Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Wer schneller lebt, ist früher fertig - Gesundheitsmanagement in der Arbeitswelt


VON STEFAN POPPELREUTER

Wachsende und komplexere Anforderungen im Beruf rücken die Themen Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben immer mehr in den Fokus. Vor welchen Herausforderungen stehen wir bei der Suche nach einer zukunftsweisenden Gestaltung der Arbeitswelt?

Wer schneller lebt, ist früher fertig - Gesundheitsmanagement in der Arbeitswelt© everythingpossible - Fotolia.comDas BGM befähigt Mitarbeiter zu einem selbstbestimmten Umgang mit Gesundheit
Belastungen in Arbeit und Beruf nehmen zu - von den Mitarbeitern wird mehr verlangt, und die Mitarbeiter verlangen mehr. Die Trennung von Arbeits- und Privatleben wird zunehmend künstlicher, die Arbeitsbedingungen müssen sich zukünftig stärker nach den privaten Lebensverhältnissen und den Bedürfnissen der Mitarbeiter richten. Dies gilt auch und gerade für Hochschulen, in denen Personalentwicklungs- und unterstützungsprogramme im Vergleich zur Privatwirtschaft lange Zeit ein Schattendasein geführt haben oder schlicht und ergreifend nicht existent waren.

Erfreulicherweise hat sich das in den letzten Jahren grundlegend geändert. Inzwischen verfügt eine jede Hochschule über ein mehr oder weniger elaboriertes Programm zum so genannten Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM). Darunter versteht man die gesundheitsförderliche Gestaltung, Lenkung und Entwicklung betrieblicher Strukturen und Prozesse. Maßnahmen des BGM sollen Beschäftigten und Unternehmen gleichermaßen nutzen.

Welche Ziele verfolgt das BGM? Die Belastungen der Beschäftigten sollen reduziert bzw. optimiert werden, zugleich gilt es, die persönlichen Ressourcen der Belegschaft zu stärken. Durch gute Arbeitsbedingungen und Lebensqualität am Arbeitsplatz sollen einerseits Gesundheit und Motivation nachhaltig gefördert werden. Andererseits sollen solche Maßnahmen die Produktivität, Produkt- und Dienstleistungsqualität und Innovationsfähigkeit eines Unternehmens erhöhen. Die Grundgedanken des Betrieblichen Gesundheitsmanagements wurzeln in der Ottawa-Charta von 1986.

Dort wurde als zentrales gesundheitspolitisches Ziel die Befähigung der Bevölkerung zu einem selbstbestimmten Umgang mit Gesundheit sowie die gesundheitsförderliche Gestaltung der Lebenswelt und der Gesundheitsdienste formuliert. Das andere Fundament, auf dem das BGM aufbaut, ist der betriebliche Arbeitsschutz, der auf eine lange Tradition zurückblicken kann, im Rahmen europäischer Gesetzesinitiativen in den letzten Jahren gestärkt wurde und über eine weit fortgeschrittene Professionalisierung und Institutionalisierung verfügt. Ein umfassender BGM-Ansatz sollte über den seit 1996 vorgeschriebenen ganzheitlichen Arbeitsschutz hinaus auch die betriebliche Gesundheitsförderung, die Verbesserung der Führungskultur, Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf sowie Aufgaben der altersgerechten Arbeitsgestaltung berücksichtigen.

Doch damit Maßnahmen des BGM erfolgreich sein können, muss man wissen, was Menschen in der Arbeitswelt krank macht und was sie gesund hält. Geht man einmal über die altbekannten, klassischen Antworten (ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, gute soziale Kontakte, eine befriedigende Sexualität etc.) hinaus, so findet nach wie vor das Modell der Salutogenese des amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky Anwendung. Antonovsky kritisiert in diesem Modell eine rein pathogenetisch-kurative Betrachtungsweise und stellt ihr eine salutogenetische Perspektive gegenüber, die statt nach Krankheitsursachen und Risikofaktoren vorrangig danach fragt, warum Menschen gesund bleiben.

