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Weißt du, wie viel Falter fliegen? Die Inventur der Arten wird nicht finanziell gefördert.

Von Josephina Maier

Für die Bestandsaufnahme der Tierwelt bekommen deutsche Forscher kein Geld.

Weißt du, wie viel Falter fliegen? Die Inventur der Arten wird nicht finanziell gefördert.© Dr. Gunnar Brehm/FSUZoologe Dr. Gunnar Brehm hat eine Lichtfalle aufgebaut. Sie lockt Falter an.
Abends kommen die Falter in Schwärmen. Wenn es dunkel wird im Regenwald von Costa Rica, schaltet Gunnar Brehm den Leuchtturm an. Drei Stunden lang, von halb sieben bis halb zehn, flattern dann kleine dunkle Schatten ins Licht. Die Falle ist einfach konstruiert: eine Leuchtröhre, darüber ein Moskitonetz aus weißer Gaze. In guten Nächten sitzen nach kurzer Zeit Hunderte Falter auf dem Netz. Brehm muss nur noch ein Glas nehmen und sie einsammeln. »Den heftigsten Fang hatten wir letztes Jahr im Bergregenwald, in 2800 Meter Höhe«, erzählt er. »Ein Kollege und ich haben in einer Nacht jeweils mehr als tausend Tiere gesammelt.«

Brehm arbeitet als Zoologe am Phyletischen Museum in Jena. Doch wann immer er kann, ist er in den Tropen unterwegs - die Artenvielfalt, sagt er, sei in Europa einfach nicht vergleichbar. Jedes Mal, wenn er seinen Leuchtturm ausknipst, hat er Falter in seinen Fanggläsern, die noch niemand beschrieben hat. »Ich habe allein von meiner letzten Expedition 300 neue Arten, denen ich gerne Namen geben würde«, sagt der Forscher. Doch genau dazu fehlt ihm das Geld.

Ein Förderantrag, den er bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingereicht hat, wurde mit deutlichen Worten zurückgewiesen. »Die DFG fördert keine Inventarisierung, wenn diese nicht mit einer wissenschaftlichen Fragestellung verbunden ist«, bekam er auf Nachfrage zu hören. Unterstützt würden nur Projekte, die sich mit einer klaren wissenschaftlichen Hypothese auseinandersetzten, welche innerhalb des Forschungsprojekts auch prüfbar sei.

Auf den ersten Blick ist der Fall nicht besonders spektakulär: Viele Forscher scheitern mit ihren Anträgen bei der DFG, und das meist nicht ohne Grund. Pikant sind allerdings die Begründung und der Hintergrund: Noch kein Jahr ist es her, dass in Bonn die große UN-Naturschutzkonferenz stattfand. Deutschland betonte als Gastgeberland seine ehrgeizigen Pläne für den internationalen Artenschutz, und die Bundeskanzlerin erntete viel Lob, als sie mehrere Milliarden Euro Unterstützung versprach.
Die Finanzspritze war großzügig, aber sie ist auch dringend notwendig: Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sterben auf der Erde bereits heute jeden Tag 50 Arten aus, der Klimawandel wird den Prozess noch beschleunigen. Die meisten Tiere erregen mit ihrem Verschwinden kein großes Aufsehen - weil es sich nicht um populäre Säugetiere wie Pandas, Eisbären oder Wale handelt, sondern um unscheinbare Insekten.

Folgenlos wird das Aussterben dieser Arten trotzdem nicht bleiben, da ist Alexander Haas sich sicher (siehe Interview). Der Hamburger Zoologe hat in den vergangenen Jahren eine Bestandsaufnahme der Frösche auf Borneo gemacht und leidet ebenso wie Brehm unter fehlenden Fördermitteln. »Ich wüsste nicht, welche Stelle in Deutschland ein rein taxonomisches Inventurprojekt finanzieren würde«, sagt Haas.
Dass der Nutzen von Bestandsaufnahmen nicht jedem sofort einleuchtet, kann er zwar verstehen. Man könne kaum vorhersagen, welche Tiere und Pflanzen sich als besonders wertvoll für die Menschen erweisen werden, sagt er. Deswegen sei es wichtig, zumindest jene Stellen der Erde zu schützen, an denen die Biodiversität - die Vielfalt der Arten in einem Ökosystem - am größten sei. Um diese Orte herauszufinden, sind Arteninventuren unumgänglich. Auch einige von Brehms Faltern werden dem Klimawandel zum Opfer fallen. In einer Publikation im Fachjournal Science hat der Forscher Ende vergangenen Jahres gemeinsam mit US-amerikanischen Kollegen aufgezeigt, wie sich die steigenden Temperaturen auf das Ökosystem in den Tropen auswirken. Nach ihren Ergebnissen werden viele Arten den einzigen Ausweg nehmen, der ihnen bleibt: die Berge hinauf. Dort, wo entwaldete Flächen dies verhindern oder Arten bereits weit oben leben, werden viele Tiere und Pflanzen den Klimawandel nicht überstehen.

