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Riskanz der Träume - Wege aus der Betriebsamkeit

von Stephan Grünewald

Wenig Zeit zu haben und in Arbeit zu versinken gilt in unserer Gesellschaft als besondere Auszeichnung. Fragen nach Sinn und Richtung des Handelns werden dabei ausgeblendet. Welche Folgen entstehen für Mensch und Gesellschaft und was kann dem Erschöpfungsprinzip entgegengesetzt werden?

Riskanz der Träume - Wege aus der Betriebsamkeit© tiero - Fotolia.comUm der Betriebsamkeit des Hamsterrads zu entkommen, sollte dem Träumen wieder mehr Bedeutung beigemessen werden
Der Trend zur besinnungslosen Überbetriebsamkeit wird durch die kafkaeske Krisenpermanenz, die die Menschen seit 2009 spüren, dynamisiert. Die Krise ist zwar faktisch in Deutschland nicht so stark angekommen wie bei den europäischen Nachbarn, aber sie ist als finstere Drohkulisse im Lebensalltag der Menschen präsent. Und viele haben das Gefühl, dass die Maximierungskultur mit ihrem Höher, Schneller und Weiter an ihr Ende geraten ist. Doch niemand hat eine Vorstellung oder Vision davon, wie unsere Zukunft aussehen könnte.

Die bleierne Zukunftsungewissheit führt dazu, dass viele im Alltag den Autopilot anstellen. Es gilt vor allem zu funktionieren und durchzukommen. Die Frage nach dem Sinn und der Richtung des eigenen Handelns wird meist ausgeblendet. Oft folgt man bereitwillig den Drehungen des Hamsterrades. Denn hier hat man das Gefühl etwas zu bewegen. Man ist tätig und abgelenkt und dreht in den immer gleichen Bahnen durch.

Fast bereitwillig ertragen viele Mitarbeiter auch die krisenbedingte Verdichtung von Arbeitsprozessen. Immer mehr soll in immer kürzerer Zeit erledigt werden. Immer höheren Rendite-Zielen soll man im Quartalsgalopp hinterherhetzen, denn der Werkstolz früherer Zeiten ist häufig durch einen Erschöpfungsstolz ersetzt worden.

Man ist stolz auf den Grad der Erschöpfung, den man sich angearbeitet hat. Das persönliche Ausgelaugtsein wird zum Gradmesser für Produktivität. Erst wenn man abends völlig ausgepowert in den Seilen hängt, stellt sich das zufriedene Gefühl ein, sein Tagespensum erfüllt zu haben.

In den Betrieben tobt zuweilen eine erbitterte Erschöpfungskonkurrenz um den inoffiziellen Titel des Verausgabungsmeisters. Stolz berichtet man von bezwungenen Mailhundertschaften, durchgearbeiteten Wochenenden oder der finalen Lichtabschaltung im Büro. Selbst die Erschöpfungsdiagnose Burnout hat heutzutage den Nimbus einer modernen Tapferkeitsmedaille.

Burnout klingt eben nicht wie Depression nach versiegender Schaffenskraft und Niedergedrücktsein. Der Begriff Burnout reklamiert vielmehr, dass man gebrannt hat. Man hat sinnbildlich wie eine Kerze sein Wachs dem Wachstum geopfert.

Literaturtipp

Stephan Grünewald
Die erschöpfte Gesellschaft - Warum Deutschland neu träumen muss
Campus Verlag 2013

Stephan Grünewald
Deutschland auf der Couch, Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft
Campus Verlag 2013

Prinzip des Träumens

Dem Erschöpfungsprinzip der Überbetriebsamkeit stelle ich in meinem Buch über die "Erschöpfte Gesellschaft" das schöpferische Prinzip des Träumens gegenüber. Denn das Träumen stellt die normalen Alltagsverhältnisse auf den Kopf. Wenn wir schlafen, ist die Motorik stillgelegt. Wir können eben nichts mehr anrichten. Durch diese Konsequenzlosigkeit eröffnet sich jedoch eine ästhetische Narrenfreiheit.

Der Traum hat ganz andere Freiheitsgrade als der Tag. Er konterkariert die Betriebsblindheit des Tages, denn er rückt in den Blick, welche Sehnsüchte am Tage untergegangen sind. Er konfrontiert uns mit den Problemen, die wir im Eifer der Tagegeschäftigkeit ausgeblendet haben. Die mitunter befremdlichen und aufstörenden Bilder des Traumes fordern uns auf, uns und unser durchrationalisiertes Leben einmal mit einer anderen psychologischen Brille zu betrachten.

Träume sind meist aufstörend und damit alles andere als bequem. Sie stellen unsere Gewohnheiten in Frage, sie reißen uns mit ihrer Bilderwucht aus den immer gleichen Routinen. Sie legen den Finger in die Tageswunde und fordern uns auf, uns anders zu sehen und unser Leben zu ändern. Träume sind eine wichtige Voraussetzung für Kreativität und Innovationen.

