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Welcome dahoam

VON ANGELIKA DIETRICH

Das bayerische Wirtschaftsministerium wirbt um deutsche Fachkräfte im Ausland.

Welcome dahoam© Jürgen Fälchle - Fotolia.comBayerns Programm "Return to Bavaria" ermöglicht potenzielen Rückkehrern einen angenehmeren Start in der neuen alten Heimat
Sie müssen auf alles eine Antwort haben. Oder wenigstens wissen, wen sie fragen können. Ob man bei Verabredungen zu Telefonterminen den Zeitunterschied zu Deutschland in die Mail schreiben soll. Welche Schulen es für den zweisprachigen Nachwuchs gibt. Wie man in München am besten eine Wohnung findet. Ob die sri-lankische Partnerin in Bayern wohl Anschluss findet?

Wer bei Kerstin Dübner-Gee und ihrer Kollegin Gerlinde Baumer in München anruft, lebt und arbeitet im Ausland, plant aber eine Rückkehr nach Deutschland. Genauer: nach Bayern. Und ist Akademiker, meist Ingenieur oder Naturwissenschaftler, und sucht hierzulande einen Job in der industriellen Forschung oder im Projektmanagement.

Anlaufstelle ist das Büro von »Return to Bavaria« - einer Initiative des bayerischen Wirtschaftsministeriums, die hoch qualifizierte deutsche Fachkräfte, die im Ausland arbeiten, für den heimischen Arbeitsmarkt begeistern soll. Denn Deutschland fehlen die Fachkräfte. In den nächsten zwei Jahren, so eine Studie der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw), können deutschlandweit rund eine Million Stellen für Akademiker nicht besetzt werden, davon 280.000 für Ingenieure. Im Jahr 2035 werden vier Millionen Stellen unbesetzt sein, wenn nichts dagegen unternommen wird. Vor allem Ingenieure, IT-Experten, Ärzte und Pflegekräfte müssen her - auch aus dem Ausland. Die Bundesregierung führte deshalb für Akademiker erst die Green Card ein und vergangenes Jahr die Blue Card, die es Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern erleichtern sollen, in Deutschland zu arbeiten (siehe Kasten).

Welcher Mittelständler lädt schon einen Bewerber aus den USA ein?

Mittlerweile versuchen auch einzelne Bundesländer, Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben: Hessen wirbt in Spanien um Pflegekräfte, Nordrhein-Westfalen hat ein Rückkehrerprogramm für Nachwuchsforscher aufgelegt, und Bayern hat die Initiative »work-in-bavaria« gestartet. Ein Baustein davon ist das »Return to Bavaria«-Büro, das im Januar eröffnet wurde, als erste Anlaufstelle für Rückkehrwillige.

Oft haben diese nach dem Studium mit einem staatlichen Stipendium für einen Forschungsaufenthalt Deutschland verlassen und sind dort, wie Monika Wilhelm, Projektleiterin von »Return to Bavaria« sagt, »von bayerischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen ein bisschen vergessen worden, während sie von den Unternehmen des Ziellands intensiv umworben werden«.

Programme für Bayern und Deutschland

Bayern

Mit der Initiative »Return to Bavaria« will das bayerische Wirtschaftsministerium deutsche Fachkräfte, die im Ausland arbeiten, für den heimischen Markt begeistern.

Der Grund: Vor allem Mittelständler klagen über einen Fachkräftemangel. Um den zu beheben, wirbt der Freistaat mit dem Programm »study and stay« auch um ausländische Studenten, die in Bayern studieren.

