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Wer kann ihm folgen?

VON MAXIMILIAN PROBST

Die Uni Freiburg will den Heidegger-Lehrstuhl in eine Junior-Professur umwandeln. Die weltweiten Proteste dagegen sind reich an Worten - und arm an Fakten.

Wer kann ihm folgen?© Universität FreiburgDer Streit um die Heidegger Professur in Freiburg nimmt weltweite Ausmaße an
Die Philosophie steht seit Platon und Aristoteles in einer innigen Verbindung zum Staunen. Sie beginnt mit dem Staunen über die Welt. Sie endet vielleicht auch mit dem Staunen. Und dazwischen lehrt sie, wie man staunt.

Manchmal auf eine ganz profane Art: Ist es nicht phänomenal erstaunlich, dass zurzeit von den USA bis Korea, von Norwegen bis Peru, von Spanien bis Australien, also wirklich weltweit über die Personalplanung am Philosophischen Seminar der Universität Freiburg diskutiert wird? Fast 3.000 Akademiker haben einen Aufruf unterzeichnet, der sehr deutliche Vorstellungen darüber artikuliert, wie eine dort vakant werdende Professur besetzt werden soll. Darunter finden sich so namhafte Autoren und Philosophen wie Judith Butler, Jean-Luc Nancy, Hans Ulrich Gumbrecht und Rüdiger Safranski. Die Petition ist mit den Worten Rettet die Phänomenologie und Hermeneutik in Freiburg überschrieben.

Um die Aufregung etwas besser zu verstehen, muss man wissen, dass der bekannteste Philosoph, der mit diesen philosophischen Denkrichtungen in Verbindung steht und der einst diese Professur innehatte, Martin Heidegger ist. Ein Philosoph, der bekanntlich, nun, was eigentlich war? Als eine »Drehscheibe« der Spätmoderne, so könnte man ihn bezeichnen, mit einem von Habermas entlehnten Wort. Soll heißen, von Heidegger aus geht's im 20. Jahrhundert in alle Richtungen. Habermas kommt von Heidegger her, der Existenzialismus von Sartre kommt von ihm her, die Dekonstruktion Jacques Derridas und auch das ökologische Denken bis hin zu Peter Sloterdijk.

Selbst dort, wo man es am wenigsten vermuten würde, finden sich Bezüge zu Heidegger: Anti-Gentrifizierungs-Vordenker berufen sich auf seinen Raumbegriff, und auch die Theoretiker der Kybernetik entdecken neuerdings, dass der Wald-und-Wiesen-Philosoph aus dem Schwarzwald ihr Denken in vielem vorweggenommen hat.

Es besteht also kein Zweifel, dass Heidegger ein außerordentlich produktiver Kopf war, dessen Denken uns noch lange beschäftigen wird. Es besteht aber auch nicht der geringste Zweifel, dass Heidegger ein ziemlich infamer Mensch war, dessen Denken eine beispiellose Niederträchtigkeit und Perversion erreichte. In der Anfangsphase des »Dritten Reichs« empfahl er sich als NS-Chefideologe.

Nach dem Krieg fiel ihm zur Schoa nichts ein, außer der Bemerkung, moderner, motorisierter Ackerbau sei »im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern«. In der jüngsten Lieferung der Schwarzen Hefte lässt sich nun noch nachlesen, dass Heidegger den Entzug seiner Lehrerlaubnis als größere weltgeschichtliche Katastrophe betrachtete als die Konzentrationslager und dass er im Übrigen davon auszugehen schien, dass die Juden die Schoa selbst zu verantworten hätten.

Sie seien Urheber jenes kalten instrumentellen und rechnenden Denkens, das mit der Moderne planetarische Ausmaße angenommen und auch die Nazis selbst infiziert habe. »Himmler«, schlussfolgert Heidegger, »war wesenhaft jüdisch.« Jürgen Kaube, der für das Feuilleton verantwortliche Herausgeber der FAZ, hat dankenswerterweise diesen Wahnwitz aus den Schwarzen Heften herausgelesen und damit prägnanter als je zuvor Heideggers »kompletten Verlust seiner philosophischen Urteilskraft« ausgestellt. Leider hat Kaube kurz danach selbst ein bisschen an Urteilskraft eingebüßt.

Man hatte dem verdienten Journalisten zugetragen, dass an der Freiburger Uni die vakant werdende Heidegger-Professur in eine Juniorprofessur für Logik und Analytische Sprachphilosophie umgewandelt werden solle. In der zeitlichen Nähe zur Publikation der Schwarzen Hefte konnte das für Kaube nur eins heißen: »... der Versuch, einen überdeutlichen Schlussstrich zu ziehen. Andere Gründe dafür erschließen sich nicht. An dem vergleichsweise kleinen Seminar für Philosophie gibt es nur zwei Lehrstühle; der zweite ist der Philosophie des Mittelalters gewidmet.« Das wäre es dann also gewesen mit der großen Freiburger Tradition von Hermeneutik und Phänomenologie.

Von diesem Schreckensszenario aufgescheucht, ergriff der Philosoph Markus Gabriel aus Bonn in der Süddeutschen Zeitung das Wort und attestierte erst mal seinen deutschen Philosophiekollegen »defätistischen Kleinmut«, weil sie lieber auf die USA schielen würden, statt sich mit Nietzsche und Heidegger zu beschäftigen. Gabriel wusste auch um die Ursache des Freiburger Kleinmuts: »Als Grund wird vorgeschoben: Heidegger sei wegen seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus eine zu kontroverse Figur.« Damit waren es also die Freiburger Verantwortlichen selbst, die das Nazi-Erbe als Vorwand »vorgeschoben« haben. Kaubes Spekulationen hatten eine steile Karriere gemacht.

