächtige Individualforscher« auftreten könnten. Doch diese Klage ist schief - aus vier Gründen.

Erstens: Professoren sind selten Intellektuelle und Intellektuelle selten Professoren. Das war schon in der Geburtsstunde des Intellektuellen im Jahr 1898 so: Der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus war des Hochverrats angeklagt worden; Émile Zola sprach ihn in seinem offenen Brief J'accuse frei und nannte die wahren Hintergründe. Dafür wurde Zola der Verleumdung angeklagt und löste eine Welle des Protests unter zeitgenössischen Schriftstellern aus. Diese Schriftsteller, eben keine Professoren!, wurden in der Folge als »Intellektuelle« gepriesen (oder gebrandmarkt). Und auch später fanden sich die wirkmächtigen Individuen außerhalb der Universität: Jean-Paul Sartre scheiterte beinahe an der Prüfung für das höhere Lehramt; er wurde Publizist und Frankreichs wichtigster Philosoph des 20. Jahrhunderts. »Freischwebende Intelligenz« nennt das die Soziologie, denn Intellektuelle lassen sich nicht beruflich oder schichtenmäßig festlegen, sie teilen vielmehr bestimmte Merkmale: unabhängiges Denken, den Willen, sich politisch einzumischen und sich dabei aufeinander zu beziehen. Intellektuelle reden übers Thema, Professoren über Berufungskommissionen. Als brave Beamte erfüllen sie ihre Dienstpflicht in Forschung, Lehre und Selbstverwaltung. Amtscharisma und öffentliches Charisma haben wenig miteinander gemein - und hatten es kaum je. Der öffentliche Professor Jürgen Habermas ist eine Ausnahmeerscheinung, zu erklären aus der politisch aufgeladenen Atmosphäre der 1960er Jahre, der Prominenz der Frankfurter Schule und einem Feuilleton, das sich drängender Fragen der Zeit annahm: der Auseinandersetzung mit den Nazi-Vätern und des Versuchs, Deutschland neu zu erfinden.

Gesellschaftliche Probleme lassen sich, zweitens, nicht allein von Geistes- und Sozialwissenschaftlern bearbeiten. Die Algorithmisierung der Welt, die Tragfähigkeit des ökonomischen Systems, die Zukunft Europas, der Umgang mit reisenden Epidemien - Probleme wie diese reichen über den geistes- und sozialwissenschaftlichen Horizont hinaus. Sie sind mehrdimensional, und kluge Köpfe aus allen Disziplinen müssen ihre Ansichten wechselseitig wahrnehmen, um all diese Dimensionen zu erfassen: Bezeichnenderweise ging der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2014 weder an einen Geistes- oder Sozialwissenschaftler noch an einen Professor, sondern an den Informatiker, Künstler und Unternehmer Jaron Lanier, einen Kritiker digital gestützter Allmachtsfantasien. Die Feuilletons der großen Zeitungen legen die Schriften des kapitalismuskritischen Ökonomieprofessors Thomas Piketty mittlerweile so gründlich aus wie Rainald Goetz' Roman über Thomas Middelhoff. Auch Experimentalpsychologen wie Michael Tomasello und Biomathematiker wie Martin Nowak sind aus der öffentlichen Debatte nicht mehr wegzudenken: Sie beschreiben den Menschen als kooperierendes Wesen und geben Anlass zur Hoffnung angesichts einer scheinbar durch Egoismus gesteuerten Welt.

Drittens: Die Gesellschaft bekommt die Professoren, die sie verdient. Doch wer intellektuell sein will, muss der Gesellschaft voraus sein. Sicher wird von Professoren so vieles erwartet, dass man es in jedem Unternehmen mit dem Betriebsrat zu tun bekäme. Doch anders als freie Publizisten tun dies Professoren bei sicherem Gehalt und guten Pensionsansprüchen. Wollten Professoren Intellektuelle werden, müssten sie selbst Agenden bestimmen, Foren gründen und sich mit der lebhaften Szene der Citizen-Science auseinandersetzen, in der interessierte Laien selbst forschen und den Professoren auf wichtigen Feldern den Rang ablaufen. Doch diesen Impuls scheuen Professoren.

Agenda-Setting gelingt übrigens derzeit den Frauen am besten; sie mobilisieren innerhalb und außerhalb von academia ihre feministischen und postfeministischen Netzwerke. Der intellektuelle Haudegen ist weiblicher geworden. Ob Necla Kelek, Islamkritikerin, Carolin Emcke, Kriegsreporterin und Gewalttheoretikerin, Jutta Allmendinger, Soziologieprofessorin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, oder Miriam Meckel, Professorin für Medienwissenschaft und Chefredakteurin der Wirtschaftswoche - sie alle setzen im intellektuellen Männerbusiness ihre Themen, von einer zeitgemäßen Koranauslegung bis zum Scheitern der Euro-Zone.

Und viertens brauchen Intellektuelle Chuzpe: Unerschrockenheit, Dreistigkeit, unwiderstehliche Penetranz, auch als Professoren. Nur mit Chuzpe lässt sich Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erzeugen. Chuzpe ist eine unakademische Tugend. Sie wirkt professoraler Trockenheit entgegen - und ist, erfreulicherweise, nicht jedem gegeben. Wer als Professor anders als professoral in die Öffentlichkeit zu wirken sucht, gefährdet das Standesethos, das aus dem 19. Jahrhundert stammt und eine kleine Gruppe gelehrter Mandarine verband. Doch hat sich academia mittlerweile stark verändert: Lehre, Praxisnähe und Gegenwartsbezug spielen eine größere Rolle als damals. Dafür braucht es Begeisterungsfähigkeit und Offenheit für Neues. Es ist an der Zeit, das eigene Standesethos zu lockern. In Deutschland gibt es derzeit 45.013 Professorinnen und Professoren. Nähmen sie (oder ein Teil von ihnen) ihre kommunikative Verantwortung für das Gemeinwohl mit Chuzpe ernst, dann entstünde eine fünfte Gewalt im Staat, die es so noch nie gegeben hat. Eine solche Gewalt müsste in einem emphatischen Sinne aufklären und wissenschaftlich argumentieren: Gedankenreichtum erzeugen, wo Stumpfsinn herrscht, für Verständnis werben, wo Unverständnis regiert. Professoren könnten ihrer Sache in Politik und Öffentlichkeit Gehör verschaffen, wenn sie es wie die Intellektuellen machen: unabhängig und kritisch denken und sich aufeinander beziehen. Professorinnen und Professoren, engagiert euch!


Über die Autorin
Sandra Richter, 41, ist Germanistikprofessorin an der Universität Stuttgart und seit 2011 Mitglied des Wissenschaftsrats

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Aus DIE ZEIT :: 13.08.2015

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