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Wer ist Mister Bologna?

VON MARION SCHMIDT

Vor 15 Jahren wurde das Bachelor-Master-System beschlossen. Was kaum jemand weiß: Die größte europäische Studienreform hat ein deutscher Beamter im Alleingang eingefädelt. Eine Begegnung mit Hans Rainer Friedrich.

Wer ist Mister Bologna?© .marqs - Photocase.deWer steckt hinter der Bologna-Idee? - Ein Gespräch mit Hans Rainer Friedrich
Der 19. Juni 1999 ist ein revolutionärer Tag für die Hochschulen in Europa - und für Hans Rainer Friedrich. Jahrelang hat er sich darauf vorbereitet, hat Papiere geschrieben, Ideen entwickelt, verworfen, verfeinert. Er ist dafür quer über den Kontinent gereist, Paris, London, Rom. Und jetzt Bologna, die Stadt mit der ältesten Universität Europas, ein besonderer Ort: Seit Jahrhunderten kommen hier Studenten und Professoren aus aller Welt zusammen. Als Hans Rainer Friedrich am 17. Juni nach Italien fliegt, ist er aufgeregt. »Da haste jetzt ein großes Ding angeschoben, und das kriegste jetzt fertig«, sagt er. In seiner Stimme schwingt der Tonfall des Ruhrgebiets mit.

Das »große Ding« ist die Bologna-Erklärung, die damals, vor fünfzehn Jahren, von 29 europäischen Ländern unterzeichnet worden ist. Sie beschließen, ein zweistufiges Studiensystem einzuführen, mit Leistungspunkten und vergleichbaren Abschlüssen. Sie wollen einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen, in dem die Universitäten international wettbewerbsfähiger sind und die Studenten mobiler. Eine große Idee - ausformuliert von einem deutschen Ministerialbeamten. Was bis heute kaum jemand weiß: Es war Hans Rainer Friedrich, der eher unscheinbare damalige Abteilungsleiter für den Bereich Hochschule im Bundesbildungsministerium, der diese Jahrhundertreform praktisch im Alleingang über Jahre geplant, eingefädelt und durchgesetzt hat.

»Das hatte was von einem gelungenen Coup«, sagt Johanna Witte, die über den Bologna-Prozess promoviert hat, »ein Geniestreich.« Die Hochschulforscherin hat mit allen relevanten Akteuren von damals gesprochen, Friedrich ist für sie eine Schlüsselfigur. »Er war auf deutscher Seite der wichtigste Mann«, so Witte. Ohne ihn hätte es die Bachelor-Master-Reform in Deutschland zu dem Zeitpunkt in der Form wohl nicht gegeben. Ohne ihn hätte es allerdings womöglich auch nicht so viele Probleme bei der Umsetzung gegeben. Friedrichs Rolle ist durchaus umstritten. »Er war ein Kämpfer für die Sache, aber mit Methoden, die dem Prozess letztlich geschadet haben«, sagt Wolf-Michael Catenhusen. Er war 1999 Staatssekretär im Bundesbildungsministerium und hat die Bologna-Erklärung in Vertretung der Ministerin Edelgard Bulmahn unterzeichnet.

Die Studienreform

Die Ziele

Durch die Bologna-Reform soll ein einheitlicher europäischer Hochschulraum entstehen, die Unis sollen international wettbewerbsfähiger werden. Dazu wird das Studium in den mittlerweile 48 Mitgliedstaaten zweigeteilt, in ein Bachelor- und ein Masterstudium. Der Bachelorteil soll berufsqualifizierend sein. Um Studienleistungen überall anzuerkennen und die Mobilität der Studenten zu fördern, wurde ein Leistungspunktesystem (ECTS) eingeführt. Studiengänge sollen auf ihre Qualität überprüft werden. In Deutschland wollte man auch die Abbrecherquote und die Studiendauer senken.

Die Umsetzung

Die Bologna-Reform stieß von Anfang an auf zwei Probleme: die geringe Akzeptanz bei vielen Unis und die Vorgabe der Finanzminister, alles ohne Zusatzkosten umzusetzen. Dadurch wurden Studiengänge nicht richtig reformiert - Studenten klagen über verschulte Strukturen und volle Lehrpläne. Zudem wird der Bachelor als erster Abschluss von vielen Studenten, aber auch Unternehmen nicht akzeptiert. Was gelungen ist: Die Abbrecherquote ist leicht gesunken, und die Absolventen sind jünger.
Hans Rainer Friedrich, der gerade 70 Jahre alt geworden ist, wirkt nicht gerade wie ein durchtriebener Strippenzieher. Wer ihn in Bonn in seiner Wohnung mit Blick auf den Rhein besucht, trifft einen höflichen, älteren Herrn mit wachem Geist und manchmal schelmisch blitzenden Augen. Er ist niemand, der sich in den Vordergrund drängt.

