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Weniger erzählen, mehr lehren - Vorlesungen in Zeiten von YouTube

Interview mit Jörn Loviscach

Die Digitalisierung und weltweite Vernetzung bietet nach Meinung einer wachsenden Zahl von Lehrenden viele Möglichkeiten, die Lehre an den Hochschulen zu verändern und zu optimieren. Ein Beispiel einer Ergänzung der Lehre mittels des Internetportals YouTube.

Weniger erzählen, mehr lehren© Forschung & LehreProf. Jörn Loviscach bietet seine Vorlesungen über YouTube an und eröffnet damit den Weg für eine neue Art des Lernens im Hörsaal
Forschung & Lehre: Herr Professor Loviscach, Sie haben einen eigenen Kanal auf der Internetplattform YouTube mit über neun Millionen Zugriffen und über 20.000 Abonnenten. Das ist für einen Professor für Mathematik nicht gerade üblich. Wie kam es dazu?

Jörn Loviscach: Anfang 2009 hatte ich eigentlich nur einen Weg gesucht, um meine Vorlesungen für einige weitere Studierende zugänglich zu machen. Diese hatten zuvor Mathematik bei einem Kollegen gehört, benötigten die Prüfung noch, hatten aber einen Zeitkonflikt mit meiner Vorlesung im Stundenplan. Nach wenig Experimentieren war klar, was die schlankste und billigste Lösung sein würde: als Tafelersatz ein klassischer Windows-Tablet-PC (also ein vollwertiges Notebook mit Stift für den Bildschirm) und der im Raum installierte Beamer; Aufzeichnung mit kostenloser Bildschirmaufnahmesoftware und einem externen USB-Mikrophon; Bereitstellung via YouTube. Interessanterweise sieht mein bei Udacity mit recht viel Personal produzierter massiver offener Online-Kurs (MOOC) sehr ähnlich aus.

F&L: Wie kam es zu diesem großen Interneterfolg?

Jörn Loviscach: Durch Mundpropaganda und vor allem durch die Suchfunktion von YouTube haben die Videos dann Kreise gezogen, ungeplanterweise. Inzwischen wird von diversen anderen Webseiten darauf verlinkt, auch von Hochschulen. Demnächst sollen die Videos direkt über das Portal GetInfo der Technischen Informationsbibliothek Hannover (TIB) verfügbar werden, Anfang 2014 auch über die webbasierte Plattform für audiovisuelle Medien, welche die TIB mit dem Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik an der Universität Potsdam (HPI) entwickelt. Meine Aufnahmetechnik hat sich im Wesentlichen nicht geändert. Ich habe allerdings zwischenzeitlich einiges an Software entwickelt, um den Zeitaufwand zu minimieren, aber auch um eine transparente Tafel zu simulieren, durch die hindurch man mich schreiben sehen kann - ein Effekt, der mir dann nach einigen Experimenten doch zu ablenkend und aufwendig erschien. Drastisch geändert hat sich allerdings meine Art der Lehrveranstaltung. Es gibt keine Vorlesung mehr, denn die ist ja per Video verfügbar.

F&L: Die elektronische Vorlesung ist für Sie eine neue Art des Lernens. Was unterscheidet sie von der normalen Vorlesung - die Wiederholbarkeit, die Unabhängigkeit vom Ort?

Jörn Loviscach: Oh, nein, nicht die elektronische Vorlesung ist eine neue Art des Lernens, sondern vielmehr macht die elektronische Vorlesung den Weg frei für eine neue Art des Lernens - im Hörsaal und im Seminarraum. Das passive Zuhören - auch wenn es an Fachhochschulen durch Fragen ans Publikum unterbrochen wird - ist eine denkbar ineffektive Art, zu lernen. Mit Hilfe von Videos kann man das auslagern, im Stile von MOOCs auch mit automatischen Checks garnieren. Mit Hilfe von Videos können die Studierenden vorbereitet in der Hochschule erscheinen, so dass sich die knappe gemeinsame Zeit viel besser nutzen lässt, insbesondere für Partnerarbeit bei komplexeren Aufgaben und für Diskussionen. Das nennt sich "Inverted Classroom" oder auch "Flipping the Class". Der nächste Schritt ist, diese Präsenzveranstaltungen durch Binnendifferenzierung zu de-synchronisieren, so dass verschiedene Studenten an jeweils anderen Stellen im "Stoff" sein können. Das Ziel ist, dass sie die Inhalte wirklich "meistern" (Mastery Learning), statt nur drüberzuhuschen. Denn das Drüberhuschen demotiviert nicht nur, sondern untergräbt auch das Verstehen und Behalten und Anwendenkönnen.

