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Weil sie Arzt werden wollen

VON JULIA KIMMERLE

Der Medizinertest in Österreich fragt nicht nach Noten - die letzte große Hoffnung für viele deutsche Bewerber.

Weil sie Arzt werden wollen© jgfoto - iStockphoto.comIn Österreich entscheidet der medizinische Eignungstest über die Studienplatzvergabe, nicht der NC
Es sieht ganz so aus, als sollte es einfach keinen Platz für ihn in Innsbruck geben. Dominic Gerstmeyr steht in der Messehalle 2a, Obergeschoss, Block E, und kann Tisch 698 nicht finden. Seinen Platz beim österreichischen Medizinertest. Der Platz, an dem er heute beweisen soll, dass er das Zeug hat, irgendwann Arzt zu werden. Die Aufsicht blättert hektisch in den Unterlagen. Kein Tisch, das ist natürlich ganz dumm. Dominic Gerstmeyr blickt suchend in die Halle. Zwei Tupperdosen voller Nudelsalat hat er mitgebracht, Traubenzucker und vier Bananen. Er wäre bereit, wenn sie ihn nur ließen. Seine Heimatstadt Augsburg ist nicht weit weg, etwa drei Stunden mit dem Auto. In Deutschland würde er jedoch vermutlich nie Medizin studieren können. Der Numerus clausus lag vergangenes Jahr bei 1,0. Auf seinem Abizeugnis steht eine 2,2. Nicht schlecht, wenn man Bio und Chemie als Leistungskurs hatte. Viel zu schlecht, wenn man Medizin studieren will. Dominic will nichts anderes. Deshalb ist er hier. Mit über tausend anderen Deutschen, bei denen es auch nicht reichen würde. Das österreichische System ist ihre große Hoffnung.

Für die Universität bedeutet es eine logistische Herausforderung. Es braucht Sicherheitsschleusen, Dutzende Helfer sorgen dafür, dass wirklich nur Bewerber auf das abgezäunte Gelände kommen, und keine besorgten Mütter. Wie bei einem Festival werden am Eingang bunte Bändchen um das Handgelenk befestigt. So weiß jeder, in welche Halle er muss. Auf dem Parkplatz hat das Tiroler Rote Kreuz Stellung bezogen, denn jedes Jahr kippen ein paar Mädchen vor Aufregung um. In
Halle 4, groß wie fünf Turnhallen, sitzen die meisten Bewerber. Bevor es losgeht, kommt Vizerektor Norbert Mutz immer noch mal hierher. Jedes Jahr trifft ihn das aufs Neue. Dass es so viele sind, die sich diesen Test antun. Diese hundertfache Hoffnung. Er weiß, dass sie sich für die meisten nicht erfüllt. Im hellen Leinenjanker schlendert er an den langen Tischreihen entlang und lächelt durch seinen Vollbart. Wie ein Arzt auf Visite, der weiß, dass es den Patienten gerade gar nicht gut gehen kann und der trotzdem Zuversicht verströmen muss. Er kennt alle Symptome: hektisches Stiftespitzen, noch mal aufs Klo rennen, kichern, beten. »Nervositas permagna«, lautet seine Diagnose.

Erst draußen, wo ihn keiner mehr hören kann, sagt er: »Der Test ist grausig. Aber es gibt nichts Besseres.« Keiner möge die Prüfung, den Stress, die strikte Auswahl. Dass der Eignungstest für das Medizinstudium, kurz EMS, so viele Träume zum Platzen bringt, findet der Vizerektor besonders schlimm. Ändern kann er es trotzdem nicht. 2006 wurde der EMS eingeführt. Er sollte Österreichs Unis vor deutschen NC-Flüchtlingen schützen. Vorher konnten Deutsche nur dann in Österreich studieren, wenn sie auch von einer deutschen Uni eine Zusage hatten. Doch diese Regelung wurde 2005 vom Europäischen Gerichtshof gekippt. Die österreichischen Universitäten hatten plötzlich ein Problem - nach welchem Kriterium sollten sie die Zulassungen verteilen? 2005 entschied dann das Datum des Poststempels auf der Bewerbung. Eine einmalige Notmaßnahme. Wären die Plätze damals nach Noten vergeben worden, wären 84 Prozent der Plätze an Deutsche gegangen. So waren es immerhin nur fast die Hälfte. Jetzt gibt es die Quote, und alle müssen den Test machen. Einer der zehn Aufgabentypen heißt »Planen und Organisieren«.

