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Warum promovieren wir? Der Doktorgrad nach Bologna

Von Oliver Günther

Ob ein Doktorgrad angestrebt werden sollte, hängt nicht nur von den intellektuellen Fähigkeiten ab. Vielmehr gilt es im Vorfeld, grundlegende Fragen zur Motivation und Zielsetzung zu klären. Welchen individuellen, aber auch welchen gesellschaftlichen Nutzen hat eine Promotion?

Warum promovieren wir? Der Doktorgrad nach Bologna© Skip ODonnell - iStockphoto.comDie Promotion sollte keine Verlegenheitslösung sein
Die Promotion geeigneter Kandidaten gehört an wohl allen forschungsorientierten Universitäten dieser Welt zu den essenziellen Dienstaufgaben der Professoren. Sie ist eine der interessantesten und befriedigendsten Aufgaben im Leben eines Hochschullehrers.

In Anbetracht knapper öffentlicher wie privater Ressourcen stellt sich allerdings stets die Frage nach dem gesellschaftlichen wie individuellen Nutzen einer Promotion. Nicht jeder Doktorand strebt eine wissenschaftliche Laufbahn an. Für eine erfolgreiche Industriekarriere erscheint der Doktorgrad aber auch in Deutschland kaum mehr erforderlich. So ist die Mehrheit der DAX-Vorstände nicht promoviert, Tendenz steigend. Auch erscheint es zweifelhaft, dass ein niedergelassener Arzt oder ein Strafverteidiger oder ein brückenbauender Bauingenieur in seinem Beruf bessere Arbeit leistet, wenn er promoviert ist. Nun gibt es natürlich auch in der Privatwirtschaft Positionen, die eine Promotion voraussetzen, da sie eine wissenschaftliche Komponente beinhalten. Dies scheint aber doch eher eine kleine Minderheit der in der Praxis tätigen Akademiker zu betreffen.

Entscheidend für die Frage "Promotion - ja oder nein?" ist die Interessens- und Begabungslage des potenziellen Doktoranden. Ziel einer jeden Dissertation sollte sein, der Menschheit etwas grundlegend Neues mitzuteilen. Wenn von vornherein bei dem Doktoranden kein ernsthaftes Interesse daran besteht, eine wissenschaftliche Fragestellung über einen längeren Zeitraum hinweg vertieft zu betrachten, etwas wirklich Neues herauszufinden und sich durch Publikationen und Vorträge in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu etablieren, ist die Gefahr des Scheiterns groß. "Scheitern" muss nicht unbedingt heißen, dass die Promotion nicht zustande kommt. Aber auch eine Promotion, die zwar abgeschlossen wurde, die aber im wissenschaftlichen Umfeld auf keinerlei Resonanz stößt, weil ihr kreativer Eigenbeitrag als beschränkt oder nicht relevant eingeschätzt wird, ist letztlich eine gescheiterte Promotion. Wenn andererseits ein genuines wissenschaftliches Interesse vorliegt, wird die Promotion der richtige Weg sein, zumal bei vielen aspirierenden Doktoranden die Entscheidung zwischen Wissenschaft und Wirtschaftspraxis noch nicht gefallen ist.

Die Promotion sollte keine Verlegenheitslösung sein, genau so wenig, wie sie sich als Zeitvertreib bei drohender Arbeitslosigkeit eignet. Wenn aber jemand eine wissenschaftliche Laufbahn zumindest in Betracht zieht, für eine Promotion aufgrund der bisherigen akademischen Leistungen offensichtlich qualifiziert ist und nun den Wunsch verspürt, eine offene Frage über einen längeren Zeitraum hinweg wissenschaftlich zu untersuchen, so sollte diesem Wunsch entsprochen werden. Leider werden diese wichtigen Fragen im Vorfeld einer Promotion nicht immer hinreichend thematisiert. Viele Professorinnen und Professoren akzeptieren Doktoranden vornehmlich auf der Basis ihres intellektuellen Potenzials, dokumentiert insbesondere durch die bisherigen Studienleistungen. Was oft vielleicht etwas zu kurz kommt, ist die Analyse der wissenschaftlichen Neugier der Kandidaten sowie der Motivation, warum überhaupt ein Doktorgrad angestrebt wird. Eine offene Diskussion zwischen Professor und Doktorand im Vorfeld, die die Motivation, die Ziele und den Zeitplan für die geplante Promotion betrifft, sollte auch dazu beitragen, eventuelle Missstände bei der Betreuung von Promotionen, die es leider immer wieder gibt, schrittweise zu beseitigen.
Die Behandlung der Promotion als regulärem Studienabschluss, der acht Jahre nach dem Abitur erworben werden kann, wirft gewisse Fragen auf. Bologna gibt 3-5-8 als standardisierte Sollstudienzeiten vor: Drei Jahre nach dem Schulabschluss sollte der Bachelor erworben worden sein, zwei Jahre später der Master und ggf. drei Jahre später der Doktor. Diese Sollzeiten sind sicherlich nützlich, um international gültige Vorgaben zu machen und um (die insbesondere auch in Deutschland häufig zu beobachtenden) Exzesse inakzeptabel langer Studienzeiten zu vermeiden. Andererseits sollte klar sein, dass der Doktorgrad (und in gewisser Weise auch der Mastergrad) kein Standardabschluss ist - dies hat die Hochschulrektorenkonferenz zu Recht kürzlich auch noch einmal deutlich gemacht.

