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Weniger krank und mehr motiviert

Von Irene Gerlach

Wege zu finden, um Familie und Beruf besser in Einklang bringen zu können, ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung zu einer zentralen Aufgabe geworden. Es sind noch viele Fragen offen.

Weniger krank und mehr motiviert© kallejipp - Photocase.deDie bisherigen Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf reichen noch lange nicht aus
Forschung & Lehre: Es besteht Einigkeit darin, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert werden muss. Von allen Seiten wird daher der Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten für Kinder gefordert. Reicht es aus, allein darauf zu setzen, oder geraten so nicht andere Möglichkeiten, Arbeitnehmer mit Familien zu unterstützen, aus dem Blick?

Irene Gerlach: Bei fehlender Vereinbarkeit von Familie und Beruf handelt es sich - wenn man so will - um einen Zeitkonflikt, der dadurch zustande kommt, dass sowohl die Familienarbeit als auch die Erwerbsarbeit Zeit (und Kraft und Kompetenz...) benötigen.

Dieser Konflikt wurde bisher in vielen Fällen durch die Spezialisierung von Männern und Frauen auf einen der beiden Bereiche gelöst, d.h. durch traditionelle Aufgabenteilung und durch Ausscheiden oder erhebliche Reduzierung der Erwerbsarbeit von Müttern.

Diese Strategie erschien in Deutschland lange Zeit als unumgehbar, da die staatliche Familienpolitik über Jahrzehnte vom Primat der Privatheit von Familienarbeit ausgegangen ist und fast ausschließlich das Familienbudget um ansehnliche finanzielle Mittel aufgestockt hat. Erst mit den Folgen des Geburtenrückgangs in der Form des Fachkräftemangels, der in einigen Jahrzehnten auch ein Arbeitskräftemangel sein wird, wurde die große öffentliche Bedeutung von Leistungen sichtbar, die in Familien nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Volkswirtschaft erbracht werden. Mehr Geld direkt an die Familien zu geben, hätte aber keine Lösungsstrategie bedeutet.

Aus dem internationalen Familienpolitikvergleich kennen wir einen gesicherten Zusammenhang: Dort, wo durch Infrastruktur und Dienstleistungsangebote in die Vereinbarkeit von Familie und Beruf investiert wurde, resultierte dies in hoher Müttererwerbstätigkeit und ebenso in vergleichsweise hohen Geburtenraten, dort wo Familien schwerpunktmäßig durch monetäre Transfers gefördert wurden, sanken die Geburtenraten.

Da die Biografieentwürfe von Frauen heute größtenteils die Berufstätigkeit einschließen (was nicht nur vor dem Hintergrund der extrem hohen Scheidungswahrscheinlichkeit von um die 40 Prozent auch ratsam ist), standen sie ohne die notwendigen öffentlichen Investitionen in die Kinderbetreuung vor der misslichen Situation eines "Entweder-Oder". Nicht zuletzt erklärt sich so der in Deutschland extrem hohe Anteil von kinderlosen Frauen.

Vor diesem Hintergrund kommt dem Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur in der Tat eine Schlüsselstellung zu, wir sprechen sogar von einem Paradigmenwechsel in der deutschen Familienpolitik.

F&L: Aber was ist gute Familienpolitik?

Irene Gerlach: Gute Familienpolitik ist - insbesondere im Umfeld der Erwerbstätigkeit - viel mehr. Der oben angesprochene Zeitkonflikt kann in vielen Fällen durch Flexibilisierung der Arbeitszeiten und des Arbeitsortes gelöst werden. Das erste bedeutet eine möglichst freie Einteilung der Arbeitszeit, z.B. durch sog. Ampelkonten, bei denen ich mein Zeitbudget für Familienaufgaben solange "überziehen kann", bis mir ein Rot signalisiert wird, oder umgekehrt in Phasen, in denen ich weniger Zeit für die Familie brauche, Arbeitszeit ansparen kann.

Flexibilisierung des Arbeitsortes bedeutet v.a. die Ermöglichung von Homeoffices. Aber auch im Bereich von Familien unterstützenden Dienstleistungen lässt sich viel erreichen, etwa durch Fahr- und Bring-, Einkaufs-, Wäsche- und Essensservices oder durch die Organisation von Kinderferienzeiten.

