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Was sind eigentlich Digital Humanities?

von Caroline Sporleder

Aus der zunehmenden Verfügbarkeit digitaler Daten ergeben sich für die Geisteswissenschaften viele neue Forschungsmöglichkeiten. Ob Digitalisierung, Datenaufbereitung oder deren Analyse - die Aufgabengebiete in den Digital Humanities sind vielfältig. Einblicke in eine noch junge Disziplin.

Was sind eigentlich Digital Humanities?© aihumnoi - Fotolia.comDie Digital Humanities sind eine junge Disziplin an der Schnittstelle zwischen Geisteswissenschaften und Informatik
Die Digital Humanities (zu deutsch "Digitale Geisteswissenschaften") sind eine relativ junge Disziplin, die in den letzten Jahren im Zuge der gestiegenen Verfügbarkeit digitaler Daten stark an Bedeutung gewonnen hat. Sie beschäftigen sich mit der Schnittstelle zwischen Geisteswissenschaften und Informatik. Dazu gehören sehr unterschiedliche Aufgabengebiete, angefangen bei der Digitalisierung und Kuration geisteswissenschaftlicher Daten, über die Erstellung digitaler Editionen bis hin zur Analyse und Visualisierung. Auch Simmulationsexperimente, z.B. zur Siedlungsgeschichte im Bereich der Archäoinformatik oder die computergestützte Rekonstruktion historischer Funde zählen dazu.

Ursprünge der Digital Humanities

Als Pionier der Digital Humanities gilt der italienische Jesuitenpater Roberto Busa (1913-2011), der in den 1940er Jahren die Arbeiten von Thomas von Aquin linguistisch indexieren wollte. Busa erkannte schnell, dass eine Indexierung mit Karteikarten viel zu zeitintensiv wäre und überzeugte Thomas J. Watson, den Gründer von IBM, ein gemeinsames Projekt zu beginnen, an dessen Ende Index Thomisticus stand, der seit 2005 auch über ein Internetportal zugänglich ist. Der Index Thomisticus ist in erster Linie ein korpuslinguistisches Projekt.

Daneben gibt es aber zahlreiche andere Disziplinen an der Schnittstelle zwischen Geisteswissenschaften und Informatik, die eine ähnlich lange Tradition haben. Dazu gehören die Computerlinguistik, die sich mit algorithmischen Verfahren zur Verarbeitung von Sprache befasst, und die Computerphilologie, die sich mit dem Einsatz von Computern in der Literaturwissenschaft beschäftigt, aber auch nicht-philologische Bereiche, wie z.B. die Bibliotheks-, Archiv- und Informationswissenschaften und die Museum Informatics, die sich der Entwicklung von Informationstechnologie für kulturhistorische Einrichtungen widmet. Auch in den Geschichtswissenschaften und der Archäologie gibt es seit langem Teilbereiche, die sich mit quantitativen und informatikwissenschaftlichen Verfahren befassen. In den letzten Jahren haben digitale Methoden zudem mehr und mehr Einzug in den Alltag geisteswissenschaftlicher Fächer gefunden, so dass es auch immer mehr Forschungsgruppen in Bereichen wie Digitale Kunstgeschichte, Digitale Philosophie oder Digitale Mediävistik gibt.

Datenaufbereitung und -analyse

Forschung in den Digital Humanities setzt die Verfügbarkeit digitaler Daten voraus. Dies können digitale Fotos von Artefakten in Museen sein, aber auch Audio- oder Filmaufnahmen oder digitalisierte Texte. Textuelle Daten und deren Verarbeitung spielen dabei eine große Rolle, selbst wenn die Primärdaten nicht textuell sind, da nicht-textuelle Objekte meist über textuelle Metadaten, z.B. in Form von Einträgen in Katalogen oder Feldbüchern, erschlossen werden, die das Objekt beschreiben und kontextualisieren. Die Retrodigitalisierung textueller Daten geschieht mit Hilfe von Optical-Character-Recognition-Verfahren oder durch manuelle Transkription.

