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Welche Fachrichtung lohnt sich noch?

Von Andreas Hoeschen

Unter massiven Protesten vollzog die Regierung in Großbritannien im vergangenen Jahr einen Richtungswechsel in der Finanzierung der Universitäten. Welche Auswirkungen hat der massive Sparkurs für die englischen Universitäten? Könnte sich die Regierung am Ende "verrechnet" haben?

Welche Fachrichtung lohnt sich noch?© kallejipp - Photocase.com
Zwei Nachrichten aus dem letzten Jahr warfen ein Schlaglicht auf die Zukunftsperspektiven der englischen Universitäten: Die neue von David Cameron geführte Koalitionsregierung kündigte in ihrer mittelfristigen Haushaltsvorschau an, bis zum Jahr 2015 die Hochschulfinanzierung von 7,1 Mrd. Pfund (2010/11) um mehr als 40 Prozent auf dann 4,2 Mrd. Pfund abzusenken. Zugleich wurde beschlossen, ab dem Studienjahr 2012/13 die Gebührenobergrenze für Bachelor-Studiengänge an englischen Universitäten von jetzt 3 290 Pfund auf dann 9 000 Pfund pro Studienjahr heraufzusetzen. Dahinter steht - in den Worten des zuständigen Ministers David Willetts - nichts weniger als ein "hochschulpolitischer Paradigmenwechsel". Dieser erweist sich jedoch als komplexer als zunächst vorgesehen.

Neue Gewichtung bei der Finanzierung

Bislang überweist die Hochschulfinanzierungsbehörde (HEFCE) jeder Universität einen Pauschalbetrag für die Lehre, den "Teaching Grant", berechnet nach der durch Hochschulquoten regulierten Studierendenzahl. Aktuell beläuft sich die Summe dieser Zuwendungen auf gut 4,7 Mrd. Pfund und damit auf über 60 Prozent des gesamten HEFCEBudgets. Der Rest entfällt auf die Forschungsgrundfinanzierung der Universitäten in Höhe von 1,6 Mrd. Pfund und weitere projektbezogene Vorhaben des Staates im Hochschulbereich. Die Universitäten erhalten außerdem - neben Forschungsdrittmitteln - Studiengebühren als private Einzahlung von den Studierenden. Allerdings finanziert hier auch der Staat zumindest vor und trägt das Ausfallrisiko, da alle Briten - und auch die ihnen gleichgestellten EU-Bürger - auf Antrag ein Volldarlehen für ihr Erststudium erhalten. Die ratenweise und moderat verzinste Rückzahlung erfolgt gemeinsam mit der Einkommenssteuer, sobald ein festgesetztes Mindesteinkommen erreicht ist. Die Grundpfeiler dieses Systems werden von der im Dezember letzten Jahres beschlossenen Reform nicht angetastet. Diese zielt vielmehr auf eine neue Gewichtung der unterschiedlichen Hochschulfinanzierungsströme: Aktuell machen die staatliche Direktzuwendung für die Lehrleistungen und die Forschungsgrundfinanzierung insgesamt 36 Prozent und die Studiengebühren von Briten und EUBürgern 16 Prozent der Hochschuleinnahmen aus. Dieses Verhältnis wird sich gemäß den Regierungsplänen mindestens umkehren. Zukünftig soll die Mehrheit der Studierenden ihr Studium mit kostendeckenden Gebühren selbst bezahlen.

Diesen Richtungswechsel hatte die noch von der vorigen Regierung eingesetzte Browne-Kommission vorgeschlagen. Die neue Koalition in Westminster hat die Empfehlungen unter dem dominanten Politikziel einer Begrenzung öffentlicher Ausgaben aufgegriffen. Insbesondere die konservativen Bildungspolitiker setzen zudem darauf, dass die Etablierung eines echten Marktmechanismus sich allseitig vorteilhaft auswirken wird. Von den Studierenden wird erwartet, dass sie - unterstützt durch verbesserte Informationen über Studium und Akademikerarbeitsmarkt - die richtige Wahl für den Einsatz ihrer privaten Bildungsinvestition treffen. Die Universitäten hingegen soll der Wettbewerb um Studiengebühreneinnahmen zur kontinuierlichen Überprüfung und Verbesserung ihrer "Produktpalette" zwingen. Dem Staat bleibt die Aufgabe, durch die Darlehensgarantie eine überbrückende Finanzierung anzubieten und dadurch sozialer Diskriminierung beim Hochschulzugang entgegenzuwirken. Die Rechnung begleicht zum Schluss der Graduierte als Nutzer des Systems, wenn er mit der Darlehensrückzahlung an den Staat den Finanzierungskreislauf wieder schließt.

