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Weniger Fortschritt unter der Sonne

von CHRISTIANE GREFE

Der deutschen Solarforschung brechen die Industriemittel weg.

Weniger Fortschritt unter der Sonne© hfoxfoto - iStockphoto.com Fehlende Mittel könnten Deutschland den Vorsprung in Sachen Solarenergie kosten
Die Digitalkamera war mal ein Luxusprodukt. Innovation machte sie besser, kleiner, billiger, heute sitzt eine Miniversion im Smartphone. Einen ähnlichen Weg zeichneten jüngst Experten bei einem Workshop an der Stanford-Universität für die Solarenergie. Immer effizienter und materialärmer könnten die Zellen werden und schließlich, in Dachziegeln, Fenstern und Wänden integriert, die Energie ganz nebenbei einfangen.

Noch fordert es Fantasie, sich so einen Stromüberfluss auszumalen; besonders in einem Land, das die Photovoltaik noch immer kleinredet und den Verlust von 30.000 Solararbeitsplätzen mit Häme kommentiert. Doch die in den letzten Jahren rasant gefallenen Preise für Solarpanels rücken solche Szenarien immer näher an die Wirklichkeit. Die Frage ist: Wer treibt die Innovation voran, und wer profitiert davon? Es wäre absurd, wenn ausgerechnet der Technologiepionier Deutschland bei dieser Anstrengung sein Tempo verlangsamt. Doch danach sieht es aus.

Die Grundlagenforschung zur Photovoltaik wird zwar seit der Energiewende mehr denn je gefördert. Wenn es aber darum geht, ihre Entdeckungen rasch in die Märkte zu bringen, ist eine Kombination aus mittelständischem Tüftlergeist und spezialisierter Wissenschaft gefragt. Und just diese Erfolgsmischung ist derzeit in Deutschland bedroht. Weil Modulhersteller und Anlagenbauer schwächeln, sind hiesigen Solarforschungsinstituten Industriemittel in erklecklicher Höhe weggebrochen. Beim größten, dem Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE), sank ihr Anteil von über 40 auf knapp 30 Prozent.

Und auch staatliche Gelder fließen nur, wenn ein Industriepartner mit im Boot ist. Im zuständigen Bundesumweltministerium gibt man sich jedoch gelassen: Jene Unternehmen, die in den stürmischen vergangenen Jahren überlebt hätten, investierten besonders viel in Forschung und Entwicklung, heißt es. In der Solarbranche rechnen manche mit neuem Schwung auf den globalen Märkten. Damit Deutschland vorn bleibt, fordert der Forschungsverbund Erneuerbare Energien, eine neue Regierung solle Unternehmen den Zugang zu Investitionsmitteln und Forschungszuschüssen erleichtern. ISE-Chef Eicke Weber versucht, ein europäisches »X-Gigawatt«-Konsortium für die Photovoltaikproduktion aufzubauen.

Dieser Plan ist umstritten, das Motiv aber berechtigt. Schließlich geht es nicht nur um eine Schlüsseltechnologie im globalen Wettbewerb, sondern auch um Entwicklungshilfe und Klimaschutz. Existenziell ist die rasche Verbilligung und Fortentwicklung der Photovoltaik vor allem für Schwellenländer wie Indien oder Südafrika, wo der wachsende Energiebedarf sonst mit dreckiger Kohle gedeckt wird. Zudem sind 1,3 Milliarden Menschen weltweit noch nicht mal an ein Stromnetz angeschlossen. Gerade diesen ärmsten Regionen bieten solare Systeme Chancen auf Entwicklung. Doch der Massenmarkt für die Photovoltaik ist kein Selbstläufer. Innovation könne ihn bald ermöglichen, schreiben die Experten in Stanford, lapidar legen sie nach: »Oder auch nicht.«

Aus DIE ZEIT :: 05.12.2013

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