29 Jahre lang hat er dem Staat gedient, er ist Mitglied der FDP, war Bürochef von Jürgen Möllemann im Bundesbildungsministerium und Leiter der Hochschulabteilung unter Jürgen Rüttgers. Ein Beamtenleben immer in der zweiten oder dritten Reihe. Immer hat er all die wichtigen Gesetze und Programme vorbereitet, mit denen am Ende die Minister glänzen konnten. Das hat ihn nicht gestört, solange man ihn in Ruhe seine Sachen machen ließ.

Mit Bologna hat Friedrich sein Lebensthema gefunden - und die Chance, einmal ein ganz großes Rad zu drehen. Auch wenn er selbst das so nicht sagen würde. Eigentlich müsste er davon schwärmen, was ihm da 1999 gelungen ist. Macht er aber nicht. »Ich bin kein besonders ekstatischer Mensch«, sagt er, ganz pflichtbewusster Beamter, so ruhig, dass man das auch sofort glaubt.

Früh hat Friedrich die Defizite der europäischen Hochschulsysteme erkannt. In den 1990er Jahren sind die Unis in Deutschland, wie auch in anderen Ländern überfüllt, verkrustet, international nicht wettbewerbsfähig. Die Absolventen sind im Schnitt 28 Jahre alt, wenn sie die Uni verlassen, viele brechen ihr Studium vorher ab, nur wenige gehen zum Studieren ins Ausland. Der Reformdruck ist hoch. »Europa wurde in der Welt als Flickenteppich wahrgenommen«, sagt Friedrich, »unattraktiv für ausländische Studenten und Wissenschaftler.«

Bologna soll nun die Probleme lösen, die ohnehin vorhanden sind. Ein kürzeres Bachelorstudium sei vor allem für Kinder aus bildungsfernen Familien besser plan- und finanzierbar. Davon ist Friedrich bis heute überzeugt, auch aus eigener Erfahrung: Er war eines von vier Kindern, sein Studium der Volkswirtschaftslehre hat er selbst finanziert und deshalb zügig beendet. »Ich wäre gern ins Ausland gegangen, aber das konnte ich mir nicht leisten.«

Der Impuls für eine Reform der Hochschulsysteme kommt damals nicht, wie oft behauptet, aus der Wirtschaft, sondern aus Europa, genauer: vom damaligen französischen Bildungsminister Claude Allègre. Er überzeugt 1998 seine Amtskollegen aus Deutschland, Großbritannien und Italien davon, dass Europa auch im Bereich Bildung enger zusammenwachsen müsse. Daraufhin entsteht die Sorbonne-Erklärung, Vorläuferin von Bologna. Jürgen Rüttgers, der damalige deutsche Bundesbildungsminister, kann mit der Erklärung wenig anfangen, aber er ist mit Allègre gut befreundet und will sich als europafreundlicher Politiker präsentieren. Andere europäische Länder fühlen sich jedoch ausgegrenzt. Die Sorbonne-Erklärung sorgt für Ärger.

Eine neue Erklärung muss her

»Damit kam meine Stunde«, sagt Friedrich, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und beginnt zu erzählen. Bereits 1994 hat er eine Arbeitsgruppe der Hochschulabteilungsleiter aller EU-Staaten gegründet, die sich regelmäßig trifft und zu akademischen Themen austauscht. Jetzt lässt er sich den Text der Sorbonne-Deklaration geben, um daraus mit seinen EU-Kollegen ein gesamteuropäisches Dokument zu erstellen. Mit eingebunden sind auch Vertreter der Hochschulen, aus Deutschland Klaus Landfried, der damalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, ein wortgewaltiger und durchsetzungsstarker Mann, der die deutschen Unis, wie er selbst sagt, in »endlosen Sitzungen und Hunderten Gesprächen« auf Bologna einschwor. Er will Europa voranbringen und die deutschen Unis internationaler machen. In ihm hat Friedrich einen Verbündeten gefunden. Die beiden kennen sich gut, schätzen sich. Friedrich sei für ihn »sehr hilfreich« gewesen, sagt Landfried, er habe eine »unglaubliche Sachkenntnis«. »Die beiden bildeten eine Achse«, sagt Johanna Witte, »die fanden sich gegenseitig wichtig.«

In der Arbeitsgruppe entsteht der Entwurf für die Bologna-Erklärung. Wichtig ist Hans Rainer Friedrich, dass der Text nicht zu bürokratisch wird, nicht zu viele Paragrafen hat und dass die Grundidee nicht zerredet wird. Er versucht, die Politik so weit wie möglich von den Vorbereitungen fernzuhalten. »Wenn wir das zu früh mit den Ländern besprochen hätten, wäre daraus nie etwas geworden.« Der ehemalige Staatssekretär Catenhusen hält diese Geheimtaktik für einen Fehler. »Das war ein closed shop«, sagt er. »Die wollten alles allein machen und hatten Sorge, dass wir andere Ideen haben oder den Prozess abwürgen.« Vielleicht wäre das so gewesen, vielleicht auch nicht. Friedrich jedenfalls behält »freie Hand«.

