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Wenn sich Bildung nicht lohnt

VON UWE JEAN HEUSER

Mehr lernen heißt nicht unbedingt mehr Wohlstand, warnen Ökonomen. Es wird Zeit für eine Diskussion.

Wenn sich Bildung nicht lohnt© kallejipp - photocase.deAngesichts übertriebener Akademisierung steigt der Bedarf an Bewerbern für Lehrstellen
Hat sich ein ökonomischer Glaubenssatz erst mal etabliert, dann ist er wie ein Flugzeugträger. Kleine Angriffe können der schwimmenden Festung nichts anhaben, und kommt doch mal ein Torpedo, dann schließt man einfach ein paar Schotten und fährt weiter. Doch irgendwann, wenn die Angriffe zunehmen und zu viele Treffer erzielt werden, dann geschieht das Unerhörte: Das mächtige Schiff sinkt.

Wenn es überhaupt so etwas wie eine Gewissheit darüber gab, wie wir in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung unseren Wohlstand mehren können, dann diese: Wir brauchen mehr Bildung. Mehr Realschule. Mehr Gymnasium. Mehr Studium. Die Menschen würden auf diese Weise gewappnet für die globalisierte Wirtschaft, in der einfache Arbeit nicht viel wert ist. Kein Politiker, der die Forderung nach mehr Bildung und mehr Geld für Bildung ablehnte. Ein no-brainer, wie die Amerikaner sagen, »eine klare Sache«. Ein Satz wie eine schwimmende Festung.

Immer weniger Schulabgänger, immer mehr Studenten - geht das gut?

Und doch: Während mehr und mehr junge Menschen die Hochschulreife erlangen und auf Unis und Fachhochschulen gehen, mehren sich die Angriffe: Studien und Erhebungen, die das Flaggschiff der Wirtschaftspolitik ins Wanken bringen. Ende August wendete sich der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) gegen die übertriebene Akademisierung. Immer weniger Schulabgänger, immer mehr Studenten - das könne nicht gut gehen, erklärte der Vizechef Achim Dercks. Die Betriebe suchten verzweifelt gute Bewerber für Lehrstellen, doch 2013 hätten bei schrumpfenden Jahrgängen über eine halbe Million junge Menschen ein Studium begonnen, ein Drittel mehr als zehn Jahre zuvor: »Dass ein Akademiker automatisch mehr verdient als jemand mit dualer Ausbildung, stimmt so nicht, ist aber in den Köpfen drin.«

Ähnliche Fragezeichen setzt eine - schon drei Jahre alte - Studie des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft. Demnach findet gut jeder vierte Bachelor mit Uni Abschluss nur eine Stelle, für die er überqualifiziert ist. Und im Schnitt verdienen die Einsteiger von der Uni lediglich 28.700 Euro im Jahr, gut 5.000 Euro weniger als die Bachelor von den Fachhochschulen.

Vor zwei Wochen erst erschien der neueste »Ausländerbericht« der Bundesregierung, der die Lage der Menschen mit Migrationshintergrund beleuchtet. Die Botschaft: Obwohl die Kinder der Einwanderer bei der Bildung zulegen, obwohl also der Anteil ohne Hauptschulabschluss von über 15 Prozent im Jahr 2008 auf unter 12 Prozent sank und der Anteil mit Abitur spiegelbildlich stieg, blieb der Erfolg am Arbeitsmarkt gering. Fast ein Drittel hat keinen Berufsabschluss, das Armutsrisiko ist enorm, und die Arbeitslosenrate beträgt fast 15 Prozent.

Doch das Flaggschiff »Mehr Bildung ist besser« schwimmt fast ungerührt weiter. Migranten sind eben ein Sonderfall, der Bachelorabschluss entwickelt sich noch, und der DIHK hat natürlich die ausbildenden Betriebe im Blick. Oder?