Grundannahme des Modells ist der Kohärenzsinn (engl. Sense of coherence; SOC) als eine globale Orientierung, der sich aus den Komponenten
  • der Verstehbarkeit (Fähigkeit eine Situation auf ihre Ursachen hin zu analysieren),
  • der Handhabbarkeit (Wissen um die eigenen Ressourcen), und
  • der Sinnhaftigkeit (Sinnhaftigkeit eines Bewältigungsversuches)
zusammensetzt.

Eine Situation zu deuten und sie aufgrund der gegebenen Ressourcen nach eigenem Gefühl sinnvoll zu bewältigen, lässt das Kohärenzgefühl entstehen, das Antonovsky als "das Geheimnis der Gesundheit" bezeichnet. Betriebliches Gesundheitsmanagement - gerade an Hochschulen, wo es ein hohes Maß an kognitiver Ressource und intellektuellem Durchdringungswunsch gibt - muss demnach mehr sein als "nur" Rückenschule und mobile Massageangebote.

Es nutzt wenig, wenn die Hochschule für übergewichtige Mitarbeiter spezielle Ernährungsberatungen anbietet. Denn gesünder wird man nicht alleine durch Programme. Die Stärkung der persönlichen Ressourcen, der individuellen Stressmanagementkompetenz, der eigenen psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) stellt hier die zentrale Größe dar. Die Hochschulen sollten daher jeden Einzelnen darin unterstützen, eine persönliche "Gesundheitsmotivation" zu entwickeln. Diese entsteht nur, wenn man die eigenen Handlungs- und Einflussmöglichkeiten die eigene Gesundheit betreffend erkennt, sie für sinnvoll erachtet und ihre Umsetzung auch für realistisch hält.

Doch wie kann dies gelingen? Wie fast immer liegt der Schlüssel zur gelungenen Verhaltenssteuerung und -modifikation in uns selbst. Das Paradoxon ist dabei, dass gerade weil wir heute gesünder leben denn je, werden wir alt genug, um die Langzeitschäden chronischer Belastungen und unbalancierter Lebensführung zu erleben. Daher ist es in Zeiten alternder Belegschaften umso wichtiger, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass eine langfristig erfolgreiche berufliche Karriere kein Sprint ist, sondern ein Marathon.

Dauerhaft erfolgreich ist, wer zwischendurch auch mal runterkommt, neue Kräfte sammelt und dem es gelingt, eine gute Balance zwischen Arbeit und Privatleben herzustellen. Der erste Schritt liegt in der Bewusstmachung der Situation: Wie lebt man bzw. würde man gerne leben? Schon dabei fällt oft auf, dass sich die Prioritäten, sei es auch nur in Bezug auf die Zeiteinteilung, zugunsten der Arbeit verschoben haben, ohne dass man das Gefühl hat, diesen Prozess wirklich bewusst mit beeinflusst zu haben. Es ist einfach unter dem fortwährend bestehenden Druck, dem Stress und der Hektik "so passiert".

Diesen Teufelskreis hin zu immer weniger Freizeit und immer mehr Arbeit, gilt es zu durchbrechen. Man stelle sich das Leben als ein Gebäude vor, das auf den vier Säulen Arbeit, Beziehungen, Gesundheit und Sinn steht, zwischen denen ein gutes Gleichgewicht herrschen sollte. Hier dreht es sich also alles um die uns gegebene, kostbare Zeit und was wir damit anfangen, wie wir sie nutzen, wie wir sie verteilen. Oft kreiert man sich die Zeitengpässe sogar selbst: Viel zu volle Tage, die in völlig unrealistischen To-Do-Listen resultieren, deren Abarbeitung dann einfach nur in Stress ausarten kann.


Über den Autor
Dr. Stefan Poppelreuter ist Diplom-Psychologe. Er ist Leiter des Bereichs HR Development Service bei der TÜV Rheinland Personal GmbH und arbeitet als Personal- und Managementberater und Coach. Er ist ausgewiesener Experte in den Bereichen Stoffungebundene Süchte und Stoffgebundene Abhängigkeiten. Bis 2001 war er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für Wirtschafts- und Organisationspsychologie des Psychologischen Instituts der Universität Bonn tätig. Dort promovierte er im Jahr 1996 zum Thema "Arbeitssucht".

Aus Forschung & Lehre :: Juli 2014

Ausgewählte Stellenangebote