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Wer die Wahl hat, hat die Qual - Auswertung der ersten Open Topic Tenure Track-Ausschreibung an der TU Dresden

VON HANS MÜLLER-STEINHAGEN

Die Technische Universität Dresden hat im Rahmen der Exzellenzinitiative ein neues Programm gestartet, um herausragende Wissenschaftler zu gewinnen. Der entscheidende Unterschied zu den herkömmlichen Berufungsverfahren ist, dass die Open Topic Tenure Track-Professuren völlig frei ausgeschrieben werden. Eine erste Auswertung des Verfahrens.

Wer die Wahl hat, hat die Qual© Frank JohannesProf. Müller-Steinhagen, Rektor der TU Dresden, ist von der Open Topic Tenure Track-Professur überzeugt
30. April 2014: Im Rektorat begrüße ich Dr. Lars Koch, den ersten unserer Open Topic Tenure Track-Professoren. Dieser Tag ist sicher für die TU Dresden und für Lars Koch gleichermaßen ein bedeutender: Lars Koch ist der erste berufene Open Topic Tenure Track Professor an der TU Dresden und in ganz Deutschland. Lars Koch ist nicht etwa Technik- oder Naturwissenschaftler, wie man es vielleicht an einer Technischen Universität vermuten könnte, sondern Geisteswissenschaftler, der aber interdisziplinär mit allen Fachrichtungen zusammenarbeiten will. "Meine Forschungen stehen quer zu allen traditionellen Richtungen", hat Lars Koch schon im Auswahlverfahren betont. "Doch gerade an der TU Dresden kann das scheinbar Unmögliche möglich werden, nämlich über alle Fachgrenzen hinweg zu untersuchen, wie zum Beispiel die Medienlandschaft technische Neuerungen, Risikoabwägungen oder auch gesellschaftliche Entwicklungen kommuniziert und prägt."

Lars Kochs Forschungsinteressen kreisen um die Kultur- und Medientheorie der Störung, die Literatur- und Mediengeschichte der Angst sowie um TV-Serie und Spielfilm als Medien gesellschaftlicher Selbstbeschreibung.

Seit Januar 2013 ist Prof. Koch Principal Investigator der interdisziplinären ERC Starting Grant-Forschergruppe "The Principle of Disruption". Die Gruppe analysiert gesellschaftliche Selbstbeschreibungen anhand von "Störungen" des Alltags wie Terroranschlägen, Amokläufen, Unfällen, Naturkatastrophen oder neuartigen Krankheitsbildern.

"Vom weltweiten großen Interesse waren wir selbst überrascht

Für mich als Rektor der TU Dresden ist die Berufung von Lars Koch als Professor für Medienwissenschaft und neuere deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften Bestätigung, dass unser Konzept der Open Topic Tenure Track-Professuren aufgeht.

Wenige Tage darauf startet auch unser zweiter Open Topic Tenure Track-Professor Daniel Balzani als Professor für Mechanik an der Fakultät Bauingenieurwesen seine Arbeit an der TU Dresden und noch ein paar Tage später Sabine Müller-Mall an der Philosophischen Fakultät als Professorin für Rechts- und Verfassungstheorie. Bis zum Wintersemester werden alle zehn Open Topic Tenure Track-Professoren ihre Professur an unserer Universität angetreten haben.

Sie alle haben sich gegen mehr als 1.300 Kandidatinnen und Kandidaten aus aller Welt durchgesetzt, die sich ebenfalls auf die Open Topic Tenure Track-Professuren an unserer Universität beworben haben.