Dort müssen die Bewerber in kürzester Zeit eine Lerngruppe mit mehreren Teilnehmern organisieren oder den Kursplan einer Segelschule aufstellen. »Figuren und Fakten lernen« prüft, ob man in kurzer Zeit Namen, Alter, Krankheit und Beziehungsstatus von Patienten lernen und sich so merken kann, dass man sie auch nach einer Stunde noch weiß. Die Abfolge ist strikt und die Zeit knapp: fünf Stunden für 198 Aufgaben. Wer am Ende einen Studienplatz bekommt, entscheiden die Punkte und die Quote: 360 Plätze für Humanmedizin gibt es in Innsbruck, 20 Prozent davon gehen an EU-Bürger. Das macht 72 Plätze, auf die deutsche Bewerber spekulieren. Alexander Jürgens ist auch dabei, zum zweiten Mal schon. In Deutschland studiert er BWL. »Aber eigentlich wollte ich Mediziner werden, das hat mich schon immer fasziniert.«

Seine Noten haben ihm den direkten Weg zum Studienplatz verbaut. Die anderen Alternativen - ein deutschsprachiges Studium in Ungarn oder ein englischer Studiengang in Riga oder Prag - wären ihm zu teuer. Zwischen 7000 und 12 000 Euro würde ein Jahr dort kosten. Deshalb hat er sich gründlich auf den österreichischen Medizinertest vorbereitet. Letztes Jahr fuhr er nach Wien, da waren es über 2800 Bewerber, die zum Test antraten. »Eine Massenabfertigung, wie am Flughafen«, erzählt er. Damals war er sehr nervös. »Ich wusste schon gleich danach, dass das nichts geworden ist.« Dieses Jahr wollte er es besser machen: Schon im April fuhr er nach Innsbruck zu einem Trainingskurs, kopierte sich drei Vorbereitungsbücher und lernte neben BWL auch noch, wie man sich Patientenakten am besten merkt.

Jetzt sitzt er in der Messehalle 3, es riecht wie in einer alten Turnhalle, nach Schweißfuß und Angst. Alexander ist angespannt. »Ich habe schlecht geschlafen. Das passiert mir sonst nie«, sagt er. Eine Kopfschmerztablette hätte er jetzt gern. Erst kommen die einfacheren Aufgaben, räumliches Denken, Textverständnis. Die Konzentration wird erst ab Mittag geprüft, wenn ohnehin viele mit der Müdigkeit oder der stickigen Luft kämpfen. Vizerektor Mutz ist keiner, der gern Hoffnungen zerstört. Dass der Eignungstest, mit dem Österreich seine Studienplätze für Medizin vergibt, sinnvoll ist, daran zweifelt er nicht. Das Verfahren sei erprobt. Und die Abbrecherquote sinke seither, sagt er: »Das zeigt doch auch, dass die Auswahl des Personenkreises für das Medizinstudium keine ganz falsche sein kann.« Er könnte sich zwar vorstellen, dass auch ein persönliches Gespräch Teil der Bewerbung wird.

Doch schon jetzt sind die Tests so aufwendig, dass sie die Universitäten an ihre Grenzen bringen. 2700 Bewerber hatten sich angemeldet, davon 1700 aus Deutschland. Testlizenz, Miete, Sicherheitspersonal und Organisation werden die Universität in diesem Jahr 400 000 Euro kosten. Die Teilnehmer müssen nichts bezahlen - im Gegensatz zu den Eignungstests, wie es sie in Baden-Württemberg gibt, ist die Anmeldung kostenlos. Spätestens nächstes Jahr müsse sich daran jedoch etwas ändern, sagt Mutz. Dann gibt es in Bayern und Niedersachsen durch die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium den doppelten Abiturjahrgang. In der Halle 3 rennt Alexander Jürgens die Zeit davon. Am Eingang musste er seine Uhr abgeben, ohne sie ist er etwas hilflos. »Wie im Blindflug« habe er die Aufgaben gelöst, sagt er später. Auch Dominic kämpft. Mit der Zeit und mit den Aufgaben. Er hat dieses Jahr ebenfalls einen Vorbereitungskurs besucht, sogar zweimal hintereinander. Für den Test gelernt hat er während der Berufsschule, denn um die Zeit bis zum Medizinstudium sinnvoll zu überbrücken hat er eine Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen. Um fünf Uhr am Nachmittag sagt er: »Das war wohl nichts - es war einfach sauschwer.« Auch Alexander Jürgens will nur noch nach Hause. Morgen wird er schon wieder am Schreibtisch sitzen und für die BWL-Klausuren lernen.

Drei Wochen später weiß Alexander, dass er die Klausuren soweit alle bestanden hat. Mit dem Medizinstudium in Innsbruck wird es auch in diesem Jahr nichts. »Was hätte ich noch tun können?«, fragt er sich nun. Die Hoffnung aufgeben will er nicht - aller guten Dinge seien ja drei. Dominic erfährt sein Testergebnis auf Korsika, im Urlaub: 163 Punkte. Nur 15 andere waren besser. »Als ich realisiert habe, dass ich einen Platz habe, musste ich brüllen vor Freude.« Zurück in Deutschland hat er als Erstes im Krankenhaus gekündigt. Seine Chefin habe Verständnis gehabt, sagt Dominic. Und dass dieser Abschied eigentlich das Schönste gewesen sei: endlich sagen zu können, dass man jetzt geht. Um Arzt zu werden.

Aus DIE ZEIT :: 18.11.2010

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