Schon bei den Arbeiten für die Science-Publikation hatte Brehm große Schwierigkeiten, Informationen über die Tiere und Pflanzen zu finden, die in seinem Forschungsgebiet leben. Kein Wunder: Die 1,75 Millionen Arten, die weltweit bisher bekannt sind, stellen nur einen Bruchteil der wirklich vorhandenen Vielfalt dar. Je nach Schätzung existieren zwischen 10 und 90 Millionen Arten, die meisten davon in den Tropen. Die Beschreibung neuer Tiere und Pflanzen ist folglich noch längst nicht abgeschlossen. Viel Zeit bleibt den Biologen dafür nicht mehr. »In hundert Jahren brauchen wir mit der Bestandsaufnahme nicht mehr anzufangen«, sagt Brehm. »Die Biodiversität geht den Bach runter.«


Beim amerikanischen Gegenstück zur Deutschen Forschungsgemeinschaft, der National Science Foundation (NSF), sieht man das ähnlich. »Unsere Bemühungen bei der Inventur der Arten sind äußerst dringlich«, sagt Elizabeth Kellogg, Programmdirektorin beim NSF-Forschungsbereich Systematic Biology and Biodiversity Inventories. Der Klimawandel führe dazu, dass immer mehr Lebensräume und Arten verloren gingen, sagt Kellogg. »Wir unterstützen deswegen die Entdeckung neuer Arten und überlegen ständig, was wir tun können, um diesen Zweig der Wissenschaft weiter zu fördern.« Wie erfolgreich langfristig angelegte Arteninventuren auch nach wissenschaftlichen Maßstäben sein können, zeigt ein US-Forschungsprojekt, das ebenso wie Brehms Arbeit in Costa Rica angesiedelt ist. Seit Anfang der neunziger Jahre katalogisieren dort Wissenschaftler unter dem Namen Alas (Arthropods of La Selva) die Gliederfüßer im tropischen Regenwald. Weit mehr als hundert Publikationen hat die Forschergruppe um den Evolutionsbiologen Rob Colwell inzwischen verfasst - und von Anfang an hat die NSF das Projekt finanziell gefördert.

Die Taxonomen gelten oft als verträumte Käferbeinchenzähler

In Deutschland ist von einer solchen Hilfe wenig zu spüren. Taxonomen, die neue Arten beschreiben, gelten als verträumte Käferbeinchenzähler - und die Frage, welche Tiere und Pflanzen einen Lebensraum bevölkern, betrachtet die überwiegende Mehrheit der Fachwelt nicht als wissenschaftliche Fragestellung. »Wir haben eine zunehmend hypothesengetriebene Wissenschaft«, sagt Volker Mosbrugger, Direktor des Frankfurter Senckenberg-Museums. »Wenn jemand sagt, ich will die Vielfalt des Lebens erforschen, akzeptieren das die Gutachter nicht.« Dabei sei der verstaubte Ruf seiner Zunft höchst unberechtigt, meint Mosbrugger. Die Erfassung von Arten erfordere längst hochmoderne Methoden, ohne Genetik und Molekularbiologie arbeite schon lange kein Taxonom mehr.

Dass die Inventur der Arten, ihre Beschreibung und die Sammlungen in Museen die Grundlage für den Artenschutz, aber auch für andere Forschungsprojekte bilden, ist in der deutschen Wissenschaftsszene offensichtlich noch nicht angekommen. Dieser Umstand könnte tragische Konsequenzen haben: Wenn einem Wissenschaftszweig das Geld fehlt, schreckt das den Nachwuchs ab. Auf einem Gebiet wie der Taxonomie wirkt sich das verheerend aus, weil mit jedem Spezialisten auch sein über viele Jahre erworbenes Wissen in Pension geht. Da helfen auch Datenbanken und DNA-Analysen nicht weiter: Brehm verlässt sich beim Vorsortieren der Falter nach einem Fang in erster Linie auf seine Erfahrung.

Wenn der Jenaer Zoologe sieht, wie viel Geld beispielsweise für Weltraummissionen ausgegeben wird, packt ihn manchmal die Wut. »Der Mars ist in hundert Jahren immer noch da, und die physikalischen Gesetze verändern sich auch nicht - aber die Arten sterben aus«, sagt er. Die mangelnde Anerkennung innerhalb der Forscherszene ist ein Faktor, der die Inventarisierungsprojekte bei der DFG zu hoffnungslosen Kandidaten macht. »In die Welt hinauszugehen und neue Arten zu entdecken wird aus der Wissenschaft heraus als nicht sehr innovativ angesehen «, sagt Roswitha Schönwitz, Programmdirektorin in der DFG-Geschäftsstelle. Bei der Vergabe von Fördermitteln haben neben Vertretern aus Bund und Ländern vor allem Wissenschaftler das entscheidende Wort. Viele von ihnen sind gewählt, ihre ablehnende Haltung repräsentiert also durchaus die Einstellung ihrer Kollegen.

