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Was ist Wissenschaft? - Konzept einer Kindervorlesung

von SIMONE SIEBERT und HANS-CHRISTIAN SIEBERT

Die Kinder-Uni gehört inzwischen zum festen Bestandteil vieler Universitäten. Die Herausforderungen für die Professoren bleiben: sie müssen ein junges, neugieriges, nicht akademisch vorgebildetes Publikum für teils komplizierte Vorgänge begeistern. Wie erklärt man den Kindern, was eigentlich Wissenschaft ist und worin die ursprüngliche Idee der Universität besteht?

Was ist Wissenschaft?© Smailhodzic - Fotolia.comKindervorlesungen stärken das Interesse an Forschung und den Umgang mit kompliziertesten Sachverhalten
Die Wissenschaft in ihrer Gesamtheit zu verstehen, die Natur- sowie Kultur- bzw. Geisteswissenschaften als eine Einheit zu präsentieren und dieses Vorhaben auch noch im Rahmen einer Kindervorlesung einem sehr jungen, neugierigen Publikum fesselnd und spannend darzubieten, ist eine Herausforderung. Diese Aufgabe ist jedoch von großer Wichtigkeit, denn in den wissenschaftlichen Einzeldisziplinen kommt es zu einer teilweise sehr unübersichtlichen Aufspaltung der unterschiedlichen Fachgebiete. Die Zunahme an Komplexität schlägt auch auf den Schulalltag durch - mit teilweise recht ernüchternden Folgen.

Ziel von Kindervorlesungen ist es in erster Linie, Begeisterung dafür zu wecken, sich auch auf komplizierteste Sachverhalte ohne große Scheu einzulassen. In diesem Sinne wären Kindervorlesungen dann idealerweise universitäre Veranstaltungen, die darauf ausgerichtet sind, die Begeisterungsfähigkeit für Forschung auch auf den normalen Schulunterricht zu übertragen. Wenn es nun um die Wissenschaften als Ganzes geht, dann ist ein Einstieg aus der Erfahrungswelt von Kindern von großer Bedeutung, wobei gleichzeitig deutlich gemacht werden muss, dass man die Welt der Alltagserfahrung in den Wissenschaften nach einem vertrauten Beginn oft rasend schnell hinter sich lässt. Sehr gut gelingt es dem britischen Physiker S. W. Hawking, diesen Sachverhalt aufzuzeigen, wenn er in seinem Buch "Das Universum in der Nußschale" Lokomotiven nutzt, um zu verdeutlichen, dass die Alltagsphysik augenblicklich an ihre Grenzen gelangt, wenn wir in den Mikro- oder den Makrokosmos vorstoßen wollen. Diese didaktische Idee von Professor Hawking haben wir genutzt, um einen packenden Einstieg zu konzipieren.

Von der Frage nach der Einheit der Wissenschaft ...

Gleich am Anfang der Kindervorlesung muss es gelingen, die Zuhörer mit einem spannenden und verblüffenden Sachverhalt zu fesseln. Ziel der Kindervorlesung, deren Konzept hier vorgestellt wird, ist es, einen Bogen von den Naturwissenschaften über die Lebenswissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften zu spannen. Einen solchen Spannungsbogen bzw. einen geeigneten Schnittpunkt zu finden, ist nicht gerade trivial. Der US-amerikanische Hirnforscher Gerald M. Edelman (Medizinnobelpreis 1972) meistert dies in sehr eleganter Weise, wenn er das Gedächtnis als Schnittpunkt zwischen Geist und Materie hervorhebt. Spricht man über die Einheit der Wissenschaft im Rahmen einer Kindervorlesung, dann darf nicht übersehen werden, was eigentlich über die Wissenschaften hinausgeht, denn die gesamte Lebenswirklichkeit lässt sich nicht allein mit den Wissenschaften abbilden.

Carl-Friedrich von Weizsäcker (1912 bis 2007), an dessen 100. Geburtstag im Sommer diesen Jahres mit einem Symposium in Berlin gedacht wird, hat sich mit derlei Fragen intensiv auseinandergesetzt. Im Kontext dieser Fragestellungen gelangen wir schnell wieder in den Schulalltag zurück, wo Diskussionen keine Seltenheit sind, bei denen es um das Verhältnis von moderner Wissenschaft und Religion geht - oft unter dem irrigen Aspekt, dass Wissenschaft und Religion in einem unversöhnlichen Widerspruch zueinander stehen. Carl-Friedrich von Weizsäckers Gedanke, man könne die Bibel und andere heilige Schriften entweder ernst oder wörtlich nehmen, erweist sich hier als richtungsweisend. In der Carl-Friedrich von Weizsäcker-Gesellschaft "Wissen und Verantwortung" (www.cfvw.org) werden in diesem Zusammenhang eine Reihe konkreter Projekte in Angriff genommen, bei denen es um diese Interpretationsproblematiken geht. Bis ins hohe Alter hat Carl-Friedrich von Weizsäcker bei den Treffen zum Themenkreis "Wissen und Verantwortung" gestaltend mitgewirkt, wie auf einer Tagung der Carl-Friedrich von Weizsäcker-Gesellschaft e.V. in der Nähe von München.

