Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Werden die Hochschulen zu Sklaven der Wirtschaft?

Von MICHAEL HARTMANN und HORST HIPPLER

Ja, die Wirtschaftsnähe der Hochschulen ist zu groß, sagt der Soziologe Michael Hartmann. Nein, widerspricht der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler.

Werden die Hochschulen zu Sklaven der Wirtschaft?© markusspiske - photocase.deWelche Rolle nimmt die Wirtschaft in der Wissenschaft ein?

Pro

Eine gewisse Nähe zur Wirtschaft hatten die Hochschulen immer. Vor allem an den Technischen Hochschulen und den Fachhochschulen gab es viele von Unternehmen finanzierte anwendungsorientierte Forschungsprojekte. Dazu gehörte immer auch eine direkte oder indirekte Einflussnahme.

In den vergangenen 20 Jahren ist es aber zu einer dramatischen Veränderung gekommen. Das Verhältnis zwischen der Grundfinanzierung der Hochschulen durch den Staat und die Mittel Dritter ist vollkommen aus dem Lot geraten. Zwischen 1995 und 2012 hat sich der Anteil dieser Drittmittel an den Hochschuleinnahmen von 13,6 auf 29,2 Prozent mehr als verdoppelt. Rund ein Fünftel davon kam aus der Wirtschaft.

Betrachtet man nur die Forschung, ist der Einfluss der Drittmittel noch größer. Hier hat sich Schätzungen zufolge an den Universitäten die Relation zwischen Grund- und Drittmitteln seit 1995 umgekehrt: Der Anteil der Drittmittel dürfte von einem auf über zwei Drittel gestiegen sein. Das schafft Abhängigkeiten in mehrfacher Hinsicht.

Wer Geld aus der Wirtschaft einwerben will, muss sich an deren Interessen orientieren. Das passiert selten so spektakulär wie bei den von Ölkonzernen gekauften Stellungnahmen des US-Wissenschaftlers Wei-Hock Soon vom Harvard-Smithsonian Center für Astrophysik. Er erstellte für insgesamt über eine Million Dollar Studien, die den Zusammenhang zwischen Erderwärmung und CO2-Verbrauch leugneten, hielt die Finanzierung durch die Ölindustrie aber geheim.

Auch der nur durch eine Indiskretion bekannt gewordene Kooperationsvertrag zwischen der Deutschen Bank und den Universitäten HU und TU Berlin stellt in dieser Form eine Ausnahme dar. Er sah ein vertraglich vereinbartes Mitspracherecht bei der Besetzung der Professuren vor. Übliche Praxis dagegen ist die Konzentration auf eine wirtschaftlich verwertbare Forschung sowie eine mehr oder weniger große Kontrolle des Unternehmens über die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse.

Für die Wissenschaft ist beides problematisch, weil es im ersten Fall eine Engführung der Forschungsinteressen bewirkt und im zweiten eine Behinderung des wissenschaftlichen Austausches. Erschwerend kommt hinzu, dass die Höhe der staatlichen Zuschüsse an die Hochschulen immer mehr von bestimmten Leistungen abhängt. So enthält der neue Hochschulpakt in Hessen zum Beispiel ein Grundbudget von 1,1 Milliarden Euro sowie ein Erfolgsbudget von 257 Millionen. Bei den Kriterien für die Ausschüttung des Erfolgsbudgets ist die Höhe der eingeworbenen Drittmittel so gut wie immer eines der wichtigsten. Drittmittel wirken also doppelt. Der Einfluss der Drittmittelgeber ist dementsprechend noch stärker, als es die Relation Grund- und Drittmittel vermuten lässt.

Auch hochschulintern spielen Drittmittel als Verteilungsmaßstab eine immer größere Rolle, und zwar sowohl für die einzelnen Institute als auch für die Leistungszulagen und Karriereaussichten der Wissenschaftler. Das zeitigt überall Folgen, vor allem aber bei Nachwuchskräften. Sie lernen, dass sie weniger das eigene wissenschaftliche Interesse als vielmehr die Drittmitteltauglichkeit bei der Auswahl von Forschungsprojekten im Auge haben sollten.

Zusätzlich nimmt die Wirtschaft auch durch die Einrichtung von Stiftungsprofessuren Einfluss. Inzwischen gibt es bundesweit an die 1.000 von ihnen, zumeist von Unternehmen finanziert. Da die Stiftungsprofessuren in der Regel nur fünf Jahre vom Stifter bezahlt werden, danach aber von den Hochschulen aus ihren Etats, können die Stifter auf diesem Wege Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung der Hochschulen nehmen. Bestimmte Forschungsgebiete werden so auf Kosten anderer dauerhaft gestärkt wie etwa die Wirtschaftswissenschaften der Frankfurter Universität mit gleich acht Stiftungsprofessuren.

Schließlich hat die starke Repräsentanz von Wirtschaftsvertretern in den Hochschulräten häufig eine ähnliche Wirkung. Sie beeinflussen in diesen Aufsichtsgremien die Gesamtausrichtung der Hochschulen. Das begünstigt nicht nur bestimmte Fachdisziplinen, sondern auch Forschungsrichtungen, die aktuell nutzbar erscheinen. Grundlagenforschung wie auch die Geistes- und Sozialwissenschaft haben da oft das Nachsehen. Die Wirtschaft nimmt damit ohne Zweifel zu großen Einfluss auf die Geschicke der Hochschulen. Das schadet der Qualität der Wissenschaft und stellt die demokratische Kontrolle von Forschung und Lehre infrage.

