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Was ist der Dr. wert?

VON INGE KUTTER UND JAN-MARTIN WIARDA

Nie wurde in Deutschland so viel promoviert wie heute - die Qualität bleibt auf der Strecke.

Was ist der Dr. wert?© Dmitry Kalinovsky - 123rf.comVerliert der Doktortitel in Deutschland seinen Wert?
Eigentlich sollte die Frage leicht zu beantworten sein: Wie viele Menschen sitzen in Deutschland an einer Doktorarbeit? Doch das Statistische Bundesamt, das vom jährlichen Holzeinschlag bis zum Bierabsatz so ziemlich alles misst, winkt ab: Eine Doktorandenstatistik sei »gesetzlich nicht vorgesehen«. Und auch jene, die es wissen sollten, die Professoren und Hochschulrektoren, geben nur eine vage Antwort: »Es müssen sehr, sehr viele sein.« Lange Zeit schienen solch erstaunliche Wissenslücken selbst im akademischen Betrieb kaum jemanden zu stören. Doch seit die Guttenberg-Affäre das Land erschüttert hat, wachsen Unbehagen und Misstrauen gegenüber einem akademischen Grad, der für viele immer noch der Inbegriff von Bildung und Gelehrsamkeit ist. Wie kommt es, dass jene, die ihn vergeben, nicht einmal sagen können, wie viele ihn wollen? Immerhin können die amtlichen Statistiker sagen, wie viele Promovenden dann schließlich ihre Dissertation erfolgreich abschließen: Rund 25 000 waren es 2009 in Deutschland. Das entspricht rund drei Prozent eines Jahrgangs - und ist Weltspitze. »Wer heute als erfolgreich wahrgenommen werden will, braucht den Doktortitel«, sagt Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Berliner Humboldt-Universität. Er spricht von einem »Reflex auf die allgemeine Nivellierung in unserer Gesellschaft«.

Eine medizinische Dissertation schafft man in einem halben Jahr

Gedacht war das einmal anders. Die Dissertation sollte den Höhepunkt im Leben eines jungen Wissenschaftlers darstellen. Gerade in den Geisteswissenschaften sollte sie die Vollendung des viel zitierten Humboldtschen Ideals vom Forschen in Einsamkeit und Freiheit sein, das Privileg, sich unabhängig von ökonomischen Erwägungen einem Herzensthema zu widmen - im Zwiegespräch allein mit dem alles überschauenden Doktorvater. Das Ziel: ein Leben in der und für die Wissenschaft. Längst jedoch ist der Doktorgrad (der, entgegen dem Sprachgebrauch, streng genommen kein Titel ist) zur Massenware geworden. Wie stark er an Wert verloren hat, zeigen die Durchfallquote von weniger als einem Prozent und die Tatsache, dass »magna cum laude« fast schon die Standardnote ist. Qualitätskontrolle sieht anders aus. Wie konnte es so weit kommen? Warum wollen so viele Deutsche den Doktor? Und was zählen die beiden Buchstaben vor dem Namen heute noch?

Dass jemand, der eine wissenschaftliche Karriere einschlagen will, nach der Bachelor- und Master- die Doktorarbeit anstrebt, liegt zunächst einmal auf der Hand: Die Dissertation ist der Beweis dafür, dass der Kandidat selbstständig wissenschaftlich arbeiten kann, und die erste Stufe zur Professur. Doch nur für die wenigsten ist Platz an den Hochschulen: Die insgesamt 40 000 Professorenstellen entsprechen nicht einmal zwei Doktorandenjahrgängen. Der Rest der Doctores muss sich eine Arbeit außerhalb der Universität suchen. Einige Branchen legen tatsächlich Wert auf die durch die Forschungsarbeit erworbene wissenschaftliche Qualifikation. In anderen Branchen winkt durch die akademische Auszeichnung ein geldwerter Vorteil, zumindest aber etwas intellektueller Glanz. »Man müsste nur die Titel von den Visitenkarten und Türschildern verschwinden lassen«, sagt der Darmstädter Elitenforscher Michael Hartmann. »Dann würden nur noch diejenigen eine Promotion anstreben, für die sie tatsächlich einen wissenschaftlichen Wert hat.«