Einmal digitalisiert, sind die Daten meist einfacher zugänglich als analoge Daten. Mehrere Wissenschaftler können gleichzeitig, jederzeit und von verschiedenen Orten auf sie zugreifen, z.B. über virtuelle Forschungsumgebungen. Ihr wahres Potenzial entfalten solche Daten jedoch erst durch eine (text-) technologische Aufbereitung. Ein Beispiel hierfür ist die Erstellung digitaler Editionen, in denen z.B. das Gesamtwerk eines Schriftstellers über ein Internetportal zugänglich und durchsuchbar gemacht wird. Die Durchsuchbarkeit kann verbessert werden, indem Texte mit semantischen Annotationen versehen werden, z.B. um Eigennamen herauszuheben oder ambige Wörter zu disambiguieren. Zur einfacheren Navigation können Dokumente über Hyperlinks miteinander und mit externen Quellen, wie z.B. Karten, Photos oder Enzyklopädien, verbunden werden.

Ein Beispiel hierfür ist das Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, das zahlreiche Wörterbücher miteinander vernetzt und dadurch eine einfache Navigation im Gesamtnetz erlaubt, die mit herkömmlichen Nachschlagewerken nur schwer möglich ist.

Die Digital Humanities befassen sich aber nicht nur mit der Aufbereitung und Repräsentation digitaler Daten, sondern auch mit deren Analyse. Es können zum Beispiel automatisch soziale Netzwerke der Charaktere eines literarischen Textes erstellt und mit Verfahren der Netzwerkanalyse ausgewertet werden. Mit Hilfe der automatischen Sentimentanalyse kann zudem die emotionale Färbung von Textpassagen ermittelt werden. Auch im Bereich der Geschichtswissenschaft gibt es Anwendungsmöglichkeiten.

In einem Kooperationsprojekt zwischen dem Center for Digital Humanities, der Universität Utrecht und dem University College London werden z.B. Text-Mining-Verfahren entwickelt, die dabei helfen, große historische Zeitungskorpora auszuwerten, um Bereiche kultureller Einflussnahme zu erkennen.

Wichtig ist dabei, dass automatische Verfahren die traditionelle geisteswissenschaftliche Analyse nicht ersetzen, sondern eine zusätzliche Methode sind, um bestimmte Tendenzen sichtbar zu machen, die sich bei einer rein manuellen Auswertung allenfalls sehr schwer erschließen lassen. Verfahren der Digital Humanities können damit zur geisteswissenschaftlichen Hypothesenbildung beitragen und aufgestellte Hypothesen empirisch unterfüttern. Dabei reicht es nicht, existierende informatikwissenschaftliche Verfahren einfach auf geisteswissenschaftliche Daten anzuwenden.

Vielmehr entwickeln Wissenschaftler aus den Digital Humanities im engen Dialog mit Fachwissenschaftlern vollkommen neue Verfahren zur Datenrepräsentation, -visualisierung und -analyse. Die Digital Humanities bilden damit ein eigenständiges Fach mit eigenen, sich ständig weiterentwickelnden Methoden, das einen vollkommen neuen, faszinierenden Blick auf geisteswissenschaftliche Fragestellungen ermöglicht.

Studium

Das Studium der Digital Humanities kann mit jedem geistes- oder informatikwissenschaftlichen Fach kombiniert werden bzw. darauf aufbauen. Mehrere Universitäten bieten Studienmöglichkeiten an, entweder als Studiengang oder in Form von individuellen Modulen. An der Universität Trier ist zum Wintersemester 2014 ein neuer Masterstudiengang geplant, der vom Fach Computerlinguistik und Digital Humanities in enger Kooperation mit der Informatik, dem Center for Digital Humanities und den geisteswissenschaftlichen Fächern durchgeführt wird. Ein Schwerpunkt liegt auf der interdisziplinären Ausrichtung und der engen Zusammenarbeit mit Museen und Archiven.

Die Digital Humanities sind ein junges Fach, das sich durch eine große Dynamik und Aufgabenvielfalt auszeichnet. Ein Studium ist für Studierende interessant, die geisteswissenschaftliche Interessen mit einer Affinität zu technischen, technologischen oder quantitativen Methoden verbinden, wobei der technische Anteil je nach persönlicher Schwerpunktsetzung variieren kann. Die Berufsaussichten sind hervorragend, da Museen, Archive und Forschungsinstitute vermehrt eine geisteswissenschaftlich-technische Doppelqualifikation nachfragen.


Über den Autor
Caroline Sporleder ist Professorin für Computerlinguistik und Digital Humanities an der Universität Trier.

Aus Forschung & Lehre :: November 2013

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