Aber dadurch sind sie auch ein Störenfried geordneter Verhältnisse. Nur zu gerne werden sie daher als eine Zumutung, als Ärgernis oder als pure Zeitverschwendung abgewehrt. Viel beliebter als die befremdlichen nächtlichen Träume sind uns unsere Tagträume. Hier führen wir selber Regie. Im Tagtraum sind wir jederzeit in der Lage, kränkende Erfahrungen zu konterkarieren. Im Tagtraum schießen wir die Nationalelf in der letzten Minute zum Titelgewinn - selbst wenn wir nur mäßige Fußballspieler sind. Im Tagtraum weisen wir den Chef, der uns gerade kritisiert, virtuos in seine Schranken. Und hätte Brüderle an der Hotelbar nur getagträumt, wäre sein Abend an der Hotelbar glimpflicher verlaufen...

Traumfeindlichkeit

Es gibt in Deutschland heute eine latente Traumfeindlichkeit. Die Zustände des beschwichtigenden Tagträumens und die Erwartungssicherheit der besinnungslosen Betriebsamkeit können viele Menschen besser leiden als die aufstörende Wucht und Riskanz der Träume. Natürlich träumen die Menschen noch jede Nacht. Aber sie können sich meist nicht mehr an ihre Träume erinnern. Sobald sie wach werden, springen sie aus der Traumlogik in die rationale Tageslogik.

Oft führt der Weg aus dem Bett direkt zum Smartphone oder zum Computer. Die Mails werden gecheckt und man katapultiert sich so ohne Übergang wieder in den Effizienzmodus der Betriebsamkeit. Der produktive Rhythmus von Innehalten und Betriebsamkeit, von Abstraktion und Einfühlung, von Traum und Tag ist gestört. In der heutigen Hochleistungsgesellschaft zählen nur noch pausenlose Betriebsamkeit und permanent messbare Effizienz.

Doppelbegabung

Aber sind wir heute nur noch das Land der Workaholics und Bürokraten, das sich bereitwillig dem globalen Effizienzdiktat unterordnet? Oder sind wir auch das Land der Träumer, Dichter und Querdenker? Ich glaube, dass die deutsche Mentalität eine Doppelbegabung hat.

Wir sind einerseits diszipliniert und fleißig und dadurch hervorragende Logistiker und berechenbare Bürokraten. Wir sind aber auch in der Lage, unsere innere Unruhe über das Träumen in Schöpferkraft zu verwandeln: in Erfindungen, in Patente, in Ingenieurskunst und Dichtkunst.

Aber diese schöpferische Seite braucht Freiräume im zeitlichen wie im räumlichen Sinne. Die Studierstube, der Hobbykeller, die Laube, die Garage oder der Schrebergarten sind Orte, in denen wir einmal zweckfrei spintisieren können. Hier sind wir schöpferisch, weil wir eben nicht punktgenau und fristgerecht performen müssen, sondern die Gegebenheiten mal spielerisch-experimentell verrücken können.

Das Träumen lässt sich nicht verordnen. Es ereignet sich Nacht für Nacht. Wir können aber wieder einen Zugang finden zu der inspirierenden Verwunderlichkeit der Traumlogik. Manchmal genügt es bereits wieder Dehnungsfugen im Alltag zuzulassen.

Indem wir nicht direkt aus dem Bett springen, sondern noch eine Viertelstunde liegenbleiben und den Traumbildern der Nacht nachspüren. Auch das ausgiebige morgendliche Duschen kann Problemverkrustungen lösen und uns wieder in einen traumanalogen und fließenden Modus bringen.

Bei einem gemeinsamen Frühstück kauen wir nicht nur Brotstücke, sondern auch Tagesprobleme durch. Eine aus der Mode gekommene Dehnungsfuge ist auch der kurze Mittagsschlaf. Dabei kann man buchstäblich nochmal die anstehenden Aufgaben und Entscheidungen überschlafen.

Das Bahnfahren fungierte lange Zeit als Dehnungsfuge im Alltag. In der Bahn kam man mit wildfremden Menschen ins Gespräch und gewann daher eine ganz andere Perspektive auf die Wirklichkeit. Oder man ließ den Blick schweifen und kam auf ganz andere Gedanken. Doch heute blickt in der Bahn kaum noch jemand über den eigenen Laptoprand hinaus.

Dehnungsfugen

Dehnungsfugen und Phasen des Übergangs erfordern Mut. Denn wir spüren jenseits der besinnungslosen Betriebsamkeit, die Riskanz unseres Lebens. Wir erleben, wie wir uns selbst in Frage stellen. Wir verspüren, dass wir den festen Boden unter unseren Füßen verlieren oder zwischen Zuständen himmlischer Euphorie und niederschmetternden Zweifeln hinund hergerissen werden. Zuweilen schöpferisch zu sein, fordert von uns letztlich viel mehr Kraft als regelmäßig erschöpft zu sein.


Über den Autor
Dipl. Psych. Stephan Grünewald ist Mitbegründer des rheingold Instituts für qualitative Markt- und Medienanalysen in Köln.

Aus Forschung & Lehre :: Oktober 2013

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