Die meisten Doktorarbeiten werden nach wie vor in der Medizin geschrieben, rund 7700 waren es 2009. Achtzig Prozent der Ärzte sind Doktor, aber auch der Rest wird von ehrerbietigen Patienten gern als Herr oder Frau Doktor angesprochen. Dabei ist gerade der Doktor in seiner ursprünglichen Form, als Titel des Arztes, eher eine »Berufsbezeichnung«, wie es die Biochemikerin Ulrike Beisiegel, seit Kurzem Präsidentin der Universität Göttingen, formuliert. Die medizinische Dissertation ist kaum mehr als eine Studienabschlussarbeit und wird nicht wie in anderen Fächern nach, sondern meist während des Studiums verfasst. Es gibt zwar den gründlich forschenden Mediziner, der sich mehrere Jahre mit einem Thema beschäftigt. Viele jedoch benötigen für die Doktorarbeit nicht mehr als ein halbes Jahr. Über die Forschungsleistung oder die medizinische Qualifikation eines Arztes sagt der Grad daher wenig aus. Wer hingegen als Naturwissenschaftler in einem Chemie- oder Pharmaunternehmen forschen will, zeigt mit der Promotion, dass er selbstständig Versuche durchführen kann. Mindestens drei Jahre hat er im Labor gestanden. Der Doktorgrad steht hier für wissenschaftliche Gründlichkeit, für akademische Reife. »Ich bin stolz auf meinen Titel«, sagt Elisabeth Kapatsina, die Koordinatorin für Bildung bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker. »Weil ich die viele Arbeit schätze, die ich hineingesteckt habe.«

Dass 86 Prozent der Chemiestudenten promovieren wollen, wie eine Studie des Verbands angestellter Akademiker und leitender Angestellter der Chemischen Industrie zeigt, hat aber noch einen anderen Grund: Große Unternehmen verlangen den Grad als Einstellungsvoraussetzung. »Nur als Doktor kann man im Regelfall in der Industrie als Laborleiter anfangen«, sagt Elisabeth Kapatsina. Die entsprechenden Stellen seien von vornherein für Promovierte ausgeschrieben. Angemessen honoriert wird die erbrachte akademische Vorleistung außerdem: Rund 10 000 Euro beträgt die Differenz im Einstiegs-Jahresgehalt zwischen promovierten und nicht promovierten Chemikern. Ähnlich karriereförderlich ist der Doktorgrad für Geisteswissenschaftler, die in den Wunschberufen der Zunft arbeiten und bei Museen, Fachverlagen oder in Archiven in Führungspositionen gelangen wollen. Auch hier ist die hohe akademische Bildung gefordert, nachgewiesen durch eine Dissertation von 300 bis 500 Seiten. Eine solche Mühe mache sich niemand, dem die Wissenschaft nicht am Herzen liege, sagt Nora Helmli, Geschäftsführerin des Historikerverbandes. Während sich in diesen Fällen die Lust an der Forschung mit der Freude über den Glanz des Namenszusatzes verbindet, ist in anderen Branchen die Karriere das vorderste Motiv. Rund 1200 Wirtschaftswissenschaftler und 1600 Juristen haben 2009 promoviert. Von Letzteren bleibe der größere Teil nicht an den Universitäten, sagt Ekkehart Schäfer, Vizepräsident der Bundes rechtsanwaltskammer.

Dafür wird der Doktorgrad häufig in den Stellenanzeigen der Großkanzleien gefordert. Auch bei Banken und Unternehmensberatungen bestätigt er das Image des »high potential«. Einen besseren Anwalt mache der Titel zwar nicht, sagt Schäfer, für ein gutes Mandantengespräch sei es irrelevant, wie jemand geforscht habe. Aber natürlich habe er eine gewisse Wirkung. »Der Doktortitel verströmt eine Aura von Seriosität und hat damit auch einen gewissen Werbeeffekt«, sagt der Soziologe Michael Hartmann. Der wissenschaftliche Wert ist jedoch gleich null. Warum lassen sich die Universitäten denn überhaupt darauf ein? Die Antwort ist deprimierend: Für viele Professoren und Fachbereiche sind Doktoranden gleichbedeutend mit persönlicher Macht und wirtschaftlichem Zugewinn. So kommt es, dass vor allem in den Geisteswissenschaften die Zahl sogenannter »externer Promovenden« hoch ist: Sie schreiben ihre Doktorarbeit wie Guttenberg neben dem Job und den Pflichten in der Familie - selbst finanziert und fast immer ohne jede Aussicht auf eine wissenschaftliche Zukunft. Ob sie dafür zehn Jahre brauchen oder am Ende erschöpft abbrechen - viele Professoren interessiert das nur am Rande.