F&L: Ihre Themen in den Filmen sind z.B. Matrizenmultiplikation, Vektorraum der sinusförmigen Schwingungen. Wieso interessiert dies ein "Millionenpublikum"?

Jörn Loviscach: Viele der Videos behandeln Schulstoff; die anderen behandeln Stoff, der in jedem MINT-Studienfach drankommt. Aus den Kommentaren der Zuschauer auf Youtube schließe ich, dass viele unzufrieden mit dem Mathematik-Unterricht an ihrer Schule oder Hochschule "vor Ort" sind. Meine Art, Mathematik darzustellen, ist schon etwas anders. Ich versuche, möglichst plastische, grafische Erklärungen zu geben und zu begründen, warum, weshalb, wieso man etwas so macht oder das Ergebnis so sein muss. Herleitungen per Formel finde ich äußerst unbefriedigend. Ich mache nicht das wenig inspirierende, an Universitäten gepflegte Schema Definition-Satz-Beweis, belasse es aber auch nicht beim Umherwerfen mit Formeln, in die dann gedankenlos etwas eingesetzt werden soll. Vielmehr versuche ich, Mathematik als flexibles Handwerkszeug zu vermitteln. Ich scheue mich obendrein nicht, zum x-ten Mal zu erklären, wie man einen Hauptnenner bildet.

F&L: Obwohl Sie selbst mit den Online-Vorlesungen sehr erfolgreich sind, haben Sie den Trend zur "virtuellen Universität" unlängst als "Dammbruch" bezeichnet, ja von einer "McDonaldisierung der Bildung" gesprochen. Was meinen Sie damit?

Jörn Loviscach: Die großen Anbieter von MOOCs in den USA schließen Kooperationen mit weniger bedeutenden Universitäten und mit Community Colleges, an denen diese Kurse wie normale Veranstaltungen angerechnet werden. Nicht nur, dass viele der MOOCs didaktisch von vorgestern sind: Die ohnehin schon schlechte Betreuung der Studierenden an diesen Institutionen wird damit noch verschlimmert unter dem Deckmantel, dass sich die horrenden Studiengebühren dadurch eindämmen ließen. Die Universitäten wie Stanford und Harvard dagegen, an denen diese MOOCs produziert worden sind, weigern sich, sie für ihre eigenen Studenten anzurechnen.

F&L: Auch Klausuren sehen Sie kritisch. Warum?

Jörn Loviscach: Erstens sind Klausuren eine hochartifizielle Situation. Was im wahren Leben "Zusammenarbeit" heißt und für den Erfolg unabdingbar ist, gilt bei der Klausur als Betrug. Wo ich im wahren Leben im Internet nachschlage, oder auf Plattformen wie Stack Exchange frage, muss ich in einer Klausur auswendig gelernt haben oder - falls erlaubt - das richtige Buch dabei haben. Zweitens ist es schwierig, in einer Klausur den kreativen Umgang mit dem Gelernten zu prüfen. In 90 Minuten kann man auf einen hilfreichen Gedanken kommen - oder auch nicht. Umgekehrt sehe ich, dass das, was eigentlich aufgrund der Klausuren aus der Schule "sitzen" sollte, nicht sicher verfügbar ist. Immer mehr Erstsemester haben Probleme mit Bruchrechnen und inzwischen sogar mit "Punktrechnung vor Strichrechnung". Ich könnte mir vorstellen, dass man zu Projektarbeiten übergeht, die man zum Beispiel in Form von "Portfolios" im Internet präsentiert. Das ist ein ganz anderer Anreiz: etwas Sichtbares und hoffentlich auch Sinnvolles zu produzieren


Über den Interviewten
Professor Jörn Loviscach lehrt Ingenieurmathematik und technische Informatik an der Fachhochschule Bielefeld.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2013

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