Reine Inventuren und Artenbeschreibungen fallen auch nach Meinung von Erwin Beck nicht unter den Förderauftrag der DFG. »Solche Projekte gehören zu den ureigenen Aufgaben der Sammlungen und Museen«, betont der Vorsitzende der DFG-Senatskommission für Biodiversität. Gelöst ist das Problem dadurch nicht. Die Stellen, die Beck als alternative Geldgeber nennt, sind in aller Regel chronisch klamm. Es ist schwer vorstellbar, wie sie die Mammutaufgabe einer weltweiten Arteninventur aus eigener Kraft angehen sollen.
Wenn es der DFG aus strukturellen Gründen nicht gelingt, Inventuren und Artenbeschreibungen zu finanzieren - wohin können sich Wissenschaftler wie Gunnar Brehm oder Alexander Haas stattdessen wenden? Bei den beiden Bundesministerien, die eigentlich umsetzen müssten, was die Regierung auf der Artenschutzkonferenz versprochen hat, stößt man bei Nachfrage auf Ratlosigkeit. »Wir dürfen keine Grundlagenforschung fördern«, sagt Jürgen Maaß, Pressesprecher des Bundesumweltministeriums (BMU). Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), auf das er verweist, vergibt nach Auskunft der Pressestelle »nur Fördergelder für nationale Projekte von Bundesinteresse« und grundsätzlich nicht an einzelne Forscher. Selbst wenn sie wollten, könnten BMU und BMBF also weder Be stands auf nah men noch Taxonomieprojekte finanzieren.

Vor diesem Hintergrund scheint es fast bizarr, dass sowohl die DFG als auch das Bundesumweltministerium in Broschüren für ihr Engagement in der Biodiversitätsforschung werben. »Es klafft eine große Lücke zwischen dem, was politisch propagiert wird, und dem, was tatsächlich umgesetzt wird«, konstatiert Haas.
Vielleicht wird es ja etwas nützen, dass Senckenberg-Direktor Volker Mosbrugger seit geraumer Zeit mit anderen Museumsdirektoren der Leibniz-Gemeinschaft für seinen gefährdeten Berufsstand trommelt. In letzter Zeit, sagt Mosbrugger, habe er bei den Zuwendungsgebern des Senckenberg-Museums in Bund und Land mehr Verständnis und gesteigertes Interesse bemerkt. »Dass unsere Sammlungen Archive des Lebens sind und die Infrastruktur für die Forschung bereitstellen, war früher schwerer zu vermitteln.«


Auch auf europäischer Ebene sind inzwischen ernsthafte Bemühungen erkennbar, gegen den Verlust der Biodiversität vorzugehen. Das EU-Projekt Edit (European Distributed Institute of Taxonomy) soll zum Beispiel herausragende Institute und Museen zusammenführen, an denen taxonomische Forschung betrieben wird. »Uns ist klar, dass es für Taxonomen außerordentlich schwer ist, an Fördergelder zu gelangen«, sagt Martin Sharman, wissenschaftlicher Referent für Biodiversitätsforschung bei der Europäischen Union. »Wir versuchen deswegen, ein Exzellenznetzwerk aufzubauen und dessen Mitglieder finanziell zu unterstützen. Eines Tages kann dieses Netzwerk hoffentlich Druck auf die nationalen Förderungswerke ausüben, damit sie mehr taxonomische Forschung und Inventuren finanzieren.«

Ohne internationale Kooperation ist eine Arteninventur der Erde undenkbar

Eines ist klar: Ohne internationale Vernetzung, wie sie beim Edit-Projekt geleistet wird, lässt sich die drängende Frage nach der Anzahl der Arten auf der Erde nicht beantworten. Um diese gewaltige Aufgabe zu stemmen, wäre eine weltweite Großoffensive der Wissenschaft erforderlich. Wie das im Ansatz funktionieren kann, zeigt das Projekt »Global Census of Marine Life«, das eine Art Volkszählung unter Wasser zum Ziel hat.
Der Erfolg dieser Unternehmung beweist auch, dass die Taxonomen bei ihren Bemühungen zumindest auf einen Verbündeten zählen können: die Öffentlichkeit. Bei Laien findet die Entdeckung neuer Arten von jeher großen Anklang. Im Frankfurter Senckenberg-Museum lockt derzeit eine Ausstellung über die biologische Vielfalt in der Tiefsee große Besucherströme an.

Vielleicht färbt der Enthusiasmus der Öffentlichkeit irgendwann auf die deutsche Fachwelt ab. Vorläufig sieht Volker Mosbrugger für Forscher wie Gunnar Brehm und Alexander Haas in Deutschland nach wie vor nur eine Möglichkeit, an Fördermittel zu kommen: durch die Hintertür. »Wer die Inventuren als notwendigen Teil eines anderen Projekts verkauft, kommt bei den Gutachtern schon eher durch.«
Dieses Prinzip hat auch bei Brehm schon funktioniert. Für sein Klimawandelprojekt in Costa Rica hat er von der DFG Geld erhalten. Ob es allerdings mit solchen Teilprojekten und ausgeklügelter Salamitaktik gelingt, den Großteil der Arten zu erfassen, bevor sie aussterben, ist fraglich. Brehms Falter jedenfalls werden wohl vorerst ohne Namen bleiben.

Aus DIE ZEIT :: 12.02.2009

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