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Was wurde aus - Matthias Bloechle?

VON MARTIN SPIEWAK

Der Mediziner hat sich selbst angezeigt und damit erreicht, dass es Gentests an Embryonen geben darf.

Was wurde aus - Matthias Bloechle?© ktsimage - iStockphoto.comSeit diesem Jahr dürfen Mediziner Embryonen mit Gentests auf Krankheiten untersuchen
Der Bundestag diskutiert die wichtigste bioethische Entscheidung des Jahres. Im Parlamentsrund prallen die Argumente aufeinander: Bekenntnissen zu einem Leben mit Behinderungen folgen Erfahrungsberichte über den Schmerz wiederholter Fehlgeburten. Manchem Politiker bricht die Stimme. Dann, nach mehr als vier Stunden Wortgefecht, steht überraschend klar fest: Auch hierzulande werden Mediziner in Zukunft Embryonen mit Gentests auf Krankheiten untersuchen dürfen.

In diesem Augenblick - es ist 13:44 - hätte ein Jubelruf auf der Besuchertribüne erschallen können. Doch der Mann in der dritten Reihe Mitte nimmt das Abstimmungsergebnis ohne sichtbare Emotionen zur Kenntnis. Dabei hätte es den Bundestagsbeschluss, die Präimplantationsdiagnostik (PID) zu erlauben, ohne Matthias Bloechle niemals gegeben. Als erster Arzt in Deutschland hatte der Berliner Gynäkologe Embryonen auf Schäden in ihrem Erbgut untersuchen lassen. Kurz danach hatte er sich selbst angezeigt. Bis zum Bundesgerichtshof führte Bloechle den Prozess. Am Ende sprachen ihn die Richter frei und bahnten so den Weg für ein neues Gesetz. Vielen Kollegen und betroffenen Paaren gilt der Gynäkologe als Held, als Arzt, der für seine Überzeugungen seine Existenz aufs Spiel setzt - ja der für seine Patienten ins Gefängnis gegangen wäre. »Ach, Held«, sagt Bloechle und winkt ab. Martin Luther King sei einer gewesen, und Ai Weiwei sei es heute, weil sie beide ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel setzten.

Aber er nicht. Bei anderen würde man an Koketterie denken. Doch wer dem 49-jährigen Mediziner begegnet, kommt nicht auf so einen Gedanken. Matthias Bloechle - blassblaue Augen, der Kopf halb kahl, die Lippen schmal - ist die Nüchternheit in Person. Man muss ihm Sätze über die Belastungen der vergangenen sechs Jahre geradezu entwinden. Ja, mehrere Zehntausend Euro habe ihn der Prozess gekostet. Gewiss, auch »manche schlaflose Nacht« habe er durchlebt. Etwa nach dem Tag, als zwei Polizisten mit einem Durchsuchungsbeschluss morgens vor seiner Praxis standen. Aber ansonsten sei »das Risiko kalkulierbar gewesen«. Eine Bewährungsstrafe hätte gedroht, vielleicht gar der Verlust der Approbation. »Aber diese Möglichkeit habe ich als unwahrscheinlich eingeschätzt«. Mit Risiken und Wahrscheinlichkeiten zu rechnen gehört für Bloechle zum Handwerk. Ein Reproduktionsmediziner muss seinen Patienten sagen, wie hoch ihre Chancen sind, auf künstlichem Wege zu Nachwuchs zu kommen. Und er muss die Gefahren abschätzen können, die für ein Kind bestehen, deren Mutter oder Vater kranke Gene in sich tragen.

Bloechle kannte viele solcher Fälle aus seiner Arbeit, erst als Gynäkologe an der Charité, später als Fortpflanzungsmediziner mit Praxis am Kurfürstendamm: Frauen, die eine Fehlgeburt nach der anderen erlitten hatten; Eltern, die ihr schwer behindertes Kind mit Hingabe pflegten, aber nun ein gesundes Baby in den Händen halten wollten. Statt zu helfen, musste er ihnen den Kinderwunsch ausreden oder sie ins Ausland schicken. Denn dort war erlaubt, was hierzulande nach allgemeiner Ansicht verboten war: das Krankheitsrisiko mit einem Embryonentest auszuschließen. »Bevormundend« fand der Mediziner das Verbot und »unlogisch«. Für Bloechle gibt es kaum etwas Schlimmeres. Er mag es nicht, wenn man ihm in seine Arbeit hineinredet oder jemand allzu moralisch daherkommt.

Deshalb hat er die Grünen verlassen und ist heute in der FDP. In seiner Praxis unterstützt er fast jeden Kinderwunsch, auch den von unverheirateten oder lesbischen Paaren sowie Singles. »Wer die Freiheit des Individuums einschränkt, braucht starke Argumente. Das betrifft besonders die Freiheit, Kinder zu bekommen«, sagt Bloechle. »Dem PID-Verbot fehlten diese Gründe.« Es wollte ihm nicht einleuchten, warum die Untersuchung eines mikroskopisch winzigen Zellgebildes schlimmer sein sollte als die Tötung eines mehrere Monate alten Fötus. Genau an diesem Widerspruch zwischen der erlaubten Abtreibung und der verbotenen PID sind die Gegner des Embryonentests denn auch letztlich gescheitert. Als Sieger fühlt sich Bloechle aber nicht. Ihn stört es, dass nach dem neuen Gesetz eine Ethik-Kommission darüber entscheiden muss, wer eine PID in Anspruch nehmen darf. Denn was eine schwere Erbkrankheit des Nachwuchses ist, sollen »in einer freien Gesellschaft« allein die Eltern entscheiden, meint Bloechle. Kürzlich kam ein blindes Paar in seine Praxis. Ihr Augenlicht hatten die beiden in frühen Jahren aufgrund einer vererbbaren Krankheit verloren.

Sie schienen nicht unglücklich. Dennoch wünschten sie sich ein Kind, das sehen kann. »Niemand hat das Recht, diesem Paar seinen Wunsch zu verweigern.« Lange hat sich Matthias Bloechle jeder Öffentlichkeit verweigert, um keinen Druck auf die Richter auszuüben. Nach dem Sieg vor dem Bundesgerichtshof änderte er seine Strategie. Er gab Interviews, saß in Talkshows, hat nun ein Buch geschrieben. Vom Recht auf ein gesundes Kind heißt das Werk. Natürlich gibt es so ein Recht nicht, zumindest kein einklagbares. Bloechle weiß das. Aber ein bisschen Pathos, das hat der Arzt gelernt, dient der Sache. Deshalb ist das Buch für ihn ungewöhnlich persönlich und emotional ausgefallen.

Es sind viele Fallgeschichten darin. Sogar die Bibel zitiert er. Als Pfarrerssohn kennt er das Werk gut. Über Grenzen der Medizin spricht Bloechle in dem Buch nicht. Gibt es die für ihn? Ja, sagt er, einer Geschlechtswahl per PID würde er nicht zustimmen. »Ein Geschlecht ist schließlich keine Krankheit.« Die Eizellspende dagegen solle erlaubt sein. Auch der Leihmutterschaft kann Bloechle positive Seiten abgewinnen. »Wir leben eben nicht mehr wie vor hundert Jahren.«

Aus DIE ZEIT :: 08.12.2011

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