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Wasser, Politik und Frühkartoffeln

Von Dieter Sorsche

Seine Ausbildung an einer Universität oder Fachhochschule beendet im Schnitt nur jeder dritte Chemiestudent - der Qualitätspakt Lehre fördert neue Konzepte, die dem abhelfen sollen.

Wasser, Politik und Frühkartoffeln© birdy?s - Photocase.com
Den Studenten vom ersten Tag an eine umfangreiche Betreuung bieten und Lehrkonzepte modernisieren - das haben sich die 111 Hochschulen vorgenommen, die der Qualitätspakt Lehre in den kommenden Jahren fördert. Für die verschiedenen Projekte stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bis zum Jahr 2016 etwa 600 Millionen Euro zur Verfügung. Davon profitiert auch der Fachbereich Chemie: An einigen Universitäten erhalten die Naturwissenschaften wegen der hohen Abbrecherquoten besondere Aufmerksamkeit.

Den Einstieg erleichtern

Für einen erfolgreichen Einstieg ins Chemiestudium reicht das Abitur nur bedingt als Qualifikation. Denn bereits die Grundvorlesungen verlangen Vorkenntnisse, die den Abiturienten ohne Leistungskurs in Chemie oder Physik mitunter fehlen. Vorkurse mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt gleichen solche Defizite aus und schaffen eine fachliche Grundlage für das gesamte Studium. "Viele Hochschulen legen ihren Schwerpunkt ... zu Recht auf einen gelungenen Einstieg ins Studium", sagte Bundesministerin Annette Schavan, als die gemeinsame Wissenschaftskonferenz die zu fördernden Projekte bekannt gab. Für Abiturienten, die ein naturwissenschaftliches Studium in München anstreben, entwickelt die TU dort ein zweisemestriges Vorstudium. Darin erfolgreich abgeschlossene Veranstaltungen rechnet die Universität auf das spätere Bachelorstudium an und entlastet die Studenten so zusätzlich. Das Konzept baut auf dem Studium naturale auf, das bereits im Wintersemester 2010 erstmals 25 Abiturienten am Wissenschaftszentrum Weihenstephan antraten. Auch an der Ruhr-Universität Bochum können die Studenten Punkte aus Vorkursen in ihr Chemiestudium einbringen. Die Summer University findet dort zwischen Abitur und Studieneintritt statt.

Mehr Bezug zur Anwendung

Am Anfang eines Chemiestudiums verlangen die theoretischen Grundvorlesungen den angehenden Naturwissenschaftlern viel Geduld und Motivation ab. Studienanfänger an der TU Darmstadt lernen die Praxis und Methodik ihres Fachs daher in einer interdisziplinären Projektwoche kennen. Man entwickelt dort derzeit ein Projekt, in dem Chemiker, Bauingenieure, Geodäten und Gesellschafts- und Geschichtswissenschaftler eine Aufgabe zum Thema Wassermanagement bearbeiten - der Arbeitstitel könnte lauten: Wasser, Politik und Frühkartoffeln. Maschinenbauanwärter absolvieren die Projektwochen in Darmstadt bisher seit dem Jahr 1998. Auch die TU Ilmenau führt in den kommenden Jahren Projekttage ein, die zunächst nur für Maschinenbaustudenten studienbegleitend in den ersten zwei Semestern stattfinden werden. Die Studenten sollen die wöchentlich neu erlernten Inhalte in den Projekten anwenden. Ob das Konzept auch für Chemiker angeboten wird, entscheidet die naturwissenschaftliche Fakultät nach einer einjährigen Testphase.

Rückendeckung im Campusalltag

Die Hochschulen verstärken ihr Beratungsangebot, um den Studenten zu zeigen, wie sie ihr Studium den eigenen Stärken entsprechend organisieren. Denn ein erfolgreiches Chemiestudium baut nicht nur auf fachlichem Verständnis auf, sondern auch darauf, dass sich die Studenten in ihrer Umgebung am Campus gut zurecht finden. Unter dem Namen Academic Advisors richtet die Universität Siegen ein Beratersystem ein, das die Studenten von der ersten Kontaktaufnahme mit der Universität bis in die Alumni-Phase begleitet. Neben wissenschaftlichen Mitarbeitern sollen an der Universität Leipzig auch Studenten höherer Semester als Tutoren den Studienfängern helfen, sich am Campus zurecht zu finden. Die Universität will ihre "Studenten sozial besser integrieren" und ihnen so Rückhalt im Studium geben.

Mit der Lehre ins Web 2.0

Durch E-Learningangebote erhöhen die Hochschulen die Flexibilität ihres Lehr- und Beratungsangebots. In dem Gemeinschaftsprojekt E-Competence and Utilities for Learners and Teachers entwickeln die niedersächsischen Universitäten eine Internetplattform, auf der sie den Studenten unter anderem Unterrichtsmaterialien bereitstellen und bei der Organisation des Lehrplans helfen. Das Projekt Mint-Kolleg Baden-Württemberg bietet den Studenten in Karlsruhe und Stuttgart nicht nur neue Online- Lehrveranstaltungen an, die Universitäten betreuen ihre Studenten dort in Zukunft auch per E-Mail und Skype.

Unterstützung für Dozenten

Die Mehrheit der Hochschulen bildet im Rahmen des Qualitätspakts Lehre ihre Dozenten fachdidaktisch fort oder verschafft ihnen zeitliche Freiräume. An der TU München haben Professoren die Möglichkeit, ein Freisemester zu beantragen, in dem sie veraltete Lehrkonzepte neu ausarbeiten. Außerdem schreibt die Universität den mit 4000 Euro dotierten Otto-Fischer-Preis für Nachwuchswissenschaftler aus, die herausragende neue Lehrkonzepte entwickeln. Die geplanten Projekte werden an den jeweiligen Universitäten und Fachhochschulen ab dem Wintersemester 2011/2012 anlaufen. Eine Liste aller geförderten Hochschulen steht im Internet unter www.bmbf.de. Weitere Informationen zu einzelnen Projekten findet man auf den Webseiten der jeweiligen Hochschulen. Dieter Sorsche ist freier Mitarbeiter der Nachrichten aus der Chemie.


Aus Nachrichten aus der Chemie» :: September 2011

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