... zur Einheit der Natur

Damit nun bei den Besuchern der Kindervorlesung nicht der Eindruck entsteht, es ist ja doch alles irgendwie nur Auslegungssache, bleibt noch zu klären, was Deutungskunst (Hermeneutik) eigentlich ist:eine strenge wissenschaftliche Disziplin, die Deutungsspielräume nutzt, aber Willkür und Beliebigkeit ausschließt. Bringt man die zentralen Aussagen der Philosophen Carl-Friedrich von Weizsäcker (Naturphilosophie) und Hans-Georg Gadamer (Hermeneutik) zusammen, so zeigt sich, dass die Einheit der Wissenschaft nur über den grundlegenden Gedanken der Einheit der Natur vermittelt werden kann. In seinem Vortrag "Physik und Romantik" berichtete Hans-Georg Gadamer über sein denkwürdiges Zusammentreffen mit dem Physiker Erwin Schrödinger (Physiknobelpreis 1933), der sich weniger über die Quantenmechanik und mehr über den fundamentalen Wesenskern, der allen Religionen zugrunde liegt, mit ihm auseinandersetzen wollte.

Für seinen Abschlussvortrag, den der Philosoph Hans-Georg Gadamer (1900 bis 2002) dann im Alter von 100 Jahren gehalten hatte, reichte für den Titel ein einziges Wort: "Schmerz". Dieser für die menschliche Existenz so zentrale Begriff lässt sich in seine unterschiedlichen Facetten aufspalten: Ob es die medizinischen Aspekte betrifft, wie wir sie bei einer Kindervorlesung vorgestellt haben, als es um die Reise durch den menschlichen Körper mit einem Mini-U-Boot ging, oder wie hier um den Schmerz, die Dinge in ihrer Gesamtheit doch niemals ganz erfassen zu können. Den Versuch müssen die Wissenschaften allerdings unternehmen, und bei diesem Unterfangen zeichnet sich ab, dass der Informationsbegriff, wie Carl-Friedrich von Weizsäcker ihn beschreibt, immer mehr an Bedeutung gewinnt. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff "Zeit", bei dem jedem in etwa klar ist, was darunter zu verstehen ist. Dass Information möglicherweise sogar im Rahmen einer "Lesbarkeit der Natur" erfasst werden kann, stellt eine große Herausforderung für alle dar, die sich mit der Einheit von Natur und Wissenschaft intensiv auseinandersetzen. Für eine Kindervorlesung, so könnte man zunächst meinen, sind diese Fragen möglicherweise doch ein wenig zu hochgestochen und abstrakt. Wenn man diese Fragen jedoch richtig verpackt, d.h. sie an die Lebenswelt der Kinder anpasst, dann kommen die aktiven Zuhörer überraschend schnell darauf, wie sich Information im Kontext von Verständnis bildet. Was dies für den gesamten Weltprozess bedeuten kann, hat der Philosoph A. N. Whitehead in seinen Schriften ausgeführt. Die Kindervorlesung sollte natürlich nicht enden, ohne dass mit den jungen Zuhörern versucht wurde, die am Anfang gestellte Frage "Was ist Wissenschaft?" zu beantworten. Hier bietet sich ein Quiz an. Es ist davon auszugehen, dass keiner der jungen Zuhörer ein Buch des Philosophen A. N. Whitehead kennen wird. Trotzdem kann jetzt genau nach einem dieser Titel gefragt werden, denn mit ihm wird die Frage "Was ist Wissenschaft?" beantwortet. Es ist "Das Abenteuer der Ideen".


Über die Autoren
Simone Siebert ist Realschullehrerin für die Fächer Deutsch, Geschichte und Biologie. Sie ist zur Zeit als Managing Director am Research Institute of Bioinformatics and Nanotechnology (RI-B-NT) in Kiel tätig.

Hans-Christian Siebert ist Professor für Biophysik und Biochemie. Er ist zur Zeit als Scientific Director mit dem Aufbau des Research Institute of Bioinformatics and Nanotechnology (RI-B-NT) in Kiel beschäftigt.

Aus Forschung & Lehre :: Juli 2012

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