Problemstellen

Nachdem die Reform im Dezember letzten Jahres parlamentarisch verabschiedet worden ist, zeigen sich jedoch schon vor Inkrafttreten des Modells bedeutsame Problemstellen. Zum einen könnte die Reform mehr kosten als erwartet - unter Umständen sogar mehr als die derzeitige Hochschulfinanzierung. Das unabhängige "Higher Education Policy Institute" hat berechnet, dass die Refinanzierungsquote der staatlichen Darlehen bei den mit der Reform geplanten Konditionen nur um die 50 Prozent liegt. Die andere Hälfte des Geldes, das der Staat den Studierenden in die Hand gibt, erreicht zwar die Universitäten, wird aber voraussichtlich nicht zurückgezahlt. Vor diesem Hintergrund - wenn auch mit anderen Argumenten - kritisiert die auf einen generellen Sparkurs verpflichtete Regierung die Absichtserklärungen mehrerer Universitäten, ab dem Jahr 2012/13 für alle ihre Angebote die maximalen Gebühren von 9 000 Pfund zu fordern, und hat auch schon auf die Möglichkeit hingewiesen, die verbleibenden staatlichen Direktinvestitionen in die Universitäten noch weiter zu kürzen als bisher angekündigt.

Mit diesen Zuwendungen ist zweitens eine hochschulpolitische Auseinandersetzung verbunden, die qualitativer Natur ist. Vom gegenwärtigen "Teaching Grant" wird nach Kürzung des gesamten Hochschulbudgets auf unter 60 Prozent - bei in Aussicht gestellter weitgehender Bestandsgarantie der Forschungsmittel - ein in der Haushaltsvorschau noch nicht bezifferter Rest übrigbleiben. Nach Schätzungen des parlamentarischen Forschungsdienstes dürfte es sich um etwa 40 Prozent der jetzigen staatlichen Direktinvestitionen in die Hochschullehre handeln. Damit sollen "strategisch bedeutsame" Disziplinen garantiert werden. Genannt wurden dabei schon von der Browne-Kommission die MINT-Fächer. HEFCE ist jetzt angewiesen worden, dies näher zu definieren und dabei weitere wissenschaftliche Bereiche zu identifizieren, die in Ausnahme vom nachfragegesteuerten Markt konjunkturfest abzusichern wären. Die Finanzierungsbehörde fungiert bereits auch in anderen Fragen als Mittler zwischen Staat und Hochschulen, wenn es um eine wissenschaftsadäquate Umsetzung von politisch definierten Zielprojektionen geht. Unter den Bedingungen radikal verknappter Mittel und eines dadurch gegebenen hohen Auswahldrucks lässt diese Aufgabe jedoch eine anhaltende kontroverse Diskussion zumindest in der Wissenschaftsöffentlichkeit erwarten.

Hochschulpolitischer Paradigmenwechsel mit Folgen

Darüber hinaus sollte ein von der Regierung für das Frühjahr angekündigtes hochschulpolitisches "White Paper" die mit dem Modellwechsel anhängigen weiteren strategischen und operativen Fragen klären. Minister Willetts hat dessen Veröffentlichung jedoch vertagt und will zunächst beobachten, wie sich unter den neuen Bedingungen die Preisbildung und das Nachfrageverhalten entwickelt. Zentrale Fragen bleiben so weiterhin offen: Wird es mittelfristig mehr oder weniger Studierende geben? Wie wird der Staat damit umgehen, wenn öffentliche Hochschulen "am Markt versagen"? Welche Steuerungsimpulse zur Wahrung strategischer öffentlicher Interessen im Hochschulbereich bleiben möglich und werden gesetzt?

Die für Globalhaushalte verantwortlichen Universitätsleitungen können sich allerdings keinen Verzug erlauben. Sie müssen schon jetzt - jede für sich - Business-Pläne für die neue Zeit aufstellen und dabei nicht nur über Preise, sondern auch über ihr Angebot befinden: Welche Fachrichtungen und welche Studiengangsstrukturen passen zum Kalkulierbaren ebenso wie zu den Unsicherheiten des neuen Hochschulfinanzierungsregimes? Die angekündigte paradigmatische Wende wird sich so mehr als Resultante von institutionellen Einzelentscheidungen vollziehen denn als koordiniert umgesetzte Strukturreform. Sicher erscheint den meisten Beobachtern aber, dass im englischen Hochschulsystem die Differenzierung zwischen international schlagkräftigen Forschungsuniversitäten einerseits und kostenbewusst operierenden Ausbildungsstätten für berufsrelevante "Skills" andererseits deutlich zunehmen wird.

Aus Forschung und Lehre :: Mai 2011

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