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Was kann Flüchtlingsforschung leisten? - Perspektiven und Herausforderungen eines nicht nur aktuellen Forschungsfeldes

von J. OLAF KLEIST

Angesichts anhaltender Debatten um Flüchtlinge und eine oft unklare Asylpolitik wird immer wieder gefragt, was die Wissenschaft zu diesen gesellschaftlichen Herausforderungen beitragen kann. Einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Diskussion könnte eine empirische und unabhängige Migrations- und Flüchtlingsforschung leisten. Doch gerade hier müsste dringend nachgebessert werden.

Was kann Flüchtlingsforschung leisten? - Perspektiven und Herausforderungen eines nicht nur aktuellen Forschungsfeldes© jmdphoto - photocase.deFlüchtlingsforschung sollte insbesondere auf bundes- und europäischer Ebene mehr Gehör finden

Deutsche Forschung zu Migration und Flucht seit Jahren

Die Migrationsforschung ist längst tief in der deutschen Wissenschaftslandschaft mit Instituten und Professuren verankert, die sich sowohl internationaler Migration als auch den Herausforderungen von Einwanderungsgesellschaften widmen. Auch einzelne Forschungen spezifisch zu Zwangsmigration und Flucht sowie Asyl und anderen Formen des Schutzes haben eine lange Tradition.

In den 1960er Jahren fand das internationale Flüchtlingsrecht durch Otto Kimminich im Zuge der Auseinandersetzungen über Heimatvertriebene erstmals Einzug in die bundesdeutsche Rechtswissenschaft. In den 1980er und 1990er Jahren gingen viele wichtige wissenschaftliche Publikationen zu Flucht und Asyl aus der politischen Debatte um Asyl hervor. Auch aktuell bringen sich viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit forschungsbasierten Vorschlägen ein, wie eine Reform des europäischen Asylsystems, Lösungen der syrischen Flüchtlingskrise oder einer friedensorientierte Ausrichtung der Flüchtlingsarbeit aussehen könnten. Die Flüchtlingsforschung ist immer wieder Begleitung und wichtiges Korrektiv zu Politik und staatlichen Institutionen.

Global verfestigt und in Deutschland vernachlässigt

Obwohl Flüchtlingsforschung durchaus betrieben wird, existiert sie in Deutschland bisher nicht als ein institutionalisiertes Forschungsfeld. Andere Länder sind hierbei bereits weiter. Während sich an Universitäten in Nordamerika und Großbritannien die Flüchtlingsforschung seit den 1980er Jahren etabliert hat, steht im deutschsprachigen Raum eine solche Entwicklung noch am Anfang. Erst in den letzten Jahren wurden auch hierzulande erste Schritte in eine solche Richtung unternommen. So versammelt das 2013 gegründete Netzwerk Flüchtlingsforschung knapp 100 Wissenschaftler, die aus vielen Disziplinen heraus eine große Bandbreite an Aspekten von Zwangsmigration und Schutz für Flüchtlinge untersuchen.

Während die Relevanz und Nachfrage nach einer koordinierten Flüchtlingsforschung in Deutschland deutlich ist, ist das Netzwerk ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern, deren Zusammenarbeit und Austausch ermöglicht wird, aber nach wie vor ohne finanzielles Fundament arbeitet. Eine nachhaltige Förderung für Forschungsprojekte, Institute und Professuren zur Flüchtlingsforschung lassen noch auf sich warten. Dabei ist der Bedarf da: Es ist längst wichtig, anknüpfend an internationale Forschungen, auch über die Fragen der aktuellen Krise hinaus anhaltende Herausforderungen von Vertreibungen und Flüchtlingsschutz wissenschaftlich zu untersuchen und nachhaltige Strukturen innerhalb der Wissenschaft und darüber hinaus aufzubauen.

Appelle an Universitäten und Wissenschaftlern, mehr zu tun, ignorieren nicht nur, was bereits geleistet wird, sondern auch, was nötig ist, um fundierte und relevante Flüchtlingsforschung zu betreiben. Vielmehr müssen entsprechende Möglichkeiten strategisch bereitgestellt werden, um eine solche Forschung kurzfristig wie auch nachhaltig zu gewährleisten.

Praxisrelevanz der Flüchtlingsforschung?