Was zählt, ist die Außenwirkung. Je mehr Doktoranden ein Professor unter seine Fittiche nimmt, desto geachteter ist er unter seinen Kollegen. Außerdem darf er auf eine bessere Finanzierung seines Lehrstuhls hoffen, erklärt Hartmann. »Die Anzahl der Doktoranden wird also schon aus finanziellem Interesse erhöht.« Es ist ein lukrativer Kreislauf: Je mehr Doktoranden für einen Professor arbeiten, desto mehr Forschungsprojekte kann er beginnen. Mit denen kann er wieder neue Gelder von außen einwerben und noch mehr Doktoranden als Hilfskräfte beschäftigen. Dass es für die meisten akademischen Wasserträger keine berufliche Zukunft innerhalb der Uni-Mauern gibt - den wenigsten Professoren bereitet das schlaflose Nächte. Doktoranden sind erwachsene Menschen, die müssen wissen, was sie tun, heißt es immer wieder. Doch ob das reicht? Die Affäre zu Guttenberg habe gezeigt, dass auch die Universitäten etwas tun müssten, sagt Andreas Keller von der Bildungsgewerkschaft GEW. HU-Präsident Olbertz bringt es auf die Formel: »Nicht jede Promotion muss in einen wissenschaftlichen Beruf münden, aber jede Doktorarbeit muss nach genau diesem Maßstab geschrieben und bewertet werden.« Setzte man derart hohe akademische Strenge durch, erledigten sich halb gare, allein mit dem Ziel beruflicher Profilierung heruntergeschriebene Dissertationen von selbst.

»Die Wissenschaft muss Guttenberg dankbar sein«

Das Werkzeug, um die Wende zu schaffen, haben die Universitäten längst in ihrem Arsenal. Es heißt »strukturierte Promotion«. Gemeint ist damit, dass künftig nicht mehr einzelne Professoren nach eigenem Gusto und kaum durchsichtigen Kriterien entscheiden sollen, wen sie zu einer Promotion zulassen. »Das Abhängigkeitsverhältnis von Doktorand und Doktorvater hat sich überholt«, sagt Keller. Objektive und anspruchsvolle Auswahlverfahren, wie sie heute bereits an sogenannten Graduiertenschulen praktiziert werden, müssen stattdessen die Regel werden. Auch die Bewertung der Arbeit darf nicht mehr vor allem dem Doktorvater (oder der Doktormutter) überlassen werden. Und kommt es zu Täuschungen, müssen sofort und ohne Zögern Konsequenzen drohen. Dass mit all dem ein weitaus höherer Betreuungsaufwand für die Universitäten einhergeht, liegt auf der Hand. »Wir haben genug intelligente junge Menschen, und wir haben einen großen Bedarf an wissenschaftlich erstklassigem Nachwuchs«, sagt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel. »Was uns fehlt, ist das Geld, um sie in die notwendigen Strukturen einzubinden.« Was im Umkehrschluss allerdings auch bedeutet: Solange das Geld dafür nicht da ist, ist mehr Klasse in der Doktorandenausbildung gleichbedeutend mit weniger Masse. Wenn sich der Rauch der Guttenberg-Affäre verzogen hat, sind Universitäten und Wissenschaftspolitik am Zug. »Eigentlich sollten wir zu Guttenberg sogar dankbar sein«, sagt Jan-Hendrik Olbertz. »Sein Vergehen hat eine gesellschaftliche Debatte über die Qualität wissenschaftlicher Leistungen ausgelöst, die wir schon längst hätten führen sollen. Doch die Wissenschaft war offensichtlich nicht in der Lage, sie selbst auszulösen.«

Aus DIE ZEIT :: 03.03.2011

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