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Was sind zwei Buchstaben wert?
Pro und Contra Promotion

VON ANKE BURKHARDT UND MATTHIAS NEIS

Sagt ein Dr. vor dem Namen etwas über wissenschaftliche Fähigkeiten aus? Oder braucht man den Titel nur für die Karriere? Zwei Verteidigungen.

Was sind zwei Buchstaben wert? - Pro und Kontra Promotion© olly - Fotolia.comWer sich für eine Promotion entscheidet, startet in eine stressige Lebensphase. Zwei Meinungen zur Frage, ob sich das lohnt.

Die Mühe lohnt sich

Keine Frage: Wer sich für eine Promotion entscheidet, auf den wartet eine nervenaufreibende Zeit von etwa vier bis fünf Jahren. Und trotzdem lohnt sich der Doktortitel. Das können wir wissenschaftlich belegen: Doktoren sind so gut wie nie arbeitslos. Sie enden auch nicht als "Taxifahrer Dr. phil.", wie die Soziologin Cordula Schlegelmilch in den 1980er Jahren schrieb. Im Gegenteil. Promovierte sind durchschnittlich zufriedener mit ihren Berufen als andere Akademiker. Das kann damit zu tun haben, dass sie oft mehr Verantwortung übernehmen. Sie gelangen häufiger in Leitungspositionen, haben abwechslungsreichere Aufgaben, sind beruflich oft im Ausland unterwegs. Das gefällt vielen.

Richtig ist leider auch: Der Doktortitel ist keine Garantie für eine Professur. Tatsächlich promovieren im Jahr durchschnittlich 25.000 Absolventen, es werden aber nur 700 Professuren altersbedingt frei. Logisch, dass im Wettbewerb um die Lehrstühle deshalb viele leer ausgehen.

Ich finde das aber nicht so schlimm. Denn wer nicht Professor wird, muss die Forschung ja nicht zwangsläufig an den Nagel hängen. Das sogenannte Wissenschaftszeitvertragsgesetz sieht zwar vor, dass man nach der Promotion nur noch sechs Jahre lang aus Haushaltsmitteln an der Uni beschäftigt werden darf. Man kann aber trotzdem weiterforschen: in Drittmittelprojekten oder eben außerhalb der Hochschule. Promovierte Naturwissenschaftler und Ingenieure werden mit offenen Armen in den Forschungsabteilungen von Unternehmen empfangen. Wer als Chemiker ein Labor leiten will, für den ist der Doktortitel sogar Voraussetzung. Aber auch Sozial- und Geisteswissenschaftler können weiter wissenschaftlich tätig sein und dabei gut verdienen, ohne Professor zu werden. Ich bin dafür ein gutes Beispiel, schließlich forsche ich schon seit 14 Jahren am Institut für Hochschulforschung, ohne eine Professorenstelle anzustreben. Unsere Forschung finanziert sich zu großen Teilen aus Drittmitteln, daher gilt für uns das Wissenschaftszeitvertragsgesetz nicht. Viele Institute arbeiten so. Und auch in den USA oder in Japan haben promovierte Geisteswissenschaftler aus Deutschland gute Chancen auf Postdoc-Stellen.

Dass der Doktortitel heute nichts wert ist oder sich nicht lohnt, stimmt also nicht - weder im Hinblick auf die wissenschaftliche Reputation noch auf die Karriereperspektiven. Für die, die in der Wissenschaft bleiben, sieht es finanziell nicht ganz so gut aus wie für diejenigen, die in die Wirtschaft wechseln. Wissenschaftler zwischen 30 und 45 Jahren verdienen etwas weniger und haben häufiger befristete Verträge als Kollegen aus der Wirtschaft. Das ist ohne Frage ein Missstand. Hier ist aber politisch viel in Bewegung, die Bildungsministerien einiger Länder und die Gewerkschaften wollen das ändern. Außerdem zeigen unsere Daten: Trotz der schlechteren Rahmenbedingungen sind viele promovierte Wissenschaftler auch deswegen überwiegend zufrieden, weil sie sich mit Leidenschaft ihrem Forschungsgebiet widmen können. Wer sich gerne in Büchern vergräbt oder im Labor die Zeit vergisst, für den ist eine Promotion bestimmt das Richtige.