Contra

Ein Generalverdacht geht um. Er lautet: Jede Kooperation einer Hochschule mit einem Unternehmen, jede Stiftungsprofessur und jedes ehrenamtliche Engagement eines Firmenvertreters in einem Hochschulgremium ist ein Indiz für die Abhängigkeit der Wissenschaft von der Wirtschaft. Diese Unterstellung ist fatal. Sie verzerrt die Realität und skandalisiert einen lebensnotwendigen Teil der Hochschule. Langfristig droht der Verdacht die Forschung zu diskreditieren und der Innovationsfähigkeit unseres Landes so erheblich zu schaden.

Gewiss, die Forschung an den Hochschulen sucht - ob in den Ingenieurwissenschaften, der Chemie oder der Psychologie - nach Lösungen für Probleme, an denen auch Unternehmen interessiert sind. Genau das gehört aber zu ihren Aufgaben, ebenso wie die Krebsbekämpfung, die Beschäftigung mit der deutschen Exilliteratur oder weltweiten Migrationsströmen. Die Vielfalt der Themen und Disziplinen macht die Universitas aus. Um ihre Aufgaben zu bewältigen, brauchen die Hochschulen Kooperationspartner auch aus der Wirtschaft. Die Kritik am »Elfenbeinturm Universität« führte Ende der neunziger Jahre zur Einrichtung von Hochschulräten, die auch mit Externen aus der Wirtschaft besetzt wurden. Sie sind heute kritische Begleiter und strategische Berater der Hochschulleitungen.

Wo, bitte schön, ist die Evidenz, dass diese Firmenvertreter ihre Position ausnutzen würden, um Forschung und Lehre einer Hochschule auf Wirtschaftsnähe zu trimmen? Wirtschaftliche und wissenschaftliche Wettbewerbsfähigkeit bedingen sich unmittelbar. Dass eine Region wie Baden-Württemberg prosperiert, liegt mit an der hohen Qualität seiner Hochschulen - und ihrer Verankerung in Gesellschaft und Wirtschaft. Zu dieser Zusammenarbeit gehört die Förderung der Forschung. Niemand sollte es einem Unternehmen aus der Elektrobranche vorwerfen, dass es einen Stiftungslehrstuhl für Elektromobilität sponsert statt einen für Anglistik.

Kritisch wird es, wenn einseitige Abhängigkeiten entstehen. Unternehmen dürfen die Hochschulforschung nur mitfinanzieren. Dem muss eine ausreichende und stabile staatliche Grundfinanzierung gegenüberstehen. Die ist die beste Basis, um Grenzen zu setzen, wo privates Kapital die wissenschaftliche Freiheit attackieren könnte. In Kooperationsverträgen müssen die Hochschulen sicherstellen, dass sie das letzte Wort haben bei Methodenwahl, Publikationsverfahren und Personalentscheidungen. Das ist die Verantwortung der Fakultäten wie der Hochschulen.

Meist kommen die Hochschulen dieser Verantwortung sehr gut nach. Das sieht man schon an den Fällen missbräuchlicher Einflussnahme, die von Kritikern immer wieder genannt werden. Sie stammen entweder aus dem Ausland oder werden, wenn sie hierzulande spielen - siehe die Deutsche Bank in Berlin -, seit Jahren in jedem kritischen Artikel aufs Neue zitiert. Ein Indiz dafür, dass es so viele Negativbeispiele nicht zu geben scheint.

Es hilft auch wenig, pauschal auf das Ansteigen »der Drittmittel« zu verweisen und daraus einen Machtzuwachs der Wirtschaft in den Hochschulen abzuleiten. Es stimmt, die Hochschulen haben seit Langem einen enormen Zuwachs an Projektmitteln zu verzeichnen - absolut und in Relation zu ihrer Grundausstattung.

Allerdings macht der Beitrag der Wirtschaft nur einen kleinen Teil aus. Der Löwenanteil der Drittmittel stammt aus anderen, meist öffentlichen Quellen: von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der EU, dem Bundesforschungsministerium beziehungsweise von Stiftungen wie der gemeinnützigen VW-Stiftung. Auch die Forschungsförderung durch Unternehmen hat einen erheblichen Zuwachs erfahren, proportional ist der Anteil in den vergangenen Jahren jedoch sogar leicht gesunken. Beim Anteil der Wirtschaftsdrittmittel an den Gesamtforschungsausgaben sprechen wir von knapp zehn Prozent. Wer einen Vergleich mit anderen Industrienationen anstellt, erkennt, wie gering diese Größenordnung immer noch ist.

Die Hochschule in Deutschland ist eine überwiegend öffentlich geförderte Einrichtung. Das ist das Grundmodell, an dem sich nichts ändern soll und - genügend politische Vernunft vorausgesetzt - auch so schnell nichts ändern wird. Kritische Einzelfälle gibt es immer. Sie bleiben bei einem so großen System nicht aus. Doch sind wir von einem bedrohlichen, zu großen Einfluss der Wirtschaft weit entfernt.


Über die Autoren
Michael Hartmann ist Soziologe. Bis zu seiner Emeritierung im letzten Jahr lehrte er an der TU Darmstadt.
Horst Hippler ist Chemiker. Seit 2012 steht er der Vereinigung der Universitäten und Fachhochschulen vor.

Aus DIE ZEIT :: 12.03.2015