Migrations- als auch die Flüchtlingsforschung sind keine Elfenbeinturmwissenschaften, sondern immer eng mit der Praxis und politischen Entwicklungen verbunden. Dass sich Flüchtlingsforscher und -forscherinnen aktiv, kontrovers und pragmatisch an politischen Diskussionen und Lösungsfindungen beteiligen können, zeigt sich aktuell immer deutlicher. Sie sind wichtige Informationsquellen und Interviewpartner für die Medien geworden, um mit forschungsbasierten Einschätzungen eine wichtige Lücke zwischen staatlichen und advokativen Stellungnahmen zur Flüchtlingspolitik zu füllen. Kommunen und Zivilgesellschaft fragen verstärkt nach Forschung, die flüchtlingspolitisches Handeln konstruktiv begleiten und anleiten kann. Nur ausgerechnet auf Bundes- und europäischer Ebene, wo die großen Weichenstellungen für die Situationen von Flüchtlingen gestellt werden, findet die Flüchtlingsforschung nach wie vor kaum Gehör. Vielmehr werden hier über Jahrzehnte gesammelte Erkenntnisse über Zwangsmigration und Asylpolitik ignoriert, die sowohl den Zielen nach Migrationssteuerung als auch dem Schutzbedarf von Flüchtlingen gerecht werden könnten.

Letztlich ist Forschung aber keine Politikberatung. Sie muss sich über die eigenen Grundlagen kritisch bewusst werden. Dabei gibt es keineswegs Diskussionstabus, aufgrund derer sich Forschende ,trauen' müssten, bestimmte Positionen zu vertreten. Matthew Gibney zeigte schon vor über zehn Jahren in seinem weit rezipierten Buch über die Ethik und Politik des Asyls, dass sich in der politischen Theorie gewichtige Argumente sowohl für beschränkte als auch weniger beschränkte Zuwanderung finden lassen. Jenseits von Forderungen nach offenen Grenzen oder ökonomisch begründeten Aufnahmemodellen gibt es viele weitreichende Ansätze darüber, wie Migration, Flucht, Fluchtmotive und Flüchtlingsschutz verstanden werden können. Flüchtlingsschutz ist längst nicht auf die Frage des Zugangs zu westlichen Staaten beschränkt, sondern ist globaler, vielschichtiger und konzeptioneller.

Normative und ethische Herausforderungen der Migrations- und Flüchtlingspolitik werden zudem im deutschsprachigen Raum längst diskutiert. Genannt seien hier als aktuelle Beispiele der Arbeitskreis ,Demokratie und Flucht' im Netzwerk Flüchtlingsforschung und das Forschungsprojekt ,Ethik der Immigration'. Aber auch jenseits politischer Theorie wird in der sozialwissenschaftlichen Flüchtlingsforschung eine sehr fruchtbare Auseinandersetzung über die eigenen konzeptionellen, normativen und ethischen Herausforderungen geführt. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Netzwerk ,Grundlagen der Flüchtlingsforschung' widmet sich interdisziplinär solchen und anderen Problemen zwischen Vertreibung, Flucht und Migration; Staat, Recht und Gesellschaft; Theorie, Praxis und Politik.

Eine nachhaltige und relevante Flüchtlingsforschung

Dass das wissenschaftliche Verständnis von Flucht und Schutz stark variiert, sei es aufgrund unterschiedlicher Disziplinen oder Methoden, ist selbstverständlich. Es geht nicht darum, eine einheitliche Flüchtlingsforschung in Deutschland zu bilden. Vielmehr bedarf die Untersuchung von komplexen Flucht- und Flüchtlingsbedingungen geradzu der wissenschaftlichen Diskussion verschiedener Ansätze und Aussichten. Dabei gibt es keine politischen Scheuklappen, doch der Leitsatz, den David Turton einst formulierte, sollte immer berücksichtigt werden: Eine Flüchtlingsforschung, die sich nicht der Verringerung und Vermeidung menschlichen Leids verschrieben hat, ist es nicht wert, betrieben zu werden. Ein Grundsatz, der nicht nur für die Wissenschaft gelten sollte. Doch die Flüchtlingsforschung braucht nachhaltige Strukturen und Unterstützung, um ihren Aufgaben gerecht werden zu können.


Über den Autor
J. Olaf Kleist ist DFG Research Fellow am Refugee Studies Centre, Universität Oxford, sowie Mitglied der Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), Universität Osnabrück.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2016

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