So einfach ist es nicht, gerade wenn man über die deutschen Grenzen hinausblickt. Das sagt die Münchner Ökonomieprofessorin Dalia Marin, eine Globalisierungsforscherin mit engen Verbindungen zu Kollegen in aller Welt. Die Warnung vor »übertriebener Akademisierung« ist für sie plausibel. »Bildung ist jetzt nicht die einfache Absicherung dafür, dass ich morgen einen Job haben werde«, sagt sie.

Der Grund dafür sind nicht etwa die Jobkonkurrenten aus Asien. Vielmehr kommen die Wettbewerber aus der Fabrik: Es sind die Computer, die mit ihrer Fähigkeit, Unmengen von Daten in kürzester Zeit zu analysieren, die Jobs von wohlgebildeten Arbeitnehmern bedrohen. Führerlose Autos, hochgenaue Diagnoseprogramme in der Medizin, Software für einfache juristische Tätigkeiten - das sind für Dalia Marin die Vorboten des zweiten Maschinenzeitalters, das für unsere mentalen Fähigkeiten dasselbe bedeute wie die industrielle Revolution für die Körperkraft. So manche von ihnen verliert ihren Wert.

Also ging sie der Frage nach, ob man diesen Wertverfall der Bildung schon in den Wirtschaftsdaten beobachten kann. Der Gedanke: Bis kurz vor der Jahrhundertwende war die sogenannte Skill-Prämie, also das zusätzliche Gehalt für Hochschulabsolventen gegenüber Abiturienten, in allen Industrieländern schnell gestiegen. Aber wenn die Maschinen den Akademikern die Arbeit streitig machen, müsse dieser Trend ja brechen.

Tatsächlich: In weiten Teilen Europas ist der Lohnvorsprung der Akademiker im vergangenen Jahrzehnt zurückgegangen. Und das nicht nur in kleinen Ländern, sondern gerade auch bei den Schwergewichten Frankreich, Italien oder Spanien. Die Ausnahme sei Deutschland, erklärt die Professorin. Dort hätten die Hochschulabsolventen in den vergangenen 15 Jahren den Abstand noch ganz leicht vergrößert.

Hat das vielleicht damit zu tun, dass in Ländern wie Spanien das Angebot an Akademikern rasend schnell zunahm, während ihr Anteil in Deutschland relativ bescheiden wuchs? Schon, sagt die Münchner Forscherin, aber mit dem veränderten Angebot ließe sich nur ein Teil der Entwicklung erklären. Vor allem in Amerika, dem Vorreiter der digitalen Revolution, das kaum noch einen Bildungsschub erlebe. Auch dort sei die Prämie für die Hochschulabsolventen, die früher beinahe explodierte, nurmehr schwach gestiegen.

Entscheidend wird also die Nachfrage der Unternehmen nach gebildeten Leuten sein. Entscheidend wird sein, ob der technische Wandel nur einfache durch qualifizierte Jobs ersetzt - oder ob er mit Kapital, sprich: mit Robotern, Computern und Software die Arbeit verdrängt. Und genau dafür hat Dalia Marin noch mehr Indizien als nur die Skill-Prämie. Da ist vor allem die Sache mit der sinkenden Lohnquote: Rund um den Planeten schrumpft der Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen, während die Kapitalbesitzer ihren Anteil in die Höhe treiben. Das zeigt sich in allen Statistiken, obwohl sich die Gehälter der Topmanager und anderer Stars der modernen Wirtschaft, die ja auf der Lohnseite stehen, vervielfacht haben. Mit anderen Worten, so Marin: Für die Normalbürger wird der Lohnverfall noch unterschätzt. Er ist in Wahrheit noch krasser, als die nationalen Zahlen sagen. Für sie ist der Fall klar. Bisher hätten wir vor allem darüber geredet, wie die Gehälter zwischen einfachem Arbeiter und Akademiker auseinanderstreben. »Jetzt aber reden wir über Arbeit und Kapital.« Über die Verteilung zwischen denjenigen, die an den Computern arbeiten, und denen, die sie besitzen.