Deutschland

Auch die Bundesregierung startete Programme gegen den Fachkräftemangel. Im August 2012 führte sie die Blue Card für Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Ländern ein: Mit der Blue Card gibt es keine sogenannte Vorrangprüfung mehr. Nun muss nicht mehr nachgewiesen werden, dass es in Deutschland keinen geeigneten Bewerber gibt, der diese Arbeit machen könnte. So soll es Arbeitgebern leichter gemacht werden, Fachkräfte nach Deutschland zu holen. In den ersten sechs Monaten wurden nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aber erst 4126 Blue Cards vergeben.
Vor allem Mittelständler scheuen sich, für ein Vorstellungsgespräch Bewerber aus dem Ausland einzuladen. Denn in Deutschland gibt es einen Rechtsanspruch darauf, dass Reisekosten für ein Vorstellungsgespräch vom potenziellen Arbeitgeber gezahlt werden müssen. Welcher Mittelständler aber lädt einen Bewerber aus San Francisco zum Gespräch und zahlt tausend Euro für Flug und Unterkunft, wenn es auch einen Bewerber aus Frankfurt oder Fürstenfeldbruck gibt?

Dazu kommt: »Ein deutscher Bewerber aus dem Ausland ist für viele Unternehmen etwas dubios. Häufig entsprechen die Unterlagen nicht dem deutschen Standard - in den USA etwa ist es üblich, auf Fotos und persönliche Daten zu verzichten. Oder die Firmen vermuten Anpassungsschwierigkeiten«, sagt Kerstin Dübner-Gee. »Oder fragen sich, warum bewirbt sich so jemand?« Meist sind es private Gründe: Pflegebedürftige Eltern, Kinder, die in die Schule kommen, ein Grundstück, das bebaut werden soll. Und die schreibt man nicht in eine Bewerbung.

Hier will die Initiative Berührungsängste abbauen, den Unternehmen signalisieren: »Es lohnt sich, diese Leute einzuladen!« Deshalb lädt sie erst einmal selbst ein: zu Bayern-Abenden in Australien, Großbritannien, Kanada, Norwegen, Österreich, der Schweiz und den USA. Genau dann, wenn in München das Oktoberfest stattfindet.

Repräsentanten des Freistaats, die sowieso in diesen Ländern leben, und Mitarbeiter der Initiative sollen bei Weißwürsten, Brezen und Bier hoch qualifizierten Deutschen die Lust wecken, über eine Rückkehr nach Bayern nachzudenken. »Alle beteiligten Personen sollen das Gefühl haben, Teil einer weltweiten Rückkehrbewegung nach Bayern zu sein«, sagt Monika Wilhelm.

Hundert ausgewählte Naturwissenschaftler und Ingenieure dürfen im April schon einmal bayerische Großstadtluft schnuppern - sie sind zu einem Rückkehrerkongress in München eingeladen, bei dem sich Firmen, Forschungseinrichtungen und potenzielle neue Mitarbeiter kennenlernen können. Vor allem auf Kontakte und Netzwerke setzt die Initiative. Der Freistaat will im Wettbewerb um Fachkräfte die Nase vorn haben.

Die Nachfrage ist so hoch, dass Erstgespräche nicht mehr spontan am Telefon geführt werden können, sondern Telefon- oder aber Skype-Termine vereinbart werden. Manche Rückkehrwillige sind auf der European Career Fair, der größten europäischen Rekrutierungsmesse in den USA, auf die Initiative gestoßen, andere wurden von Onkel oder Tante aus Bayern angerufen, die einen Radiobeitrag darüber gehört hatten.

Peter Schulz (Name geändert) hat von einer Münchner Bekannten davon erfahren. Derzeit arbeitet der Maschinenbau-Ingenieur noch in Frankreich, im Herbst wird das älteste Kind eingeschult - und das sollte in Bayern passieren. Schließlich leben hier Freunde und Familie, Schulz selbst hat hier studiert. »Bayern ist dann doch unsere Heimat«, sagt er. Zehn Jahre arbeitet er nun schon in Frankreich, »viel länger, als ich das eigentlich vorhatte«. Kurz nach dem Studium hat er dort zu arbeiten begonnen, sich verliebt, geheiratet - ein typischer Auslandslebenslauf.

