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Wenn der Berg ruft

VON MATTHIAS DAUM UND FLORIAN GASSER

Deutsche Professoren zieht es nach Österreich und in die Schweiz. Dort sorgen sie für das Ende der Gemütlichkeit.

Wenn der Berg ruft© like.eis.in.the.sunshine - photocase.deWarum die deutschen Professoren bei ihren Nachbarn schlecht ankommen
Kürzlich knallte es wieder mal an einer Schweizer Universität. Diesmal in Bern. Im vergangenen Herbst wollte das Historische Institut einen neuen Lehrstuhl besetzen. 120 Bewerber meldeten sich auf die Stellenausschreibung. Fünf Kandidaten waren bereits in der engeren Auswahl. Doch dann stoppte die Uni-Leitung plötzlich das Auswahlverfahren. Ein Formfehler, hieß es. In der Öffentlichkeit war man sich indessen sicher: Es ging um den Pass der Bewerber. Die fünf Kandidaten kamen allesamt aus Deutschland - und kein einziger aus der Schweiz. Deutsche Professoren haben in der Schweiz einen schweren Stand. »Die Germanen kommen«, titelte die Tageszeitung Der Bund. Von »Invasoren« schrieb der Beobachter. Die Deutschen haben die längeren Publikationslisten als ihre Schweizer Kollegen, sie werden ein paar Jahre früher Privatdozent; das zeigt ein Blick in die Statistik. Kurzum: Sie sind harte Konkurrenz. Und das mögen die Schweizer nicht. Aber auf die Deutschen verzichten, das könnte sich keine Hochschule leisten. So stammen an der Uni Zürich mehr als ein Drittel der Professoren aus Deutschland, in Basel sind es gar über 40 Prozent.

In Österreich ist es ähnlich: Die Studenten schimpft man Numerus-clausus-Flüchtlinge, weil sie angeblich alle zu Hause keinen Studienplatz ergattern konnten. Und das wissenschaftliche Personal wird oft schief angesehen. Stefan Hopmann etwa, der aus Göttingen kommt und als Professor am Institut für Bildungswissenschaft an der Uni Wien arbeitet, sagt: »Als ich einmal in eine österreichische Kommission berufen wurde, hat mich ein Kollege angebrüllt: Ich müsse einem Österreicher den Vorzug geben.« Als er sich vor 14 Jahren in der Donau-Metropole bewarb, ging er nicht davon aus, die Stelle zu bekommen. »Österreich hatte den Ruf, Österreicher einzustellen«, sagt er.

Mittlerweile ist die Zahl der deutschen Professoren an den Unis von Wien bis Salzburg, von Innsbruck bis Graz stark angestiegen. Im Jahr 2014 kamen von 238 Berufungen 66 von deutschen Universitäten, 62 aus anderen Ländern. So viele Fremde bringen nicht nur die Medien, sondern auch die Politiker aus dem Konzept. Die Universität Innsbruck sei schon fast eine deutsche Hochschule, klagte einst der frühere Wissenschaftsminister Erhard Busek. Karlheinz Töchterle, einer seiner Nachfolger, winkt düpiert ab, wenn er das Gerede über die angebliche Germanisierung hört. Die Klagen über deutsche Kollegen hält der Professor für Klassische Philologie an der Universität Innsbruck für eine wehleidige Jammerei. Natürlich seien die Mentalitätsunterschiede gewaltig, »und im Umgang miteinander kann es, wenn sich Gruppen nach Nationalitäten bilden, auch Konflikte geben«. Aber die »Germanisierung« sei doch auch ein Glück für Österreich - damit würden seine Hochschulen endlich internationaler.

An den Donau-Akademien ging es nämlich lange Jahrzehnte recht gemütlich zu. »Während der Leistungsdruck auf den Mittelbau in Deutschland zunahm, konnte man hier den Professorentitel tragen, ohne je berufen zu werden«, erzählt Töchterle. Eine Habilitation genügte. Will heißen: In Österreich konnte ein Wissenschaftler jahrzehntelang lehren und forschen, wie er wollte. Mit der Sicherheit und dem Zahltag eines Staatsbeamten. Doch wer sich nicht nur für die eigene Karriere, den eigenen Lehrstuhl, die eigene Fakultät oder die eigene Uni interessiere, sagt Töchterle, der sehe: »Es ist ein großer Vorteil, so starke Wissenschaftsnationen wie Deutschland und die Schweiz als Nachbarn zu haben. Bei Berufungen kann man aus dem Vollen schöpfen.«

Hört man sich an den österreichischen Universitäten um, klingt es allerdings nicht überall derart euphorisch. Deutsche Professoren würden sich manchmal nur bewerben, um mit einem Angebot bei ihren Heimat-Unis bessere Konditionen herauszuschlagen, erzählen Personen, die in Berufungskommissionen sitzen. Die besten Forscher gingen nicht nach Österreich. Nur die zweite Reihe ziehe es hierhin. Die Gehälter seien oft zu niedrig, und der Verwaltungsaufwand überborde schnell. Rasch setzten sich viele wieder ins Ausland ab, wo mehr Geld und Renommee winkten. Stimmt das? Jammern gehört in Österreich seit je zum guten Ton - auch an den Hochschulen. Und die Bedingungen haben sich mittlerweile stark geändert. Eliteschmieden gibt es zwar keine. Einzelne Institute gehören aber zu den besten weltweit. Zum Beispiel jenes von Claudia Rapp. Die Berliner Byzantinistin arbeitete lange Jahre an der University of California in Los Angeles und wurde 2011 an die Universität Wien berufen. »Mein Fach in Wien ist Weltspitze, nirgendwo gibt es so viele Byzantinisten pro Quadratkilometer«, sagt sie. Die Unis hätten erkannt, dass sie ihren Forschern etwas bieten müssen. »Mittlerweile wissen die Rektoren, dass sie schon international vergleichbare Gehälter zahlen müssen, um gute Professoren zu bekommen«, sagt Rapp, »das war vor zehn Jahren noch nicht der Fall.«

Solche Probleme kennt man in der Schweiz nicht. Dort werden die Professoren gut bezahlt. Sehr gut sogar. 15.500 Euro erhalten sie im Schnitt umgerechnet im Monat. Auch das ist ein Grund für Wissenschaftler, um sich bei den Nachbarn zu bewerben. Wichtiger noch: Unter den 200 besten Hochschulen der Welt - gemessen an den Zitationen - finden sich sieben aus der Schweiz. Aus Österreich lediglich die Uni Wien. Und im »World Reputation Ranking«, das nach dem Prestige einer Uni fragt, landet die ETH Zürich auf Platz 15. Im Zuge ihres Erfolgs haben die Unis jedoch die Nachwuchsförderung vernachlässigt. Sie kaufen gerne gemachte Stars aus dem Ausland. Während etwa die TU München mit hundert Tenure-Track-Stellen ihre besten Jungforscher innerhalb von sechs Jahren zur Professur bringt, stehen Schweizer Nachwuchswissenschaftler allzu oft vor der Frage: Wie weiter? Und wird doch mal ein Lehrstuhl frei, der einen expliziten Bezug zum Land voraussetzt, ignorieren die Fakultäten ihre eigenen Ausschreibungen. Etwa, als die Uni Zürich eine Professur für Schweizer Medienforschung neu besetzte - und drei Deutsche in den Schlussgang kamen, von denen zwei keine Ahnung vom hiesigen Medienkuchen hatten. Die Uni-Leitung stoppte das Verfahren. Der öffentliche Druck war zu groß.

Aus DIE ZEIT :: 26.05.2016