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Webkonferenzen an Hochschulen - international durch Virtualisierung

Von Wolfgang Döhl

Nicht nur die Forschung, auch die Lehre an deutschen Hochschulen soll in den nächsten Jahren internationaler werden. Die derzeitigen Modelle für den Austausch von Dozenten sind allerdings sehr aufwendig. Es werden jedoch Alternativen entwickelt wie z. B. Webkonferenzen für die Kommunikation zwischen Dozenten und Studierenden.

Webkonferenzen an Hochschulen - international durch Virtualisierung© subwaytree - Photocase.comVirtuelle Elemente sollen die klassische Präsenzvorlesung ergänzen
Deutsche Fachhochschulen sind deutlich weniger internationalisiert als vergleichbare Einrichtungen im Ausland. In Frankreich wird beispielsweise ein erheblicher Teil der Lehre von Auslandsprofessoren bestritten. Mittlerweile ist aber anerkannt, dass der Anteil internationaler Dozenten für die Hochschulen ein Qualitäts- und Differenzierungskriterium darstellt, das zukünftig noch an Bedeutung gewinnen wird. So forciert etwa Bayern über Zielvereinbarungen mit den Hochschulen die Internationalisierung der Lehre und schreibt hier auch fest, dass jede Fakultät mindestens einen Auslandsdozenten für ein Semester gewinnen und die Anzahl von Gastdozenten kontinuierlich steigern soll.

Klassischer Dozentenaustausch

Solche Zielvorgaben lassen sich mit dem klassischen Modell des Dozentenaustauschs allerdings nur schwer erfüllen. Hier verbringt ein Gastdozent ein komplettes Semester an einer Auslandshochschule und ist dort in die Lehre und möglicherweise auch in die Forschung eingebunden. Dieses Modell ist für Dozenten und Hochschulen mit erheblichen Problemen verbunden: Unterbringung, Betreuung durch die aufnehmende Hochschule, Kompensation des Lehrausfalls an der entsendenden Hochschule, Honorierung, mehrmonatige Trennung von Familie und sozialem Umfeld sowie die Eingliederung in die aufnehmende Hochschule usw. stellen Probleme dar, die sich nur mit erheblichem Aufwand bewältigen lassen. Neben hohen Kosten und aufwändiger Administration bedingt das Modell auch einen großen persönlichen Einsatz insbesondere von den Dozenten. Gerade besonders qualifizierte Dozenten mit umfangreichen Verpflichtungen an ihrem Heimatort werden davon eher abgeschreckt. Eine langfristige Zukunft hat dieses Modell dort, wo auf Grund politischer Bedingungen eine bewusste Förderung mit einer Minimierung administrativer Hemmnisse einhergeht.

Alternative Modelle ergänzen die klassische Präsenzvorlesung durch virtuelle Elemente. Voraussetzung dafür ist der Einsatz von Hilfsmitteln für Besprechungen und die Zusammenarbeit. Damit können sich Teilnehmer an Besprechungen in virtuellen "Räumen" treffen, sich am Bildschirm sehen, über Voice over IP hören, sowie Präsentationen halten und gemeinsam an Dokumenten arbeiten. Die erarbeiteten Dokumente, verwendeten Dateien und das simultan erstellte Protokoll wird allen Teilnehmern der Arbeitssitzung bei Abschluss des Treffens automatisch zugestellt. Die technischen Voraussetzungen für den Einsatz solcher Techniken sind sehr gering, Investitionen fallen kaum an, da das Equipment in den Hochschulen meist schon vorhanden ist.


Während Unternehmen sich dieser Techniken heute bereits auf breiter Front bedienen, besteht bei den deutschen Hochschulen hier noch erheblicher Nachholbedarf. Dabei lassen sich mit Webkonferenzen nicht nur Kosten einsparen, sondern auch die Kommunikationsfrequenz und -qualität erhöhen. Die Möglichkeiten reichen hier von Vorlesungen, an denen Studierende von zu Hause aus aktiv teilnehmen, bis zu sog. "Webstreams", in die man zur Prüfungsvorbereitung noch einmal gezielt hinein hören kann ("lecture on demand"). Solche Angebote stoßen auf reges Interesse: Die Fakultät für Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule München konnte im Weiterbildungsstudiengang "MBA and Engineering" bei einer Web-Vorlesung über ein komplettes Semester eine durchschnittliche Nutzungsrate von 20 Prozent erreichen.

Block-Austausch - virtuell plus real

Beim Modell "Block-Austausch" verbringt der Gastdozent eine begrenzte Zeitspanne von etwa drei bis 14 Tagen an einer Auslandshochschule und vermittelt in dieser Zeit den Inhalt seiner Vorlesung. Dabei können einzelne Vorlesungen auch auf bis zu drei Gastdozenten aufgeteilt werden. Bei gut organisierten Hochschulen ist mit der Präsenz vor Ort eine Vor- und Nachbereitung gekoppelt, die durch einen Vertreter der aufnehmenden Hochschule wahrgenommen werden muss. Mit diesem Austausch-Modell werden die meisten Probleme des klassischen Modells vermieden. Mit einer starren Vorlesungsplanung ist dieses Modell allerdings nur schwer zu kombinieren, es setzt ein leistungsfähiges Planungs- und Kommunikationssystem voraus, das eine tagesgenaue Planung der Vorlesungen, eine einfache Kommunikation der Termine und einen individuellen Vorlesungskalender für jeden Studierenden bereitstellen kann. Hierfür gibt es bewährte, webbasierte Systeme. Das Block-Modell eignet sich hervorragend als Basis für die Internationalisierung von Hochschulen. Zusammen mit webbasierten Hilfsmitteln für Besprechungen und die Zusammenarbeit wird es zukünftig die internationalisierte Lehre prägen.

Ring-Austausch - komplexe Organisation

Das Modell "Ring-Austausch" übernimmt die Grundstrukturen des Block- Austauschs und erweitert den Kreis der Beteiligten. Ein Lehrinhalt wird dann beispielsweise durch zwei Auslandsdozenten vermittelt. Etliche Hochschulen praktizieren dieses Modell, wenn es darum geht, verstärkt interkulturelle oder interdisziplinäre Aspekte in die Lehre einzubringen. An der Fakultät für Wirtschaftsingenieurwesen der Hochschule München ist für das Wintersemester 2010/2011 die Umsetzung des Ring- Austausch-Modells mit Partnern aus Grenoble und Tokyo vorgesehen; es wird im Sommersemester 2010 durch bilaterale Projekte vorbereitet. Dieses Modell setzt eine sehr gute Organisation der beteiligten Hochschulen und Dozenten voraus und bedarf einer sorgfältigen Planung und Entwicklung. Entscheidend für den Erfolg sind Teamfähigkeit und Kooperationsbereitschaft sowie interkulturelle Toleranz. Das Modell entsteht häufig dann, wenn die Hochschulen bereits durch bilaterale Austauschbeziehungen verbunden sind und die Dozenten bereits Kontakte untereinander pflegen. Ohne internetbasierte Werkzeuge ist dieses Modell wegen des hohen Abstimmungsaufwands kaum umsetzbar.


Über den Autor
Wolfgang Döhl ist Professor an der Fakultät für Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule München.


Aus Forschung und Lehre :: Juli 2010

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