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Was ist eigentlich kulturwissenschaftliche Ästhetik?

von Iris Därmann

Das Ästhetische ist überall mit im Spiel. Es gibt keine Dinge, Praktiken oder Theorien, die nicht ästhetische Züge aufweisen. Selbst Gefängnisse oder Hospize besitzen ihre eigene Ästhetik. Diesem Phänomen nachzugehen ist Aufgabe der kulturwissenschaftlichen Ästhetik, die sich nicht in Einzeldisziplinen fügt, sondern interdisziplinär angelegt ist.

Was ist eigentlich kulturwissenschaftliche Ästhetik?© ShutterWorx - iStockphoto.comKulturwissenschaftliche Ästhetik ist ein interdisziplinäres Fach, das sich überall in unserem Alltag wiederfinden lässt
Anders als die Philosophie, die, gerade auch im Namen der Autonomie und der spezifischen Erfahrungsräume der Kunst, für gewöhnlich eine Ästhetik im beschränkten Sinne geltend macht, geht die kulturwissenschaftliche Ästhetik von einer Ästhetik in einem generellen Sinne aus: Es gibt keine Phänomene und Erfahrungen, keine Habitus, Räume, Dinge und Artefakte, (Kultur-) Techniken und Praktiken, keine Theorien und Philosophien, die nicht ästhetische Züge aufweisen. Wissenschaftliche Labore, Fließbänder, Gefängnistrakte und Hospize besitzen ihre eigene Ästhetik ebenso wie Geldscheine, Krankheiten, Folterinstrumente, Tiere und Waffen im Krieg. Damit ist das Ästhetische ein allgegenwärtiges Überschussphänomen, das über bloße Zwecksetzungen, Nützlichkeits- und Dienstbarkeitserwägungen hinaus geht.

In hypersozialen Erfahrungen wie Rausch und Ekstase und in außerordentlichen Zonen wie Fest, Spiel und Vergeudung kann es sich im besonderen Maße verkörpern. Bezeichnet das Ästhetische ein Widerlager für Instrumentalisierungen, so kann es doch jederzeit in Dienst genommen werden für spezifische Zwecke und Funktionen und droht damit seinen grenzüberschreitenden Charakter zu verlieren. Als Gestaltungs-, Darstellungs-, Inszenierungs-, Verbildlichungs-, Verbergungs- und Entwurfspraxis ist das Ästhetische, das etwas oder jemandem Gestalt, Dramatik, Farbe, Maskierung, Gesicht, Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit verleiht, überall mit im Spiel. Als Überschussphänomen hat es dagegen einen nicht zu antizipierenden Ereignischarakter.

Ästhetik der Arbeit

Zur Verdeutlichung mag ein Beispiel aus dem Bereich der Ästhetik der Arbeit dienen, das meinem Forschungsvorhaben zur Kultur- und Ideengeschichte des Dienens von der Sklaverei zur Dienstleistungsgesellschaft entnommen ist: Arbeit ist göttlicher Fluch und Strafe für menschliche Übertretungen zugleich. Das zumindest dramatisieren die mythischen Szenen Hesiods und des Alten Testaments. Die kulturelle Verachtung der reproduktiven Arbeit ist zweifellos ein alteuropäisches Phänomen.

Die wirtschaftstheoretischen Traktate der Antike und der Neuzeit antworten auf die mythische Strafarbeit mit einer zielgerichteten Abwälzung der Bürde der Arbeit auf Sklaven, Gesinde und Haustiere sowie einer hierarchischen Aufteilung der Tätigkeiten in die körperliche Arbeit der Unfreien einerseits und die politische bzw. hausverwaltende Praxis der Freien andererseits. Dabei lassen sich kulturgeschichtlich unterschiedliche ästhetische Strategien zur Marginalisierung und Verbergung der Arbeit und zumal der Dienstleistenden ausfindig machen. Dazu gehören spezifische Interaktionsordnungen, Wohnstrukturen, räumlich-architektonische Trennungen und Filter (z.B. Dienstboteneingänge, Antichambres) sowie Aussparungen etwa im Bereich der Porträtkunst und Malerei - auch wenn die Arbeit, das sei hier nicht verschwiegen, etwa vor dem Hintergrund der paulinischen Erfindung des servilen Menschen, als Gottesdienst Anerkennung genießt.

