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Weit reichende Unterschiede: Welche Studien- und Berufsinteressen haben Frauen und Männer?

VON BENEDIKT HELL

Eine implizite Annahme vieler (hochschul-)politischer Förderprogramme besteht darin, dass sich Männer und Frauen in ihren Berufs- und Studieninteressen nicht unterscheiden. Das Gegenteil ist der Fall: Der Bereich der Interessen gehört zu den psychologischen Merkmalsbereichen mit den größten Geschlechtsdifferenzen überhaupt.

Weit reichende Unterschiede© blindguard - photocase.deSäuglinge zeigen bereits geschlechtsspezifische Interessen
Die Erforschung und die Diagnose von Berufs- und Studieninteressen hat in der Arbeits- und Organisationspsychologie eine lange Tradition. Bereits in den Gründungsjahren dieser Fachdisziplin wurden Interessentests für die Berufs- und Studienberatung entwickelt und seither werden diese Tests weitflächig eingesetzt. Aufgrund der intensiven Anwendung und begleitender Forschungsbemühungen können Geschlechterunterschiede in den Interessen sehr genau ausgeleuchtet werden. Gleich zwei Überblicksarbeiten haben in den letzten Jahren untersucht, wofür sich Männer und Frauen interessieren. Übereinstimmend finden sie für praktisch-technisches sowie für soziales Interesse sehr stark ausgeprägte Geschlechtsdifferenzen.

Noch anschaulicher werden die Geschlechtsunterschiede, wenn sie auf Ebene einzelner Interessenfragen betrachtet werden. Der von unserer Arbeitsgruppe entwickelte Studienberatungstest für Baden-Württembergs Hochschulen was-studiere-ich.de wurde seit seinem Start von über fünf Millionen Ratsuchenden bearbeitet und bietet reichlich Anschauungsmaterial. Die beiden Aussagen mit den größten Unterschieden in den Zustimmungswerten lauten:
- Maschinen und technische Anlagen planen. (d = 0.40, Männer interessieren sich stärker)
- Andere bei persönlichen Problemen unterstützen. (d = 0.25, Frauen interessieren sich stärker).
Wenig überraschend ergeben sich in Übereinstimmung mit den beiden erwähnten Übersichtsarbeiten die größten Geschlechtsdifferenzen für Antworten auf Fragen zu den Bereichen praktischtechnisches und soziales Interesse.

Sehr große Geschlechtsunterschiede

Wie sind die Ergebnisse in Relation zu Geschlechtsdifferenzen in anderen Merkmalsbereichen einzuordnen? Der weitaus überwiegende Teil der bislang gefundenen Geschlechtsunterschiede bewegt sich zwischen d = 0 und d = 0.35 und nur wenige menschliche Eigenschaften übersteigen dieses Intervall. Zu den wenigen Ausnahmen mit einem d > 0.35 gehören beispielsweise die Domäne der körperlichen Kraft (Wurfgeschwindigkeit d = 2.18 und Wurfdistanz d = 1.98) sowie sexuelle und auch aggressive Verhaltensweisen. Mit anderen Worten gehören die aufgezeigten Geschlechtsdifferenzen im Bereich der Interessen zu den am stärksten ausgeprägten Geschlechtsdifferenzen überhaupt.

Eine unserer Arbeitshypothesen lautete, dass die gefundenen enormen Differenzen zum Teil auf verzerrende Messinstrumente zurückführbar sind. Umfangreichere Reanalysen und auch Experimente mit neuen Testformaten zeigten, dass tatsächlich einige Tests mit einem Bias behaftet sind. Sie zeigten aber auch, dass die Geschlechtsdifferenzen durch ein Ausschalten der von uns identifizierten Verzerrungen nur marginal reduziert werden. Die Ursache für die Unterschiede liegen also vorwiegend außerhalb der verwendeten Tests.

Ursachen jenseits der Sozialisation

Es steht außer Zweifel, dass der familiären und schulischen Sozialisation für die Ausbildung der beruflichen Interessen eine bedeutende Rolle zukommt. Auf der anderen Seite sprechen Befunde aus verschiedenen Disziplinen dafür, dass die beobachteten Geschlechtsdifferenzen Ursachen auch jenseits der Sozialisation haben dürften:

- Frühe Präferenzen: Säuglinge zeigen bereits in den ersten Lebensmonaten geschlechtsspezifisch ausgeprägte Interessen. Diese Unterschiede treten bereits so früh auf, dass Sozialisationseffekte nahezu ausgeschlossen werden können. Männliche Säuglinge interessieren sich - operationalisiert durch Fixationszeiten - eher für mechanische Objekte (z.B. Mobiles), weibliche Säuglinge eher für soziale Objekte (Gesichter).