Wobei das Wort »vorgeschoben« natürlich nahelegt, dass es eigentlich um etwas anderes geht. Gabriel nennt dies andere »Institutsgerangel«, will sich aber nicht weiter darüber auslassen. Jedenfalls steht am Ende dieses Kapitals eine Petition, die Gabriel zum Erhalt der Phänomenologie und Hermeneutik verfasst hat und die nun um die Welt gegangen ist. Darin legt er auch noch mal dar, was Kaube schon angemahnt hatte: Der Verlust der Heidegger-Professur treffe auch Edmund Husserl, den Lehrer Heideggers, der wegen seiner jüdischen Herkunft seine Stelle in Freiburg 1933 aufgeben musste. Und es könne ja nicht der Sinn sein, dass Heideggers NS-Verstrickungen nun zulasten Husserls und seiner Phänomenologie ginge. Kurz, das alles sei ein »Skandal!«.

Das Echo auf die dergestalt referierten Freiburger Pläne fiel dann auch einstimmig aus: »Absurd«, urteilte der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth, »Geschichtsvergessen«, schimpfte der Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski. Andere wiederum mahnten in offenen Briefen, und die Neue Zürcher Zeitung klagte über eine »Austreibung des Geistes«, die mit der guten Tradition der »kontinentalen« Philosophie breche, zugunsten von »Argumentationstechnik und Sprachanalyse«. Freiburg, so klingt es durch, läutet gerade den Untergang des Abendlandes ein. Was soll man aber tun, wenn das Abendland untergeht? Erst mal Husserl lesen! Der hat geschrieben: »Vernünftig oder wissenschaftlich über Sachen urteilen, das heißt aber, sich nach den Sachen selbst richten.« Husserls »zu den Sachen selbst« heißt in diesem Fall, bei der Uni Freiburg nachzufragen, was die dort eigentlich treiben.

Dort hört man: Die Juniorprofessur-Idee habe nichts mit Heideggers Schwarzen Heften zu tun. Die Pläne hätten schon 2013 vorgelegen, als von den Schwarzen Heften noch keine Rede gewesen sei. Man hört auch, dass es in Freiburg mehr als die zwei von Jürgen Kaube erwähnten Professuren gibt. Nämlich vier volle Professuren, eine davon fürs Husserl-Archiv. Dazu kommen drei weitere Juniorprofessuren, mit denen die Freiburger schon gute Erfahrungen gesammelt hätten. Weiter hört man, dass die neue Stelle besser ausgestattet sein soll als die alte W3-Professur, mit zwei Mitarbeitern und einer halben Sekretariatsstelle. Die Juniorprofessur soll zudem mit tenure track ausgeschrieben werden. Das heißt: Nach sechs Jahren könnte der Inhaber der Stelle, wenn er hält, was er verspricht, auf die alte W3-Stelle rücken. Der Empfehlung des Wissenschaftsrates folgend, möchte Freiburg damit den Karriereweg für Nachwuchswissenschaftler transparenter gestalten.

Und die Abkehr von der »kontinentalen Philosophie«, die Markus Gabriel und die NZZ befürchten? Na ja, die muss nicht zwingend stattfinden, nur weil man sich in einer Professur, die nach wie vor den offiziellen Namen »Philosophie mit dem Schwerpunkt Neuzeit und Moderne« tragen soll, auch der Sprachphilosophie und Logik zuwendet. Prominentes Beispiel: Markus Gabriel. Der Philosoph, selbst noch im Alter eines Juniorprofessors oder Postdocs, gibt seine Schwerpunkte in Bonn so an: »Heidegger, Wittgenstein, analytische und postanalytische Philosophie«. Kann, was er kann, kein anderer?

Unterdessen hat der Rektor der Freiburger Uni versucht, sich in der Süddeutschen Zeitung verständlich zu machen. Das scheint ihm allerdings nur bedingt gelungen zu sein. Vielleicht, weil er seinen Kritikern um die Ohren schlug, er verstehe die Aufregung nicht, und zwar »ganz und gar nicht«. Das nahm Jürgen Kaube, der sich offenbar im Recht fühlte und die ihm unterlaufenen faktischen Fehler schon deswegen nicht richtigstellte, als Anlass zur nächsten fulminant formulierten Attacke. Er verstehe sehr gut, schrieb er, dass der Freiburger Rektor nichts verstehe, weil der ja ohnehin nur nach Stanford schaue und nach Exzellenz lechze und deshalb nicht merke, wenn sich andere über seine Phrasen ärgerten, mit denen er seine dümmlichen Entscheidungen dekoriere.

Der Rektor wurde nicht beim Namen genannt. Aber es klang, als käme er direkt von McKinsey. Tatsächlich ist Hans-Jochen Schiewer Germanist, Schwerpunkt mittelalterliche Literatur. Aber auch das ist natürlich nur eine Fußnote, wenn es um die Rettung der Tradition geht. Und, was macht man nun mit dem Fall? Wahrscheinlich täten die Freiburger gut daran, wirklich sehr genau zu schauen, dass sie einen Juniorprofessor finden, der mit kritischem Blick das Heidegger-Erbe zu sichten weiß. Wenn am Ende ein knochentrockener Logiker und Analytiker dasteht, wäre etwas falsch gelaufen. Für uns Journalisten aber gilt: Wenn es uns mehr schreckt, nicht gehört zu werden, als voll danebenzuliegen, läuft auch etwas falsch. Die Hermeneutik, an der Heidegger so leidenschaftlich arbeitete, ist übrigens die Lehre des Verstehens. Und ihr Wesenskern der Dialog.

Aus DIE ZEIT :: 01.04.2015

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