Als er nach Bologna reist, ist das Papier zu 98 Prozent fertig, sagt er, den Rest sollen die Minister vor Ort machen. Am Vorabend des 19. Juni gibt es ein festliches Dinner im Portico San Giovanni in Monte, in einem ehemaligen Gefängnisgebäude mit schönem Innenhof. Catenhusen erinnert sich daran, wie heftig an dem Abend noch gekungelt und am Konzept gearbeitet wurde. Bei der Zeremonie am nächsten Tag in der Aula Magna der Uni von Bologna werden alle Ländervertreter einzeln zu ihrer Unterschrift aufgerufen. Ein großer Moment. Im Hintergrund steht Hans Rainer Friedrich und freut sich. »Das war ein schöner Tag, die Italiener haben das recht pompös gestaltet.« Doch die Ernüchterung kommt bald.

Der Bologna-Reform ist es im Laufe der Jahre ähnlich ergangen wie der Hartz-IV-Reform: Eine ursprünglich sinnvolle und notwendige Veränderung wird in der Praxis heute nahezu nur noch negativ wahrgenommen. Die meisten Professoren an den Unis waren von Anfang an gegen eine Zweiteilung des Studiums in einen berufsqualifizierenden Bachelor-Abschluss und einen weiterqualifizierenden Masterteil. Sie wollten ihre wohlgepflegten Lehrgebiete nicht reduzieren, weshalb man vielerorts die Studiengänge gar nicht richtig reformierte. Mit der Folge, dass Studenten bis heute über verschulte Strukturen und vollgestopfte Lehrpläne klagen.

An vielen Unis, nicht Fachhochschulen, ist die Bologna-Reform vermurkst worden. Das ist nicht die Schuld von Hans Rainer Friedrich, aber er hat es auch nicht verhindert, vielleicht sogar, ohne das zu wollen, befördert. »Er wollte eine politische Idee durchsetzen«, sagt Catenhusen, »er war nur an der Unterschrift interessiert, nicht an der Umsetzung.« Sowohl Friedrich als auch Landfried hätten die Probleme, die so ein tief greifender Einschnitt ins Hochschulsystem mit sich bringen würde, ausgeblendet.

Friedrich wehrt die Kritik ab. »Alles Quatsch«, sagt er und schüttelt fast unwillig den Kopf. Ist er nicht enttäuscht, was aus seinem Werk geworden ist? »Nein, warum? Ist doch alles auf einem guten Wege.« Er hält die Reform nach wie vor für richtig und notwendig. Niemand soll seine Leistung schlechtmachen, nur weil ein paar Unis die Reform nicht gut umgesetzt haben. »Ich will nicht der blöde Bürokrat sein, der den Unis das eingebrockt hat.«

Es bleibt ein ambivalentes Gefühl

Ohne den persönlichen Einsatz von Hans Rainer Friedrich wäre die Bachelor-Master-Reform zu dem Zeitpunkt in Deutschland wohl nicht zustande gekommen. Er war der Treiber, der Stratege - eine Rolle, die damals kein Bildungspolitiker einnehmen wollte. »Deutschlands Rolle damals war eher zurückhaltend bis peinlich«, sagt die Hochschulforscherin Witte, viele Politiker hätten sich kaum auf Englisch verständigen können und wenig Begeisterung für Europa übriggehabt. Es brauchte jemanden wie Friedrich, einen »überzeugten Europäer«, um die Reform überhaupt anzuschieben.

Doch der hat nicht den Austausch gesucht, der notwendig gewesen wäre, um frühzeitig alle Beteiligten ins Boot zu holen. In gewisser Weise hat Friedrich alle überrumpelt. Im Ministerium hat man ihn jahrelang werkeln lassen.

Man war froh, dass sich da jemand mit dem lästigen Thema Europa befasste. Ein Lob für seine Verdienste um die Bologna-Reform hat er im Ministerium nie bekommen. »Man muss seine Zufriedenheit aus der Sache ziehen«, sagt er. Es soll nüchtern klingen, aber im Grunde schmerzt ihn das.

Zwei Jahre nach der Erklärung von Bologna wird der Beamte Friedrich entlassen. Im Ministerium hat man keine Lust mehr auf seine Alleingänge.

Aus DIE ZEIT :: 18.06.2014

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