Kontakte zu Firmen in Deutschland hat sich Schulz nicht aufgebaut, es fehlt ein berufliches Netzwerk, das die Rückkehr erleichtern könnte. Fünf, sechs Gespräche hat er mit der Münchner Rückkehrinitiative bereits geführt. Trotzdem sagt er: »Ich will mich nicht nur auf "Return to Bavaria" verlassen, sondern versuche auch über meinen Konzern, Stellen in Deutschland zu finden.«

Natürlich ist es angenehm, dass es in München eine Stelle gibt, die ihm sagt, was man für die Einschulung braucht, wo man sich für die Krankenversicherung anmeldet und Kontakte zu Firmen aus anderen Branchen herstellt. Doch für Schulz zählt vor allem ein anderer Aspekt: »Allein dass es so eine Initiative gibt, bestärkt einen darin zurückzukehren: Offenbar gibt es in Bayern Bedarf an Ingenieuren.« Nach der Studie der vbw werden im Jahr 2035 über elf Prozent aller Ingenieursstellen in Bayern nicht besetzt sein. Deshalb hat das Wirtschaftsministerium nicht nur »Return to Bavaria« gestartet, sondern hat neben den Rückkehrern noch zwei weitere Zielgruppen im Blick: ausländische Fachkräfte - für sie gibt es auf der Internetseite ein Jobportal, das alle Jobangebote in Bayern aller verschiedenen Suchmaschinen bündelt - und ausländische Studenten.

Mit dem Programm »study and stay« sollen sie nach Ende des Studiums in Bayern gehalten werden. Nach einer Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration würden 80 Prozent der Hochschulabsolventen aus Nicht-EU-Ländern gerne in Deutschland bleiben und arbeiten. Doch nur einem Viertel gelingt das, die anderen gehen oft im Behördendschungel verloren, oder es scheitert daran, dass sie nicht wissen, wo sie sich bewerben können.

Der Service, den sich das Ministerium mit »Return to Bavaria« nun leistet, ist für die Bewerber eine Rundumbetreuung. Lebensläufe werden zugeschnitten auf Industrie oder Forschung in Deutschland; Wissenschaftler, die zwar mit amerikanischen Hochschulen bestens vernetzt sind, aber in der deutschen Wirtschaft niemanden kennen, bekommen Telefonnummern und Ansprechpartner vermittelt.

Ihren Anrufern gibt die Geschäftsstellenleiterin Kerstin Dübner-Gee klare Ratschläge: »Entschlacken Sie die Bewerbungsmappe, verzichten Sie auf ein paar Zeugnisse. Vielleicht auf das Abi-Zeugnis, zu lange her.« Und auf die Bestätigungen der Wochenendworkshops. Es fehlt auch nicht die Nachfrage, ob der Partner schon mit dem Deutschkurs begonnen habe.

Das bayerische Wirtschaftsministerium war gerne bereit, für diese Initiative Geld lockerzumachen. Schließlich bekam Minister Martin Zeil seitens der Industrie Sätze zu hören wie: »Wir könnten ein Drittel mehr produzieren, wenn wir mehr Fachkräfte hätten.« Und Bayern will weiterhin gut dastehen: Denn wo die Wirtschaft floriert, da ist Wohlstand, und da fließen Steuern. Deshalb sollen von der Einrichtung nicht nur die Rückkehrer profitieren, sondern auch die Firmen im Land - vor allem Mittelständler. Anders als große Firmen können sie es sich selten leisten, auf Karrieremessen im Ausland zu gehen. Sie können auf der Homepage ihre Jobangebote einstellen, und auf dem Rückkehrerkongress im April werden ihnen interessante Lebensläufe präsentiert.

Damit die Rückkehrer in Bayern keine Sprachprobleme bekommen - es könnte ja sein, dass nach der langen Zeit in der Fremde der Dialekt in Vergessenheit geraten ist -, gibt es auf der Homepage sogar einen kleinen Sprachführer: Deutsch - Bayerisch.

Aus DIE ZEIT :: 11.04.2013

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