Anke Burkhardt, 58, ist stellvertretende Direktorin des Instituts für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.


Der Frust wird groß

Von einer Promotion, die ausschließlich aus Begeisterung begonnen wird, würde ich abraten. Viele starten mit sehr viel Idealismus. Bis sie die Realität einholt - die oft frustrierend sein kann. Eine Promotion kann beflügeln, aber auch sehr belasten. Immerhin haben 40 Prozent aller Doktoranden schon einmal ernsthaft an Abbruch gedacht.

Ein Grund dafür: Die Jobunsicherheit und die prekären Anstellungsverhältnisse machen es schwer, eine Familie zu gründen. Viele, die promovieren, sind aber in dem Alter, in dem sie sich auch Kinder wünschen. Schwierig ist auch, dass Promovenden oft viel Zeit für Aufgaben abseits der Dissertation auf bringen müssen, weil sie etwa in oder außerhalb der Uni arbeiten. Das verlängert die Promotion. Wer glaubt, sich von den Eltern abgenabelt zu haben - Fehlanzeige. Mit der Promotion kommen neue Abhängigkeiten. Denn im Konfliktfall sitzen Doktormutter oder Doktorvater am längeren Hebel. Niemand will schließlich die Arbeit ohne Betreuer beenden.

Und auch wenn es gut läuft und man danach noch habilitiert, wird man oft erst mit Anfang 40 Professor. Wer dieses Ziel hat, muss eine ganze Dekade warten, bevor klar wird, ob es in Erfüllung geht. Bis dahin gilt man als "wissenschaftlicher Nachwuchs" - ein Euphemismus, der mit Ende 30 nicht mehr schmeichelt. Man könnte die Wissenschaft als Beruf hierzulande wie eine Leiter mit zwei Sprossen beschreiben: Eine unten und eine oben und dazwischen sehr viel Raum, um durchzufallen. Hauptberuflich arbeiten an unseren Universitäten 200.000 Wissenschaftler, davon sind 40.000 Professoren. Vom Rest sind schätzungsweise 80 Prozent promovierend angestellt, 20 Prozent sind in der Postdoc-Phase. Rund 90 Prozent dieser Wissenschaftler sind übrigens befristet beschäftigt. Oft arbeiten sie Vollzeit auf einer halben Stelle. Es ist ein Trugschluss, dass ein Doktortitel stets den besseren Wissenschaftler ausmacht. Andere Länder kennen sogar Hochschulkarrieren, die ohne Promotion auskommen. Der Beweis, dass das grundsätzlich schlechter ausgehen muss als mit Promotion, steht noch aus.

Die Quote jener, die in die Wissenschaft eingestiegen sind und wieder aussteigen, liegt bei 90 bis 95 Prozent. Das betrifft besonders Frauen. Unter den Professoren sind nur noch knapp 20 Prozent Frauen. Man sollte sich also des Risikos bewusst sein, wenn man das alleinige Ziel hat, Professorin oder Professor zu werden, und sich zu Beginn fragen: Wie sehen die Chancen in meinem Fach aus? In Physik oder Chemie ist die Promotion wie ein berufsqualifizierender Abschluss. Aber in den Sozial- und Geisteswissenschaften lässt sie sich nicht gleich in einen beruflichen Vorteil übersetzen. Doktoranden erwerben zwar während einer Promotion wichtige Fähigkeiten. Nur haben viele Firmen keine klaren Vorstellungen, was das konkret bedeutet. Lassen Sie sich Ihre Kompetenzen, die Sie an der Uni erwerben, zertifizieren! Wir leben in einem Land, dass sehr viel Wert auf Zeugnisse legt. Die Hochschulen haben umfangreiche Weiterbildungsprogramme. Nutzen Sie diese - auch wenn Sie von Ihrer Promotion hundertprozentig überzeugt sind.

Matthias Neis, 40, promovierte zum Thema "Prekäre Wissenschaft". Bei ver.di setzt er sich für eine Verbesserung der wissenschaftlichen Arbeitswelt ein.


Aus DIE ZEIT :: 03.04.2014

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