Ein wichtiges Thema ist bisher aber noch nicht angesprochen worden: Vereinbarkeit bedeutet nicht nur die Ermöglichung von paralleler Erwerbstätigkeit und Kindererziehung, sondern auch von Erwerbstätigkeit und Pflege. Die Zahl der derzeit ca. 2,5 Mio. Pflegebedürftigen in Deutschland wird sich in den nächsten Jahren fast verdoppeln. Zwei Drittel von ihnen werden heute im privaten Haushalt betreut, davon wiederum zwei Drittel von Familienangehörigen und ohne die Inanspruchnahme von Pflegediensten. Hier geht es bei der Unterstützung nicht nur um Infrastrukturfragen, sondern um die zügige Vermittlung gezielter Informationen und die Unterstützung bei der Organisation von Pflege.

F&L: Zahlt sich eine familienfreundliche Personalpolitik auch für Unternehmen aus?

Irene Gerlach: Ja, und zwar in beeindruckendem Maße. Wir haben in vielen Untersuchungen in den letzten ca. zehn Jahren diesen Zusammenhang nachweisen können.

Unternehmen, die sehr familienbewusst sind, haben z.B. nach den Ergebnissen unserer letzten deutschlandweiten repräsentativen Unternehmensbefragung (Datenerhebung 2012) 60 Prozent weniger Fehlzeiten als solche, die nicht familienbewusst agieren, die Krankenquote liegt um 49 Prozent niedriger, die Stellenbesetzungsdauer ist 17 Prozent kürzer, der Anteil von Eigenkündigungen liegt 20 Prozent niedriger. Und umgekehrt ordnen die Unternehmen die Motivation ihrer Mitarbeitenden zu 31 Prozent höher ein, die Qualität ihrer Bewerber und Bewerberinnen zu 26 Prozent besser und die Mitarbeitendenproduktivität zu 23 Prozent höher. Im Übrigen hat die Bedeutung von Familienbewusstsein für die Konkurrenz um Arbeitskräfte erheblich zugenommen: So antworteten in einer von uns durchgeführten Unternehmensbefragung die Mitarbeitenden auf die Frage, welche Bedeutung unterschiedliche Faktoren für sie bei einer Bewerbung auf eine neue Stelle hätten, zu 31,2 Prozent ein höheres Gehalt sei wichtig und zu 30,5 Prozent die familienbewusste Orientierung des neuen Arbeitgebenden.

F&L: Wenn Unternehmen davon profitieren können, woran scheitert dann häufig die Umsetzung?

Irene Gerlach: Vor allem kleine Unternehmen trauen sich entsprechende Programme oft nicht zu, dabei müssen wirkungsvolle Maßnahmen wie Zeitflexibilität nicht teuer sein. Eine kluge Strategie kann es hier sein, sich in Netzwerken mit anderen Arbeitgebern zu organisieren oder zusammen mit der Kommune nach Lösungen zu suchen.

F&L: Universitäten können sich als "Familiengerechte Hochschule" zertifizieren lassen. Beinhaltet diese Auszeichnung auch, dass es spezielle Angebote gibt, die die besondere Situation von Wissenschaftlern berücksichtigen?

Irene Gerlach: Das Auditierungsverfahren ist ein Managementinstrument, das jeweils gezielt im Rahmen der betreffenden Organisation des Arbeitgebers eingesetzt wird. D.h. es kann nur funktionieren, wenn es gezielt den Status quo sowie Defizite und Lösungswege im Hinblick auf das Ziel Familienbewusstheit erhebt.

Dabei ergibt sich für Hochschulen insofern eine besondere Herausforderung, als sie nicht nur Arbeitgebende sind, sondern auch Bildungseinrichtungen. In der Funktion als Arbeitgebende wiederum können sich im Bereich der nicht wissenschaftlichen Mitarbeitenden ganz andere Herausforderungen für die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit ergeben als in der Qualifizierungsphase beim wissenschaftlichen Nachwuchs oder in der Professorenschaft.

Familienbewusste Hochschulen wollen aber auch Vereinbarkeit von Familie und Studium ermöglichen. Hier reichen allein die Kita, die Spielecke oder die Ferienbetreuung nicht, sondern hier muss auch die Lage von Lehrveranstaltungen berücksichtigt werden, für Blockseminare und Praktika müssen zusätzliche Betreuungskapazitäten aufgebaut werden, die Studienberatung muss um die Facette "Familienberatung" erweitert werden, Studien- und Prüfungsordnungen müssen auf ihre Vereinbarkeit mit Familie durchforstet werden.


Über die Autorin
Irene Gerlach ist Professorin für Politikwissenschaft, insbesondere Sozialpolitik, an der Evangelischen Fachhochschule Bochum. Daneben leitet sie an der Universität Münster, wo sie Privatdozentin ist, das Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik (FFP).

Aus Forschung & Lehre :: Juli 2014

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