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Was bringt eine Hochschulfusion?

von Friedemann Kemm

Die Brandenburgische Landesregierung möchte eine Technische Universität und eine Fachhochschule zusammenlegen. Eine Abschätzung von Kosten und Nutzen einer Fusion hat sie aber nicht vorgelegt. Dabei wäre dies ganz einfach gewesen.

Was bringt eine Hochschulfusion?© Air0ne - Fotolia.comAuch bei einer Hochschulfusion lohnt es sich, vergleichbare Projekte miteinzubeziehen und mithilfe der Referenzklassenprognose zu bewerten

Evidenz als Maßstab

Dass die Erfahrung der beste Lehrmeister ist, weiß man nicht erst seit gestern. Dass der Vergleich mit ähnlichen Projekten die besten Vorhersagen für Kosten und Nutzen liefert, hat nicht erst Bent Flyvbjerg entdeckt. Das weiß jeder, der schon mal für seine Urlaubskosten die Erfahrungen aus dem Bekanntenkreis mit der Modellrechnung des Reisebüros verglichen hat.

Was Flyvbjerg - mittlerweile Professor für Major Programme Management an der Universität Oxford - geleistet hat, ist, dieses in seinen Arbeiten empirisch nachzuweisen und öffentlichen Auftraggebern ein Werkzeug zu liefern, mit dem sich der Vergleich recht einfach durchführen lässt. Seine einfache Form der Referenzklassenprognose (Reference Class Forecast) wird seit einigen Jahren von der American Planning Association (APA) empfohlen, um Planungsfehlschläge zu vermeiden. Will man eine solche durchführen, braucht man lediglich eine Liste vergleichbarer Projekte sowie einige Eckdaten zu deren Kosten und Nutzen. Warum man für die Hochschulfusion in der Niederlausitz keine Referenzklassenprognose durchgeführt hat, wird das Geheimnis des Potsdamer Wissenschaftsministeriums bleiben. Weil es aber recht einfach ist, habe ich mir erlaubt, dieses Versäumnis stellvertretend nachzuholen.

Was und womit vergleichen?

Flyvbjerg hat die Referenzklassenprognose auf drei Schritte reduziert:

1. Identifiziere eine Referenzklasse früherer ähnlicher Projekte.
2. Ermittle in dieser die Verteilung der vorherzusagenden Parameter und gewinne daraus eine Basisvorhersage bzw. einen Basiswert.
3. Korrigiere diesen mithilfe der Kenntnisse spezieller Eigenschaften des vorliegenden Projekts. Verschiebe dabei den Basiswert in Richtung der Projekte größerer Ähnlichkeit.

Für den ersten Schritt muss man zunächst wissen, was denn genau geplant ist. Im vorliegenden Fall sollen eine TU und eine FH zusammengelegt werden. Es soll weiterhin Uni- und FH-Abschlüsse geben. Da drängt sich der Vergleich mit den Gesamthochschulen auf. Ein Blick auf Wikipedia zeigt, dass es davon zehn Beispiele gibt, von denen vier noch als Gesamthochschule existieren. Da bei der Fusion sowohl Uni- als auch FH-Professorinnen und Professoren zusammenkommen, sollten weiter die Leuphana und die Hafen-City-Uni zum Vergleich herangezogen werden. Für den zweiten Schritt muss man sich zunächst überlegen, wie man Kosten und Nutzen einer Hochschule bewerten kann. Ich habe mich für drei Kriterien entschieden: die Lehreffizienz, die Forschungseffizienz und die Langzeitperspektive. Für die ersten beiden betrachte ich die Kosten je Studienplatz und die Drittmittelquote, also monetäre Kriterien. Um die Kriterien gleich zu gewichten, gibt es Punkte ähnlich dem Apgar-Score für Neugeborene: Ein Punkt heißt, dem Status quo vergleichbar, null Punkte schlechter, zwei Punkte besser. Beispielsweise bekommen die aufgegebenen Gesamthochschulprojekte in Hessen und NRW für die Langzeitperspektive keinen Punkt. Zwei Punkte gäbe es, wenn das Projekt so gut evaluiert worden wäre, dass das Modell auf weitere Standorte übertragen werden soll.

Was bringt eine Hochschulfusion? © Forschung & Lehre Referenzklassenprognose zur Hochschulfusion
Laut dem Transformationsbeauftragten des Ministeriums sind die Gesamthochschulen in NRW am Geldmangel gescheitert. Das lässt darauf schließen, dass sie teurer waren als getrennte Einrichtungen. Hier wird kein Punkt vergeben. Etwas heikel ist die Bewertung der Forschungseffizienz bzw. der Drittmittelquote. Da im zugrunde gelegten Zeitraum, 2009 bis 2011, nicht nur die BTU Cottbus sehr erfolgreich war, sondern auch die Hochschule Lausitz - sie gehört darin unter den Fachhochschulen zur Spitze -, muss ein hoher Schwellwert angesetzt werden. Zwischen 40 und 60 Prozent wird ein Punkt vergeben, darüber zwei, darunter keiner. Dieses begünstigt natürlich Technische Universitäten wie die TU München, an denen die Drittmittelquoten im allgemeinen höher sind. Ein weiteres Problem ist, dass nicht alle Universitäten die entsprechenden Daten im Internet veröffentlichen. Dort wurde jeweils eine optimistische Schätzung eingesetzt. Jedes Projekt kann also 0-6 Punkte bekommen. Drei Punkte entsprächen dem Wert des Status quo. Sammelt man die Daten von den Webseiten der Hochschulen ein und nimmt die Äußerungen der Ministeriumsvertreter dazu, so ergeben sich im Schnitt 1,5 Punkte (Siehe Tabelle).

Zieht man - dies gehört bereits zum dritten Schritt - die Spezifika in Betracht: große Nähe zu den Gesamthochschulen, technische Ausrichtung, Verschieben der inhaltlichen Fragen auf die Zeit nach der Gründung, so verringert sich der Wert weiter auf 1,3. Das ist natürlich wenig. Dafür ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ganze zu Lasten des öffentlichen Wohls geht, recht hoch. Vielleicht hat man so etwas im Ministerium bereits geahnt - die vorher eingeholten Gutachten hatten auch keine Fusion empfohlen - und deshalb erst gar keine Kosten-Nutzenrechnung durchgeführt.

Wie geht es weiter?

Der Landtag hat sich unbeeindruckt von allen Zweifeln für die Fusion entschieden. Im Gegenzug hat die Brandenburgische Technische Universität (BTU) Cottbus eine Verfassungsbeschwerde angekündigt, und im Frühjahr startet ein Volksbegehren gegen das Vorhaben. Man darf gespannt sein.

Die komplette Analyse ist im Internet zu finden unter btuinsider.wordpress.com. Verbesserungsvorschläge und weitere Daten sind ausdrücklich willkommen.


Über den Autor
Friedemann Kemm arbeitet an der BTU Cottbus auf dem Gebiet numerischer Verfahren für hyperbolische Erhaltungsgleichungen.

Aus Forschung & Lehre :: März 2013

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