Vielmehr dienen die intermediären Abschlüsse als Sollbruchstellen, anhand derer jeder Studierende beurteilen kann, inwieweit eine Fortsetzung der akademischen Studien persönlich sinnvoll ist. Vor diesem Hintergrund erscheint allerdings die Verwendung der Anzahl der Promotionen als Leistungskriterium für Hochschullehrer einigermaßen dubios. Es kann nicht Ziel unserer Gesellschaft sein, möglichst viele Studierende zu promovieren. Ziel sollte es vielmehr sein, die "Richtigen", also im obigen Sinne die hierfür geeignetsten, zu promovieren und diese optimal zu betreuen. Dies gilt insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass sich die Betreuungsrelation von Hochschullehrer zu Studierenden in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verringert hat und die verfügbaren Betreuungsressourcen daher klug eingesetzt werden wollen. Diese Problematik der knappen Ressourcen impliziert, dass sich die Betreuung von Doktoranden auf die besten und ernsthaft wissenschaftlich Interessierten konzentrieren sollte.

Betreuer wie Doktoranden sollten sich vor der Entscheidung, zusammen eine Promotion anzugehen - denn die Promotion ist ein Projekt, das von Doktorand und Professor gemeinsam getragen werden muss - gründlich überlegen, ob dies in Anbetracht der individuellen Situation des Doktoranden der richtige Schritt ist. Eine notwendige Bedingung muss sein, dass beim Doktoranden ein genuines Interesse an wissenschaftlicher Arbeit in dem gewählten Fachgebiet vorliegt, mit dem Ziel, die Grenzen des Wissens signifikant zu erweitern. Wenn dies der Fall ist, der Doktorand die erforderlichen intellektuellen Ressourcen mitbringt und der Doktorvater oder die Doktormutter die für die Betreuung notwendige Zeit, ist eine Promotion sowohl aus persönlicher wie aus gesellschaftlicher Sicht ein wichtiges und produktives Projekt. Wenn dies nicht der Fall ist, sollte man, schon um knappe öffentliche Ressourcen zu schonen, von der Promotion absehen.

Eine letzte Anmerkung: Die deutsche Praxis, für die Promotion Noten zu vergeben, erscheint vor dem Hintergrund der hier geführten Diskussion anachronistisch. Die Bewertung der erzielten Ergebnisse sollte nicht einem kleinen Kreis von ohnehin mit der Dissertation Vertrauten obliegen. Die Bewertung erfolgt durch die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft. Man sollte daher auch in Deutschland das in den USA übliche Modell adaptieren, wonach Promotionen zwar durch schwierige Zwischenprüfungen ("comprehensive exams") früh konstruktiv infrage gestellt werden, bei erfolgreichem Abschluss aber nicht mehr durch Noten bewertet werden. Am Ende einer Promotion sollte nur die Entscheidung offen bleiben, ob der Kandidat bestanden oder - in sehr seltenen Ausnahmefällen - nicht bestanden hat.

Über den Autor
Professor Oliver Günther, Ph.D., ist Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und war von 1996-2006 Sprecher des Graduiertenkollegs "Verteilte Informationssysteme".

Aus Forschung und Lehre :: Juli 2009

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