Die ökonomische Marginalisierung der reproduktiven Arbeit setzt erst mit der frühen Industrialisierung ein. Adam Smith hat sich zu einer ihrer wichtigsten Wortführer gemacht, wenn er unterstreicht, dass "die niederen Arbeiten und Dienstleistungen im Augenblick ihrer Verrichtung schon zunichte geworden sind und selten eine Spur oder einen Wert hinterlassen." Im Unterschied zum hergestellten Werk bringen die reproduktiven Arbeiten und die erbrachten Dienstleistungen keine Dinge von Bestand hervor; sie werden vielmehr in Konsumtion und Nutzung rasch verbraucht. Das von Jean Fourastie in der Mitte des 20. Jahrhunderts skizzierte Projekt der Dienstleistungsgesellschaft, das auf den Rückgang der landwirtschaftlichen und industriellen Arbeit durch Elektrifizierung, Mechanisierung und Automatisierung antwortet, ist daher ein nicht nur ökonomisches Projekt. Dienstleistungen und reproduktive Arbeiten müssen vielmehr als Tätigkeiten sichtbar gemacht und ausgestellt werden, um aus ihrem bisherigen kulturellökonomischen Schattendasein zu treten.

Begibt man sich auf die kulturhistorische Suche nach einem Ethos des Dienens, von dem das Projekt der Dienstleistungsgesellschaft zugleich imaginär und parasitär zehrt, dann ist es Aufgabe einer kulturwissenschaftlichen Ästhetik, die fotografischen, modischen, filmischen und architektonischen Inszenierungen von reproduktiver Arbeit und Dienstleistungen im 20. Jahrhundert in den Blick zu nehmen: Waschmittelwerbungen, Modestrecken, Bürofilme, Sitz- und Bürolandschaften inszenieren Hausfrauen, berufstätige Frauen, Angestellte und Dienstleistende, die tätig sind, ohne zu arbeiten und zu ermüden. Nicht wenige dieser Inszenierungen verweisen damit, ohne es eigens zu intendieren, auf eine nicht arbeitende Arbeit, ein bloßes Tätigsein, wenn nicht gar auf eine konstitutive Untätigkeit, das heißt auf eine Überschreitung der Servilität der Dinge, Menschen und Tiere in dem oben präzisierten ästhetischen Sinne.

Interdisziplinarität

Ein solches Vorhaben fügt sich nicht den herkömmlichen Grenzziehungen der Einzeldisziplinen. Es führt auf so unterschiedliche Felder wie die Mythenanalyse, die Theologie, die politische Philosophie, die Wirtschaftstheorie und -geschichte, die Kunst- und Bildgeschichte und die Filmwissenschaft. Mir ist kein akademisches Fach bekannt, in dem Interdisziplinarität unter einer spezifischen historischsystematischen Fragestellung (in der Lehre sowohl wie in der Forschung) nicht nur geduldet, sondern in einem solchen Maße auch erwünscht und erforderlich ist wie in der Berliner Kulturwissenschaft. Darum freue ich mich zugleich über den intensiven Austausch, den ich an der Humboldt-Universität im Exzellenzcluster Topoi, im SFB Transformationen der Antike und im Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung mit Altertumswissenschaftlern, Theologen, Sozial-, Literatur- und Religionswissenschaftlern, Bild- und Kunsthistorikern, Designern und Gestaltern pflegen darf.


Über die Autorin
Iris Därmann ist seit November 2011 Professorin für Kulturwissenschaftliche Ästhetik am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2013

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