- Interessen und Androgene: Gleich mehrere Forschungslinien haben gezeigt, dass der pränatale Androgenspiegel mit den späteren Interessen korreliert. Die stärksten Belege liefern Untersuchungen an Frauen, die unter dem adreno-genitalen Syndrom (AGS) leiden. Dieses Syndrom geht auf die Überproduktion von Androgenen zurück. Frauen, die unter diesem Syndrom leiden, werden pränatal mit Testosteron gleichsam überschüttet und zumeist postnatal hormonell auf das für Frauen typische Androgenmaß eingestellt. Interessanterweise zeigen diese Frauen später typisch "männliche" Berufsinteressen und neigen auch eher als nicht betroffene Frauen dazu, Berufe aus dem technischen Interessenspektrum zu wählen.

- Begrenzte Wirksamkeit selbst extremer Sozialisations-"Experimente": Eines der Ziele der Kibbuz-Bewegung bestand im Aufbrechen von traditionellen Rollenmustern für Männer und Frauen. Dies sollte unter anderem dadurch erreicht werden, dass die vielfach von Frauen erledigten hauswirtschaftlichen und erzieherischen Aufgaben zentralisiert wurden. Weiterhin wurde und wird Wert auf eine geschlechtsneutrale Erziehung der Kinder gelegt. Aber selbst dieser außergewöhnlich egalitäre Ansatz führte nicht dazu, dass Frauen häufiger technische Berufe oder Männer häufiger soziale Berufe ergriffen.

- Interkulturelle Replikation: Die typischen Interessendifferenzen treten in den meisten Kulturen zutage. Dies betrifft nicht nur frühe geschlechtsspezifische Interessen, die sich in Spielen von Kindern zeigen, sondern gilt auch im Hinblick auf berufliche Interessen. Ausnahmen bilden vor allem Staaten mit einer staatlichen Lenkung der Berufs- und Studienwahl.

Vorurteilsfreie Studien- und Berufswahl

Die genannten Befunde deuten darauf hin, dass mindestens eine geschlechtsspezifisch angelegte Bereitschaft zur Anregung von Interessen vorhanden sein dürfte. Evolutionsbiologische Ansätze, die Geschlechtsunterschiede mit dem unterschiedlichen Investment von Müttern und Vätern in den Nachwuchs und den daraus ableitbaren verschiedenen Reproduktionsstrategien begründen, können die Befunde - auch die erwähnten bedeutenden Geschlechtsdifferenzen im Sexual- und Aggressionsverhalten - sehr plausibel deuten, dürften aber in konstruktivistisch orientierten Wissenschaftsdisziplinen auf wenig Gegenliebe stoßen. Hier prallen sehr verschiedene Sichtweisen aufeinander, und was für die eine Disziplin auf der Hand liegt, wird von der anderen als simplifizierende Zumutung abgetan.

geschlechterdifferenzen-in-den-interessenausprägungen
Dessen ungeachtet scheint die Hypothese plausibel, dass vorhandene Unterschiede vom sozialen Umfeld überpointiert wahrgenommen werden und dass sich hierdurch übersteigerte Geschlechtsstereotype entwickelt haben, die wiederum einengend auf die Entfaltungsmöglichkeiten und Selbstwirksamkeitserwartungen des Individuums wirken. Aus dieser Idee ergeben sich sinnvolle Ansatzpunkte für Interventionen, die z.B. darin bestehen können, Stereotype abzubauen und die Selbstwirksamkeit von Mädchen wie Jungen zu steigern. Solche sinnvollen Maßnahmen dürften zu ausgeglicheneren Geschlechterverhältnissen führen, aber das Ziel einer Gleichverteilung der Geschlechter in allen Disziplinen erscheint angesichts der berichteten Befunde erheblich zu rigoros und ignoriert die gegebenen Neigungsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Ich plädiere für ein liberaleres und die Freiheit des Individuums in den Mittelpunkt stellendes Ziel: Die Hochschulen sollten darauf abzielen, eine informierte, vorurteilsfreie und neigungsbasierte Studien- und Berufswahl zu unterstützen.

Übrigens erzeugen die zahlreichen MINT-Förderaktivitäten neue Fehlwahrnehmungen bei den Schülerinnen und Schülern, denn das starke Steuern in Richtung MINT-Fächer führt zu der Wahrnehmung, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften weniger erstrebenswert sind. So entstehen neue Stereotype, die jungen Menschen eine vorurteilsfreie, den eigenen Interessen gemäße Studien- und Berufswahl erschweren.


Über den Autor
Benedikt Hell ist Professor für Personalpsychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und leitete das BMBF-Projekt Genderfairness berufs- und studieneignungsdiagnostischer Tests.

Aus Forschung & Lehre :: August 2016

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