Das Konzept

Was hat es mit den Open Topic Tenure Track-Professuren auf sich? Im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder hat die TU Dresden in ihrem Zukunftskonzept diese Maßnahme als völlig neuartiges Programm zur Gewinnung der weltweit "Besten Köpfe" für Forschung und Lehre entwickelt. Ansprechen wollten wir damit vor allem jüngere Wissenschaftler, die für ihr Alter bereits ungewöhnliche Erfolge und großes Potential aufweisen. Der entscheidende Unterschied zu herkömmlichen Professuren besteht darin, dass die Open Topic Tenure Track-Professuren thematisch völlig frei ausgeschrieben wurden und nach fünf Jahren bei entsprechender Leistung eine langfristige Anstellung in Aussicht stellen. Vom weltweiten enormen Interesse waren wir selbst überrascht. Für die insgesamt zehn Professuren gingen mehr als 1.300 Bewerbungen ein, rund ein Viertel davon von Frauen. Die Bewerber kamen aus allen Fachrichtungen: etwa die Hälfte aus den Naturwissenschaften und der Medizin, rund ein Drittel aus den Geisteswissenschaften, der Rest aus den Ingenieurwissenschaften. Zahlreiche Wissenschaftler der in den weltweiten Rankings unter den Top10 geführten Universitäten interessierten sich für die Open Topic Tenure Track-Professuren der TU Dresden. Unter ihnen auch viele im Ausland tätige deutsche Wissenschaftler, die gern nach Deutschland zurückkehren wollten. Zahlreiche Bewerber konnten sich in der Wissenschaftscommunity bereits mit hochrangigen Auszeichnungen profilieren.

Die Findungskommission

Damit bekam der Satz "Wer die Wahl hat, hat die Qual" eine völlig neue Dimension. Diese Qual der Wahl haben wir einer externen, zwölfköpfigen, hochkarätigen Findungskommission übertragen, die innerhalb von sieben Monaten aus der Fülle der Bewerbungen eine Vorschlagsliste erarbeiten musste. Noch bevor die Sichtung der Unterlagen und Vorstellungen der Bewerber erfolgte, galt es, geeignete Kriterien für eine faire und gerechte Auswahl zu finden. Auch wenn letztlich die Entscheidung anhand des individuellen Einzelfalles erfolgte, gab es von Beginn an feste Kriterien zur Auswahl, die insbesondere die Innovationskraft und Internationalität der bisherigen Forschungen, neue Lehrmethoden, aber auch die Interdisziplinarität der Lehr- und Forschungskonzepte, beinhalteten. Im Vordergrund stand immer ein eminenter Zugewinn an Forschungsdrang und Forschungsgeist für unsere Universität.

Geleitet wurde die Findungskommission von dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Professor Dr.-Ing. Matthias Kleiner. Auch wenn die Entscheidung ausschließlich der Kommission oblag, so wurden die Fakultäten und außeruniversitären Einrichtungen gleichwohl aktiv um Unterstützung und um eine Einschätzung, auch zu den Integrations- und Kooperationsmöglichkeiten mit den Bewerbern, gebeten.

Aus den mehr als 1.300 Bewerbungen hat die Findungskommission eine Shortlist mit 26 Kandidaten zusammengestellt. Diese Bewerber haben wir zu einem Kurzaufenthalt an die TU Dresden eingeladen. Wir haben uns Zeit für sie genommen. Einerseits wollten wir diese Bewerber kennenlernen, sie auf Herz und Nieren prüfen, schauen, wie ihre Forschungsthemen und ihre Persönlichkeiten zu unserer Universität passen. Gleichzeitig wollten wir ihnen aber auch die TU Dresden als attraktiven Arbeitgeber und Dresden als lebenswerte Stadt präsentieren. Im Rahmen dieser Aufenthalte gab es Gespräche in den Fakultäten sowie Termine in Instituten und außeruniversitären Einrichtungen. Einige Kandidaten hatten auch Vorträge für die Hochschulöffentlichkeit vorbereitet.

Parallel wurden zu jedem Bewerber mindestens sechs externe Gutachten eingeholt. Diese Gutachten sowie Stellungnahmen der interessierten Fakultäten bildeten letztlich die Grundlage zur Erarbeitung der abschließenden Empfehlungen durch die Findungskommission.

1.300 Bewerbungen, fast alle überzeugend gut und hoch qualifiziert. Der aufwändige und langwierige Auswahlprozess ist nun zu Ende. Unsere zehn Open Topic Tenure Track-Professorinnen und Professoren sind am Start und in den kommenden Jahren wird die TU Dresden zeigen, dass die Idee dieser neuartigen Professuren, die Auswahl durch die Findungskommission und die Einbindung der neuen Kolleginnen und Kollegen wegweisend für die Zukunft sind.


Über den Autor
Prof. Dr.-Ing. habil. DEng/Auckland Hans Müller-Steinhagen, Rektor der Technischen Universität Dresden.

Aus Forschung & Lehre :: Juni 2014

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