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Wer kann das bezahlen? Exorbitante Studiengebühren in den USA

von Christoffer H. Grundmann

Ein Studium in den USA ist teuer. Das gilt nicht mehr nur für Institutionen in privater Trägerschaft, für die immer schon mehr aufgebracht werden musste, als für ein Studium in öffentlichen Einrichtungen. Es gilt auch für die staatlichen Universitäten.

Wer kann das bezahlen? Exorbitante Studiengebühren in den USA© Tom Schmucker - iStockphoto.comDie Studiengebühren in den USA sind in den letzten 20 Jahren um das 500-fache gestiegen
Die Studiengebühren an staatlichen Universitäten in den USA sind rasant angestiegen, seit 1990 immerhin um über 500 Prozent (!) bei gleichzeitigem effektiven Absinken der Realeinkommen privater Haushalte. Um ein für eine Berufskarriere als unabdingbar geltendes Grundstudium finanzieren zu können, müssen die meisten Studierenden (66 Prozent) private Ausbildungsdarlehen aufnehmen, durch die sie sich und ihre Familien - die Banken haben sich per Gesetz abgesichert, dass selbst im Falle des Bankrotts oder des Todes des Darlehnsnehmers derlei Darlehen vollständig und mit Zinsen zurückgezahlt werden müssen - im Schnitt um 26.000 US-Dollar verschulden.

Mehrere Ursachen sind für diesen in angesehenen Medien als "untragbar", ja sogar als "absurd" bezeichneten Umstand verantwortlich. Zum einen ist es die Kürzung öffentlicher Förderung, die in den Jahren 2006-2011 durchschnittlich 13 Prozent betrug, im Staat South Carolina sogar 32 Prozent. Die wahre Dimension dieses Problems wird allerdings erst in längerfristiger Perspektive deutlich. So hat z.B. die University of California in Los Angeles seit 1990 eine Reduktion staatlicher Zuschüsse von über 60 Prozent verkraften müssen und die Subventionen für die University of Michigan in Ann Arbor wurden von ehemals 80 Prozent (1960) auf 17 Prozent (2011) zurückgefahren.

Andere Gründe für den rasanten Kostenanstieg sind neben der infolge der Datenerhebung und Kontrolle für die verschiedensten Akkreditierungsstellen (staatlichen, akademischen, sportlichen, berufsgenossenschaftlichen) notwendig gewordenen Vergrößerung der Verwaltung sowie der Rechtsabteilung die Investitionen in Marketing, die ständige Erweiterung der Leistungsangebote (z.B. zur Unterstützung von Studierenden mit Migrationshintergrund) und die immer wieder erforderlichen baulichen wie technischen Modernisierungen.

Von Seiten der Institutionen ist man sehr um Kostendämpfung bemüht z.B. dadurch, dass man weniger Professoren fest anstellt (1975: 45 Prozent; 2009: 24 Prozent), mehr Teilzeit Lehrende unter Vertrag nimmt (1975: 24 Prozent; 2009: 41 Prozent) und die Studierendenzahl pro Lehrveranstaltung erhöht. Weitere kostendämpfende Maßnahmen werden in einem verbreiterten Lehrangebot über das Internet gesehen und dementsprechend gefördert. Vor allem hier gibt es bemerkenswerte Initiativen, die sowohl von namhaften Universitäten als auch von einzelnen Bundesstaaten getragen werden.

Online-Alternativen

1997 gründeten Ministerpräsidenten von 19 Staaten die Western Governors University (WGU) als Web basierte, einen Bachelor-Abschluss verleihende online Alternative zum konventionellen Studium zu einem Bruchteil der üblichen Studiengebühren. Stanford, Princeton, die University of Michigan und die University of Pennsylvania riefen 2011 Coursera.org ins Leben (z.Zt. 198 Kurse im Angebot; 1,4 Millionen Studierende). Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) stellte in Zusammenarbeit mit Harvard 2012 edX ins Netz (z.Zt. 7 Kurse; 350.000 Studierende) und im gleichen Jahr trat ebenfalls der kommerzielle Anbieter Udacity.com (z.Zt. 14 Kurse im Angebot; 400.000 Studierende) auf den Plan.

Diese Initiativen, die ihre Kurse teils allgemein zugänglich und kostenfrei, teils, vor allem wenn ein zertifizierter Abschluss angestrebt wird, gebührenpflichtig anbieten, gehören zur ersten Generation der sogenannten "Massive Open Online Courses" (MOOCs), die nicht nur eine ungeahnte globale Interaktion ermöglichen, sondern auch das Bild universitärer Bildung zukünftig mehr und mehr bestimmen dürften. Ihr Anliegen ist es, "allen überall und zu jeder Zeit" erschwinglichen Zugang zu höherer Ausbildung zu ermöglichen. Obwohl bisher weder die Fragen der Anerkennung der Abschlüsse hinreichend geklärt sind noch die der Nachhaltigkeit kognitiver Rezeption digitaler Information, der angesichts der desolaten Finanzlage immer lauter werdende Ruf nach einer "Neuerfindung der Universität" (Reinventing College) setzt große Hoffnungen auf diese so praktisch und kostengünstig erscheinende Lösung, offensichtlich ohne zu bedenken, dass Bildung weit mehr ist als bloße Sachinformation. Es bleibt abzuwarten, wie sich Universitäten und Colleges angesichts dieser Herausforderung verändern werden.


Über den Autor
Professor Dr. Christoffer H. Grundmann, Valparaiso University, Valparaiso, Indiana, USA.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2013

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