Die Münchner Ökonomin glaubt zum Beispiel gar nicht, dass der Bachelorabschluss als solcher für die Unternehmen unattraktiv ist. Doch jetzt, da Akademiker massenhaft vorhanden sind, »werden sie in Arbeitsbereichen eingesetzt, wo man wenig verdient - früher hat das ein besserer Abiturient gemacht.« Auch das ist ein Zeichen dafür, dass die Nachfrage nach gebildeten Leuten wankt, weil Computer eine wachsende Zahl von Jobs billig und kompetent erledigen. Zu allem Überfluss ist dieses Kapital, sind Rechner und Roboter seit der Finanzkrise fast kostenlos zu finanzieren, weil die Zinsen historisch niedrig sind. Dieser unverdiente Vorteil fürs Kapital steigert den Druck auf Jobs und Löhne noch.

Arbeit gegen Kapital, das ist auch das Ringen, das Thomas Piketty in seinem Bestseller Das Kapital im 21. Jahrhundert herausgestellt hat. Bloß ist es dem französischen Starökonomen für den Verteilungskampf nicht so wichtig, warum das Kapital gewinnt - er will dem mit höheren Steuern widerstehen. Doch für die Frage der Bildung ist das Warum entscheidend. Und nicht nur für Dalia Marin ist klar: Dahinter steckt vor allem die Digitalisierung. In einer Studie von 2013 sagen zwei amerikanische Wirtschaftsforscher, zur Hälfte sei der Computer für den Verfall der Lohnquote verantwortlich.

Wenn das so ist und mehr noch künftig so sein wird, dann kann es in der Tat in die Sackgasse führen, mehr Menschen die Bildungsleiter hoch zujagen. Sie würden sich dann nur gegenseitig aus den knapper werdenden Akademikerjobs verdrängen, während sich zu wenige Kandidaten für lukrative Ausbildungsberufe bewerben. Die Logik dahinter: Auch wenn die Computer vielleicht Mediziner in der Diagnose ersetzen, so doch nicht Krankenschwestern. Und falls sie schnell mittleren Managern und Sachbearbeitern die Arbeit streitig machen, so doch nicht denjenigen, die weiter die Maschinen in den Fabriken bedienen und warten: den gut ausgebildeten und natürlich computerversierten Facharbeitern.

Die Angriffe gegen den kategorischen Bildungsimperativ mehren sich

Sascha Spoun nickt. Als Präsident der Leuphana Uni in Lüneburg denkt er an Qualität, nicht Quantität. Durch Auswahlverfahren und Konzentration auf Kernfächer hat er die Zahl der Studenten verkleinert. »Die duale Berufsausbildung ist die zentrale Stärke des Bildungssystems«, sagt er.

Als Hauptaufgabe müssten Bildungspolitiker den Anteil der jungen Leute verringern, die gar keine Berufsausbildung erreichen. Aber ob nun ein großer Teil in die Lehre gehe oder auf die Fachhochschule, sei letzten Endes egal. Mit anderen Worten: Die zusätzliche Stufe auf der Bildungsleiter zu erklimmen lohnt sich nicht für alle.

Noch sind es nur Indizien, die Forscher und Fachleute am kategorischen Bildungsimperativ zweifeln lassen. Aber die Angriffe nehmen zu. Der Flugzeugträger muss erste Einschläge hinnehmen, Schotten müssen dicht gemacht werden. Wird der Kampf um die Talente, der die Diskussion über Jahrzehnte beherrschte, abgelöst durch das Ringen um die Rolle der Menschen in der kapitalgetriebenen Computerwirtschaft? Klarheit gibt es zwar nicht, aber es gibt Grund genug, die Diskussion zu verfeinern. Bewahrheiten sich die Hinweise, dann ist »Mehr Bildung ist besser« keine befriedigende Antwort mehr auf die Frage nach neuem Wohlstand. Dann lautet die Frage: Welche Bildung für wen?, und die ist für Politiker wesentlich schwerer zu beantworten, weil sie dann nicht nur mehr Wege zu höherer Bildung eröffnen kann, sondern auch andere Wege schließen muss.

Aus DIE ZEIT :: 13.11.2014

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